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Norbert Fiks

Wie die Jümme zu


ihrem Namen kam
Ein MaYa-Ebook
© 2010 Norbert Fiks
3

B etrachtet man auf alten Landkarten von Ostfries-


land das Leda-Jümme-Gebiet, fällt auf, dass der
Fluss JÜMME darauf den Namen „Leda“ trägt,
während die heutige LEDA nicht benannt und gelegentlich
gar nicht eingezeichnet ist. Der Name Jümme ist erst im
späten 18. Jahrhundert belegbar.1 Gleichwohl muss er aus
sprachlichen Gründen sehr viel älteren Ursprungs sein.
Es stellt sich die Frage, wie dieses Namenswirrwarr zu
erklären ist.

Wie auf fast allen


Karten aus dieser
Zeit ist das Leda-
Jümme-Gebiet auf
der „Oost ende
West Vrieslandt
Beschryvinghe“
von 1568 sehr
stark verzeichnet
dargestellt.

Nach heutigem Verständnis bilden LEDA und JÜMME ein


Doppelfluss-System. Es liegt im nordwestlichen Nieder-
sachsen in den Landkreisen Leer, Ammerland, Cloppen-
burg und Emsland und entwässert dort eine Fläche von
rund 2200 Quadratkilometern in die EMS. Dabei gilt die
LEDA als Haupt- und die JÜMME als Nebenfluss.

Die LEDA im Westen hat zwei Quellflüsse, die OHE und


die MARKA. Die OHE entspringt zwischen den emsländi-
1
Um die verschiedenen Namensverwendungen besser unterscheiden
zu können, sind die heutigen Flussnamen in Kapitälchen gesetzt,
EMS, LEDA, JÜMME usw., alle Fluss- und Ortsnamen aus historischen
Quellen in Anführungszeichen („Leda“, „Jümme“). Die kursive
Form wird verwendet, wenn es um die Namensbedeutung geht.
4

schen Ortschaften Börger und Spahn und fließt von dort


in nordöstliche Richtung. Ohe ist vom althochdeutschen
Wort aha (fließendes Wasser) abgeleitet, das sich in viel-
fältiger Form als Namensbestandteil von Gewässern er-
halten hat. Wo die OHE südwestlich von Sedelsberg den
Küstenkanal und das Saterland erreicht, vereinigt sie sich
mit der MARKA.

Dieser Zufluss entsteht in einem Moorgebiet westlich


von Werlte. Wie der aus Mark (Grenze) und aha zusam-
mengezogene Name andeutet, ist das Gewässer offenbar
früher ein Grenzfluss gewesen. Noch heute bildet die
MARKA auf einem kleinen Abschnitt die Grenze zwischen
dem Emsland und dem Oldenburger Münsterland (Land-
kreis Cloppenburg), eine politische Teilung, die im Mit-
telalter bereits zwischen dem Hasegau im Osten und dem
Agradingongau im Westen bestand2.

Vom Zusammenfluss von OHE und MARKA an trägt das


Gewässer den Namen SAGTER EMS (Sagter = Saterländer).
Es fließt nach Unterquerung des Küstenkanals in nördli-
che Richtung weiter. Wo der DREYSCHLOOT in das Gewäs-
ser mündet – an der ebenfalls historischen Grenze zwi-
schen Ostfriesland und dem Oldenburger Münsterland –
wird aus der SAGTER EMS die LEDA. Von dort aus fließt sie
nach Nordwesten, nimmt in der Nähe von Amdorf die
JÜMME auf und mündet nach wenigen Kilometern in die
EMS.

Leda bedeutet ursprünglich Gewässer, Leitung und hat


nichts mit der Königstochter dieses Namens aus der grie-

2
Klöver o. J., 31
5

chischen Mythologie zu tun. Als Lade ist der Name be-


reits im 9. Jahrhundert belegt3.

Die JÜMME entspringt als SOESTE – ein Name unbekannter


Bedeutung und Herkunft – in der Nähe von Emstek
(Landkreis Cloppenburg). Die SOESTE fließt bis Cloppen-
burg in westliche Richtung und wendet sich dort nach
Norden. Bei der Ortschaft Kampe, wo von Osten die
LAHE kommt, unterquert sie den Küstenkanal und fließt
dann in nordwestlicher Richtung auf Barßel zu. Dort
nimmt die SOESTE das NORDLOHER TIEF auf und wird zum
BARSSELER TIEF. In westliche Richtung fließend, erreicht
das BARSSELER TIEF nach kurzer Strecke die Einmündung
des DREYSCHLOOTS, einer etwa 1,2 Kilometer langen künst-
lichen Verbindung zur LEDA. Von dort an, wo die Grenze
zum ostfriesischen Landkreis Leer überquert wird, heißt
der Fluss offiziell JÜMME. Er fließt dann ein kurzes Stück
nach Norden, knickt bei Detern nach Westen ab und
nimmt das APER TIEF auf. An Stickhausen vorbei durch-
zieht der Fluss in weiten Schleifen ein Jümmiger Hamm-
rich genanntes Niederungsgebiet, bis er schließlich in die
LEDA mündet.

Die Kartenmacher und Chronisten früherer Epochen ver-


fügten nicht über diese detaillierten Kenntnisse. Früheste
Einblicke in das geografische Verständnis geben für Ost-
friesland die Landkarten und Chroniken des 16. Jahrhun-
derts. Die ersten Karten der Gegend stammten von nie-
derländischen oder belgischen Kartografen. Die „Caerte
van oostlant“ des Cornelis Anthoniszoon von 1543 zeigt
„D. Lae. F“ als einen Fluss, der von seiner Mündung in
die EMS fast gradlinig nach Südosten an „Stickhus“ vor-
3
Altfridi Vita Sancti Liudgeri 1829, 413
6

bei bis nach „Appen“ im Ammerland reicht. Ähnlich un-


genau und schematisiert ist die Darstellung in der „Oost
ende West Vrieslandt Beschryvinghe“ eines unbekannten
Urhebers, 1568 in Antwerpen gedruckt. Dort hat „De Loe
fl.“, der sich ebenfalls bis „Appen“ erstreckt, zwei Zu-
flüsse von Süden her, die sich als LEDA und BARSSELER
TIEF deuten lassen. Sehr viel wirklichkeitsgetreuer stellt
die „Pars Phrisiae orientalis et occidentalis“ des Christian
s'Grootens von 1564 das Leda-Jümme-Gebiet dar. Beide
Flüsse sind auf dieser Karte erstaunlich genau wiederge-
ben.

Auf der ersten in Ostfriesland entstandenen Landkarte –


„Frisia orientalis nova ed exacta descripta“ von Laurenti-
us Michaelis aus dem Jahr 1579 – ist das Flusssystem
stark verzeichnet: Der Oberlauf der EMS ist die Verlänge-
rung der LEDA bzw. der JÜMME, die Fließrichtungen wei-
chen wie die Ortslagen zum Teil erheblich von den tat-
sächlichen Gegebenheiten ab. So mündet bei „Stichusen“
ein von „Potzhusen“ heraufkommender Nebenfluss, der
vermutlich die SAGTER EMS darstellt, in die hier nicht nä-
her bezeichnete JÜMME. Auch die Karte „Frisia
Orientalis“ von Johannes Florianus (1595) stellt das Le-
da-Jümme-Gebiet ähnlich verzeichnet dar. Der „Lee flu.“
erstreckt sich von der Mündung in nordöstliche Richtung
über „Appen“ hinaus ins Ammerland. Auf beiden Karten
fließt die JÜMME nördlich an Stickhausen vorbei; der heu-
tige Lauf an der ehemaligen Festung ist ein künstlicher
Durchbruch aus späterer Zeit.

Die ebenfalls 1595 entstandene Karte „Typus Frisiae Ori-


entalis“ von Ubbo Emmius ist häufig nachgestochen wor-
den und bildet bis weit in das 18. Jahrhundert hinein die
7

Grundlage der meisten Ostfriesland-Karten. Emmius


stellt LEDA und JÜMME richtig orientiert da, lässt sie aber
namenlos. Nur in einigen Nachdrucken wird der nördli-
che Arm des Doppelflusses als „Leda“ bezeichnet. Das
gesamte Gebiet südlich des JÜMME-Arms wird von Emmi-
us als „Averledingerland“ bezeichnet.

Seine Kenntnisse vom Lauf der „Leda“ fasst Emmius,


der von 1588 bis 1596 Rektor der Latein-Schule in Leer
war und anschließend nach Groningen ging, in seinem
Geschichtswerk „Rerum Frisicarum historia“ von 1616 in
Worte: „Stickhausen liegt ebenfalls an der Leda, aber
eine große Meile von der Mündung entfernt.“4 Ähnlich
sieht es Eggerik Beninga. Der gräfliche Drost der Fes-
tung Leerort schreibt in seiner Mitte des 16. Jahrhunderts
in Mittelniederdeutsch verfassten „Cronica der Fresen“,
dass „dat water, de Lade genoempt, un na Sagelter, Fre-
soite und Ape strecket“, bei Leerort in die EMS mündet5.
Die Bezeichnung der JÜMME als „Leda“ setzt sich in den
folgenden Jahrhunderten fort. Allerdings gibt es früh eine
Ausnahme: Die zweite Fabricius-Karte „Oost-Frieslandt“
von 1592/1613 nennt den ansonsten namenlosen westli-
chen Flussteil schon „Lee fl.“, während der östliche Teil
nur in seinem Unterlauf südlich von Barßel als „Süss-
te fl.“ bezeichnet wird.

4
Emmius 1616, 29
5
Beninga 1961, 281b
8

Die Leda fließt durch wenig besiedeltes Gebiet. Wo der Dreyschloot (links)
einmündet, überquert der Fluss die Grenze zwischen dem Oldenburger
Münsterland und Ostfriesland.

Die anfängliche (literarische) Namenlosigkeit des südli-


chen Arms oberhalb des Zusammenflusses bei Amdorf
kann vielleicht damit erklären werden, dass er tatsächlich
keinen allgemein gebräuchlichen Namen hatte, weil nie-
mand da war, der ihm einen Namen gegeben hätte. Der
Fluss schlängelt sich noch immer durch kaum besiedeltes
Gebiet, es liegen heute wie in der Vergangenheit keine
bedeutenden Orte an seinem Lauf, nur vereinzelte Gehöf-
te. Die nächste größere Ortschaft, die der Fluss oberhalb
von Leer berührt, ist Strücklingen im Saterland, das 1473
erstmals urkundlich erwähnt wird6. Erst mit der Besied-
lung des Saterlands ab dem Hochmittelalter nimmt die
Bedeutung der SAGTER EMS als Handelsweg vor allem für
Torf zu, wovon die Zollstation an der Brücke bei Pots-

6
Klöver o. J., 52
9

hausen zeugt. Dieses ostfriesische „Grenzdorf“, das


ebenfalls am Ausgang des Mittelalters entstanden ist,
zählt selbst heute kaum mehr als 30 Häuser.

Gering bevölkert ist zwar auch das von der „Leda“


durchflossene Gebiet, aber immerhin liegen am Fluss
dieOrtschaft Detern und die Festung Stickhausen, die im
Grenzgebiet zum Oldenburger Land im späten Mittelalter
wichtige strategische Aufgaben hatten. Daneben war De-
tern als „Tor nach Ostfriesland“ von wirtschaftlicher Be-
deutung, weil es von dort schon im Hochmittelalter, deut-
lich früher als an der SAGTER EMS, über das APER TIEF
wirtschaftliche Verbindungen Richtung Oldenburg und
über das BARSSELER TIEF nach Friesoythe und Cloppen-
burg gab.

Die „Beschreibung des Hochfürstlichen ostfriesischen


Amts Stickhausen in Ecclesiastic et Politics. . .“ von
17347 ist das älteste erhaltene offizielle Dokument, das
Auskunft über die Flussnamen gibt und zudem von ei-
nem Ortskundigen, dem auf der Stickhauser Burg residie-
renden Amtmann, verfasst wurde. Die Beschreibungen
der ostfriesischen Ämter gehen auf eine Anordnung von
Fürst Georg Albrecht aus dem Jahr 1717 zurück. Sie soll-
ten, so der Fürst, eine „historische Beschreibung, in ec-
clesiasticis et politicis, und zwar nach dem gegenwärti-
gen Zustand, nach Ihren respective Grentzen, Kirchen,
dazu gehörigen Dörffern, Teich- und Siel-Achten und an-
deren Umständen“ enthalten8. Weil bei einem Brand des
Stickhauser Amtsgebäudes 1874 fast alle Akten zerstört

7
Nds. Staatsarchiv Aurich, Rep. 241, Nr. B 14e
8
Weßels, Standardquellen im Staatsarchiv Aurich (online)
10

wurden, ist die Beschreibung von 1734 eines der wenigen


überlieferten Dokumente des Amts überhaupt.

Im Kapitel „Von denen Flüßen und übrigen notablen Ge-


wäßer in Stickhausener Amt. . .“ heißt es gleich zu An-
fang: „Durch Saaterland fließet ein Fluß, welcher in der
Wandelung durch die Eems, mit dem Zunahmen Sader
genannt wird, gehet Potzhausen vorbeÿ, all da man mit-
telst einer Brücke über den Fluß nach Oberledingen füh-
ret und von dar ins Westen, bald allgemählig ins Norden
sich wendet, mithin zur Rechten von Amdorf, beÿ Wils-
hausen, sich mit der Leede vermischet.“ Ausdrücklich
wird erwähnt, dass „die Leede. . . ihren Ursprung in
Münsterland [nimmt], allwo sie zuerst Cloppenburg und
Oÿte berühret, endlich Bassel, das letzte Dorff in Müns-
terland“.

Zur Unterscheidung der drei wichtigsten Flüsse im Amt


Stickhausen verwendet der Verfasser der Amtsbeschrei-
bung neben „Saater Eems“ (LEDA) auch „Stickhauser
Ems“ (JÜMME) und „die rechte Ems“ (EMS), so dass man
den Eindruck gewinnen kann, Ems sei mehr eine allge-
meine Bezeichnung für Flüsse gewesen als der Eigenna-
me für einen bestimmten Fluss, so wie es in Ostfriesland
noch heute für die Gewässernamen Ehe und Tief gilt. Das
sorgt selbst in der Amtsbeschreibung für Ungereimhei-
ten. Es heißt im Kapitel „Von den Fürstl. Ländereÿen“
nämlich: „Es sind auch in diesen Amt zweÿ Brücke über
die Eems anzumerken, alß eine zu Stickhausen, eine aber
zu Potzhausen beÿ der dortigen Zollstädte.“ Tatsächlich
überquert die Brücke bei Stickhausen „die Leede“, die
bei Potshausen aber die „Saater Ems“.
11

In der Amtsbeschreibung wird erstmals „die Jümmeri-


cher Hammerich“ – die von LEDA und JÜMME begrenzte
Niederung zwischen Amdorf im Westen und Stickhausen
bzw. Potshausen im Osten – erwähnt. Für dieses große
Gebiet sind zwei „Teich Richter“ und zwei „Schloot
Richter“ eingesetzt, die sich um die Deiche und die Ent-
wässerung des Gebiets kümmern. Wenige Jahre später –
1749 – wird von J. H. Magott die sehr genau anmutende
„Charte von denen in der Jünniger Hammerich belegenen
königlichen Stücklanden“ angefertigt. Auf ihr berührt der
„Leda Fluß“ die „Festung Stickhusen“.

Im Jahr 1744 wird Ostfriesland nach dem Tod von Graf


Carl Edzard von Preußen annektiert. 50 Jahre später ver-
fasst der Stickhauser Amtmann Rudolph Heinrich Karl
von Glahn die „Statistisch Topografische Beschreibung
des Amtes Stickhausen“9. Das Amt, schreibt er, „wird an
zweyen Stellen durch die Ems oder die Soest u. Leda
durchschnitten, welche res[pective] bey Detern und Vel-
de, Stickhausen, Spieker, Neuburg und Amdorff bis nach
Wiltshausen, sodann an der anderen Seite Potshausen
vorbey, auch bis nach Wiltshausen fließen, woselbst sie
sich vereinigen und Tiackleger vorbey nach Ler und so
weiter hin gehen“ – wobei hier mit „Ems“ die „Aper
Ems“, also die JÜMME, gemeint ist, und der Fluss „bey
Potshausen“ noch im selben Abschnitt ausdrücklich als
„die Leda“ bezeichnet wird. Verschiedene Namen wer-
den aber weiter synonym gebraucht. So heißt es an ande-
rer Stelle10 über das Gebiet von Amdorf, wo JÜMME und
LEDA zusammenfließen, es habe „die Deiche teils an der

9
Nds. Staatsarchiv Aurich, Rep. 241, Nr. B 41 (Amtsbeschreibung
1794)
10
Amtsbeschreibung 1794, 70
12

Die Campsche Karte von 1806 (Ausschnitt) ist die erste, die den Fluss als
„Iümme Fl.“ bezeichnet.

Aper Ems gegen Loge und Nortmohr über, teils an der


Sagter Ems gegen die Oberledinger Hamriche liegen“.

Auf Seite 4 der Amtsbeschreibung ist erstmals der Name


„Jümme“ überliefert: „Vor Detern bey der Schanze verei-
nigt sich das Aper Tief mit dem Fluß, welcher Stickhau-
sen vorbey, ohne Zweifel vorher die Jümme geheißen ha-
ben muß, indem der Hammrich, worinnen Spieker, Neu-
burg, Amdorff, Wolde u. Terheyde belegen, der Jümmi-
ger Hammrich genennt wird. . .“

Die erste Karte, die den Doppel-Fluss als „Leda“ und


„Iümme“ bezeichnet, ist die Campsche Karte von 180611.
Darauf sind auch die einzelnen Flussabschnitte als „Sa-
11
Neue Geographische Special Charte von dem Furstenthum Ost-
fries- und dem Harlingerland
13

gelter Tief“, „Basseler Tief“ und „Soeste“ gekennzeich-


net. Damit hat die heute übliche Bezeichnung Einzug in
die Kartografie erhalten, die sich in kurzer Zeit durch-
setzt. Spätere Karten, die statt „Jümme“ noch „Leda“
schreiben, gibt es offenbar nicht.

Anfang des 19. Jahrhunderts wird das inzwischen ent-


standene Namenswirrwarr offensichtlich, ohne allerdings
thematisiert zu werden. Fridrich Arends betrachtet in sei-
nem detaillierten, 1818 erscheinenden landeskundlichen
Werk über „Ostfriesland und Jever“ die „Leda“ sogar ei-
gentlich als „dreiarmig“. Dritter Arm ist das APER TIEF.
Die beiden ostfriesischen Arme – also LEDA und JÜMME –
werden „gewöhnlich ebenfalls die Ems genannt“, wobei
zwischen der „Sagelter Ems“ im Süden und der nördli-
chen „Basseler Ems“ unterschieden wird. Arend führt so-
gar die Bezeichnungen „Leda“ und „Jumme“ für die bei-
den Arme an, setzt allerdings irrtümlich die „Soest“ mit
der LEDA gleich.12

Willem Camp, der von den ostfriesischen Landständen


mit den Vermessungsarbeiten beauftragt worden ist, ver-
steht die JÜMME als Hauptfluss, in den die LEDA mündet.
Noch Otto Houtrouw stellt in seinen 1889 erschienenen
„Wanderungen“ fest: „Zuerst östlich, dann in Stickhauser
Amt nördlich von ihr [der Leda] hinfließend, wird uns
der andere größere Fluß, die Jümme, oder Soest, auch
Basseler Ems begegnen, die man auch wohl als den nörd-
lichen und bedeutenderen Arm der Leda bezeichnen
kann.“13 Auch heute ist die JÜMME an ihrer Mündung
deutlich breiter als die LEDA in dieser Stelle. Eine Not-

12
Arends 1818, 95 f.
13
Houtrow 1889, 165
14

wendigkeit, klar zwischen Haupt- und Nebenfluss zu un-


terscheiden, bestand wohl erst, als ab Anfang des
20. Jahrhunderts mit planmäßigen Wasserbau zur Ver-
besserung der Entwässerung und zum Hochwasserschutz
im Leda-Jümme-Gebiet begonnen wurde.

Die eindeutigen Flussnamen, wie sie heute üblich sind,


setzen sich offenbar in zwei Schritten durch: Zuerst wird
in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Leda mit dem
bis dahin namenlosen Flussabschnitt verbunden, während
die eigentliche „Leda“ nun überwiegend mit einem ihrer
Synonyme bezeichnet wird. Das ist in der Zeit, als Ost-
friesland preußisch wird und sich eine neue Verwaltung
des Landes bemächtigt. Es bietet sich an, einen direkten
Zusammenhang zwischen diesen beiden Tatsachen zu
vermuten, denn die Änderungen beziehen sich nur auf die
Flussabschnitte, die auf neuem preußischen Territorium
liegen. Dafür gibt es aber keine Belege.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts bekommt die alte „Leda“


oder „Aper Ems“ amtlich den Namen JÜMME. Anlass und
Verursacher sind nicht erkennbar. Erstaunlich ist jeden-
falls, dass der anscheinend aus dem Nichts aufgetauchte
Name JÜMME sich innerhalb nur weniger Jahre durchsetzt.
Das mag an der großen Wirkung der Campschen Karte
gelegen haben, die auf der ersten Neuvermessung Ost-
frieslands seit Ubbo Emmius 200 Jahre zuvor beruht und
von Behörden und Wirtschaft sehnlichst erwartet wur-
de14. Es ist vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass der
Name zumindest der am Fluss lebenden Bevölkerung
nicht unbekannt war, sondern nur nie in schriftlichen
Quellen oder auf Karten auftauchte.
14
Henninger et. al. 2005, 31 ff.
15

Denn offenbar ist der sonst nirgends überlieferte Name


Jümme nicht jüngeren Ursprungs, sondern scheint sehr
alt zu sein. Viele noch heute gebräuchliche und meistens
sehr kurze Flussnamen – Elbe, Weser, Jade, Leda – ge-
hören zu den ältesten Namen überhaupt. In der lateini-
schen Form Amisia ist der Name Ems durch Autoren wie
Plinius und Tacitus bereits aus der Antike überliefert. Die
Ursprung dieser Flussnamen reicht in die vorgermani-
sche Zeit zurück, und ihre Bedeutungen sind häufig nur
durch sprachwissenschaftliche Vergleiche mit Frühfor-
men anderer indoeuropäischer Sprachen zu erschließen.
Bei jüngern Orts- und Flussnamen dagegen ist die Na-
mensbildung meist durchsichtig, weil die Bestandteile er-
kennbar sind und deren Bedeutung noch bekannt ist. Als
Beispiel sei nur auf die Sagter Ems oder das Barßeler
Tief verwiesen.

Mit Jümme tut sich allerdings auch die Sprachwissen-


schaft schwer. Selbst ausgewiesene Experten begeben
sich auf schwankenden Boden, weil von der ganzen lan-
gen Entwicklung des Namens von seiner ursprünglichen
bis zur heutigen Form nur das letzte Glied der Kette be-
kannt ist.

Es kommen zwei Erklärungen in Betracht: Jümme könnte


eine Ableitung vom althochdeutschen gumpito, was Pfuhl
oder Teich bedeutet, sein15. Davon hergeleitet sind unter
anderem das oberdeutsche Wort Gumpe, eine Vertiefung
im Boden eines Gewässers, und die niederdeutsche Kum-
me (Schüssel)16, außerdem möglicherweise der Ortsname

15
Remmers 2004, 118
16
Deutsches Wörterbuch Bd. 9, Spalte 1097 f.
16

Gümmer (Ortsteil von Seelze bei Hannover)17. Sprach-


wissenschaftlich wäre ein Wechsel von anlautendem G
zu J möglich, Beispiele gibt es auch in Ostfriesland: Jem-
gum hieß um 900 Giminghem, Jarßum entstand über Ier-
zem aus Gerzhem18.

Nach Ansicht von Namensforscher Jürgen Udolph19 (frü-


her Inhaber des Lehrstuhls für Onomastik an der Univer-
sität Leipzig) ist Jümme aus indogermanisch *Jumina20
abzuleiten. Es enthält die indogermanische Wurzel ju-
mit der Grundbedeutung fließen und den ebenfalls indo-
germanischen Partizipialsuffix -meno-/-min-, der sich
zum Beispiel in Ilmenau (Fluss bei Göttingen) findet.
Gewässernamen, die mit Ju- beginnen und sich auf das-
selbe Grundwort beziehen, sind in der indoeuropäischen
Sprachwelt weit verbreitet etwa Jura im Baltikum, Iuras
in Thrakien oder die Jühnde bei Göttingen.

Jümme hätte dann im weitesten Sinne die Bedeutung be-


wässerte Gegend, was ja den tatsächlichen Verhältnissen
genau entspricht, zumal der Fluss bis zu seiner Eindei-
chung in 20. Jahrhundert bei Hochwasser regelmäßig
große Fläche überflutet hat.

17
Ohanski/Udolph 1998
18
Remmers 2004, 116
19
E-Mail an den Verfasser vom 27.9.2006
20
Das Sternchen * bedeutet in der historischen Sprachwissenschaft,
dass ein Wort nicht durch Urkunden belegt ist, sondern nur auf
Grund anderer Belege rekonstruiert wurde.
17

Die Bedeutung des Namens Jümme ist ungeklärt.

Vielleicht bietet der Jümmiger Hammrich so etwas wie


eine Antwort. Der Name ist erstmals durch die Amtsbe-
schreibung von 1734 belegt21. Amtmann von Glahn geht
60 Jahre später von einem Zusammenhang mit dem Fluss
aus22. Seine Vermutung, dass der Fluss „ohne Zweifel
vorher die Jümme geheißen haben muß“, könnte eine
Analogiebildung zum Paar Ems/Emsiger Hammrich sein.

Allerdings ist Emsiger Hammrich nicht von Ems abgelei-


tet sondern von Emden. Es gibt in Ostfriesland eine große
Zahl von Hammrichen, die formal alle gleich benannt
sind: Barger Hammrich, Riepster Hammrich, Bunder
Hammrich, Gandersumer Hammrich usw. Ihnen ist ge-
meinsam, dass ihr Name von einem Ortsnamen abgeleitet
ist. Denn es handelt sich ursprünglich um die von den
Dorfbewohnern gemeinschaftlich genutzte Weide in den
21
Nds. Staatsarchiv Aurich, Rep. 241, Nr. B 14e
22
Amtsbeschreibung 1794, 4
18

Niederungen von EMS, LEDA und JÜMME. Hammrich (vom


altfriesischen ham(m) = Grünland, Weide, merk = Gren-
ze) bezeichnet also eine Funktion23. Heutzutage wird un-
ter Hammrich die Niederung an sich verstanden, weil es
die ursprüngliche Funktion nicht mehr gibt. Zu den weni-
gen Ausnahmen von dieser Art der Namensbildung, bei
denen das Bestimmungswort kein Ortsname ist, gehören
der Westerhammrich und der Süderhammrich von Leer
oder die Flur „Die obere niedrige Hammrich“ bei Nort-
moor. Ein Hammrich-Name, bei dem das Bestimmungs-
wort ein Gewässername ist, ist nicht bekannt.

Einen Ort Jümme (oder ähnlich), der dem Jümmiger


Hammrich seinen Namen gegeben haben könnte, hat es
nicht gegeben. Weil diese Art der Namensbildung mit
Hammrich erst im Hoch- und Spätmittelalters auftrat,
müsste man ihn kennen, selbst wenn er zwischenzeitlich
umbenannt wurde oder wüst gefallen und vergessen sein
sollte. Das spricht dafür, dass Jümmiger Hammrich eine
relativ späte Bezeichnung ist, die zu einer Zeit entstand,
als man die Hintergrund für diese Art der Namensbildung
und auch die ursprüngliche Funktion des Hammrichs
nicht mehr kannte. Denn im Vergleich mit anderen
Hammrichen ist der Jümmiger Hammrich flächenmäßig
sehr groß, viel zu groß für eine gemeinschaftlich genutzte
Dorfweide. Der Fluss als das dominierende Element der
Landschaft wäre dann sicher der erste Kandidat als Na-
mensgeber für das angrenzende Niederungsgebiet gewe-
sen.

23
Remmers 2004, 259
19

Der Zusammenfluss von Jümme, die von Osten kommt, und Leda bei
Wiltshausen auf einem Satellitenbild von Google Maps.

Man könnte dies als weiteres Indiz dafür nehmen, dass


der Name Jümme zwar alt ist, aber weitgehend vergessen
war. Im amtlichen und literarischen Sprachgebrauch wur-
de er von Leda verdrängt, weil dieser „von der Mündung
aus“ bestimmt wurde. Das ist vielleicht die Antwort, al-
lerdings eine unbefriedigende.
20

Quellen
AMTSBESCHREIBUNG 1734: Beschreibung des Hochfürstlichen ostfriesischen Amts Stick-
hausen in Ecclesiastic et Politics. 1734. – Niedersächsisches Staatsarchiv Aurich, Rep.
241, Nr. B 14e (Abschrift: Helga Loeser, 2007)
AMTSBESCHREIBUNG 1794: Statistisch Topografische Beschreibung des Amtes Stickhau-
sen angefertigt durch RHK v. Glahn, 1. November 1794. – Niedersächsisches Staats-
archiv Aurich, Rep. 241, Nr. B 41 (Abschrift: Helga Loeser, 2007)

Literatur
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druck Leer 1974)
BENING, Eggerik: Cronica der Freesen. Bearbeitet von L. Hahn, aus dem Nachlass
hrsg. von H. Ramm. Aurich 1961
BERGER, Dieter: Duden, geografische Namen in Deutschland: Herkunft und Bedeutung
der Namen von Ländern, Städten, Bergen und Gewässern. Mannheim 1993.
DEUTSCHES WÖRTERBUCH von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bände [in 32 Teil-
bänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960.
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/ (abgerufen: 5. April 2010)
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FESTAUSSCHUSS der Vereine und Verbände in der Gemeinde Detern (Hrsg.): Im Spiegel
der Jahrhunderte. Detern, Stickhausen, Neuburg, Amdorf. Detern o. J. [1976]
HENNINGER, Wolfgang et al. (Hrsg.): Die große handgezeichnete Campsche Karte von
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HOUTROUW, Otto G.: Ostfriesland, eine geschichtlich-ortskundige Wanderung gegen
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KLÖVER, Hanne: Spurensuche im Saterland. Ein Lesebuch zur Geschichte einer Ge-
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OHANSKI, Uwe/UDOLPH, Jürgen: Die Ortsnamen des Landkreises Hannover und der
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REMMERS, Arend: Von Aaltukerei bis Zwischenmooren. Die Siedlungsnamen zwischen
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WESSELS , Paul: Standardquellen zur Ortsgeschichte im Staatsarchiv Aurich
http://www.ostfriesischelandschaft.de/ortschronisten/Aufsatze_und_Literatur/
Standardquellen_im_Staatsarchi/standardquellen_im_staatsarchi.html (abgerufen:
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