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WALTER BURKERT

Kulte des Altertums

Biologische Grundlagen
der Religion

VERLAG C. H. BECK MÜNCHEN


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I WALTERBURKERT

Kulte des Altertums


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Biologische Grundlagen
der Religion

VERLAG C. H. BECK MÜNCHEN


Gifford Lectures 1989
Die amerikanische Ausgabe erschien 1996 unter dem Titel
,Creation of the Sacred. Tracks ofBiology in Early Religions' bei
der Havard University Press Cambridge, Massachusetts

Für Maria
in 40jähriger Gemeinschaft

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufuahme


Burkert, Walter:
Kulte des Altertums : biologische Grundlagen der Religion /
Walter Burkert. - München: Beck, 1998
(c. H. Beck Kulturwissenschaft)
Einheitssacht.: Creation ofthe sacred <dt.>
ISBN 3406433553

ISBN 3 4 06 43355 3 ,i

© C. H.Beck'sche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck), München 1998


Satz und Druck: C. H. Beck'sche Buchdruckerei, Nördlingen
Bindung: Großbuchbinderei Monheim
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
(hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff)
Printed in Germany
Inhalt

Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur. . . . . . . . . . . . . . . . . I3


Jenseits der Einzelkulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I3
Fitness oder Opium? Die Fragestellung der Soziobiologie 2I
Die gemeinsame Welt: Reduktion und Validierung . . . . . 37

II. Das Opfer des Verfolgten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 50


Fingeropfer .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Biologie, Phantasie und Ritual. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 56
Kastration und Beschneidung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 63
Sündenböcke. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 67
Leben rur Leben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 70

III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur . . . . . . . . . . . . . .. 74


,In Geschichten verstrickt' . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 74
Die Propp-Sequenz: Die abenteuerliche Suche. . . . . . . . .. 76
Vom biologischen Programm zur sprachlichen Struktur. . 8I
Schamanenerzählungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 87
Initiationserzählung und Mädchentragödie . . . . . . . . . . . . .. 89

IV. Hierarchie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I02

Rangordnungen ..................................... I02


Unterwerfungsrituale. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I07
Die Strategie des Lobpreisens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I I3
Das doppelte Stockwerk der Macht. . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I I7
Der Bote der Macht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I22

V. Schuld und Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. I26

Religiöse Therapie: Die Suche nach der Schuld ......... I26


Bedrängendes Unheil. ................................ I32
8 Inhalt

Die Gründung von Kulten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 138


Die Vermittler: Chancen und Risiko. . . . . . . . . . . . . . . . . .. 141
Die Deutungsmuster: Fesselung, Aggression,
Götterzorn oder Befleckung .......................... 144
Einleitung
VI. Der Kreislauf des Gebens ............................. Is8
Gabe und Gegengabe ................................ I S8 ,Natürliche Theologie', "Natural Theology, in the widest sense"
Gaben und Götter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 164 war das Thema, dem die von Lord Gifford 1886 gestifteten Vor-
Genealogie der Moral? ............................... 169 lesungen dienen sollten - eine Aufgabe, die heute so unfaßbar wie
Die ausbleibende Gegengabe: Der Vorwurf an Gott. . . .. 172 unlösbar erscheint. Lord Gifford verstand ,natürliche Theologie'
Der virtuelle Kreislauf Die Tatsachen des Rituals ....... 176 im Sinn der Aufklärung, die doch der Tradition Platonisch-
Gabe und Opfer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 181 Aristotelischer Metaphysik eng verhaftet blieb: Die ,Natur' des
Lösegeld und Gabe: Von der Panik zur Stabilität. . . . . . .. 184 Göttlichen sei zu begreifen als die ,erste Ursache' und das ,eine
Sein', das dann auch die ,Natur der Moral' begründe. I
VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Heute wird kaum jemand die Frage nach dem ,Einen Sein' mit
Wirklichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 189 dem Begriff des ,Natürlichen' belegen. Nachdem Friedrich Nietz-
sche - etwa zur Zeit von Lord Giffords Stiftungsakt - den Tod
Zeichen annehmen: Die Kunst der Seher. . . . . . . . . . . . . .. 189 Gottes verkündet hat, möchte jetzt selbst christliche Theologie
Entscheidung durch Zeichen: Das Gottesurteil .......... 197 sich von der ,Ontotheologie' frei machen. 2 Doch auch der Begriff
Zeichen schaffen: Territorium und Körper ............. 199 der ,Natur', der sich gegen die traditionelle Theologie lange und
Beglaubigungjenseits der Sprache: Der Eid ............. 20S wirkungsvoll ausspielen ließ, ist uns inmitten der atemberaubenden
Fortschritte der Naturwissenschaften abhanden gekommen. Indem
Zum Abschluß ........................................... 213 diese die Einzelheiten der Lebensprozesse molekularbiologisch
entschlüsseln und den genetischen Code entziffern, werden die
Grundlagen des Lebens nicht nur erkennbar, sondern auch mani-
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 2I6
pulierbar; jene ,Natur' jedoch, die als umfassende und weise
Macht, gleich einer Göttin, alles Leben nach unwandelbaren Ge-
Abkürzungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 26 I setzen zu erschaffen und zu lenken schien, die sich Dichtern und
Denkern zu staunender Verehrung bot, hat sich damit aufgelöst: Es
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 263 bleibt wenig Anhalt fur den Glauben an Stabilität und Ordnung,
kein Idealbild fur Moral und Lebenssinn. Was wir noch ,Natur' zu
Namen- und Sachregister ................................. 273 nennen pflegen, erleben wir als ein bedrohtes Reservat, das unter
den Abfallprodukten menschlicher Technik zu verschwinden
droht.
Seltsam bei alle dem, daß Religion noch immer nicht ver-
schwindet, im Gegenteil. Zwar sehen wir Modernen zu, wie Ge-
nerationen praktisch ohne Religion aufwachsen; und doch bleiben
.religiöse Kräfte hartnäckig präsent, ja werden aggressiv und be-
drohlich. Neue Sekten finden junge Anhänger, die sich ganz ver-
10 Einleitung Einleitung 11

einnahmen lassen; alte religiöse Konflikte eskalieren zu offenem Formen, in: denen Religion erscheint? Gibt es ein ,natürliches'
Krieg; ,Fundamentalismus' in verschiedensten religiösen Lagern Fundament der Religion, gibt es ,natürlich' entstandene und funk-
wird zum Machtfaktor und zum drängenden Problem. Mehr als tionierende Prozesse, die zu ,Religion' auskristallieren?
70 Jahre gründlich organisierter atheistischer Propaganda im So- Dem Begriff der ,Natur' wie dem der ,Religion' eignet ein nost-
wjetimperium haben es nicht zuwege gebracht, die alten Religio- algischer Klang. Umso eher wird sich der Blick in die Vergangen-
nen auszurotten; mit ihrer Wiederbelebung kehren auch die frü- heit wenden, um frühe Formen der Religion zu erfassen, mög-
heren Konflikte wieder. Religionen verweigern sich der Lösung lichst die frühesten der bezeugten Religionen. Die ältesten Doku-
akuter Menschheitsprobleme angesichts der Bevölkerungsexplosi- ' mente unserer eigenen kulturellen Tradition liegen in den nahöst-
on und beweisen eben damit ihre Macht. Religion genießt im all- lichen und mediterranen Zivilisationen vor, Mesopotamien und
gemeinen noch immer höchsten moralischen Kredit und ist doch Ägypten, Kleinasien und Israel, Griechenland und später Rom; die
so problematisch, wie sie es seit je gewesen ist, ein schwer ver- schriftliche Überlieferung setzt im 3. Jahrtausend vor Christus ein.
ständliches Hemmnis rurs Individuum, eine unbehagliche Einen- Als Vorteil der zeitlichen Distanz mag gelten, daß aktuelle Span-
gung rur ethische Diskussionen, ein Skandalon rur die theoretische nungen, Rücksichten und Ängste dabei weithin wegfallen: Die
Vemunft. So stellt Religion eine besondere Herausforderung dar alten Götter - mit der einen Ausnahme Jahwes - sind nicht mehr
rur eine umfassende Anthropologie, die sich zur Aufgabe macht, lebendig in gegenwärtiger Verehrung, sie fordern nicht und sie
im Gesamtrahmen unseres Wissens und Vermutens auch das schrecken nicht. Es fehlte den vor-buddhistischen, vor-
,Irrationale' als sinnvoll zu verstehen. christlichen, vor-islamischen Religionen an systematischer Orga-
,Natur' ist nicht mehr als unveränderliche Wesenheit und qua- nisation und Theorie, auch an immunisierenden Abwehrmecha-
sigöttliche Gestaltungskraft zu verstehen, eher als die Gesamtheit nismen, denen die ,Weltreligionen' später ihren Erfolg verdanken.
irreversibler Prozesse der Selbstorganisation von dynamischen Ge- Die alten Religionen existierten in bunter Vielfalt, oft eher expe-
stalten, die im Verlauf der Evolution konkurrierend zustande- rimentell und darum veränderlich. Trotzdem zeigen sie gemeinsa-
kommen. Weit mehr als früheren Generationen ist uns jedoch me Charakterzüge, die, eben als Altes und vielleicht Ursprüngli-
bewußt, wie sehr wir selbst Teil dieser ,Natur' sind. Wir sind als ches, Hinweise geben könnten auf den Anfang der Religion - um
Menschen selbst Produkte der Evolution, wir sind von der mole- das prätentiöse Wort ,Ursprung' zu vermeiden. 3 Jedenfalls sind die
kularen Chemie unserer Gene und der nach deren Plan sich bil- Weltreligionen aus diesen hervorgegangen, in einem teils evolu-
denden Zellen bestimmt, gefördert und bedroht, wir leben in den tionären, teils revolutionären Prozeß. Identische Elemente blieben
elektrochemischen V orgängen, die in Gehirn und Nervenbahnen dabei durchaus bewahrt. In welchem Sinn sie ,natürlich' sind,
sich abspielen: Selbsterkenntnis kann nicht mehr von der Erkennt- bleibt zu fragen.
nis der Naturvorgänge getrennt werden, wie Sokrates einst meinte. Vorlesungen reizen zu weitem Ausgreifen. Ein daraus hervorge-
Anthropologie muß sich der eigenen biologischen Basis bewußt gangenes Buch muß sich zu seinem schlechten Gewissen beken-
sein; und insofern Religion ein wesentliches Moment der mensch- nen: Historisch-philologische Untersuchungen mit einer Perspek-
lichen Sondersphäre ist, die doch in die Gesamt-,Natur' eingebet- tive biologischer Anthropologie zu verbinden, heißt sich auf meist
tet bleibt, kann selbst Religionswissenschaft nicht aus dem Rah- streng getrennte Gebiete einlassen; dem weit gespannten Zugriff
men des Lebens fallen. Sie bleibt nolens volens der Biologie verhaf- droht der Eklat von beiden Seiten. Überall gibt es spezialisierte
tet. und immer raffiniertere Methodik, interne Kontroversen, umstrit-
In dieser Perspektive scheint sich Lord Giffords Anliegen der tene Ergebnisse. Die Rezeptivität eines einzelnen findet sich weit
,natürlichen Theologie im weitesten Sinn' zu verwandeln in die überfordert. Und doch, eben insofern historische Forschung sich
Frage: Warum und wieso ist in der Evolution der Lebensprozesse mehr und mehr der eigenen Bedingtheit durch die jeweils aktuel-
Religion geschaffen worden? Haben jene Phänomene, die die . len sozialen Konstellationen bewußt geworden ist, kann das mo-
Biologie mit wachsendem Erfolg untersucht, etwas zu tun mit den derne naturwissenschaftliche Weltbild aus unserem Erleben und
12 Einleitung

Denken nicht ausgeblendet werden. Geisteswissenschaftlich-histo-


rische Forschung wirkt in einem Rahmen der Anthropologie, die
ihrerseits von Biologie im weiten Sinne unabtrennbar ist.
Noch eine Vorbemerkung: Historische Studien sind auf einen
I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur
gewissen Optimismus in Bezug auf die Existenz von Quellen und
von Fakten angewiesen, auf die Möglichkeit von richtigen bzw.
falsifizierbaren Resultaten. Dies klingt naiv gegenüber den post-
modernen Trends zur Dekonstruktion, zur Auflösung angeblicher Jenseits der Einzelkulturen
Fakten in Bündel von Interpretationen, deren Voraussetzungen
und ideologische Verzerrungen des weiteren zu enthüllen sind. 4 "Weder die Geschichte noch die Ethnologie kennt Gesellschaften,
Hier sei ein Bekenntnis zur ,Realität' geleistet, das eben darin mit in denen Religion völlig fehlt. " I Diese Tatsache, daß praktisch alle
der Naturwissenschaft sich trifft, daß auch diese auf die ,realen' Völker, Städte, Staaten irgendeine Form von ,Religion' haben, ist
Daten angewiesen bleibt. Die Realität, mit der es Biologie zu tun seit Herodot, dem Vater der Geschichte, immer wieder festgestellt
hat, von den sich selbst replizierenden Molekülen bis zum Aufbau worden. Die antike Philosophie hat daraus einen Beweis fur die
des Gehirns, macht sich auch in der Welt des Bewußtseins defini- Existenz von Göttern überhaupt hergeleitet, ex consensu gentium. 2
tiv bemerkbar; auch Religions- und Geistesgeschichte hinterläßt Es kommt dabei nicht so sehr darauf an, ob Ethnographen doch
durchaus reale Spuren. Man mag etwa die Symbolik und Sprache noch die eine oder andere Ausnahme zur Regel finden mögen; es
des Opfers in einem bestimmten kulturellen Kontext erfassen und ist der consensus, der Erklärung fordert. Falls Religion je geschaffen
wechselnden Interpretationen unterwerfen; es gibt aber auch als wurde, ist es ihr doch gelungen, in alle Spielarten menschlicher
banales Faktum die Tierknochen, die der Ausgräber findet, woraus Kultur einzudringen. Gewiß, es gibt dramatische Unterschiede in
er unter anderem religionshistorische Schlüsse ziehen kann. Jeden- religiösen Vorstellungen und Glaubensinhalten und erst recht in
falls wurde nicht nur symbolisch geschlachtet. Religion ist überaus religiöser Praxis. Religion wird darum oft zum eigentlichen Hin-
realistisch - und eben darum ,natürlich'. dernis fur die Verständigung zwischen verschiedenen Gruppen. Sie
scheint ,Pseudo-Spezies' zu schaffen, die sogar versuchen können,
sich gegenseitig zu vernichten. Doch auch diese Funktion der
Gruppenbildung und Abgrenzung ist ein allgemeines Charakteri-
stikum der Religion.
Der Allgegenwart von Religion entspricht ihre beharrliche
Dauer über lange Zeiträume hinweg. Religion hat die
,neolithische Revolution' mit der Erfindung des Ackerbaus über-
lebt, die ,urbane Revolution' an der Schwelle der Hochkulturen,
schließlich auch die ,industrielle Revolution' vor rund 200 Jahren.
Es gibt Christentum seit fast 2000 Jahren, Judentum seit etwa
2500 Jahren, Brahmanen und Zarathustrier seit vielleicht
3000 Jahren; die Ikonographie der Großen Göttin können wir in
Anatolien mindestens bis zur neolithischen Kultur von <;atal
Hüyük zurückverfolgen, vor etwa 8000 Jahren. Religion muß in
ihrer uns kenntlichen Form bereits bestanden haben, als die Men-
_schen nach Amerika kamen, vor mindestens 15000 Jahren - denn
die Religionen der Neuen Welt, wie sie die Spanier vorfanden,
14 1. Sil1l1kol1struktiol1 auf biologischer Spur 1. Sil1nkonstruktion auf biologischer Spur 15

waren als solche durchaus kenntlich und denen der Alten Welt ist von hier aus Häresie. Religion erscheint stets in spezifische Ein-
vergleichbar. Es besteht kein vernünftiger Zweifel, und es gibt ei- zelkulturen integriert, gehört also bei dem immer wieder be-
nige Hinweise darauf, daß Religion mindestens seit dem Jungpa- schworenen Gegensatz von Natur und Kultur auf die eine und
läolithikum besteht, also seit rund 40000 Jahren. Bestattungsbräu- nicht auf die andere Seite; von einer ,göttlichen Natur' kann erst
che kannte früher schon der Neandertaler. 3 recht keine Rede sein. "Religion as a cultural system" ist der Titel
Offenbar ist Religion, wenn überhaupt, nur einmal und kein eines zu Recht berühmten Aufsatzes von Clifford Geertz.7 Emile
zweites Mal erfunden worden: Sie war überall und immer schon Durkheim hatte seinerzeit die Augen dafür geöffuet, wie sehr Re-
da, sie wurde von Generation zu Generation weitergegeben, seit ligion ein soziales Phänomen ist, und an Stelle religiöser ,Ideen' die
unvordenklicher Zeit. Die Stifter neuer Religionen, sei es Zara- representations collectives untersucht. Seither ist man besonders auf
thustra, J esus oder Mohammed, haben bei aller Originalität Beste- Formen und Funktionen der Kommunikation in den jeweiligen
hendes umgestaltet, umgedeutet, gelegentlich ins Gegenteil ver- Gruppen aufmerksam geworden, die sich mit Theorien des Struk-
kehrt und blieben damit doch in einem Rahmen, innerhalb dessen turalismus und der Semiologie analysieren lassen. 8 Wichtige und
die Familienähnlichkeit religiöser Erscheinungen unverkennbar ist. einflußreiche ethnologische Studien haben exotische Systeme von
Die alten Kulturen, die hier genauer betrachtet werden, die Religion und Kultur in ihrer gegenseitigen Verkettung vor Augen
nahöstliche, israelitische, griechische und römische, waren mitein- geführt, bei den Nuer oder den Azande, den Bewohnern der An-
ander in kulturell-wirtschaftlichem Kontakt, sie entwickelten sich daman-Inseln oder den ,Argonauten des westlichen Pazifik'.9
unter vergleichbaren ökologischen, ökonomischen und sozialen Auch im Bereich der Antike sind wichtige Untersuchungen
Bedingungen. Allerdings gibt es auch scharfe Gegensätze und re- unter verwandten Gesichtspunkten durchgeführt worden, vor al-
volutionäre Sprünge der Entwicklung zwischen Monarchie und lem in der ,Pariser Schule' von Jean-Pierre Vernant. IO Hier wird
Demokratie, Tempelwirtschaft und Geldwirtschaft, Analphabe- griechische Religion konsequent und mit Ausschließlichkeit im
tentum und Schriftkultur. Doch in der Auffassung und Praxis von Rahmen der griechischen Polis untersucht; Mythen und Rituale,
Religion überwiegen die Ähnlichkeiten, in den Mythen wie in insbesondere die Einzelheiten der Opferbräuche werden in diesem
den Ritualen, den Tempeln, Weihgeschenken und Opfern. Auch Zusammenhang als bedeutsam entdeckt, indem sie Unterschiede
wenn Israel schließlich auf seiner Absonderung besteht,4 auszuge- und Entsprechungen markieren, Normalität und Abweichung,
hen ist von einer erstaunlichen Kompatibilität des Religiösen. auch Verweigerung und Protest innerhalb der speziellen, damals
Hier nun entsteht eine Spannung zu jenem Begriff der Kultur, gegebenen Gesellschaftsstruktur. Nicht zu Unrecht haben diese
wie ihn die moderne Kulturwissenschaft seit längerem überwie- Forschungen weit über die philologischen Zirkel hinaus Widerhall
gend vertritt. Indem Kultur als ein soziales Kommunikationssystem gefunden.
gefaßt wird,5 ergibt sich zugleich, daß eine scheinbar unbegrenzte Trotzdem sollte klar sein, daß damit nur eine Möglichkeit der
Vielfalt von solchen Systemen in Geographie und Historie auffind- Interpretation verfolgt wird, daß andere Zugänge durchaus offen
bar ist - auch wenn heutzutage alles im Konglomerat des einen bleiben. Wenn wir das Kommunikationssystem einer Einzelkultur
,Weltdorfes' aufzugehen scheint. Darum das Mißtrauen gegen den in perfekter Geschlossenheit rekonstruieren, enden wir in der Iso-
naiv-traditionellen Begriff einer ,menschlichen Natur': "Es gibt lation einer ,fensterlosen Monade'. Und doch, es gibt Interaktio-
keine menschliche Natur, die von Kultur abtrennbar wäre." "Die nen von Kulturen; sie beeinflussen, überlagern, stören, ja zerstören
Menschheit ist in ihrem Wesen so vielgestaltig wie in ihren Aus- einander; es gibt auch befruchtendes, Weiterentwicklung auslösen-
drucksformen. "6 Es bliebe dann nichts als die Aufgabe, jede einzel- des Verstehen. Das jeweils bestehende System ist zudem durch sei-
ne Kultur in ihrer Besonderheit zu analysieren; der Unterschied ne Traditionen mit Vergangenem verbunden. Obendrein kann ei-
bestimmt das Wesen. ne Religion recht unterschiedliche Kulturen umfassen, wie denn
Die Frage nach ,natürlicher Religion' , nach biologischen der Islam von Marokko bis Indonesien reicht. Auch unsere eigene
Grundlagen oder Elementen eines Kulturphänomens wie Religion Chance, als Wissenschaftler fremde und vergangene Kulturen ohne
1. Sinnkonstntktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion arif biologischer Spur 17

allzu grobe Verzerrungen wahrzunehmen, hängt an den Möglich- tion von Kunst und Religion keineswegs unmittelbar evident sind;
keiten, Kulturgrenzen zu überschreiten. Wie schwierig es ist, nicht selten werden sie als überflüssiger Luxus beurteilt. Und doch
,positive' Daten ,objektiv' zu werten, ist in neuerer Zeit theore-- sind sie vorhanden, sobald und wo immer homo sapiens sapiens seine
tisch und auch experimentell immer wieder aufgezeigt worden. Existenz manifestiert.
Und doch, unsere Erwartungen und Projektionen, unsere Inter- Die interkulturelle Ähnlichkeit religiöser Phänomene auf der
pretationen und Verarbeitungen haben es mit Realität zu tun. ganzen Welt ist unverkennbar. Es geht um Formen streng gere-
So ist denn, unbeschadet der Fruchtbarkeit eines gleichsam mo- gelten Verhaltens, das als ,Verehrung' verstanden wird, um Dar-
nadischen Kulturbegriffs, die notwendige Gegenthese nicht aus bringung von Gaben, Schlachten von Tieren und Eßgemeinschaft,
den Augen zu verlieren: Es gibt kontinuierliche Traditionen, und um Sprachkontakt mit ,höheren Wesen' in Form von Gelübden
es gibt Universalien der Anthropologie, die die Einzelkulturen und Gebeten, um Lieder, Tänze, Erzählungen und Lehren in Be-
übergreifen und sich in jedem Einzelfall bemerkbar machen. Ob zug auf jenes ,Höhere' und seine Forderungen. In der Regel wer-
man sie Charakteristika einer ,menschlichen Natur' nennen will den religiöse Forderungen und Begründungen mit Vorrang akzep-
oder nicht, macht nicht viel aus. Jedenfalls beruht trans kulturelles tiert. Skepsis von seiten einzelner ist nicht ausgeschlossen, doch gilt
Verstehen wesentlich auf ihnen, wie überhaupt die Kontinuität in es als ,weise', sie auszugrenzen. "Der Tor spricht in seinem Her-
historischen Entwicklungen. Vieles, was als ,universal' zu gelten zen: Es gibt keinen Gott"12 - und wenige sind töricht genug, dies
hat, erscheint trivial, sollte aber doch nicht übersehen werden. laut zu sagen. Selbst antike Rhetoren kennen das Rezept: "Man
Überall gilt, daß Menschen essen, trinken und sich entleeren, ar- muß das Göttliche ehren - niemand widerspricht dieser Mahnung,
beiten und schlafen, Sexualität betreiben und sich fortpflanzen, es sei denn, er wäre zuvor verrückt geworden." 13
krank werden und sterben. All dies sind biologische Prozesse, die Eine allgemeine, kulturunabhängige Definition von ,Religion'
sämtlich von der ,Natur' längst vor der Menschwerdung erfunden zu geben, ist trotzdem bekanntlich ein schwieriges Unterfangen.
waren. Anthropologen mögen behaupten, daß es nur die feinen Die meisten Definitionen setzen auf der Ebene der ,Vorstellungen'
kulturellen Unterschiede seien, die solche Phänomene interessant oder ,Symbole' an. Jan van Baal etwa definierte Religion als eine
machen; ihre Existenz ist unbestreitbar. "Gesamtheit von expliziten und impliziten Begriffen und Vorstel-
Das Wichtige und Faszinierende jedoch ist, daß auch einige sehr lungen, die, als wahr akzeptiert, sich auf eine nicht empirisch veri-
viel weniger triviale Phänomene als allgemein menschlich zu gel- fizierbare Wirklichkeit beziehen". 14 Dies bleibt nahe bei traditio-
ten haben. Zwar erscheinen sie in jedem Einzelfall in die betref- nellen Begriffen eines ,Glaubens' an ,übernatürliche, höhere We-
fende Kultur eingebunden, doch sind sie eben wegen ihrer Allge- sen'; übersehen ist die reale Praxis der Religion, die, genau
meinheit von einer solchen Spezialkultur aus nicht zu erklären. Sie besehen, auf den ,Glauben' an die ,Wahrheit' gar nicht durchweg
müssen wohl grundlegende Funktionen im sozialen und geistigen angewiesen ist. Eher mag die Definition von Clifford Geertz als
Leben der Menschen erfüllen, auch wenn ihre Notwendigkeit repräsentativ genommen werden. Religion ist demnach (r) "ein
nicht immer evident ist und die Phantasie nicht selten angeregt System von Symbolen, die (2) mächtige, überzeugende, dauerhafte
wird, Alternativen auszumalen. Zu diesen anthropologischen Uni- Einstellungen und Motivationen bei Menschen bewirken, indem
versalien gehört recht Verschiedenartiges, darunter: die Institution sie (3) Begriffe einer allgemeinen Kategorie von Existenz formu-
der Kernfamilie mit der Rolle des Vaters und der besonderen Be- lieren und (4) diese Begriffe mit einer Aura von Tatsächlichkeit
ziehung von Vater und Sohn;II Herstellung und Gebrauch tech- mnkleiden, so daß (5) die Einstellungen und Motivationen einen
nischer Werkzeuge, einschließlich des Umgangs mit Feuer; Gabe einzigartigen Realitätscharakter annehmen". 15 Man beachte das
und Austausch als Basis wirtschaftlichen Handelns; Kriegführung bezeichnende Paradox, daß Symbole Realität zu schaffen scheinen.
der Männergemeinschaft. Vor allem aber finden sich unter diesen Trotzdem sind die realen Dimensionen des Religiösen auch in
menschlichen Gemeinsamkeiten die Sprache, die Kunst, und auch dieser Formel noch kaum zulänglich ausgedrückt. Es sind ja nicht
die Religion. Dies kann insofern überraschen, als Sinn und Funk- die Symbole, die Wirklichkeit schaffen, es sind die lebendigen
18 1. Sinnkonstruktion mif biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 19

Menschen in ihren Interaktionen, die Symbole gebrauchen, Zei- Ein üblicher Weg, der ,Undeutlichkeit' abzuhelfen, ist der Ver-
chen geben und auf sie reagieren und bei alledem an ihrer eigenen weis auf besondere Arten der Erfahrung, vom ,Gefühl', das ,alles'
Realität arbeiten, wobei Religion in Erscheinung tritt und sich sei, bis zu Formen veränderten Bewußtseins, Meditationen, Visio-
etabliert. nen, Trance und Ekstase. Niemand wird das Vorhandensein und
Es gibt sehr viele weitere Vorschläge, Religion zu definieren, die Wirkung dieser Phänomene bestreiten. Und doch: Religions-
die sich finden, aufreihen und diskutieren lassen, es gibt sorgfältige geschichte ereignet sich nur, wenn diese Phänomene akzeptiert
methodische Überlegungen zu diesem Problem. 16 Hier mag es ge- und in festgelegter Weise interpretiert werden, womit sie in der
nügen - wie etwa Benson Saler empfohlen haU 7 - , einige Cha- Regel in bereits bestehende religiöse Strukturen einbezogen und
rakteristika festzuhalten, die das ,Religiöse' in nahezu allen Fällen nach deren Kriterien geformt werden. Paulus, selbst ein Ekstatiker,
markieren. Ausgegangen wird dabei vom beobachtbaren Verhal- war nicht bereit, jede Art spiritueller Botschaft anzuerkennen:
ten; der Anspruch auf ,Wahrheit' der ,höheren Wirklichkeiten' "Prüfet die Geister!"21 Ein Mönch, der sich brüstete, er habe
steht beim Rückblick auf Religionen der Vergangenheit nicht im Christus mit einem Geleit von tausend fackeltragenden Engeln
Vordergrund. leibhaft gesehen, wurde von den Gemeindevätern ein Jahr lang in
Drei solcher Charakteristika seien festgehalten. Das erste ist ne- Ketten gelegt und so ,geheilt'. 22 Was immer bei einzelnen Perso-
gativ: Religion hat es mit dem Nicht-Evidenten zu tun. Schon der nen sich ereignet - keineswegs unabhängig von den biologischen
Sophist Protagoras sprach von der ,Undeutlichkeit', der adel6tes der Gehirnfunktionen und durchaus beeinflußbar durch die Chemie
Götter. 18 Religion zeigt sich in Handlungen und Einstellungen, die der Drogen -, die Breitenwirkung ist bestimmt durch die
nicht unmittelbar praktische Funktionen erfüllen, die nicht mit ,Religion als kulturelles Phänomen', die damit immer schon vor-
direkt vorhandenen Partnern zu tun haben. Sie demonstrieren ausgesetzt ist und regelnd eingreift. Wir haben es nicht mit dem
Umgang mit etwas, das nicht in alltäglicher Weise sichtbar, greif- Ursprung der Religion überhaupt zu tun.
bar, manipulierbar ist. Für Fremde scheint religiöses Handeln dar- Ein zweites Charakteristikum der Religion tritt in seiner Weise
um in der Regel unverständlich, verwirrlich, absurd - was dazu der ,Undeutlichkeit' entgegen: Religion zeigt sich durch Interakti-
führt, daß man in Prähistorie und Archäologie geneigt ist, Unver- on und Kommunikation. Eben hierin liegt ihre Bedeutung für die
standenes rasch als ,religiös' zu qualifizieren. Man ,sieht' eben nicht Systeme einzelner Kulturen. Selbst der Eremit bleibt in Kommu-
ohne weiteres, worum es in der Religion geht. Dies schließt eine nikation eingebunden, insofern er bewundernde Beachtung findet,
allgemein menschliche Basis der Einfühlung, Deutung, Überset- ja zum Zentrum wallfahrender Anhänger wird. Genauer besehen
zung keineswegs aus. Ade16tes ist kein hinreichendes und doch ein stellt religiöse Kommunikation stets eine Schnittstelle zweier Ebe-
grundlegendes Kriterium des Religiösen. nen her: Der Umgang mit dem Unsichtbaren einerseits entsendet
In der Innensicht religiöser Verkündigung allerdings wird diese Signale in die konkrete gesellschaftliche Situation andererseits. In
,Undeutlichkeit' gern bestritten. "Die Erkennbarkeit Gottes ist ih- Handlungen und Einstellungen und insbesondere in ausgeformten
nen - den Heiden - offenbar", schrieb Paulus an die Römer; sprachlichen Gestaltungen23 werden jene ,undeutlichen', nicht-
"denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn das Unsichtbare an ihm evidenten Partner eingeführt, anerkannt und umsorgt, werden von
wird von der Schöpfung der Welt her an seinen Werken im geisti- Menschen unterschieden und doch in vieler Hinsicht als analog
gen Erfassen ersehen. "19 Mit dem Hinweis auf den ,Kosmos' und genommen. Sie gelten als überlegen nicht zuletzt durch ihre Un-
mit dem Begriff des ,geistigen Erfassens' folgt Paulus der griechi- sichtbarkeit; sie sind in kulturspezifischer Klassifizierung als Geister,
schen Philosophie. Der Zugang bleibt auch so indirekt: Die Dämonen, Götter oder auch Ahnen benannt. Insofern kann man
,Unsichtbarkeit' ist von vornherein zugestanden. Insofern bleibt es Religion als "kulturell geprägte Interaktion mit kulturell postu-
bei der ade16tes. Anderen freilich gelingt es auch, diese ins Positive lierten übermenschlichen Wesen" bezeichnen. 24 Doch wird die
zu wenden, indem man vom unaufhebbaren ,Geheimnis' spricht Kommunikation mit ihnen immer auch die normale gesellschaftli-
und damit die natürliche Neugier stimuliert. 20 che Kommunikation beeinflussen, ja prägend mitgestalten und
20 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 21

umgestalten. Insofern ist nicht selten .~ine besondere Art indirekter teraktion mit dem nicht verifizierbaren ,Höheren', das existenzbe-
Kommunikation festzustellen: Das ,Ubernatürliche' wird benützt, stimmend wird. Dies sind Charakteristika von Religion.
bestimmte durchaus' realistisch gemeinte Absichten kommunikativ Um zusammenzufassen: Religionen der Vergangenheit wie der
durchzusetzen. Man könnte so weit gehen, das Göttliche als Gegenwart erscheinen stets in kulturspezifischem Umfeld, geprägt
,soziales Werkzeug' zu bezeichnen. 25 Jedenfalls sind es Interaktio- von der jeweiligen Gesellschaft, ihrer Geschichte, ihrer Sprache;
nen dieser Art, die der Religion ihren ,einzigartigen Realitätscha- sie lassen sich in diesem Rahmen als symbolisches System, als kul-
rakter' sichern. turelles Phänomen in faszinierender Weise interpretieren. Doch
Hierin ist bereits ein drittes Charakteristikum von Religion Erklärung oder Ableitung von Religion im Rahmen einer ge-
wirksam: der Anspruch auf V orrang, eine besondere Art von schlossenen Einzelkultur ist ausgeschlossen: Die allgemeine Ver-
,Ernst'. Der Theologe Paul Tillich sprach von ,ultimate concern', breitung und das Alter religiöser Manifestationen sprengt den
eine W elt-Religionskonferenz von ,ultimate reality'. Hierin un- Rahmen. Eine Wissenschaft der Religion bedarf einer umfassen-
terscheidet sich Religion in markanter Weise von anderen Formen deren Perspektive jenseits der Einzelkulturen. Notwendigerweise
symbolischer Kommunikation, vor allem vom Spiel und auch vom kommt dabei der Gesamtprozeß menschlicher Evolution ins Spiel,
Umgang mit der Kunst. Auch im Spiel werden nicht-evidente, der seinerseits vom Strom der Entwicklung von Leben überhaupt
unsichtbare Wesen als Partner geschaffen oder auch vorhandene umfangen ist. Insofern darf man doch wohl von ,Natur' sprechen,
Partner in eine andere Wirklichkeit versetzt, so daß es in einer die alle Kulturen umgreift. In diesem Sinn kommt Religionswis-
Welt des Als-Ob zu Interaktionen kommt; doch bleibt bewußt, senschaft am Problem der ,natürlichen Theologie' noch immer
daß ,Spiel' dem ,Ernst' entgegengesetzt ist; man kann ungehindert nicht vorbei. Kulturwissenschaften stehen im Horizont allgemeiner
und in der Regel unverletzt aus dem Spiel wieder heraustreten. Anthropologie, die ihr biologisches Fundament nicht verleugnen
Anders die Religion, die mit dem Postulat des Vorrangs auftritt, kann.
der Notwendigkeit, der Gewißheit, daß dies zu dieser Zeit in die-
ser Form geschehen muß; andere Pläne, Wünsche und Vorlieben
werden zurückgestellt. Die Spartaner brachen Feldzüge ab, um ein Fitness oder Opium?
gerade filliges Fest zu feiern; es gab Juden, die um der Sabbatruhe Die Fragestellung der Soziobiologie
willen sogar auf Selbstverteidigung verzichteten. 26 In jenem Sena-
tusconsultum, das die Bacchanalia in Italien durch hartes Verbot un- Die Geisteswissenschaften oder Kulturwissenschaften, wie man sie
terdrücken will, wird doch eine Ausnahmegenehmigung vorgese- zutreffender nennen kann, einerseits und die Naturwissenschaften
hen rur einzelne Personen oder Gruppen, die erklären, daß es rur andererseits halten Distanz. Die Auseinandersetzung läuft seit mehr
sie "notwendig sei, ein Bacchanal zu haben". 27 Religion ist eine als hundert Jahren. Philosophen, Historiker und Soziologen haben
,notwendige' und eine ernste Sache; Lächerlichkeit ist ihr Feind. 28 angesichts des Triumphes der Naturwissenschaften ihre Verteidi-
Das Unsichtbare fordert Verehrung, Furcht und Unterwerfung. gungslinien aufgebaut; ein Schlagwort der Abwehr ist der Vorwurf
Übernatürliche Macht nimmt auch reale Objekte und Bereiche in des ,Biologismus' , des ,biologischen Reduktionismus' , sobald gei-
Besitz, die nun als ,heilig' oder ,tabu' zu respektieren sind. Religi- stig-kulturelle Phänomene mit Biologie in Zusammenhang ge-
on kann sich als todernst im wörtlichsten Sinne erweisen: Es gibt bracht werden, als sollte Geistiges simplifizierend auf Materielles
Selbstopfer unter religiösem Panier, Heilige, die sich zu Tode zurückgefuhrt werden. 30 Dabei ist moderne Biologie nicht einfa-
hungern, aber auch lebende Bomben, ja Massen-Selbstmord. cher, sondern eher weit komplexer als irgend eine Geisteswissen-
Nicht selten liefert Religion auch die höchste Rechtfertigung fur schaft.
Gewalt, ja nackten Mord - Menschenopfer,2 9 Hexenverbrennun- Die Fortschritte der Biologie halten an, insbesondere in der
gen, Religionskriege, oder auch die fatwa eines Ayatollah. So ma- _Molekularbiologie und der Genetik; auch das Studium der Prima-
nifestiert sich der Vorrang des Religiösen als absoluter Ernst in In- ten und ihres Verhaltens hat in den letzten Jahrzehnten ein unvor-
22 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 23

hersehbares Niveau erreicht: Wie nahe zumal Schimpansen und rung von Geschmack und Geruch, in der Abstimmung von Angst,
Bonobos den Menschen stehen, hat sich über alle Erwartung hin- Flucht und Aggression, und gewiß besonders in der Sexualität.
aus ergeben. Selbst sprachliche Semantik hat ihre Vorgeschichte; sie aus reiner
V orübergehend schien der große Erfolg von Konrad Lorenz Logik abzuleiten, ist bekanntlich schwierig; wohl aber gibt es
und der von ihm vorangetriebenen Verhaltensforschung eine Auslösung und Inhalt gewisser Programme, die wichtige, lebens-
Brücke von der Natur- zur Kulturwissenschaft zu schlagen. Kon- wichtige Aufgaben in bestimmten Situationen übernehmen. Was
rad Lorenz hat seine Ethologie ohne Zögern auch auf Menschli- ,Leopard' oder ,Schlange' bedeutet, oder noch allgemeiner ,Alarm'
ches angewandt. Wenig später wurde mit der inzwischen erreich- mit der Alternative ,Kampf oder Flucht', dies ist längst vor der Er-
ten Verfeinerung der Evolutionstheorie die ,Soziobiologie' als findung der Wortsprache ausgedrückt und verstanden worden. Das
,neue Synthese' vorgestellt, die sich von den Insekten bis zur Kücken ,kennt' den fliegenden Habicht vor jeder eigenen Erfah-
menschlichen Gesellschaft erstreckeY Doch hat dies die Spaltung rung, der Hahn ,kennt' das Wiesel; 34 eine Affenart hat spezifische
der Lager nicht überwunden, im Gegenteil. Laute fur ,Leopard', ,Adler' und ,Schlange' .35 Dabei ist überhaupt
Schon Konrad Lorenz' Vorstoß von der Tier- in die Menschen- der Gebrauch von Zeichen im ganzen Bereich lebender Wesen
kunde hat heftige Abwehrreaktionen ausgelöst; die These von der eingefuhrt)6 Der Raum fur freie Erfindung war eng; Weiterent-
Aggression, die Gutes stifte, scheint Gegenaggressionen auf den wicklung des Bestehenden war angezeigt.
Plan zu rufen. 32 Daß menschliche Werte von der Tier-Natur des Darwins Evolutionstheorie hatte seinerzeit sogleich auch die
Menschen hergeleitet werden sollten, daß menschliches Verhalten Kulturtheorie in ihren Bann gezogen. Ein ,Sozialdarwinismus'
vom biologischen Erbe determiniert sei, wurde als geradezu ge- wurde vorgestellt, der den ,Kampf ums Dasein' auch in historisch-
fcihrlich gebrandmarkt; insbesondere daß Aggression ein ererbtes sozialen Konflikten am Werke fand und auch hier ,survival of the
und darum unausrottbares Verhaltensschema sein sollte, schien den fittest' konstatierte. Es schienen Gruppen zu sein, Gemeinschaften,
Fortschritt der Zivilisation zu negieren und die Hoffnungen auf die da konkurrierten und wenn möglich ihre Rivalen aus dem
fortschreitende Humanisierung menschlicher Gesellschaft zunichte Felde schlugen; der Erfolg bestimmter Gruppen manifestiert sich in
zu machen. Gruppen-Selektion. Es lag nahe, alle gruppenspezifischen Verhal-
Ähnlicher Widerstand hat sich später gegen die Thesen von tensnormen, Bräuche, Institutionen als Werkzeuge im Kampf der
E. o. Wilson gerichtet. 33 Freiheit und Selbstbestimmung gilt als Auslese aufzufassen, einschließlich von Moral und Religion. Die
Merkmal menschlicher Kultur. ,Biologismus' , biologischer Fixierung auf den ,Kampf der kollektiven Selbsterhaltung spiegelt
,Reduktionismus' , gar Wiederkehr des Sozialdarwinismus wird die imperialistische Ideologie jener Zeit; sie hat seither an Attrakti-
demgegenüber als rückständig gebrandmarkt. Die Politisierung der vität verloren, was nichts fur ihren Realitätsgehalt besagt.
Fronten ist nicht ausgeblieben. Eine vorurteilslose Diskussion Eine sozialdarwinistische Erklärung der Religion hat damals
scheint bis heute kaum zu gelingen. Man stößt immer wieder auf Otto Gruppe formuliert: "Menschen, die sich - gutgläubig oder
längst bezogene Frontstellungen. aus Betrug - den Anschein zu geben wissen, in dem Besitz einer
Dabei hat die Naturwissenschaft den biologischen Rahmen jeg- übernatürlichen Kraft zu sein, haben davon einen großen und
licher Anthropologie immer genauer entschlüsselt. Der Grundplan leicht erkennbaren Vorteil, denn sie üben auf die Gesellschaft, in
der höheren Lebewesen, einschließlich der Konstruktion des Ge- der sie leben, eine gewisse Macht aus; sie geben ihr aber zugleich
hirns und anderer Steuersysteme, ist längst vor der Menschwer- durch ihr vermeintliches Können und dadurch, daß sie das Zu-
dung entworfen. Es gibt von daher Handlungsprogramme, Abfol- standekommen eines Gesellschaftswillens erleichtern, einen zwar
gen, auch Gefuhle, Erwartungen, Wertungen, ja Begriffe, die von nicht so leicht erkennbaren, aber doch nicht minder realen V or-
jener Vorzeit herrühren - was nicht ausschließt, daß sie sich zu- sprung im Kampf ums Dasein mit anderen Gesellschaftsgruppen. "37
meist noch immer durchaus bewähren. Am offensichtlichsten . Religion macht Gruppen fit furs Überleben im Kampf ums Da-
dürfte dies im Bereich von Nahrungssuche sein, samt der Steue- seIn.
24 I. Sinnkonstruktion mif biologischer Spur I. Sinnko11struktion auf biologischer Spur 25

Positivere Aspekte gewann Konrad Lorenz solchem ,Kämpfen' complishing those things which make biological success (that is, a
ab. In seinem Erfolgsbuch Das sogenannte Böse von 1963 gelang es hig inclusive fitness) probable. "41 Die weniger gut Angepaßten
ihm zu zeigen, wie das ,böse', aggressive Verhalten immer wieder, bleiben auf der Strecke, sie werden an Zahl abnehmen, am Ende
auf verschiedenen Stufen, lebenserhaltend wirkt.3 8 So beschrieb er ganz verschwinden. In dieser Weise sollte die Entwicklung der
vor allem auch Verhaltensweisen, die Aggressionen stoppen und Kultur und die Modifikation der Gene Hand in Hand gehen. Um-
Kämpfe beenden können oder helfen, diese zu vermeiden; er gekehrt baut sich von den veränderten Genen aus sozusagen ein
stellte zudem dar, wie persönliche Bindungen, Freundschaft, Zu- neues Geleise auf, das das Verhalten in eine bestimmte Richtung
sammenarbeit recht eigentlich durch gemeinsame Aggression, ins- lenkt.
besondere symbolische Aggression zustande kommen. Konrad Die eigentlichen theoretisch-technischen Probleme der Evoluti-
Lorenz hatte eine einzigartige Gabe, Tiere zu ,verstehen', ihre Si- onstheorie im allgemeinen und der Soziobiologie im besonderen
gnale zu entschlüsseln und in einen lebendigen Zusammenhang können hier nicht aufgerollt werden. Sie beginnen schon bei der
einzuordnen; er zeigte Analogien, ja Homologien und Kontinui- Definition von ,fitness' .4 2 Spieltheoretische Modelle arbeiten in der
täten auf zwischen tierischem und menschlichem Verhalten. Im Regel mit vielen Wiederholungen der gleichen Regel oder
Anschluß an Konrad Lorenz schien es möglich, auch religiöses Wahrscheinlichkeitsgröße, wodurch kleine Unterschiede schließ-
Verhalten gerade in seinen schwer verständlichen Aspekten von lich zu ausschlaggebenden Gegensätzen werden können. Es gibt
,Opfer' und Blutvergießen als eine Art der Bindung zu begreifen, aber auch plötzliche Veränderungen entgegen allen durchschnittli-
die feste und ernsteste Gemeinschaft schafft.3 9 chen Wahrscheinlichkeiten, es gibt Katastrophen und ,Fulgu-
Die Soziobiologie könnte als die Computerversion des Sozial- rationen' .43 Vor allem ist es fast hoffuungslos, die Verbindung von
darwinismus bezeichnet werden. Während noch Lorenz im we- genetischer Ausstattung und kulturellem Verhalten nachzuweisen.
sentlichen von direkten Beobachtungen und von seiner Einfüh- Selbst einfachste Lebensvorgänge beruhen auf dem Zusammenspiel
lung ausging, hat die Einführung von Computermodellen im vieler verschiedener Gene, und mannigfache Umwelteinflüsse und
Rahmen allgemeiner Spieltheorie entscheidende Fortschritte der soziale Einwirkungen kommen dazu, den Phänotyp zu bestimmen.
Evolutionstheorie gebracht. Dabei hat sich insbesondere der Ge- Das Verhalten ist bei allen Primaten bereits überaus komplex, wo-
danke der ,Arterhaltung' und der ,Gruppenselektion' im Sinn des bei ererbte und erlernte Verhaltensprogramme ständig ineinander-
alten Sozialdarwinismus aufgelöst: Es sind die Gene, nicht die phä- fließen. 44 Bei Tieren kann man noch versuchen, das eine vom an-
notypischen Verhaltensweisen der Individuen, die sich fortpflan- dern durch Experiment zu trennen; Experimente verbieten sich in
zen; nicht Solidarität, sondern Täuschung wird sich in vielen der Regel auf der Ebene des Menschen.
Konfrontationen auszahlen: der Betrüger, der keinen Einsatz lei- Die Soziobiologie hat gewisse Erfolge in der Interpretation von
stet, wird eben durch diese Art von ,fitness' die Chance haben, Heirats- und Sexualregeln zu verzeichnen, die sie auf die Wahr-
seine Gene vielfältig weiterzugeben. ,The Selfish Gene' ist das scheinlichkeiten genetischer Verwandtschaft bezieht; wo die Fort-
Schlagwort der neuen Betrachtungsweise. 4° pflanzung direkt betroffen ist, kommen die ,selbstsüchtigen Gene'
Die Soziobiologie nimmt die "gemeinsame Evolution von Ge- am ersten zu Wort. Sinkt etwa bei sehr freizügigem Sexualverhal-
nen und Kultur" in den Blick und konstatiert ihre andauernde ge- ten der Frau die Wahrscheinlichkeit, den biologischen Vater fest-
genseitige Wechselwirkung. Kultur, die dem Leben so viel mehr zustellen, wird der wahrscheinliche Verwandtschaftsgrad des Mut-
sichere Chancen bietet, wirkt zugleich als Auslesefaktor. Kulturelle terbruders den des gesetzlichen Vaters übertreffen, was die Rolle
Regeln, in bestimmten Institutionen verankert, begründen eine eben des Mutterbruders in gewissen ,matriarchalen' Gesellschaften
neue Art von ,Fitness'. Wer sich ihnen am besten anpassen kann, erklären kann. Eine sehr beunruhigende Studie zeigt, wie in einer
hat zugleich die besten Chancen, sich fortzupflanzen; eben da- primitiven Stammesgesellschaft männliche Aggressivität herange-
durch perpetuieren sich die Regeln. Kultureller Erfolg schlägt sich . züchtet werden kann: Es ließ sich zeigen, daß diejenigen Männer,
nieder als Fortpflanzungserfolg. "Cultural success consists in ac- die bekanntermaßen einen Menschen getötet hatten, mehr Frauen
I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 27

und Kinder hatten als die friedfertigen Stammesglieder. 45 Man ligion fast beliebig lange Zeiträume zur Verfügung, mindestens
kann daran weitere Überlegungen knüpfen: Wenn jede Generati- 1000 Generationen,49 während man bei anderen kulturellen Er-
on mindestens einen Krieg hat - wofür es historische Belege gibt -, scheinungen die Erklärungsansätze der Soziobiologie oft schon
und wenn dabei diejenigen, die nicht mitmachen, die Nicht- durch den Hinweis auf die Kurzlebigkeit solcher Erscheinungen
Aggressiven, von den Kampfwilligen konsequent umgebracht aus dem Feld schlagen kann. In jenen Zeiträumen hat sich etwas
werden - und für solche Praxis gibt es genug Belege in entwickelt, das, so eigentümlich es ist, alle menschlichen Kulturen
4000 Jahren Geschichte -, dann muß dies Folgen haben für den affiziert hat.
maskulinen Teil der Population; und auch die daran angepaßten - Im universalen Phänomen Religion wie in der Hominisierung
Frauen werden den größeren Fortpflanzungserfolg haben. überhaupt manifestiert sich die Geschichte eines Erfolgs: Es ist im
Es fragt sich freilich, ob Regeln dieser Art jemals wirklich lange Sinn der Evolutionstheorie ausgeschlossen, daß sich Eigenheiten
genug in Kraft gewesen sind, um in der Abfolge der Generationen entwickeln, die für die Spezies nachteilig sind.5°
wirklich die Auslese der Gene merklich zu beeinflussen. Wieviele - Es sind im Bereich Religion sehr starke, oft lebensbestimmen-
Generationen mindestens wären zu postulieren?46 An die Unver- de Gefühle am Werk, die der rationalen Analyse und Diskussion
änderlichkeit von ,Primitivkultur' über Jahrhunderte, ja Jahrtau- sich zu entziehen scheinen. Starke, spontane Gefühle beruhen,
sende hin, wie man sie früher gern annahm, glaubt die Ethnologie nach biologischer These, stets auf einer letztlich biologischen
längst nicht mehr. Zudem scheint in menschlicher Gesellschaft die FunktionY "Erinnerungen, die sich am leichtesten einstellen,
Koppelung von sozialem Erfolg und Fortpflanzungserfolg nicht Emotionen, die sie mit größter Wahrscheinlichkeit hervorrufen"
selten gelockert, ja ins Gegenteil verkehrt zu sein. Gewiß, bei den nehmen auch Lumsden und Wilson als Hinweis auf biologisch-
Benachteiligten, bei den Armen wird die Kindersterblichkeit grö- genetische Grundlagen. 52
ßer sein. Doch gibt es andererseits genügend Beispiele gerade in So sprechen wir vom ,heiligen Schauer' der Begeisterung, den
den Hochkulturen, wie die durch Macht und Besitz ausgezeich- wir in der Hochgestimmtheit des Außerordentlichen empfinden,
neten Eliten nach bewußten Regeln ihrer speziellen ,Kultur' im beim patriotischen Siegesfest und bei Militärparaden ebenso wie
Gegensatz zur Unterschicht ihre Kinderzahl zu begrenzen wissen- beim Höhepunkt religiöser Zeremonien. Die biologische Grund-
weshalb es denn auch immer wieder zum Aufsteigen von Unter- lage des Phänomens hat Konrad Lorenz analysiert: Was uns ,über
schichten samt den historischen Umstürzen und Ablösungen den Rücken' und noch die Arme entlang ,läuft', sind N ervenerre-
kommt. Offenbar gibt es in differenzierten Gesellschaften recht gungen, die eigentlich bestimmt waren, die Rückenmähne zu
verschiedene Kriterien des ,Erfolgs'; Modelle, die sich eindimen- sträuben, über die unsere haarigen V orfahren verfügten. 53 Das
sional an der Multiplikation der Gene orientieren, müssen da Aufrichten der Haare, als Umriß-Vergrößerung, gehört zum ag-
scheitern. gressiven Programm. Für uns ist das ,Haarsträubende' fast nur noch
Religion sei "die größte Herausforderung für die Soziobiolo- als Metapher lebendig. Das entsprechende griechische Wort, phri-
gie," schrieb E. O. Wilson. 47 In der Tat, wenn man überhaupt ke, wird immerhin gern zur Beschreibung religiösen Erlebens ver-
Überlegungen der Evolution akzeptiert, kommt man angesichts wendet.5 4 Was als ,erhaben', als ,Enthusiasmus' erlebt wird und
des universalen und uralten Phänomens Religion um die sozio- gilt, erweist sich so als biologisch-genetisch verwurzelt, eine in
biologische Fragestellung nicht herum. Drei Feststellungen sind früheren Stadien funktionelle Verhaltensweise zwischen Angst und
dabei zu treffen: Aggression, die sich in fortgeschrittener Zivilisation noch immer
- Religion muß sich im Rahmen der menschlichen Evolution, als ,Gefühl' manifestiert. Dies freilich ist nur ein Element in einem
im Prozeß der ,Hominisierung' einmal entwickelt haben - Schim- weit komplexeren System.
pansen und Bonobos, die doch über 98% der Gene mit uns teilen, Was allerdings den behaupteten ,Erfolg' von Religion anlangt,
haben offenbar keine Religion, wie auch keine Sprache und keine . werden Zweifel und Widerspruch laut werden: Die besondere
Kunst. 48 Dabei stehen für die soziobiologische Erklärung der Re- ,Fitness' der Religion ist gar nicht einfach einzusehen.5 5 Daß reli-
28 1. Sinnkonstruktion atif biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur

ßloses Verhalten Überlebensvorteile, Fortpflanzungsvorteile mit halten: Heilige, die ihr physisches Leben zerstören, ja Sektengrup-
sich bringt, wie sie die Soziobiologie sucht, scheint durchaus pro- pen, die im Massen-Selbstmord enden.
blematisch. Und doch, Märtyrertum bringt einen unerhörten Propaganda-
Es gibt vielmehr die explizite Verneinung von ,Fitness' der Re- Effekt. Das Wort Propaganda selbst, das man mit ,Fortpflanzungs-
ligion, sowohl aus der Innensicht und der Praxis gewisser Religio- Regel' übersetzen könnte, hat einen verräterisch biologischen Ge-
nen wie auch aus polemischer Außensicht. Von innen her gibt es halt. "Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche"59 - eine fast
die Programme des Weltverzichts, von außen her den Vorwurf des schon überdeutliche Metapher. "Das Weizenkorn, das erstirbt,
Drogengebrauchs: Religion sei "Opium furs Volk",56 bringt die viele Frucht"60 - wieder das Modell der Biologie.
Dies hieße, daß Religion, einer Droge vergleichbar,57 von den Wenn, nach berühmter Formulierung, ,einer fur viele' stirbt, ist
eigentlichen Problemen ablenkt, in phantastischer, unrealistischer, dies, quantitativ betrachtet, ein klarer Erfolg. ,Selbstaufopferung'
gar schädlicher W eise Wünsche erfullt, das Glück der Illusion wird auf primitiven Lebensstufen durchaus geübt. Allerlei Spin-
schenkt um den Preis des normalerweise erstrebten Erfolges. Der nen- und Insektenmännchen gehen bei der Kopulation zugrunde,
Konsument der Droge bleibt umso mehr der Manipulation durch Arbeitsbienen arbeiten sich buchstäblich zu Tode zugunsten des
die anderen ausgeliefert, die nüchternen Realisten, die die Welt Fortbestands der Gemeinschaft, oder vielmehr der in Königinnen
regieren. Selbst dies würde die biologische Perspektive noch nicht und ,Schwestern' enthaltenen Gene. Selbstaufopferung zugunsten
außer Kraft setzen; auch Dysfunktionelles kann sich in der Evolu- der genetischen Verwandten kann, wie sich auch mathematisch
tion zumindest vorübergehend durchaus verbreiten, zumal wenn zeigen läßt, durchaus im Interesse der ,selbstsüchtigen Gene' lie-
es positive Funktion fur andere hat. Interessanter ist jedoch die gen; Hamilton hat hierfur den Begriff der ,Gesamtfitness' geprägt. 6r
Entdeckung, daß das Gehirn von sich aus drogen-ähnliche Stoffe Sodann: Wenn Religionen, oder jedenfalls die Kerngruppen
produziert, Endorphine, die vor allem in kritischen Situationen bestimmter Religionen, aus dem ,Überlebenskampf auszusteigen
die Schmerzwahrnehmung blockieren können. Dies ist funktio- scheinen und sich mit einem absoluten Minimum an Gütern be-
nell, ist unmittelbar hilfreich zum Durchhalten - und in dieser gnügen, so kann das Vermeiden des Verteilungskampfes mit all
Fähigkeit übertrifft der Mensch ganz ohne Zweifel alle anderen seinen Risiken eine gute Strategie des Überlebens sein und eine
Lebewesen. Sogenanntes Opium kann gerade als Illusion zum sehr dauerhafte Nischen-Existenz begründen. Das Leben des As-
Überlebensfaktor werden. Sollte also die eigentliche ,Fitness' der keten beseitigt den Neid der Mitmenschen, ja löst etwas wie einen
Religion gerade hier zu finden sein, als Chance, wahrhaft hoff- Fütterungs-Effekt aus. Obendrein profitiert die Gesamtgesellschaft.
nungslose Katastrophen zu überwinden? Die Überlebenden der Wenn etwa gar das Prinzip gilt, daß die Alten nach Abschluß des
Katastrophe sind die davon geprägten Träger der Religion, wie aktiven Lebens Asketen werden sollten, wie dies in Indien teil-
der bekannteste, weit verbreitete Katastrophenmythos festhält, die weise der Fall ist, dann ist das eine sehr günstige Lösung des Al-
Sintfluterzählung: Als fester Grund wieder gewonnen ist, wird das tersproblems.
Opfer begründet. 58 Nun fillt aber gerade aus der Sicht der alten Religionen zwei-
Im Vordergrund aber muß doch das alltäglich-realistische Wir- erlei auf: Wir finden fast durchweg die Bindung der Religion an
ken von Religionen bleiben. Und eben da scheint ihre ,Fitness' die reale politisch-militärisch-wirtschaftliche Macht, und betont
problematisch. Fast alle Religionen proklamieren Verzicht, viele wird immer wieder die Sorge fur den Fortbestand der Familie. Es
den radikalen Verzicht, den Verzicht auf Erfolg, oder jedenfalls auf ist die Religion der Mächtigen, die uns fur den Hauptteil der Re-
die üblichen Güter der Welt. Dies gilt nicht nur furs Christentum, ligionsgeschichte vor Augen steht. Hauptakteure alter Religionen
sondern besonders fur den Buddhismus. Das Christentum preist sind die Könige und die sonstige Obrigkeit. Die Chance der Bin-
seit seinen Anfängen den Altruismus bis zur Selbstaufopferung, ja dung an die Staatsrnacht wurde auch vom Christentum bald genug
das Martyriuln; auch an islamischen Märtyrern fehlt es nicht. Auch _ergriffen, und es hat diese Allianz zumindest in Europa bis heute
sonst gibt es Beispiele von selbstzerstörerischem religiösem Ver- nicht ganz aufgegeben. Uns ist schmerzlich bewußt, daß das
30 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion a~if biologischer Spur 31

christliche Europa eine welterobernde Macht gewesen ist, daß verdoppeln und so im Lauf von raa Jahren um den Faktor 40 an-
Usurpatoren und Könige wie Konstantin, Chlodwig, Karl der wachsen konnte. 64 Bis heute ist die römisch-katholische Kirche
Große seine Grenzen abgesteckt haben. Erst recht beansprucht der mit dem Islam einig in der starren Opposition gegen Geburten-
Islam, Gesetz, soziale Ordnung und Staat unter das Gebot Allahs kontrolle. Sind es die ,selbstsüchtigen Gene', die durch die Gebote
zu stellen, und verankert so die eigene Existenz und Expansion an von Moses und Allah am Werke sind? Der Sonderweg der Juden
höchster Stelle. hatte zur Folge, daß sie allein unter vielen verschleppten Völker-
Doch gerade auch vor und außerhalb von Christentum und Is- schaften die Katastrophe der ,Babylonischen Gefangenschaft' ohne
lam war man mit der Macht nicht zimperlich. Polybios meinte bei Identitätsverlust überstanden; dabei kam zu dem unbedingten As-
seiner Analyse der römischen Herrschaft, es sei die Religion oder similationsverbot, das auch Mischehen ausschloß, auch zugleich
eigentlich der Aberglaube, der in Rom "alles zusammenhalte", das strikte Verbot all jener Institutionen, die bei allen anderen der
denn mit dem unendlichen Ritualismus hielten die Mächtigen die längst als notwendig erkannten Geburtenkontrolle dienten, Kin-
Masse bei der Stange, mittels ,Götterfurcht'. Noch ungenierter deraussetzung, Prostitution und Homosexualität. Die Religion der
schreibt ein assyrischer König, seine Statthalter sollten die Unter- Juden beinhaltet insofern ein soziobiologisches Programm. Seit
gebenen "die Furcht der Götter und des Königs" lehren. 62 Der dem Hellenismus gab es eine jüdische Bevölkerungsexplosion, die
ägyptische Pharao spielt seine zentrale Rolle als Inkarnation des zur Ausbreitung über den Mittelmeerraum und weiter nach Osten
Gottes Horos; auch der Kaiser von China war ein Sohn des Him- führte. Indem die Christen die jüdischen Moralgebote übernah-
mels. men, war auch ihr überproportionales Wachstum in der spätanti-
Erfolgreiche Religionen haben ihre Macht auch gerne benützt, ken Gesellschaft programmiert. Man hat 1918 den Staat Libanon
rivalisierende Religionen und dissidente Gruppen gewaltsam zu mit einer christlichen Mehrheit geschaffen; die unterschiedliche
unterdrücken. Christentum und Islam sind zu Weltreligionen ge- religiöse Moral führte dann dazu, daß die islamische Bevölkerung
worden, indem sie die älteren Formen des ,Heidentums' systema- binnen zweier Generationen zur Mehrheit wurde. Die daraus fol-
tisch ausgerottet haben, und sie sind nicht bereit, Atheismus zu gende Katastrophe hat ihr Ende noch nicht erreicht.
tolerieren. Herrschende Religionen bieten ihren Anhängern of- ,Sozialdarwinismus' ist heute verpönt; doch daß es sozialdarwini-
fenbare Vorteile und machen ihren Gegnern das Leben schwer. Sie stische Effekte auch in der Religionsgeschichte gegeben hat, ist
nehmen Einfluß vor allem auch auf die Erziehung und entwickeln damit nicht ausgeschlossen.
dadurch eine soziale Dynamik, die durchaus Auslesefunktion an- Und doch besagt all dies noch nicht, daß solche historisch-
nimmt: Nur der sich Anpassende wird akzeptiert, der Unange- biologischen Prozesse und Konflikte ein Spiel der Gene sind. Eine
paßte fillt aus, wird ausgestoßen. Für ein in seiner Persönlichkeit gegenseitige Beeinflussung von Religion und Genen nachzuweisen
nicht-religiöses, gegen Religion rebellierendes Kind dürfte dann scheint eher hoffnungslos. Die religiöse Gemeinschaft der Juden
ganz buchstäblich keine Lebenschance bleiben; Gottfried Keller lebt nach ihren Regeln seit etwa 2500 Jahren; doch jüdische Gene
hat dies in der Erzählung vom Meretlein, dem ,Hexenkind' , dar- sind nicht nachgewiesen. Die römisch-katholische Kirche besteht
gestellt. 63 Das religiöse Kommunikationssystem mit seinem Ernst- seit bald 2000 Jahren mit einer Elite, die ausdrücklich auf die bio-
anspruch fordert und belohnt die Anpassung und disqualifiziert logische Fortpflanzung verzichtet und der biologischen Ver-
Abweichler. So ließe sich die Ausbreitung von Religion als ein so- wandtschaft, dem ,Nepotismus', allenfalls eine untergeordnete
ziobiologischer Feldzug darstellen, der über die Auslese zur Aus- Rolle beläßt. Was umso mehr bewußt vorangetrieben wird, ist die
merzung der ,anderen' führen mußte. religiöse Erziehung mit den Chancen des Aufstiegs aus der Unter-
Dabei widmen viele Religionen der durchaus diesseitigen, rea- schicht zur Priester-Elite.
len Fortpflanzung besondere Aufinerksamkeit. Man hat beobach- Umgekehrt gibt es eine in mehrere Religionen integrierte In-
tet, wie eine christliche Sekte, die optimale Bedingungen für Kin- stitution, die sich ausdrücklich mit der Sexualität befaßt, die seit
derreichtum schafft, die Hutterer in Kanada, sich in je 20 Jahren Jahrtausenden praktiziert wird und doch auf die Genbahn nicht die
32 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 33

geringste Wirkung ausübt: die Beschneidung. Sie beeinflußt die Belege für Inzestvermeidung bei allen höheren Tieren fanden. 69
Lebens- und Fortpflanzungschancen nicht mehr als die Entschei- Der Auslese-Vorteil der Regel ist klar; Inzucht ist bedenklich.
dung, Schweinefleisch zu essen oder zu meiden. 65 Beides charak- Umso vertrackter wird die Frage, wie die Empfehlung der Genetik
terisiert die Zugehörigkeit zum Judentum oder auch zum Islam,66 je ins menschliche Bewußtsein treten konnte, wo sie als spontanes
das eine in unwiderruflich-geheimer, das andere eher in alltäglich- Gefühl einerseits, als explizit formuliertes Gebot andererseits auf-
auffälliger Weise. Weder mit dem einen noch mit dem anderen tritt. Haben sich unter zufällig gewählten Regeln diejenigen, de-
wirkt Religion auf genetischem Niveau. nen der Zuchterfolg folgte, durchgesetzt? Doch der Effekt wird
Als Gegenprobe mag eine Reflexion auf Sexualität überhaupt erst in längerer Generationenfolge manifest und liegt damit jenseits
am Platze sein. Sexualität ist ein menschliches Phänomen, bei dem des individuellen Erfahrungshorizontes. N orbert Bischof hat dem
der biologische Hintergrund und die biologische Funktion ganz ,Rätsel Oedipus' eine eindringliche Untersuchung gewidmet;70 am
außer Frage stehen. Zwar ist es im Geist der Postmoderne üblich Ende bleibt vor allem eine Metapher: Soziale Verhaltensregeln, die
geworden, auch Sexualität vor allem in ihrer kulturellen Prägung sich bewähren, müssen "in die Landschaft passen".
zu studieren, ja als kulturelle ,Erfindung' zu deklarieren;67 doch die
Variationen in Praxis und Beurteilung sind eher geringfügig ange- Religion ist ein Phänomen höchster sozialer Relevanz, gewiß auf
sichts der weltweit überwältigenden Einheitlichkeit. Überall und biologischer Grundlage - darauf weisen die interkulturelle und
zu allen Zeiten werden menschliche Wesen in der Phase der Pu- diachrone Familienähnlichkeit und eine Palette von starken
bertät eine vita nuova an sich selbst erfahren, neue Gefühle, neue ,religiösen Gefühlen' - und doch schwer in seinen Funktionen
Verhaltensweisen, oft selbstentdeckt, oft vorübergehend als per- festzumachen, zumal es stets in kultureller Ausprägung erscheint.
sönliches Geheimnis gehütet, und doch fast immer einmündend in In diesem Zusammenhang empfehlen sich Überlegungen zum
das ,natürliche', allgemein übliche Verhalten. Die kulturel1- wichtigsten universale der Anthropologie, zur Sprache: Kein Zwei-
pädagogischen Bemühungen, Sexualität zu unterdrücken oder fel, Sprache wird innerhalb der je besonderen Kultur erlernt, von
entscheidend zu modifizieren, scheitern zumeist in flagranter frühester Kindheit an, mit einer dem Lebenskreis angepaßten Se-
Weise. Das biologische Programm entwickelt sich nach geneti- mantik und jener spezifischen Phonologie und Rhythmik, die
scher Vorgabe, wenn auch zuweilen mit Aufbaufehlern, ein Pro- später Lernenden so große Schwierigkeiten bereitet. Dabei ist
gramm, das über die Menschwerdung unendlich weit zurück- Sprache in eine ununterbrochene Traditionskette eingebunden: So
reicht. Daß die Biologie hier das Verhalten steuert, ist nicht im sehr sich Einzelsprachen im Lauf der Zeit ändern, auseinanderent-
Ernst zu bestreiten. Daß Religion in ähnlicher Weise spontan zu- wickeln, überlagern können, so ist doch Sprache als solche niemals
stande kommt und zur Äußerung drängt, ist nie gezeigt worden. neu erfunden worden;7 1 alle Sprachen dürften auf einen gemein-
Der Schluß drängt sich auf: Es gibt keine ,religiösen Gene'. samen Ursprung zurückgehen, der freilich mindestens 40000 Jahre
Ein komplexes Ineinander von Natur und Kultur läßt sich an zurückliegt und darum nicht rekonstruierbar ist.72 Sprache ist spe-
einem anderen universale der Anthropologie illustrieren: dem In- zifisch menschlich, auch wenn Schimpansen und Bonobos im
zesttabu. Hier handelt es sich um ein kulturell-soziales Gebot, das Umgang mit Menschen erstaunlich weit in Sprachverständnis und
unmittelbar die biologische Fortpflanzung betrifft, das nicht selten Sprachgebrauch vorankommen.7 3 Unbestreitbar ist aber auch, daß
auch in religiöse Dimensionen hineinragt, indem es im Mythos Sprache ihre genetischen Grundlagen hat, daß hier Unterschiede
problematisiert und von religiöser Autorität bekräftigt wird. Daß zu den nächstverwandten Primaten bestehen; sie betreffen im phy-
das Inzesttabu als universale in praktisch allen menschlichen Gesell- siologischen Bereich den ganzen Apparat der Lauterzeugung,
schaften gilt, ist seit langem bemerkt worden. Man nahm es als Kehlkopf, Stimmbänder, Gaumen und Zunge. Unbestreitbar ist
Merkmal der Kultur, und Claude Levi-Strauss entwickelte aus dem nicht minder die Auslesefunktion, die Sprache in menschlicher
Frauentausch ein Modell für Austausch überhaupt, ja für binäre Gesellschaft längst angenommen hat: Ein Kind, das nicht sprechen
Logik. 68 Da war es überraschend, als Biologen mehr und mehr lernt, gilt als Idiot und fällt aus, früher in weit härterer Form als
34 1. Sinnkonstruktiol'l auf biologischer Spur 1. Sil'lnkol'lstruktion auf biologischer Spur 35

heutzutage. Hier also haben sich evidentermaßen der Fortschritt haken: Nicht der Fortschritt, nicht die ,Erfindung' ist biologisch
der Kultur und die Selektion der Gene gegenseitig beeinflußt - ein erklärbar, wohl aber die Rückwirkung auf diejenigen, die nicht
Musterfall der soziobiologischen These. Sprache ist und bleibt ein mithalten konnten. Eine Veränderung, eine Erfindung kann einer
kulturelles Phänomen, das doch genetische Veränderungen mitbe- vorhandenen Differenzierung eine neue Dimension geben. Denk-
stimmt hat und jetzt von der veränderten genetischen Basis getra- bar ist, daß eine biologisch-genetische Besonderheit den Nean-
gen wird; jedes Kind fängt an zu lallen und muß doch Sprache von dertaler hinderte, ein neuartiges kulturell erlernbares Verhalten
neuem erlernen. Die glatte Antithese von ,Natur' und ,Kultur' mitzumachen, und daß er darum ausschied. Insofern wird in die-
verwandelt sich hier in eine sehr viel kompliziertere Verfugung. sem Fall die Soziobiologie gerade hier auf dem einzigartigen
Die postulierte soziobiologische Entwicklung strotzt trotzdem Überlebens-Vorteil der neuen Kulturstufe rur homo sapiens sapiens
von Problemen und ist nicht historisch festzumachen. Es ist unklar, bestehen: Er präsentiert sich seither als homo loquens, als homo artifex
wann und wie im Rahmen der Evolution Sprache entstanden ist, und eben auch als homo religiosus. Der Triumph der Theorie frei-
auf welchen Stationen über homo habilis, homo erectus, homo sapiens. lich ist zugleich ihr Fall: All dies liegt so weit zurück in der Prähi-
Es gibt die These, noch der Neandertaler sei zu artikulierter Spra- storie, daß detaillierte Verifikation so gut wie ausgeschlossen bleibt.
che der menschlichen Art nicht fähig gewesen. Jedenfalls scheint Religion zeigt sich immer mit Sprache verbunden; man kann
eine kulturelle Revolution vor etwa 40000 Jahren erfolgt zu sein, annehmen, daß sie an dem durch Sprache gebotenen Selektions-
ein ,großer Sprung nach vorn'; dies äußert sich nicht nur in neuer vorteil partizipiert oder diesen sogar mitbegründet hat. Und doch
Technologie, sondern besonders in einer neuen Art von Zeichen- ist zu beachten, daß zu Religion immer auch eine andere Form
gebung, die eine besondere Art darstellenden Denkens voraus- von ,Sprache' gehört, die älter sein kann als die artikulierte Spra-
setzt. 74 Es geht dabei auch, aber nicht nur um die Geburt der Bild- che, zumal es an Analogien im Bereich der anderen Tiere nicht
kunst, im Kontext allgemeinerer Formen von Markierungen, die fehlt: Dies ist das Ritual, im Sinn fester Verhaltensprogramme, die
Klassifizierungen, Kategorisierungen andeuten. Das gab es vorher sich durch Wiederholung und Übertreibung auszeichnen und we-
nicht in dieser Weise. Man kann Kunst als ein Verfahren bezeich- niger pragmatische als kommunikative Funktionen haben. 79 Ri-
nen, Wahrnehmungsobjekte zu ,etwas Besonderem' zu machen, in tuale können vom Ernstcharakter geprägt sein, und sie spielen in
eine gewisse Spannung zu setzen zum Alltäglich-Vertrauten und dieser Form auch in den modernen Varianten von Religion eine
damit neue Aspekte rur eine gemeinsame Vorstellungswelt zu hervorragende Rolle. Rituale lassen sich ohne Wortsprache durch
schaffen. 75 Daß menschliche Sprache danuls mit alledem Hand in Nachahmung erlernen, sie lassen sich in ihrer Anwendungssituati-
Hand ging, ist vernünftigerweise nicht zu bezweifeln. Dabei hat on verstehen und so auch von neuem einsetzen. Nun hinterlassen
sich herausgestellt, daß der ,moderne' Mensch, homo sapiens sapiens, Rituale nur selten archäologisch faßbare Spuren. Immerhin sind
in jener entscheidenden Epoche nicht, wie früher angenommen, Begräbnisriten bei Neandertalern nachgewiesen; 80 was irruner an
neu aufgetreten ist; er hat offenbar zuvor schon Zehntausende von ,Vorstellungen' damit verbunden war, ein geregeltes symbolisie-
Jahren in Koexistenz mit dem Neandertaler gelebt. 76 Aber eben rendes Verhalten liegt hier vor. Wir können uns ohne weiteres ei-
damals, vor etwa 40000 Jahren, zur Zeit der ,semiologischen Re- ne reichere Palette von vorsprachlichen Ritualen unter den frühen
volution', ist der Neandertaler in einem relativ kurzen Zeitraum Hominiden vorstellen,81 Jagdtänze und Kriegertänze, Tänze der
ausgestorben. Die Annahme liegt nahe, daß dies einem besonderen Geschlechterbegegnung, die sich noch heute gelegentlich als Balz-
Mangel an ,kultureller Fitness' zuzuschreiben ist, einer Unfähig- verhalten charakterisieren lassen, vielleicht auch ,Verehrung' un-
keit, die kulturelle Revolution der Zeichengebung mitzumachen. sichtbarer Wesen so gut wie die Ehrung von Toten. Man könnte
War es die Sprachunfähigkeit, die ihn zurückfallen ließ?77 Weil in dieser Weise einen KOlnplex vorsprachlicher Prä-Religion ent-
damals keine neue Art aufgetreten ist, hat man fonnuliert, "daß die werfen, der in gewissem Maße noch in unseren entwickelten Re-
Biologie die damals erfolgte kulturelle Revolution nicht erklären ligionen bewahrt ist, und all dies könnte, vor und dann mit der
kann" .78 Die soziobiologische Überlegung wird trotzdem hier ein- Wortsprache, die ,Fitness' des modernen Menschen in gegenseiti-
I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 37

ger Zusammenarbeit und damit auch in der Beherrschung der Dies heißt nicht, daß Gene die besondere Art rnenschlicher
Umwelt und im Fortpflanzungserfolg entscheidend vorangetrieben Kultur vorschreiben; evidentermaßen ist dies nicht der Fall. Doch
haben -leider bleibt es fast ganz bei der Vermutung, jenseits mög- bestimmte Empfehlungen sind vorhanden, in Gefühlen und wie-
licher Verifikation. derholten Erinnerungen, die immer wieder zu ähnlichen kulturel-
Die Chancen einer soziobiologischen Herleitung der Religion len Phänomenen führen. Man kann auch formulieren, daß der
liegen, wie sich nicht unerwartet, doch mit bestürzender Deut- biologische Hintergrund als ,Attraktor' wirkt, der im scheinbar
lichkeit ergibt, im Dunkel der Vorgeschichte. Es ist einleuchtend, Zufälligen bestimmte Formen in sich wiederholender Weise be-
Religion gleich der Sprache und der Kunst als eine Art Hybrid günstigt. Die vielgliedrige Kette von den Genen über den Phäno-
sehr alter biologischer und innovativer kultureller Traditionen zu typ zum kulturellen Verhalten wird sich wohl, selbst wenn es zur
verstehen. Jene langen Zeiträume über Tausende von Generatio- engeren Zusammenarbeit von Natur- und Kulturwissenschaftlern
nen sind hier gegeben, die bei anderen kulturellen Institutionen kommt, weder statistisch noch experimentell im Detail aufklären
problematisch bleiben; Dimensionen von ,Fitness' lassen sich kon- lassen. 83 Was der Kulturwissenschaftler seinerseits leisten kann, ist
struieren. Und doch, insofern die Möglichkeiten der Verifikation der Aufweis von sich wiederholenden oder beständigen, nahezu
fehlen, verliert eine Hypothese ihren Sinn. Gerade insofern Sozio- universellen Verhaltensformen, zu denen insbesondere auch reli-
biologie auf präzisen Parametern mathematischer Modelle besteht, giöses Verhalten gehört. Des weiteren wird sich immer wieder
kann sie in der Prähistorie nicht befriedigend eingesetzt werden. zeigen lassen, daß gerade zu diesen Formen Analogien in tieri-
Wir verharren bei allgemeinen Wahrscheinlichkeiten und mehr schem Verhalten bestehen. Dies läßt vermuten, daß die eigentliche
oder minder gelungenen Aper~us. ,Erfindung' im Rahmen der Biologie zu sehen ist. Mit anderen
Es bleibt die Metapher der ,Landschaft'. Eine Landschaft ist von Worten, gewisse Einzelheiten und Sequenzen in Ritualen, in Er-
weit zurückliegenden geologischen Ereignissen geformt; sie be- zählungen und Phantasien sind Widerhall von ursprünglicheren
stimmt, in welcher Weise das Wasser Flußläufe und Seen bildet, Prozessen in der Entwicklung des Lebens. Um sie zu verstehen,
sie beeinflußt das Wetter. Kunstbauten können ihr angepaßt oder sollte man sie weder isolieren noch in speziellen kulturellen Kon-
auch zuwider sein. Wie die Landschaft ihren Einfluß auf einen Ar- text setzen, sondern nach dem umfassenderen Zusammenhang fra-
chitekten ausüben kann, ist die Frage. 82 Wenn denn ,natürliche gen, in dem sie sich 'entwickelt haben.
Religion' in die allgemeine Geschichte der Evolution hineinge- Das Problem der Soziobiologie in Bezug auf Sprache, Kunst
hört, so hat sie sich jedenfalls nicht im leeren Raum entwickelt, und Religion wird weithin offen bleiben. Man sollte dabei beden-
sondern in einer biologischen Landschaft, die längst für das Leben ken, daß es sich nicht um eindimensionale Prozesse handelt, so daß
und vom Leben her gestaltet war. Starke Gefühle, Vorlieben und auch die Antwort nicht in einer einzigen Formel zu finden ist. Ei-
Ängste dürften diese Landschaft reflektieren. Dann ist sie es, die ne Vielzahl von Faktoren muß in der Evolution zur Wirkung ge-
dem Verhalten und den Gefühlen ihre Stabilität gibt. kommen sein, vielerlei Funktionen bestehen noch heute neben-
Um eine andere, modernere Metapher zu gebrauchen: Kultur, einander und lassen sich verschieben, vermehren und weiterent-
wie sie vor allem sprachlich in Lehr- und Lernprozessen weiterge- wickeln. Doch bleibt eine ,natürliche' Landschaft, von der sich
geben wird, ist gleichsam die ,Software' der Menschheit; sie läßt selbst der Postmoderne nicht emanzipieren kann.
sich beliebig kopieren und leicht transportieren, trotz ihrer Kom-
plexität; diese beruht ihrerseits auf einer langen ,Entwicklung' und
Ausarbeitung, die kaum ein zweites Mal unternommen wird. Die Die gemeinsame Welt: Reduktion und Validierung
Frage ist, inwiefern die ,Software' willkürlich gewählt und verän-
dert werden kann oder doch an Festlegungen der ersten Program- Religion als ,Hybrid' von Natur und Kultur verlangt den Zugang
me gebunden bleibt, Wirkungen der ersten Herstellung, die der ,auch von der anderen, der kulturellen Seite her; daß dies auf vor-
ursprünglichen Konstruktion der ,hardware' entsprochen hat. kulturelle Bedingungen zurückführt, sei als These vorangestellt.
1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstmktion auf biologischer Spur 39

Als das entscheidende Merkmal des Menschen, als differentia specijica Tradition gebunden; sie übernehmen die geistige Welt ihrer El-
der Menschen-Definition, wurde schon in der Antike die Sprache tern, bearbeiten sie neu und geben sie an andere, besonders Jün-
erfaßt: Der Mensch ist das ,sprachliche Lebewesen', zoon logikon. 84 gere weiter. Wer von dieser Kette gelöst ist, riskiert übergangen zu
Wir können, auf den Spuren des Aristoteles, in der Evolution le- werden.
bender Wesen einen fortschreitenden Erfolg in der Beschaffung Religion als Form von Interaktion und Kommunikation gehört
und Bearbeitung von Informationen über die Umwelt feststellen. 85 zur kulturell-sprachlich bestimmten geistigen Welt; kraft ihres
Mit der Entwicklung eines Nervensystems stiegen die Chancen des Ernstcharakters beansprucht sie sogar eine bestimmende Rolle. Das
Lernens, insofern das Individuum Informationen aus eigener Er- Problem der ,natürlichen' Religion stellt sich damit in neuer
fahrung speichern und sein Verhalten dementsprechend ändern Weise: Wie und warum ist es dazu gekommen, daß in dieser ge-
kann. So gebildete ,software' bleibt freilich an die ,hardware', an meinsamen Welt, die von der Sprachtradition geformt ist, Provin-
den einzelnen Organismus gebunden und geht mit ihm zugrunde. zen jenseits normaler Erfahrung existieren, die sich anmaßen, auf
Nur die Gene können Information, die sich der Anpassung dien- Kommunikation und Verhalten bestimmenden Einfluß zu neh-
lich erwies, weitertragen. Um die Abkapselung des Individuums men? Ist dies ein Nebenprodukt, ein Hall-Effekt, ein mißbräuchli-
zwischen Entstehung und Tod aufzubrechen, bestehen immerhin cher Opium-Effekt, oder umgekehrt eine apriori-Bedingung fur
gewisse Möglichkeiten der Kommunikation, des Weitergebens eine gemeinsame Welt?
von Information an andere, die davon lernen. Man kann von An- Alt ist der Verdacht, Religion sei vorwiegend Täuschung,
sätzen zu einer ,kulturellen Tradition' sprechen, die freilich, bei trickreiche Vorspiegelung des nicht Beweisbaren durch diejenigen,
allem Abstand von der Amöbe bis zum Primaten, doch selbst bei die davon profitieren. Täuschung und ,Lüge' gibt es im Bereich
Schimpansen rudimentär bleibt. Hier hat erst die Sprache den un- der Lebewesen längst vor dem Auftreten des Menschen. 86 Umso
erhörten Fortschritt gebracht: Von nun an wird Information nicht größer sind die Chancen dafur mit der Erfindung der Sprache ge-
nur individuell erworben, bearbeitet und gespeichert, sondern na- worden. Informationen lassen sich verbergen, verschweigen, aber
hezu vollständig auf andere übertragbar. ,Parallelverarbeitung' stei- auch verdrehen und verfälschen. Im Bereich des nicht Nachprüf-
gert die Leistung des Systems. Dabei übernimmt die sprachliche baren scheinen die Möglichkeiten dazu ins Ungemessene zu
Interaktion, gewissermaßen parallel zu Wahrnehmungsnerven und wachsen. Man hat sogar bei einigen Affenarten beobachtet, wie
motorischen Nerven, die doppelte Aufgabe von Feststellung und ein einzelner, gestört durch einen Eindringling, angestrengt in eine
Befehl. So werden einerseits die Quellen der Information verge- Ecke starrt und Alarmrufe ausstößt, als wollte er sagen: ,dort in der
sellschaftet, andererseits greifen die Ergebnisse komplexer Verar- Ecke ist ein Gespenst'. 87 So läßt der andere sich ablenken; eine di-
beitung auf die anderen über. Im gegenseitigen Austausch werden rekte Auseinandersetzung wird vermieden. Sollte der Entwurf von
die Informationen und Programme immer neu kopiert und er- Religion ein ähnlicher Trick der Ablenkung sein? Doch selbst bei
weitert, so daß sie von individueller ,hardware' unabhängig wer- Affen wird ein solcher Trick sich sehr rasch abnutzen; daraus wird
den. Der Tod des Individuums ist bedeutungslos fur die kulturelle kein Bestandteil einer dauerhaften Erfahrungswelt. Priestertrug ist
Tradition; die Totenehrung bekräftigt, was ,tradiert' worden ist. möglich, wo Religion existiert; doch kann er nicht aus eigener
Neben die potentielle Unsterblichkeit der Gene tritt die Unver- Kraft Religion erschaffen.
gänglichkeit des ,Paideuma'. Wesentlicher ist wohl die Überlegung, daß in die sprachlich
Was damit ins Dasein tritt, ist die gemeinsame geistige Welt, die geformte gemeinsame Welt das Ungeprüfte, Über-Empirische mit
jeder Kultur eigen ist. Sie ermöglicht nicht nur gemeinsames Han- Notwendigkeit eintritt und sich akkumuliert. Die gemeinsame
deln und gemeinsames Fühlen, wozu Gruppen von Lebewesen Welt wird in der Interaktion vieler verschiedener Individuen auf-
auch zuvor schon in gewissem Maße imstande waren, sondern gebaut und ständig umgebaut. Übertragen werden sprachliche
gemeinsame Gedanken, Ziele, Begriffe und Werte. Alle Menschen . Zeichen, deren ,Referenz' zu bestimmen bleibt; oft wird sie durch
sind durch diese ,Erfindung' an eine ununterbrochene Kette der den Kontext, durch vorangehendes Wissen, durch Zusatzinforma-
4° 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 41
tionen oder auch erst durch nachträgliche Erfahrung festgelegt. So rer, gegensätzlicher Prozeß in Funktion treten: Die geistige Welt
können Zeichen auch vorläufig unbestimmbar bleiben, geheimnis- muß reduziert, muß vereinfacht sein. Die bloße Akkumulation
volle Wörter und Namen, die auf spätere Verdeutlichung warten. von Daten, die in die persönliche Erfahrung einströmen und durch
Lernen, vor allem kindliches Lernen läuft der Erfahrung weit vor- Lernen festzuhalten sind, würde rasch jedes Speichersystem über-
aus; diese mag im Lauf eines Lebens schließlich eintreten, sie kann fluten und sprengen. Eine mitteilbare, tradierbare geistige Welt
aber auch ganz ausbleiben. Die Sprache bezeichnet mit selbstver- muß darum drastisch kondensiert sein. In der Tat arbeitet schon
ständlicher Leichtigkeit, was weit entfernt ist, was vergangen ist die Sprache stets in dieser Weise, indem sie Vielfältiges unter ein
oder noch in der Zukunft liegt. 88 Sie schafft damit beständig Ge- Wort stellt und so vereinheitlicht; dazu kommt die Metapher, die
genstände jenseits des Verifizierbaren. Träume, Phantasien, be- durch zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten das Zeichensystem in
wußte Erdichtung gewinnen ihren Platz in der geistigen Welt, Grenzen hält. Doch auch die logischen Funktionen überhaupt
evidente Bereicherungen mit durchaus wichtigen Funktionen, in- schaffen Ordnung durch Reduktion, mit Negation, Klassenbil-
dem sie gestatten, Auseinandersetzungen und Probleme gleichsam dung, Analogie.
im Leerlauf durchzuspielen, Lösung und Bewältigung vorzuberei- Hier kommt die Rolle der Religion von neuem ins Spiel. Ni-
ten und zu erleichtern. Man kann über alles dies sprechen: So bil- klas Luhmann hat in seinem Buch Die Funktion der Religion als ei-
den sich im Prozeß der Kommunikation notwendigerweise Pro- gentliche Leistung, durch die ein System in seiner Umwelt Sinn
vinzen einer gemeinsamen Welt jenseits direkter Erfahrung aus. herstellt, die ,Reduktion von Komplexität' herausgearbeitet. 94
Niemand hat den Phönix gesehen, doch alle wissen von ihm. 89 Dies leiste insbesondere die Religion, indem sie Orientierung in
Übrigens können gerade Mißverständnisse ein faszinierendes Ei- einem sinnvollen Kosmos bietet, während unbegrenzter Komple-
genleben als geheimnisvolle Namen entwickeln; im Bereich von xität nur Hilflosigkeit gegenüberstehen kann. Manche Religionen
Religion und Mythologie kommt dies gar nicht selten vor. 90 gehen radikaler als andere vor in solcher Reduktion. Ein dualisti-
Eine besondere Rolle kann dabei den real existierenden Ritua- sches System etwa, das sozusagen zwei Behältnisse fur jedes er-
len zufallen, jenen stereotypen Verhaltensweisen, die vom direkt- fahrbare Phänomen bereitstellt, liefert eine Vereinfachung der
pragmatischen Bezug losgelöst sind: Sie scheinen auf überempiri- Realität, die manchem als hilfreich erscheint. Doch auch die
sche Partner zu verweisen. 91 Dazu kommt die darstellende Kunst, Konstruktion von Hierarchien und der Entwurf von Kausalbezie-
die parallel zur Sprache seit dem Jungpaläolithikum auftritt. Vom hungen reduziert Komplexität. Erst recht scheint es nicht zufällig,
Künstler geschaffene Bilder können Allbekanntes wiedergeben, daß spekulative Theologie immer wieder auf allgemeinste und
Bisons, Pferde und Mammuts; aber es gibt auch früh schon Bilder, zugleich einfachste Begriffe zielt: Die eine Ursache, das Sein
denen kein direkt erfahrbarer Gegenstand zugeordnet ist; dem überhaupt, das Eine. 95
Fremden bleibt die Bedeutung rätselhaft, die doch in sprachlicher Man kann weitere Gedankengänge entwickeln, wonach Religi-
Tradition sich problemlos angeben läßt. Wir alle haben Bilder von on ,gut zu denken' ist. 96 Die Einfuhrung eines überempirischen x
Engeln, von Drachen, vom Phönix gesehen und daher die ent- scheint die unstimmigen Gleichungen des Lebens lösbar oder zu-
sprechenden Begriffe und Vorstellungen. Für Frühgeschichtliches mindest akzeptabel zu machen. Herrschaft erscheint weniger drük-
bleiben die Interpretationen kontrovers, etwa beim ,Zauberer' der kend, wenn der Herrscher seinerseits seinem Gott sich unterstellt. 97
Höhle von Trois Freres: 92 Schamane oder Gott? Ähnliche Unsi- Die ungerechte Verteilung der Lebensgüter und Ressourcen kann
cherheit gilt auch bei den korpulenten Frauenstatuetten der V or- durch ein transzendentes Gaben-System ausgeglichen werden. 98
zeit: eine Große Göttin?93 Hinweise liegen vor, die über das Er- Leidvolle Erfahrung scheint erträglicher, wenn die bohrende Frage
fahrbare hinausfuhren, auch wenn wir die geistige Welt der Paläo- des ,Warum' eine letzte, wenn auch unüberprüfbare Antwort fin-
lithiker nicht in deren Sprache rekonstruieren können. det. Das Transzendente unterbricht die geschlossene Kette des
Wenn denn jene überempirischen Provinzen in der gemeinsa- . ,wirklichen' Geschehens, die keinen Ausbruch, keine Hoffnung
men Welt ihren Platz behaupten, so muß doch zugleich ein ande- zuzulassen scheint - was zugleich heißt, daß das Religiöse, Göttli-
42 I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur I. Sinl1konstruktion auf biologischer Spur 43

che immer einen Charakter des nicht Integrierten, des ,Anderen' Was in der Religion bewußt vorangetrieben wird, ist prägende
trägt und auch insofern einem System von Kultur nicht restlos ein- Erziehung. Denn daran besteht kein Zweifel: Religionen werden
gebunden sein kann. von Kind auf gelernt, sie werden durch Mitmachen von Ritualen
Wenn Götter oder der eine Gott als ,unsterblich' und zeitlos, als und zugleich durch ausdrücklich veranstaltete Lernprozesse wei-
Schöpfer von Welt und Menschen, als Ziel menschlicher Bestim- tergegeben. Die Familientradition spielt dabei häufig eine ent-
mung gilt, sind Grundkategorien des Denkens überhaupt in die scheidende Rolle, doch gibt es auch vielfältige individuelle Moti-
Prädikate des Göttlichen eingegangen, Sein, Kausalität, Teleologie. ve, diese oder jene Wahl zu treffen; es gibt Trends, ja Moden. Die
Solche apriori-Kategorien bedürfen allerdings nicht notwendiger- Frage bleibt, was die Verfestigung zum absoluten Ernst des Reli-
weise einer Verankerung in einer Metaphysik, jenseits von Physik giösen vorantreibt.
und Biologie. Die ,evolutionäre Erkenntnistheorie' hat die Bedin- Geht man vom Zustandekommen individueller Religion in ei-
gungen des Denkens ihrerseits an die biologische Evolution zu- nem Lernprozeß aus, stellen sich drei Möglichkeiten zur Wahl, die
rückgebunden: Sie haben sich entwickelt durch ihren Erfolg im "einzigartig realistische" Wirkung religiöser Botschaften zu erklä-
Umgang mit der ,objektiven' Welt. 99 Daß sie jenseits der Erfah- ren. Daß diese akzeptiert, dauerhaft verinnerlicht und als vorrangig
rung sich ungehemmt entfalten, ist kaum verwunderlich. Dabei anerkannt werden, kann an der Besonderheit der Botschaft liegen,
schafft insbesondere der geistige Kunstgriff des Selbstbezugs un- oder an einer einzigartigen Weise der Vermittlung oder aber an
endliche Reihen, über alle Empirie hinaus. In manchen Sprachen einer besonderen Organisation des Empfängers selbst. All diese
vermag der Superlativ dies auszudrücken: Gott ist der Stärkste, der Möglichkeiten sind ebenso diskussionswürdig wie kontrovers; sie
Höchste, der Erste und der Letzte. Aufgabe ist, das unerreichbare schließen einander keineswegs aus.
Extrem zu denken, und damit das ,Absolute'. Eine raffiniert moderne These sucht die Faktoren der Stabilität
in der Botschaft selbst; dies ist der Zugriff des Strukturalismus: I03
Doch bei all solchen Überlegungen über die Voraussetzungen und Gewisse Entsprechungen, Proportionen, Gleichungen auf dem
Funktionen religiöser Begriffe in einer geistigen Welt bleibt die Niveau der Bedeutungen sollen sich gegenseitig erhellen, präzisie-
Frage, was die besondere Energie, den ,Ernst' des Religiösen aus- ren und dadurch festmachen; so arbeite die je besondere Tradition
macht. "How to validate the existence of a purely imaginary einer kulturellen Gemeinschaft, einschließlich ihrer Rituale und
world?" - so hat Richard Gordon einmal diese Frage formuliert. IOD Mythologien. Man könnte nletaphorisch von ,Resonanzen' spre-
Der Trick vom ,Gespenst in der Ecke' erschöpft sich schnell. chen, die in der Botschaft enthalten sind und sich gegenseitig ver-
Mißtrauen gegen das, was andere einem erzählen, ist allgegenwär- stärken. Dies kann insbesondere auch von den Ritualen gelten, die
tig und sicher alt. Es gibt das Vergessen, das immer neuen ,Stoffen' mit der religiösen Botschaft einhergehen: Sie nehmen den einzel-
Platz macht, es gibt bewußtes Verbergen und Irrefuhren. So hat nen in eine Welle der Resonanz hinein. Ist Religion überhaupt
denn jedes Individuum schließlich seine sehr persönliche Auswahl eine Form mental-kommunikativer Resonanz, Selbstverstärkung
an Stücken, die ihre oder seine ,geistige Welt' konstituieren. W 0- affektiver Rhythmen in einem kulturellen System, die darin, ob
her kommt die Autorität, die mit dem Wichtigen zugleich das funktional oder nicht, entstehen und sich erhalten, um integraler
Gemeinsame konstituiert? Sind die Möglichkeiten der Mythen, Bestandteil einer ,Kultur' zu werden? Es käme dann freilich darauf
Legenden, Märchen unbegrenzt? Doch Götter sind nicht eine an, über die Metapher hinauszugelangen zu einer präziseren Be-
,Chimäre' neben anderen Fabelwesen. IOI . Woher kommen die schreibung dessen, was da vorgeht. I04
Ansprüche, die Forderungen, die Drohungen der Religion? Von der Biologie her bietet sich eher das Modell der ,Prägung'
Braucht die Sprache, als ein System der Zeichengebung, von sich an. ,Prägung' freilich ist ein sehr spezielles, begrenztes Phänomen,
aus einen letzten Zeichensetzer, einen absoluten signator, der Sinn an ganz bestimmte Situationen und Entwicklungsphasen gebun-
und Bedeutung garantiert?I02 Oder sind außersprachliche Vorgaben . den; mit anderen Worten, es gehört ganz zur ,Landschaft' einer
und Prozesse am Werk? festgelegten Spezies. Konrad Lorenz' Muster war das frisch ge-
44 I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur I. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 45

schlüpfte Entenkücken, das das nächste Lebewesen, mit dem es eine starke Stütze ihrer eigenen Autorität finden. Schon Platon hat
Kontakt aufnimmt, als seine ,Mutter' annimmt; dies ist dann un- beschrieben, wie Kinder es erleben, daß ihre Eltern im Vollzug re-
veränderlich festgelegt. ligiösen Handelns fur sie und fur sich selbst mit größtem Ernst sich
Zweifellos erfährt auch das menschliche Gehirn seine Festlegun- mühen, mit Göttern sprechen und sie anflehen - wer könnte da
gen gerade in den frühen Phasen. Auf die Rolle der frühen Kind- ZUlU Atheisten werden?107 Religion wird durch Autorität und
heitserfahrungen fur die Entwicklung der Persönlichkeit ist man Autorität durch Religion begründet, in einem sich selbst verstär-
seit langem aufmerksam geworden; nicht nur späteres Sexualver- kenden W echselprozeß. 108
halten wird so ,geprägt', auch sprachlich-rhythmische Kompetenz, Dabei geht Sprache in der Regel mit Ritualen zusammen; beide
auch politische Einstellungen,ros und gewiß auch religiöse Neigun- verstärken sich gegenseitig lO9 und bilden geistige Strukturen aus,
gen. Doch verläßliche Automatismen nach Art der Prägung eines die dann auch das Alltagsleben mitbestimmen. Auffällig ist dabei
Entenkückens haben sich bislang nicht finden lassen; daß gerade einerseits die Rolle der rituellen Wiederholung, andererseits die
religiöse Erziehung in drastischer Weise mißlingen kann, ist aus Angsterregung in mehr oder weniger drastischen Formen. Wie-
vielen Biographien bekannt. derholung ist eine Grundform von Lernen überhaupt; sie ist ein
Sucht man nach der besonderen Organisation des Empfängers definitorisches Element von Ritual. Kultur beruht auf dem kollek-
religiöser Botschaften, so ist es doch wohl allzu einfach, ein reli- tiven Gedächtnis, I10 das durch fortlaufende Aktionen lebendig er-
giöses Urwissen oder religiöse Urbilder innerhalb der menschli- halten wird, indem die Jungen in die Bräuche der Alten eingefuhrt
chen Seele zu postulieren. So hat earl Gustav Jung ,Archetypen' oder geradezu hineingeformt werden. Achtet man, mit Durk-
als Prädispositionen, bestimmte religiös-mythologische Vorstellun- heim, I I I auf ,kollektive Darstellungen', so werden eben diese
gen zu bilden, angesetzt; zu allgemeiner Geltung ist diese Hypo- durch regelmäßig wiederholte Zeremonien eingeprägt. Dazu ge-
these nicht gelangt. Man käme mit ihr zu einem Äquivalent der hören insbesondere jene Erscheinungsformen der Religion, die
,angeborenen Auslöse-Mechanismen', 106 wobei ganz bestimmte sich in einem Festkalender darstellen. Man tut, was immer schon
Verhaltensweisen durch Schlüsselreize ausgelöst werden, unabhän- so getan worden ist, und nimmt im Vollzug auch verbalisierte
gig von vorangehender individueller Erfahrung. Auch hier ist, was Lehre auf, Mythen, Geschichtslegenden. Besonders eindrucksvoll
Religion anlangt, Verifizierung kaum vorstellbar. wirken Tänze und Gesänge, indem rhythmische Wiederholung
Kein Zweifel besteht jedenfalls an der Übertragung von Religi- und Vereinheitlichung des Klangs zum großen kollektiven Erlebnis
on durch Lernprozesse. Man könnte sogar versuchsweise Religion werden.
als ein autogenes, sich selbst regenerierendes, seit unendlich langer Nun gibt es jedoch eine besondere Art des ,Lernens', die fast
Zeit fortgefuhrtes Traditions- und Erziehungssystem betrachten, unauslöschlich ist, die wie ,mit einem Schlag' erfolgt, auch ohne
das von Generation zu Generation Menschen so formt oder ver- Wiederholung: Sie erfolgt in der Schrecksituation. Jeder einzelne
formt, daß sie ihre Formung oder Verformung weitergeben. Daß wird ,unvergeßliche' Erinnerungen dieser Art mit sich herumtra-
beim kulturellen Lernen die Autorität der Eltern eine zentrale gen, Erinnerungen meist schmerzlicher, peinlicher Art. Neurolo-
Rolle spielt, ist evident. Alle höheren Lebewesen lernen von den gen haben festgestellt, daß es spezielle Nervenleitungen und eine
älteren; eine Besonderheit der menschlichen Gesellschaft ist die spezielle Verarbeitung von ,Angst-Lernen' gibt, ein ,Angst-
persönliche Rolle des Vaters, die zu einem besonders wichtigen, Gedächtnis';II2 Verhalten, das daraus resultiert, kann anderen als
wenn auch konfliktträchtigen Element vieler kulturellen Traditio- ,Aberglaube' oder als Neurose erscheinen. 113 Terror entwickelt
nen geworden ist. Daß Religionen meist explizit und nachdrück- keine intellektuellen Fertigkeiten, aber er hinterläßt Spuren. Durch
lich Rang und Ehrung der Eltern betonen, ist Tatsache; daß Gott Mißhandlung ,Lehren' zu erteilen, wurde und wird in mancherlei
als Über-Vater, Götter als Über-Eltern, einschließlich einer Zivilisationen bedenkenlos praktiziert. Man kann an bizarre lnitia-
,Großen Mutter' dargestellt und erlebt werden, ist uns längst ge- . tionsbräuche denken; I1 4 in europäschen Dorfgruppen kam es vor,
läufig geworden. Tatsache ist aber auch, daß Eltern in der Religion daß den Jungen die Lage der Grenzsteine des Gemeindeterritori-
I. Sil1l1kol1struktiol1 auf biologischer Spur I. Sil1nkonstruktion auf biologischer Spur 47

ums durch Prügel am Ort eingeprägt wurdeYs Eine drastische wenn nur dem Ketzer der Feuertod droht? Zu bedenken ist, daß
Methode, unvergeßliche und unverbrüchliche Gemeinschaft zu Angst und Schrecken ihrerseits, so gut wie Autoritätsbewußtsein
begründen, besteht darin, jedes Mitglied in ein gemeinsames Ver- und Glücksgefuhle, nicht von der Religion erfunden werden. Es
brechen hineinzuziehen;II6 Triumph der Aggression maskiert die handelt sich um grundlegende biologische Funktionen, die aller-
Angst, die dennoch prägend wirkt, während zugleich das schlechte dings von der Religion eingesetzt werden, adaptive Funktionen, in
Gewissen rationale Zwänge schafft. Eine besondere Gelegenheit, lebenden Organislnen entwickelt. Der Vorrang des ,Ernsten' be-
I

Angst zu erregen und zu manipulieren, bietet sich ferner im Um- deutet, daß eine Hierarchie der Verhaltensweisen besteht, daß be-
gang nut Blut - womit der Sonderbereich der Religion und ihrer stimmte Programme im Kollisionsfall die anderen verdrängen. 124
Opfer-Rituale wiederum erreicht ist. Alarmsignale bewirken, daß entspannte Ruhe, Herumspielen oder
Kein Zweifel: Religiöse Botschaften sind häufig angsterregend. auch Essen unterbrochen wird, meist auch sexuelle Aktivität; man
Dies schlägt sich nieder im Wesen von Religion überhaupt. Reli- springt auf, schärft Auge und Ohr: Tief verankerte Programme mit
gion vermitteln heißt auch Ängste übertragen. "Angst war das er- der lebenswichtigen Alternative ,Flucht oder Angriff' sind im Be-
ste auf der Welt, was Götter geschaffen hat", primus in orbe deos fecit griff sich zu aktivieren. Höchste Priorität betrifft das Leben selbst,
timor, formulierte Statius aus der Distanz antiker ,Aufklärung' her- was auch in tiefsten Gefuhlserregungen zum Ausdruck kommt.
aus 117 und traf damit doch einen Kernpunkt im Selbstverständnis Höchster Ernst beruht auf der Drohung des Todes.
vieler alter Religionen. Der zentrale Begriff, der im Akkadischen Damit,ergibt sich: Der Ernstcharakter der Religion rührt davon
mit Göttern und Religion einhergeht, ist ,Furcht', puluhtu. Ein her, daß es nicht um beliebige wohlstrukturierte Botschaften geht,
Assyrerkönig, so arrogant er sich gibt, stellt sich doch zugleich vor sondern daß an das zentrale Risiko des Lebens und Überlebens
als den, "der die Furcht der Götter und Göttinnen von Himmel gerührt wird. In der Kommunikation mit dem Überelnpirischen
und Erde gründlich kennt". II8 Man weiß: "Furcht vor Göttern und mittels des Überempirischen entfaltet sich Religion als eine
schafft Freundlichkeit. "119 Der vielzitierte Anfang von Salomons Strategie des Lebens auf dem Hintergrund des Todes. So steht der
Weisheits sprüchen lautet - unter Verwendung der gleichen semi- Entwurf des Höchsten, Absoluten noch immer und nun gerade
tischen Wortwurzel -: "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit innerhalb der biologischen Landschaft.
Anfang. "120 Der entspechende griechische Ausdruck, ,gottes- Hierzu eine Beobachtung und Überlegung, die ich Norbert
fürchtig,' theoudes, ist positives Merkmal der Moralität bei Homer. Bischof verdanke: Bei aller Intelligenz von Schimpansen und Bo-
"Göttliches ist Gegenstand der Furcht fur kluge Sterbliche ... ", nobos, die eine Art Sprachfahigkeit durchaus einschließt, scheint
heißt es in der griechischen Tragödie. "Vor mir sollt ihr Angst ha- ihnen eines völlig zu fehlen: Das Bewußtsein einer Dimension der
ben", spricht schlicht Allah. 121 Ein weiteres Wort, das im Griechi- Zeit, der Vergangenheit und Zukunft. Daß der Mensch die Zu-
schen regelmäßig mit religiösen Riten verbunden wird, ist phrike, kunft planen kann, ist ein ungeheurer Fortschritt - er hätte ohne
der ,haarsträubende' Schauder. Ein moderner Ansatz suchte eine die Fähigkeit, Vorräte anzulegen, nie außerhalb Afrikas überleben
besondere Art von Furcht, englisch awe, als Grunderlebnis der Re- können -. Aber mit dieseln Fortschritt der Erkenntnis geht die Er-
ligion zu fassen. 122 Rudolf Otto hat den eindrucksvollen neulatei- kenntnis der Katastrophe zusammen: Der Mensch erkennt den
nischen Ausdruck vom mysterium tremendum eingefuhrt: 123 Die Tod, er erkennt den eigenen Tod als unausweichlich. Das ist ein
Schauer der Ehrfurcht kennzeichnen Religion. Mittel der Problem, mit dem wir nicht besser zurecht kommen als unsere
,unvergeßlichen' Übertragung, Angst und Terror, werden zum Vorfahren vor Tausenden von Jahren. Die Kulturen haben rituelle
Charakteristikum jener ,religiösen Provinzen' in der gemeinsamen Formen entwickelt, wie man mit dem Tod der anderen umgehen
geistigen Welt: Der Vorrang des Heiligen beruht auf ,Gottes- kann und muß, und diese Formen haben mit Religion zu tun; ob
furcht'. sie sogar der eigentliche Kern der religiösen Tradition sind, steht
Heißt dies, daß jede beliebige Botschaft durch entsprechenden ~ahin. Wenn man den Tod nicht akzeptieren kann, muß man ihn
Terror eingeprägt werden kann? Daß jedes Dogma glaubhaft wird, negieren. Die religiösen Rituale tun dies seit je in doppelter Wei-
1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur 49
se: Man handelt, als wären die Toten nicht tot, sondern Partner in schon religiös gebraucht, heißt ,Lebensherr' . Ägyptische Götter
fortgesetzter Kommunikation - alle Formen der Totenehrung, der halten das Zeichen Ankh, ,Leben', in ihrer Hand. Die Griechen
Totenopfer zeigen dies; und man spricht davon, daß es tod-lose haben im Namen des höchsten Gottes Zeus inlffier wieder die
Partner gibt, unsterbliche, die man gemeinhin Götter oder Gott Wurzel Zen, ,Leben', gefunden. ,Gott der Lebendige' ist ein zen-
nennt, und gibt der Kommunikation mit diesen jenen Vorrang des traler Begriff des Alten und mehr noch des Neuen Testaments. 132
,Ernsten', der Religion charakterisiert. "Ich lebe, und ihr sollt auch leben", ist die abschließende Botschaft
Todesängste akkumulieren sich, insofern in der geistigen Welt Jesu. 133 Götter schützen das Leben, Götter garantieren Leben, wie
das Ferne und das Nahe, das Vergangene und das Zukünfige glei- freilich auch ihr Zorn Leben zerstören kann. Der biologische Im-
chermaßen präsent sind. Wir sehen auf Bildern aus Wildreservaten perativ des Überlebens wird im Code der Religion internalisiert
die Herden von Gnus und Zebras in der Gegenwart von Löwen und verabsolutiert.
grasen, die bald einmal Beute schlagen werden; doch nur im Au- Leben besteht in Selbst-Replikation und Selbstregulierung, als
genblick direkter Gefahr sucht das angegriffene Tier zu fliehen; die ,Homöostatisches System'. Darum sind Götter, als mächtige Re-
anderen verharren in scheinbarem Gleichmut - was bleibt ihnen gulatoren, die Garanten beständiger Ordnung. Leben bedarf der
sonst? Menschen, die ihre Umwelt zu kontrollieren suchen, Er- Abschirmung, um sich zu entfalten, es bildet Zellen, Kapseln,
fahrungen festhalten und die Zukunft planen, werden lauernde Häute, um Inneres und Äußeres zu trennen. Das religiöse Weltbild
Löwen nicht vergessen. Sie können ihrerseits angreifen und durch konstituiert zumeist ein religiöses Zentrum, wo der Kontakt mit
Vernichtung des Bedrohenden eine befriedete Lebenswelt schaf- dem Göttlichen etabliert ist, mit einem engeren Kreis der von hier
fen; Grund genug dafür, daß viele urtümliche_Kulturen die Sym- aus aufrecht erhaltenen Ordnung, während ringsum im weiteren
bole des Tötens so hochhalten. 125 Die Befriedung der Erde durch Kreise chaotische oder diabolische Mächte lauern.
Vernichtung126 wird freilich nicht vollständig gelingen, zUlnal Ins Unendliche verlängert, wird ,Leben' zum Postulat der Un-
wenn es zum gegenseitigen Zusammenstoß der zivilisatorischen sterblichkeit. Unsterblichkeit und Ewiges Leben sind die wir-
Vernichter kommt. Der Tod bleibt sichtbar auf der Lauer. kungsvollsten Ideen in der Verheißung vieler Religionen. 134
Depression und Verzweiflung jedoch sind tödlich. Die gemein- Selbstaufopferung geschieht dann um des ewigen Lebens willen.
same geistige Welt braucht Optimismus, ,Glauben', oder wenig- Dabei setzt die Negation des Todes eben die Tatsache des Todes
stens so etwas wie Opium. Liegt hier schließlich und endlich der voraus: Die religiöse Idee erhebt sich immer noch aus der biologi-
Erfolg der Religion, in der Notwendigkeit gemeinsamer fiktiver schen Landschaft. Der Ernst des Religiösen, den wir tief erfühlen
Welten, indem 'Angst durch eine höhere Furcht bewältigt wird, können, widerspiegelt gleichsam die harten Felsen, die Gefahren
indem eine Hierarchie vom Absoluten her zustandekommt? und Beschränkungen dieser Landschaft und folgt doch der Provo-
"Furcht vor Zeus ist die höchste Furcht", formuliert Aischylos,1 27 kation des Lebens. Die im Wort gestaltete geistige Welt sucht sich
und Christen können in ihrer Weise ihm voll zustimmen: "Die darüber zu erheben - und bleibt doch an diese gebunden, insofern
Furcht vor Gott vertreibt die Furcht vor Menschen", schreibt sie von sterblichen Personen entworfen und getragen ist. Extremi-
Hieronymus. 128 So wird die Wirklichkeit entlastet, während in den' sten mögen versuchen, sich aus alledem herauszusprengen; sie
real vollzogenen Ritualen der Umgang mit Tod und Töten de- verschwinden damit, sofern sie nicht doch schließlich zurückfallen
monstrativ vollzogen wird: Religion konzentriert sich immer wie- in den alten fluß.
der auf Totenrituale und auf Opferrituale. 129
Denn worum es geht, ist ,Leben'. So tönt es, wie man längst
gesehen hat, in überwältigendem Einklang aus mannigfaltigsten
Zeugnissen der Religionen. 13o "Gib uns Leben, Leben, Leben!"
singt man in einem afrikanischen Erntelied.IJI Ahura, Gottesname
und Kernwort der Religion Zarathustras, doch auch vor ihm
II. Das Opfer des Verfolgten 51

richt gestellt und bestraft wurden, falls es ihnen nicht gelang, das
Unglück von den Weinbergen und Kornfeldern Kleonais fernzu-
halten.
Der Rationalist spottet über die Angstreaktion, zumal die Ver-
H. Das Opfer des Verfolgten bindung zwischen Zweck und Mittel angesichts des Wetters so
undurchsichtig ist. Man bewältigt den Schrecken, indem man Ei-
gentum vernichtet, Tiere schlachtet, ja sich selbst verwundet.
Fingeropfer Seneca spricht dabei ungescheut vom ,Opfern' (sacrijicare). Es han-
delt sich um hergebrachtes, institutionalisiertes religiöses Ritual.
Ein Reisender erzählt, wie er vor Jahren in Afrika während einer Übrigens dürfte ja auch bei jenem Beispiel aus Afrika ein Hinter-
Bootsfahrt in einen Stunn geriet: Da begann einer der Passagiere, grund in der religiösen Tradition gegeben sein, wie selbst bei
ein hochgestellter Mann in seinem Heimatland, Dollarnoten in die Schiller der See gerade am Tag ,Simon und Judä' sein Opfer will.
aufgewühlten Wellen zu werfen. I Wir schütteln den Kopf über In dem schön gelegenen, prachtvoll gestalteten Asklepios-
solch irrationales Verhalten, auch wenn es stracks einem bekannten Heiligtum von Pergamon verbrachte um die Mitte des zweiten
Vers von Friedrich Schiller entsprungen scheint: "Da rast der See Jahrhunderts n. ehr. ein reicher Hypochonder mehr als zehn Jahre
und will sein Opfer haben." Was fur uns poetische Metapher ist, seines Lebens, Aelius Aristeides.3 Er hatte Rhetorik studiert und
wird anderswo zur Praxis gegenüber personifizierten Naturgewal- sollte in seinem späteren Leben noch zu hohem Ruhm und Anse-
ten. hen gelangen; alle seine Werke blieben darum der Nachwelt er-
Ähnliches Erstaunen, ja unverhüllter Spott konunt schon in an- halten. Dieser Mann erlebte in einer frühen Phase seiner Karriere
tiken Texten zum Ausdruck, wenigstens von Seiten ,aufgeklärter' offenbar einen psychosomatischen Zusammenbruch, inmitten des
Philosophen. Seneca schreibt in seinen Naturales Quaestiones: "Ich Konkurrenzdrucks der griechischen Intelligentsia; er gab seine Ar-
kann mich nicht enthalten, -all die Torheiten unserer Mitmenschen beit auf und zog sich zurück ins Heiligtum des Heilgottes, Kurgast
vorzubringen. Sie behaupten, gewisse Personen verstünden sich auf unbegrenzte Zeit. Er wartete darauf und glaubte fest daran, daß
auf die Beobachtung der Wolken und könnten es voraussagen, Asklepios selber ihm in seinen Träumen eingebe, wie er sein Le-
wenn ein Hagel im Anzug ist. Gut, dies hätten sie durch bloße ben retten, wie er gesunden könne. In ängstlicher Spannung fuhrte
Erfahrung erkenn:en können ... ; das aber ist doch unglaublich, daß er Tagebuch, notierte sein Befinden von Tag zu Tag, schwankend
es in Kleonai öffentlich angestellte ,Hagelwächter' gab, als Beob- zwischen Unwohlsein, Depression und Größenwahn - "du bist
achter kommenden Hagels. Wenn die das Zeichen gaben, jetzt sei der beste Professor der Welt", sagte ihm dann ein Traum. Wenn
der Hagel da, was, meinst du, geschah? ... Jeder brachte fur sich er Besserung verspürte, arbeitete er Reden aus zum Preis des As-
ein Opfer dar, der eine ein Lamm, der andere ein Huhn; und als- klepios, ,heilige Reden', die erhalten sind.
bald wichen jene Wolken anderswohin aus, nachdem sie etwas Ein Passus daraus schildert, wie ihm der Gott im Traum er-
Blut gekostet hatten. Du lachst darüber? Vernimm, worüber du schien mit der Botschaft, er müsse nun binnen dreier Tage sterben.
noch mehr lachen wirst: Wenn einer weder Lamm noch Huhn So sei es bestimmt, sagte der Gott; und es gab ,Zeichen' am fol-
hatte, was ohne Schaden geopfert werden konnte, legte er Hand genden Tag, die bestätigten, daß dies kein nichtiger Traum gewe-
an sich selbst; und damit du nicht glaubst, die Wolken seien gierig sen war. Doch der Gott war gnädig und zeigte in einer folgenden
oder grausam: Er stach sich in den Finger mit einem wohlgespitz- Offenbarung, wie die Bestimmung des Schicksals dennoch zu
ten Griffel, und mit diesem Blut vollzog er das rechte Opfer. Und vermeiden sei, und zwar durch religiöses Ritual. Religion erweist
der Hagel wandte sich nicht weniger von seinem Äckerchen ab sich als Schutz vor der lebensbedrohenden Katastrophe. Folgendes
wie von dem, wo er durch größere Opfer mit Flehen besänftigt ~urde vom Gott vorgeschrieben: Aristeides hatte den fluß zu
worden war."2 Seneca fugt hinzu, daß die ,Hagelwächter' vor Ge- überqueren und am anderen Ufer Opfer zu veranstalten, in Gru-
52 II. Das Opfer des Verfolgten 11. Das Opfer des Verfolgten 53

ben (bothrol) , für ungenannte Götter; bei der Rückkehr, beim zeichnet seine Weihung als Ersatzopfer, als Lösegeld in tödlicher
fluß übergang, hatte er Münzen auszuwerfen, offenbar ohne darauf Bedrohung. Die Münzen, die er am Fluß ausgeworfen hat, haben
zu achten, wohin sie fielen, wer sie auflesen würde; schließlich, ins offenbar die gleiche Funktion: ein kleiner, manipulierbarer Verlust,
Heiligtum des Asklepios zurückgekehrt, hatte er am Tempel ein der der Rettung dient.
,vollkommenes Opfer' darzubringen; dies heißt ein Schaf zu Der betroffene Körperteil, an Stelle dessen der Gott den Ring
schlachten und Priester und weitere Gäste zum Opfermahl einzu- annahm, wäre ja wohl eben der Finger selbst gewesen. Damit ord-
laden. Zusätzlich aber, hieß es, müsse er "ein Stück seines Körpers net sich der private Traum des Aristeides samt dem daraus folgen-
abschneiden, um diesen insgesamt zu retten" - eine peinliche den religiösen Akt in einen weiten Zusammenhang von Ritual
Entscheidung. Doch noch einmal half die Gnade des Gottes: Dies und Mythos ein. Auch Träume sind kulturspezifisch, wohl auch
sei ,schwierig', gab er zu, und gestattete dem Aristeides, statt des- ortsspezifisch im Heiligtum. Doch spielt Fingeropfer nicht nur in
sen seinen Fingerring zu weihen. So legte denn der Patient seinen Kleonai und in Pergamon eine Rolle, es ist als handfeste Praxis
Ring bei T elesphoros nieder, dem geheimnisvollen Kindergott mit weitum in der Welt bezeugt.
Kapuze, wie er im Asklepios-Heiligtum verehrt wurde. 4 Bei Megalopolis in Arkadien, berichtet Pausanias, gab es ein
Der Bericht des Aristeides, ein rhetorischer Text von der Höhe Heiligtum der Wahnsinns-Göttinnen, Maniai, mit einem kleinen
kaiserzeitlicher Bildung, ist zugleich ein privates, intimes Doku- Hügel, dem ,Finger-Denkmal' (Daktylou Mnema) , wo ein steiner-
ment religiöser Praxis. Es zeigt exemplarisch, wie die Ausführung ner ,Finger' stand; eine Stelle daneben hieß ,Heilungen', Ake. Den
eines Rituals aus einer Situation der Angst hervorgeht und diese zu Zusammenhang beschrieb der Orestes-Mythos: Orestes, der Mut-
bewältigen unternimmt. Gewiß, die Professionellen im Asklepios- termörder, sei, vom Wahnsinn gejagt, zu eben dieser Stelle ge-
Heiligtum, die Priester und Seher werden Aristeides zur Seite ge- kommen. Hier biß er sich den eigenen Finger ab - und daraufhin
standen haben mit Vorschlägen und Bestätigungen, mit diskreter verwandelten sich die schwarzen Wahnsinns-Göttinnen in weiße
Hilfe bei der Traumdeutung, so daß die durchzuführenden Opfer Gestalten, Orestes kam wieder zur Besinnung, und er brachte
dem herkömmlichen Rahmen entsprachen: Privates Erleben und ebenda in doppelter Weise Opfer dar, für die schwarzen und für
Suchen wird aufgenommen von den formenden Kräften der Tra- die weißen Maniai. Offenbar bestand ein solches Opferritual am
dition. Ort noch in der Zeit des Pausanias, zumindest erfuhr er davon. 6
Die Rituale in ihrer Abfolge zu verstehen, fillt nicht schwer. Man wird die verfolgenden Dämonen los, indem man einen Fin-
Erst muß der Betroffene sich den Mächten von Tod und Unter- ger vom Körper trennt: Der kleine Verlust rettet die Gesamtper-
welt stellen - die ,Gruben' erinnern an die Opfer des Odysseus am son; so die Aitiologie für einen marginalen Kult in Arkadien, von
Eingang des Hades -; zurückkommend, an der vom Wasser gebil- dem wir nichts Weiteres wissen. Daß es ein Heilungskult war,
deten Grenze, wirft man Geld von sich - man denke an das Bei- dürfte der Name Ake anzeigen. Der Wahnsinn, der Orestes befiel,
spiel aus Afrika -; schließlich kehrt nlan ein in die festliche Ge- kann durchaus als Krankheit erscheinen, die durch die besondere
meinschaft des Heiligtums. Die zusätzliche Weihung eines wert- Art des Opfers zu heilen war. Dies verbindet Orestes noch enger
vollen Gegenstandes, geläufigste Praxis in der antiken Welt und mit dem kränkelnden Aristeides.
weit darüber hinaus, wird hier verstanden als ,Ersatz' für die eigene Das Fingeropfer ist ein häufiges Motiv in Volks erzählung und
Person, die gefährdete leibliche Existenz: Ein pars pro toto-Opfer Märchen, mit allerlei Variationen, die ins Phantastische, ins Gro-
soll das ,Ganze'retten. Dies wird nicht heißen, daß nun, in Verall- teske und auch ins Lächerliche gehen. Da sind etwa mittelalterli-
gemeinerung von Asklepios' Weisung, jedem Ring, der in einem che Fassungen des Kyklopenmärchens, jener berühmten Erzählung
Heiligtum sich findet, oder sonst einem der ungezählten Votivob- vom einäugigen Menschenfresser, der vom klugen Helden geblen-
jekte die Idee eines Ersatzopfers zugrundeliege. Und doch, eine det wird. Der älteste faßbare Text gehört der Sammlung Dolo-
,Geschichte' von Angst und Hoffnung steckt hinter jedem Gegen- .pathus des Johannes von Alba Silva an, die um 1200 entstanden ist. 7
stand, der einem Gott geweiht wurde. 5 Aristeides jedenfalls be- Der spannende Schlußakt der Geschichte ist die Flucht des Helden
II. Das Opfer des Veifolgten II. Das Opfer des Veifolgten 55
54

vor dem geblendeten Ungetüm. In der Odyssee macht Polyphem und schneidet sich, als Opfer, um den Gotteszorn zu stillen, einen
einen Versuch, Odysseus mit dem Angebot von Geschenken zu- oder zwei Finger ihrer rechten Hand ab." Manche Menschen wie-
rückzulocken; in der mittelalterlichen Version wirft der Men- derholten das Opfer und verstümmelten sich mehr und mehr; zu
schenfresser dem Helden einen Fingerring zu, einen goldenen Beginn unseres Jahrhunderts versuchte darum die britische Koloni-
Ring in der genannten Version. Der Held greift danach, steckt ihn alregierung, den Brauch zu verbieten. Eine interessante Variante
sich an den Finger und muß daraufhin unentwegt rufen - oder, wird von den Fidschi-Inseln berichtet: "Manchmal schnitt man ei-
nach anderen Fassungen, der Ring selbst beginnt zu schreien-: nen Finger ab und bot ihn einem beleidigten Höhergestellten, um
"Hier bin ich! Hier bin ich!", ecce ego! ecce ego! Und dabei sitzt der seinen Zorn zu stillen. "9
Ring jetzt fest, unmöglich, ihn wieder abzustreifen. So bleibt dem Weltweit, so scheint es, ist man so verfahren: In einer Situation
Helden ein letzter heroischer Entschluß: Er beißt den eigenen Fin- der Not und Krankheit, oder auch (nur in vorwegnehmender
ger ab und wirft ihn dem Riesen zu; manche Versionen lassen ihn Angst wird ein Finger oder ein Fingerglied abgeschnitten. Ganz
doch ein Messer benützen. Jedenfalls entkommt so der Held, ver- verschiedene Kulturen liefern die Beispiele, aus Amerika, Afrika,
letzt, doch triumphierend. Die Rettung gelingt durch einen klei- Indien, Ozeanien. Die altgriechische Tradition fugt sich nahtlos
nen, immerhin erns~en und unersetzbaren Verlust, durch ent- ein. Die Einzelformen und Akzentuierungen sind verschieden, je
schlossene Trennung von dem, was verräterisch und gefährlich nach dem jeweiligen kulturellen Kontext: Bei den Indianern gibt
war. "Durch den Verlust eines Glieds rettete ich den gesamten es die Verehrung des Morgensterns, in Indien sind die Tempel da
Leib vor dem drohenden Tod", erzählt der Held - ganz wie mit Priestern, die Rat geben und Deutung vermitteln. Die Hand-
Aristeides den Auftrag erhielt, "ein Stück seines Körpers abzu- lung konunt nicht spontan zustande, sie folgt einem schon beste-
schneiden, um diesen insgesamt zu retten"; eine durchaus ver- henden Brauch. Und doch ist die Handlung weltweit erstaunlich
nünftige Güterabwägung in absurder Situation. gleichförmig, auch ohne direkte kulturelle Kontakte. Aristeides
Was dem Motiv des Fingeropfers seinen Ernst verleiht, ist die wußte kaum etwas vom Ake-Heiligtum des Orestes in Arkadien.
Tatsache, daß es wirklich praktiziert wurde. Um aus der Samm- Es besteht die zwingende Überzeugung, daß die Handlung sinn-
lung von James George Ftazer zu zitieren: 8 "In Tonga, auf den voll ist: Die zu erreichende Rettung ist eine Teilverstümmelung
Freundschaftsinseln, war es allgemeiner Brauch, einen Finger oder wert. Europäische Beobachter notierten indigniert sinnlosen Aber-
sonst ein Stück vom eigenen Körper als ein Opfer an die Götter glauben; in der Erfahrung derer, die solche Opfer und Weihungen
abzuschneiden, fur die Genesung eines höhergestellten Angehöri- vollziehen, geht es um erfolgreiche Bewältigung aktueller Krisen.
gen, der krank war"; Captain Cook hatte eben dies berichtet: "Sie Wahrscheinlich handelt es sich um ein Ritual, das nicht nur
glauben, daß der Teufel den kleinen Finger annimmt als eine Art weitverbreitet, sondern auch uralt ist. In einigen der berühmten
Opfer, das genügend wirksam ist, die Wiederkehr der Gesundheit altsteinzeitlichen Höhlen findet man Handabdrücke von Men-
zu sichern." Ebenso "schneiden Hottentotten-Frauen und Busch- schen, die offenbar Kontakt mit dem ,Heiligen' suchten oder je-
mann-Frauen ein Fingerglied eines Kindes ab, besonders falls ein denfalls eine Markierung ihrer Anwesenheit hinterließen. Einige
älteres Kind gestorben ist. Das Opfer des Fingerglieds, glaubt man, solcher Hände, zumindest in einer dieser Höhlen, waren offenbar
wird das Leben des zweiten Kindes retten ... Einige südafrikanische verstümmelt. Man hat daraus den Schluß gezogen, daß es eine Art
Stämme glauben, es bringe Heilung, wenn man einem kranken Finger-Opfer schon damals gegeben hat. Dies hieße, daß wir es
Mann ein Fingerglied abschneidet." "Bei den Schwarzfuß-In- mit einem paläolithischen Ritual zu tun haben, das bis ins
dianern schneidet in einer großen allgemeinen oder privaten N ot- 20. Jahrhundert fortbesteht, also über 20000 oder 30000 Jahre

lage ein Krieger einen Finger seiner linken Hand ab und bringt ihn hinweg. Hinzu kommt ein merkwürdiger Befund in einer spät-
dem Morgenstern bei dessen Aufgang dar." In Indien geht eine neolithischen Ausgrabung, in Arpachiya im Irak: In einem Heilig-
Frau, "die mehrere Kinder geboren hat, in ihrer Angst, die er- tum fand man funf steinerne Finger, aber auch einen menschlichen
zürnte Gottheit könnte sie ihrer Kinder berauben ... zum Tempel Fingerknochen: IO Dies scheint Fingeropfer in religiösem Zusam-
56 11. Das Opfer des Veifolgtm II. Das Opfer des Veifolgten 57

menhang fur das 4. vorchristliche Jahrtausend zu belegen, während bleibt, ist unmittelbar und allgemein einleuchtend und sinnvoll
zugleich die steinernen Surrogate anzeigen, daß die Götter schon fur die, die so handeln.
damals Ersatzobjekte zu akzeptieren bereit waren, wie später As- Nun hat die pars pro toto-Verstümmelung ihre Analogien bereits
klepios. In Indien kam es nach jenem Verbot durch die britische in der Welt der Tiere - was angesichts ihrer Funktionalität nicht
Regierung dazu, daß man Finger aus Teig herstellte und gegebe- einmal überraschen kann. Spinnenbeine brechen leicht ab und
nenfalls in zeremonieller Weise vom Körper schnitt. 1 1 Die Ritual- bewegen sich dann noch eine zeitlang: Primitive Freßfeinde wer-
tradition hat sich auf symbolischer Ebene behauptet. den so abgelenkt und lassen der Spinne eine Chance zum Ent-
kommen. Deutlicher noch ist, daß der Schwanz von Eidechsen
und Blindschleichen so gebaut ist, daß er leicht abbricht: Er bleibt
Biologie, Phantasie und Ritual im Maul des Verfolgers, das Tier ist gerettet und kann das verlore-
ne Teil nachwachsen lassen. Hier ist die Verstümmelung im gene-
Das pars pro toto-Opfer kann als durchaus rationale Überlegung in tischen Programm eingeplant und das Skelett entsprechend gebaut;
einer Gewinn/Verlust-Rechnung erscheinen. Es gibt genügend der Überlebenswert steht außer Frage. Dabei trifft die Formulie-
Situationen im Menschenleben, wo Alternativen dieser Art zu rung des Aristeides auch hier präzise zu: "Ein Stück des Körpers
bedenken, entsprechende Entschlüsse gefordert sind. Daß man ei- abzuschneiden, um diesen insgesamt zu retten." Bei Vögeln gibt es
nem Räuber lieber Geld und Wertsachen überläßt, statt das Risi- eine sogenannte ,Schreck-Mauser', das heißt, ein von einem
ko ernstlicher Verletzung einzugehen, ist heutzutage Allerwelts- Raubtier gepacktes Individuum lockert plötzlich sein Federkleid
weisheit. 12 Auch daß man im Sturm gegebenenfalls einen Teil der und läßt den Angreifer mit einem Maul voll Federn zurück, wäh-
Ladung ins Meer wirft, ist üblich und vernünftig. 13 Die Zeit liegt rend es ,nackt' zu entkommen sucht. 15 In der höheren Klasse, im
nicht weit zurück, als manche Männer sich die Hand verstüm- Bereich der Säugetiere ist bekannt, daß ein Fuchs in der Falle sich
melten, um nicht zur Armee eingezogen zu werden, oder durch den Fuß abbeißt, um sich zu retten: Der ,kleine Verlust' wiegt
versteckte Selbstverwundung sich dem Grauen des Schlachtfelds wenig gegenüber der bloßen Chance des Überlebens. I -~

zu entziehen suchten. Aber das Verhaltensschema scheint die Eine uralte Ritualform also, die sich weltweit verfolgen läßt, die
Grenzen des Funktionalen und Rationalen zu sprengen und ins in Erzählungen, Träumen und Kulten der alten Kulturen zum
rein ,Symbolische' vorzudringen, wenn eben statt belastender Ausdruck kommt, hat ihr Analog in einem biologischen Pro-
Schiffsladung Dollarnoten ins Wasser geworfen werden oder die gramm, das in unterschiedlichen Stadien der Evolution bei recht
Opfergaben ausdrücklich den ,Stürmen' geboten werden. 14 So verschiedenen Tierarten auftritt. Das Programm hat eine sehr di-
kann es auch vorkommen, wie mir erzählt wurde, daß jemand im rekte Funktion in der Welt der Tiere, indem es den Freßfeind, das
Schreck nicht einem Räuber, sondern einem bellenden Hund die Raubtier, ablenkt und so das Entkommen ermöglicht. In der
Handtasche zuwirft. Die Handlung scheint verschoben, sie ver- menschlichen Kultur erscheint ein Analogon als Verhaltensform
liert den Kontakt mit der schlichten Wirklichkeit und wird zum ebenso wie auch als Phantasie; es ist weit verbreitet und uralt. Da-
Ritual, das seinen übertreibenden, demonstrativen Charakter bei sind die Verhaltensprogramme von Tier und Mensch so ähn-
zeigt. Insoweit solches Ritual vorgegebenen Beispielen und den lich, daß sie mit der gleichen Formel zu beschreiben sind, "Teil-
Anweisungen der Experten folgt, scheint es zum kulturell erlern- Opfer um des Überlebens willen, in einer Situation von V erfol-
ten Verhalten zu gehören; aber offenbar kann es immer wieder gung, Gefahr, und Angst", oder kurz als pars pro toto-Prinzip. Reli-
auch spontan zustande kommen. Es hat seine eigene psychothera- gion und Zoologie reichen sich die Hände.
peutische Überzeugungskraft. Ritual dieser Art kann ,magisch' Damit ist keineswegs ein festes, in der Erbsubstanz verankertes
heißen, insofern es ein bestimmtes Ziel durch verborgene Kausa- V erhaltensprogramm vorausgesetzt, das kontinuierlich in den Ge-
lität zu erreichen sucht; doch ,Magie' ist hier nur eine brauchbare .nen von den primitiveren zu den höheren Lebewesen weitergege-
Benennung, keine Erklärung. Die Kausalitätskette, die unklar ben worden wäre. Die Beispiele kommen von ganz verschiedenen
II. Das Opfer des Veifolgten II. Das Opfer des Veifolgten 59

Spezies, die keineswegs in der Evolution miteinander eng verbun- seh-Thriller kommt ohne dies aus. Im Mythos und in der Kunst
den sind. Es fehlen entsprechende Befunde etwa aus dem Bereich treten Dämonen auf, die meist die Gestalt oder wenigstens einzel-
der Schimpansen oder der Affen überhaupt. Es geht um Analogi- ne Charakteristika von Raubtieren annehmen. 17 Um den Schrek-
en, nicht Homologien; es sind, genau besehen, ja auch verschiede- ken der Hölle sichtbar zu machen, verfielen die christlichen Maler
ne Programme, die hier zum Einsatz kommen, ist doch die aktive auf das Bild des aufgesperrten, verschlingenden Rachens; der
Selbstverstümmelung eines Fuchses etwas anderes als eine vorge- ,weiße Hai' löst noch in dritter und vierter Folge wohlige Schauer
plante Bruchstelle wie bei Eidechsen oder Spinnen. Eine sehr viel aus; er agiert mit weit gesperrten Kiefern - der englische Original-
einfachere und geradezu selbstverständliche Art von ,Opfer' ist es, titel lautet einfach Jaws. Die wenigsten Zeitgenossen dürften
eine Nahrungsquelle aufzugeben, wenn ein stärkerer Rivale oder Schreckerlebnisse solcher Art selbst hinter sich haben; und doch,
ein Freßfeind auftaucht. Es geht um ein Grundproblem im Spiel wir ,kennen' die Gefahr eines Raubtier-Angriffs auch ohne Er-
des Lebens, fur das immer wieder ähnliche Lösungen gefunden fahrung, so wie ein Kücken den Habicht ,kennt'. Der plötzliche
werden. Dabei bleibt es ein großer Schritt, wenn an Stelle des Angriff eines bellenden Hundes löst bei den meisten Menschen ei-
biologischen Programms ein reflektiertes, verbalisiertes Prinzip nen physischen Schock aus, der in keinem rechten Verhältnis zur
tritt, die bewußte pars pro toto-Berechnung, auch wenn im Einzel- tatsächlichen Gefahr steht. Gewiß sind Menschen anpassungsfahi-
fall Ritual und Mythos die Vorgabe liefern. ger und weit weniger festgelegt in ihrem Verhalten als ein Kücken;
Andererseits aber wäre es nicht weniger gewaltsam, wenn man doch auch Prilnaten und Hominiden hatten Raubtiere als gefahrli-
all diese Rituale, Mythen und Phantasien auf kulturelles Lernen che Nachbarn, und so sind entsprechende Reaktionen in unserer
zurückfuhren wollte, sei es durch Nachahmung, sei es durch expli- biologischen Ausstattung festgeschrieben. Schlange, Leopard, Wolf
zite Belehrung. Die Wiederkehr entsprechenden Verhaltens in - drohende Gefahr, real oder eingebildet, nimmt die Gestalt des
weit auseinanderliegenden Orten und Zeiten, unsere Bereitschaft Verfolgers und Fressers an. Daß in religiösem Ritual entsprechende
zur fast automatischen Reaktion, unser spontanes Verstehen zeigen Symbolik auftritt, kann nicht erstaunen.
die biologische Landschaft an, auf der unsere Erfahrung aufbaut. Ein besonderes Merkmal, das Verfolgungsangst oder zumindest
Auch im Menschen sind biologische Progranune angelegt, zumal Unbehagen auslöst, ist ein starrendes Auge. Diese Reaktion beruht
was ,Angst' und ,Flucht' anlangt, die weit älter sind als die offensichdich auf einem sehr alten und sehr allgemeinen biologi-
Menschheit; sie umfassen und erzeugen zumindest Rudimente von schen Programm. Als in der Evolution das Auge erfunden war als
rituellem Verhalten, indem Gefahr, Alarm, Verfolgung, Flucht von Mittel, Nahrung aufzuspüren, lernte die prospektive lebendige
vornherein korreliert sind. Hier hat der Trick des ,Opfers' seinen ,Nahrung' alsbald, sich vor dem Auge zu hüten. Die' Angst vor
Ort, der ,kleine Verlust', die Aufgabe dessen, was entbehrlich ist. dem Auge ist bei vielen Tieren eingewurzelt, weil nun einmal
Lumsden und Wilson verwiesen auf "Erinnerungen, die sich am scharfaugige Räuber auf Jagd aus sind. Doch auch ,symbolischer'
leichtesten einstellen, Emotionen, die sie mit größter Wahrschein- Gebrauch des Auges hat sich bereits im Tierbereich entwickelt:
lichkeit hervorrufen" als Kriterium fur die gemeinsame Evolution Schmetterlinge imitieren auf ihren Flügeln das starrende Auge, um
von Genen und Kultur. 16 Das pars pro toto-Opfer dürfte ein beson- Verfolger zu verwirren, der Pfau schlägt Rad mit einem vieläugi-
ders deudiches Fallbeispiel fur solche Zusammenhänge sein. gen Schwanz, um Aufinerksamkeit zu erregen. In menschlichen
Es ist ja wohlbekannt und leicht ins Bewußtsein zurückzuholen, Kulturen ist die Angst vor dem ,bösen Blick' fast allgemein ver-
auch in der Phantasie durchzuspielen, wie packend und erschrek- breitet; die Zeugnisse reichen vom alten Orient durch die klassi-
kend noch immer das Bild des verfolgenden Raubtiers ist, und dies sche Antike bis in die Gegenwart. 18 Bezeichnenderweise wird hei
nach Jahrtausenden der zivilisatorischen Geborgenheit. In der Psy- den Griechen das Auge des Wolfes besonders gefurchtet: Man
chose entwickelt sich nicht selten der sogenannte ,Verfolgungs- muß den Wolf zuerst erblicken, sonst raubt sein Blick dem Men-
wahn'; die psychisch Gesunden ihrerseits stimulieren sich durch schen die Stimme. Typisch ist aber auch, daß von der Nervosität
Szenen von Verfolgung und knappstem Entkommen; kein Fern- des Essenden angesichts von Zuschauern die Rede ist. 19 Die ange-
60 11. Das Opfer des Verfolgten II. Das Opfer des Verfolgten

borene Angstreaktion fordert symbolische Gegenmaßnahmen: Die (proesthat); man begrub sie lebend ebenda" .26 Angstvoll erwartetes
Macht des bösen Auges wird durch ein anderes Auge in Schach Unglück abzuwenden, indem man den Dämonen Opfer ,zusendet'
gehalten, aber auch durch bestimmte Farben - blau in Türkei und oder sozusagen ,zuwirft' (proesthat) - das letztlich biologische Pro-
Griechenland -; dazu kommt aggressive Männlichkeit in der Dar- gramm zeigt sich in aller Deutlichkeit.
stellung eines Phallos. Natürlich kann man ein Auge auch blenden, Dem Ritual entspricht ein wohlbekannter Erzähltyp, der in
in der Bilddarstellung wie in der Erzählung: Der Menschenfresser Märchen, Sage und Mythos auftritt: die ,magische Flucht'. 27 Sie
im Kyklopen-Märchen, ein Raubtier in Menschengestalt, wird ge- bildet den spannenden Abschluß vieler Erzählungen, einschließlich
blendet, womit die Todesangst in den Spott des Klugen, Sehenden der Kyklopengeschichte. In der Normalform fliehen Heldin oder
umschlägt. Held aus dem Gewahrsam einer Hexe oder eines Zauberers,
Die biologische Wirklichkeit des jagenden Raubtiers wird Menschenfressers, Drachen; sobald die Flucht entdeckt ist, nimmt
durchaus in die Symbolik religiöser Tradition einbezogen. Ein der mächtige Gegner die Verfolgung auf, kommt näher und näher.
griechisches Gebet formuliert den Wunsch, "die Füße des Verfol- Nur ein Mittel gibt es, ihn aufzuhalten: Der oder die Flüchtende
gers abzuwenden" .20 Zur üblichen und geläufigen Form. des Op- muß etwas hinter sich werfen, was dann zu einem Hindernis wird;
fers in Indien, Butter ins Feuer zu träufeln, weiß der Mythos der ein Kamm wächst zum Gebirge oder zu einem Wald. Dies hält
Brahmanen zu erzählen: Als Agni das Feuer geschaffen war, erwies den Verfolger wenigstens eine Weile auf, bis schließlich eine ent-
sich dieser als ein wilder Fresser, der durch die Lande streifte und scheidende Grenze überschritten ist, an der die Macht des anderen
verzehrte, was immer er traf Daraufhin brachte Prajapati, der endet. Man findet diesen Erzähltyp im Veda, im finnischen Kale-
,Herr der ersten Schöpfung', die Butter hervor, um Agni zu ftit- vala, in der Grimmsehen Märchensammlung, und auch in der
tern; damit gibt Agni sich zufrieden. So sei denn allgemein die Li- griechischen Mythologie. So hat im 43. Gesang des Kalevala Väin-
bation von Butter über dem Feuer des Altars zur heiligen Hand- ämöinen von der Herrscherin des Nordlandes den ,Sampo', ein
lung geworden. 21 Demnach heißt Opferkult nichts anderes als Ge- Wunderding, geraubt und fährt auf seinem Schiff dahin, verfolgt
fahr abzuwenden durch einen selbstbestimmten ,kleinen Verlust', vom Volk des Nordens; als Väinämöinen die Verfolger am Hori-
durch Manipulation eines drohenden ,Fressers'. "Opfer auszugie- zont erspäht, wirft er ein Stück Kieselstein samt Zunder über seine
ßen bringt das Leben zurück", sagt ein babylonischer W eisheits- linke Schulter ins Meer; daraus wird alsbald eine Klippe, an der das
text. 22 Im griechischen Ritual findet sich eine Klasse von Schiff der Verfolger zerschellt. Doch der Aufenthalt ist nur vor-
,Abwehr-Opfern', apotropaia. Von hier aus wurde von Otto Jahn übergehend, die verfolgende Königin verwandelt sich in einen
der Terminus ,apotropäisch' gebildet; Jane Harrison fand dann im Adler, der Kampf der Magier geht weiter. Karl Meuli meint, das
apotropäischen Ritual die älteste, die rechte Wurzel-Schicht der Motiv der magischen Flucht sei typisch fHr Schamanendichtung, 28
griechischen Religion. 23 Man vollzieht dieses Ritual, indem man stamme also aus dem Bereich jener ekstatischen Vorführungen, in
rür ungenannte, unheimliche Verfolger ausgießt oder ihnen zu- denen sibirische Schamanen ihre Reise ins Reich der Geister dar-
wirft, was ihnen gebührt; oft gilt die Regel, ,nicht zurückzuschau- stellen, wobei Helfer ebenso wie gefährliche Gegner auf den Plan
en' bei diesem Tun. 24 Man spricht von Dämonen oder anderen treten, Zauber den Zauber bricht, bis der Schamane glücklich zu-
unheimlichen Mächten; der lateinische Terminus rür solche Ri- rückgekommen ist. Doch ist Schamanendichtung wohl nur eine
tuale ist averruneare. 25 Es heißt, die Römer hätten sich einmal sogar Ausprägung eines viel allgemeineren Typs.
auf Geheiß der Sibyllinischen Orakel zu Menschenopfern ent- Die Erzählung erscheint im Gewande angeblicher Zoologie im
schlossen, als der Skandal, daß einige Vestalinnen die Keuschheit Bericht, wie man in Indien Tiger fängt: Die Inder, heißt es, steh-
gebrochen hatten, ruchbar wurde und die Rache der beleidigten len aus dem Tigernest einige junge Tiger und reiten dann so
Gottheiten in Aussicht stand. Die Orakel geboten, laut Plutarch, schnell sie können hinweg. Sobald die Tigermutter den Verlust
"um abzuwenden, was zu erwarten stand, gewissen seltsamen und .bemerkt, verfolgt sie die Räuber, und sie rennt schneller als das
fremden Gottheiten zwei Griechen und zwei Gallier hinzugeben schnellste Pferd. So muß denn der Reiter, wenn die Bestie naht,
II. Das Opfer des Veifolgten II. Das Opfer des Veifolgten

eines der Tigerbabys fallen lassen; die Tigerin packt es und bringt ist es der Kleine und Schwache, das ersetzbare Glied der Gem_ein-
es zurück in ihr Lager. Dann aber beginnt die Verfolgung von schaft, der ,kleine Bruder', der aufgegeben wird. Umgekehrt hat
neuern, und wenn das überschnelle Raubtier den Reiter abermals jedes Raubtier am ehesten bei den Kleinen, Jungen seine Chance.
erreicht, muß ein zweites und gegebenenfalls ein drittes Tigerbaby Eine andere Variante, ganz biologisch bestimmt, tut den Schritt
hingegeben werden; im Glücksfall bleiben dem Reiter ein oder zum Lächerlichen: Ein Reflex des vegetativen Nervensystems in
zwei kleine Tiger, wenn er endlich die zivilisierte Welt erreicht; in einer Schrecksituation, wodurch das Individuum etwas hinter sich
sie wagen die Tiger sich nämlich nicht hinein. 29 Der zoologische läßt, ist die unwillentliche Darmentleerung. In verbalem Schimpf
Unsinn 30 ist so einprägsam, weil er den Typ der magischen Flucht und Spott ,sind bei uns die ,vollen Hosen' das ärgste Zeichen der
rein wiedergibt; auch dort wird der Verfolger mehrfach aufgehal- Feigheit. Die Sprache insistiert dabei auf einer Primitivreaktion
ten, und es gibt die ,magische' Grenze, an der er aufzugeben hat. weit über die aktuelle Erfahrung hinaus; der peinliche Kontrast
Anstelle von Zauberern und Dämonen hat die Tiergeschichte das zum üblichen Anstand verfehlt seine Wirkung nicht. Auch Aristo-
Urbild des Verfolgers wieder eingesetzt, das furchtbarste Raubtier. phanes ließ sich den Spaß nicht entgehen, auch ohne Verwendung
Dennoch gibt es jene Grenze, an der der Verfolger umzukehren von Hosen. 33 Im Alltagsleben hat der moderne Mensch genügend
hat. Selbst hinter einer solchen ,magischen' Festlegung steht immer Sicherungen eingebaut, solche Panik zu vermeiden. Bei Autoun-
noch biologische Wirklichkeit, im Sinne eines allgemeinen terri- fällen etwa kommt dergleichen vor, und Kinder sind sowieso un-
torialen Verhaltens: Jedes Tier fühlt sich am sichersten ,zuhause', geschützt; bei den Soldaten der Weltkriege war es bekannt, aber
mit der Entfernung von der Basis steigt die Unruhe; die Folge ist, auch schon in den Kämpfen der alten Griechen. 34 Bereits in den
daß in marginalen Regionen ein prekäres Gleichgewicht von Ag- assyrischen Annalen wird der geschlagene Feind damit behaftet
gressivität und Angst besteht. In der Erzählung wird daraus eine und lächerlich gemacht. 35 Die Reaktion ist selbstverständlich auch
klar definierte Grenze, wie auch rituelles Verhalten territoriale bei Schimpansen zu beobachten. 36
Markierungen einführt, dies sogar schon im vormenschlichem Ausgestorben freilich dürfte heute ein kurioses Ritual sein, das
Bereich.3! bis an die Schwelle dieses Jahrhunderts bezeugt ist: Zumindest in
Die ausführlichste und grausigste Fassung der ,magischen Flucht' Deutschland und Österreich, vielleicht auch darüber hinaus galt
in der griechischen Mythologie ist in die Argonautenerzählung bei Einbrechern der Glaube, sie blieben unverfolgt und unent-
eingebunden. Als Jason und Medea mit dem goldenen Vlies aus deckt, wenn sie ihre Exkremente am Ort der Tat hinterließen. 37
Kolchis fliehen, verfolgt sie König Aietes mit seinen Schiffen. Kei- Hier ist die biologische Angstreaktion in apotropäische Magie
ne Gewalt kann ihn aufhalten; doch Medea weiß das Mittel: "sie verwandelt: Was von selbst geschieht, wird bewußt getan - ein
tötet ihren Bruder Apsyrtos, zerstückelt ihn gliedweise und wirft bemerkenswertes Zusammenspiel eines biologischen Programms
diese in die Tiefe des Meeres; indem Aietes die Glieder seines mit Aberglauben und entsprechender Ritualvorschrift in"l gehei-
Sohnes aufsammelte, versäumte er die Verfolgung; so kehrte er men Zirkel der Spitzbuben. In griechischer Religion und Magie ist
um ... " 32 Die Geschichte ist sicher alt; aps syrtos heißt ,rückwärts Hekate, die man Verkörperung der nächtlichen Panik nennen
weggeschwemmt', woraus dem unglücklichen Bruder sein Name könnte, eine Exkrementen-Esserin, borborophorba. 38
erwachsen ist. Das Zerstückeln eines menschlichen Körpers ist eine
,magische' Zeremonie; Medea ist ja eine Zauberin. Doch was er-
klärt der Begriff ,Magie'? Wenn wir die Spinne und die Eidechse Kastration und Beschneidung
vor Augen haben, dazu den angeblichen Tigerfang, stellt sich her-
aus, daß das ,magische' Ritual der Medea, wie es in der Phantasie Die Selbstkastration, der Attis-Komplex, ist ein fremdartiger und
des Erzählers erscheint, einer alten, fest angelegten Spur folgt, dem für uns abstoßender Bereich antiker Religiosität. Dabei ist gerade
pars pro toto-Opfer, dem biologischen Trick, Verfolger abzuhalten der Name Kastration nochn"lals mit einer Tiergeschichte verbun-
durch Aufgabe eines entbehrlichen ,Teils'. Im Argonautenmythos den: Der Biber - lateinisch castor - produziert in besonderen Drü-
11. Das Opfer des Veifolgten II. Das Opfer des Veifolgten

sen einen Duftstoff, der in der Volksmedizin in hohem Wert stand. Kastraten einer Großen Göttin dienten; in Pessinus, dem einfluß-
Man war fälschlicherweise überzeugt, der Stoff werde in den Ho- reichsten Zentrum eines solchen Kultes, hießen sie Gallai. Dies ist
den des Bibermännchens erzeugt. Wenn nun, so erzählte man, der nicht der Ort, dieses Phänomen umfassend zu beschreiben oder die
Biber gejagt und in die Enge getrieben wird, "beugt er sich nieder, Theorien zu diskutieren, die moderne Interpreten zur Erklärung
beißt sich selbst die Hoden ab und wirft sie den Jägern zu". Er entworfen haben. 41 Der einzige Keils chrifttext , der ausdrücklich
handelt dabei, wie der antike Autor ausdrücklich hinzufügt, "wie davon spricht, läßt die Große Göttin Ishtar dies einrichten, "um
ein kluger Mann, der Räubern in die Hände gefallen ist: Er legt Furcht bei den Menschen zu verbreiten". 42 Dabei ist es gar nicht
nieder, was er (an Wertsachen) mit sich führt, um sich selbst zu einfach festzustellen, ob das Heiligtum der Großen Göttin mit ih-
retten, indem er Lösegeld zum Tausche gibt" .39 Biologischer In- ren Eunuchenpriestern oder aber der königliche Harem lnit Eunu-
stinkt und ,kluge' menschliche Entscheidung werden parallel ge- chen-Wächtern die frühere ,Erfindung' war; letztere schrieben
setzt; Teil-Opfer ist soviel wie Lösegeld. Griechen der Königin Semiramis oder auch Atossa ZU,43 sie war je-
Die Biber-Geschichte geht gewiß vom Lateinischen aus, weil denfalls Realität von Konstantinopel bis Peking bis ins 20. Jahr-
nur da der Name castar an castus, ,keusch', und damit an castrare hundert hinein.
erinnert. Die Alten sahen nicht, daß vom Tierverhalten her die Für die religiöse Ausformung des Phänomens ist eine Haupt-
Geschichte sinnlos ist: In biologischer Sicht könnte das Individu- quelle das Buch des Lukian über die Syrische Göttin. Dort er-
um, als ,Überlebensmaschine' selbstsüchtiger Gene,40 nichts Ärge- scheint ein aitiologischer Mythos, novellistisch und satirisch ausge-
res tun als seine potentiell unsterblichen Keimzellen zu ,opfern'. staltet: 44 Stratonike, Königin von Syrien, erhielt im Traum den
Eben damit zeigt die Erzählung, wie sehr sie die Projektion typisch Auftrag, einen neuen Tempel der Göttin in Bambyke-Hierapolis
Inenschlicher Anliegen und Ängste ist. In primitiven Kriegen ist zu errichten. Als Begleiter für die Reise wurde ihr vom König ein
Aggression mit Männlichkeit korreliert; der Asexuelle konnte schöner junger Mann zugeteilt, Kombabos. Kombabos sah voraus,
demnach gegebenenfalls, gleich den Frauen, mit besseren Überle- welches Risiko für ihn die Betreuung einer jungen, leidenschaftli-
benschancen rechnen. Zugleich ist in unserem bewußten Dasein chen Königin in sich schloß: Unabwendbar werde da ein Verdacht
die Selbsterhaltung höchstes Ziel; die biologisch programmierte entstehen, der ihn sein Leben kosten kön~te. Darum kastrierte er
Fortpflanzung, die das Individuum ersetzbar und letztlich überflüs- sich selbst und hinterließ seine Genitalien, einbalsamiert in Honig
sig macht, ist nicht voll eingepaßt. Hieran mag es liegen, daß in und Gewürzen, in einem verschlossenen Behältnis beim König. Es
vielen Traditionen von Weisheit und Askese die Sexualität Ge- kam, wie erwartet; die einsame Königin verliebte sich, und als sie
genstand äußersten Mißtrauens ist; scheint es doch, als könnte man sich zurückgewiesen fand, wiederholte sich die Geschichte von
sich dem Malstrom von Geburt und Tod entziehen und Unsterb- Josef und Potiphars Frau in einer neuen Variante: Verleumdung
lichkeit gewinnen, wenn man nur auf Sexualität und Fortpflan- wegen angeblicher Vergewaltigung, Gericht und Todesurteil; da
zung verzichtet. Ein kleiner Verlust ist anzuraten, wenn es um die forderte Kombabos den König auf, jenes Behältnis zu öffnen, und
dauerhafte Erhaltung des Individuums als Ganzes geht. Auf solche bewies seine Unschuld durch die Evidenz der mangelnden Männ-
Weise hebt die geistige Welt von ihrer biologischen Basis ab, was lichkeit.
zwar dem Individuum_ die erwünschte Dauer keinswegs garantiert, Die Erzählung ist aitiologisch, besonders mit dem Verweis auf
jedoch als geistiger Appell Ulnfassende und dauerhafte Wirkungen das versiegelte Behältnis, in dem die fehlenden Teile dauerhaft
erzielen kann. Bewußte Spekulationen und vom Unbewußten ge- verwahrt sind - auch die Eunuchen am chinesischen Kaiserhof
steuerte Phantasien konzentrieren sich auf ein Thema, das stärksten hatten entsprechende Behältnisse -.45 Die Geschichte dürfte einen
Ambivalenzen ausgesetzt bleibt. alten Kern haben, scheint doch der Name Kombabos mit dem
Das angebliche Verhalten des Bibers spiegelt tatsächlich vollzo- Namen der Großen Göttin, Kubaba-Kybebe, zusammenzugehen. 46
gene Rituale, die auch in Erzählungen ihren Ausdruck finden. Es Interessant jedoch ist vor allem die psychologische Deutung, die
gab von Babylonien bis Syrien und Kleinasien Heiligtümer, wo hier dem Kastrationsritual gegeben wird: Es ist die Angst vor dem
66 11. Das Opfer des Verfolgten II. Das Opfer des Veifolgten

so viel mächtigeren sexuellen Rivalen, dem König, der töten kann, die Mutter das Steinmesser fuhrt - auch im Kult der Großen
was den jungen, unterlegenen Mann dazu bringt, auf seine Sexua- Mutter wurde die Kastration mit einem steinernen Messer durch-
lität zu verzichten. Tatsächlich hat man bei bestimmten Affenge- geführt. Der· wahre Ursprung der Beschneidung mag fur uns wei-
sellschaften beobachtet, daß die jungen, rangniederen Männchen terhin dunkel bleiben; doch die älteste Deutung dürfte in diesem
einer Art psychischer Kastration unterliegen, solange sie in die Text vorliegenY
Gesellschaft integriert sind; indem sie wachsen und älter werden, Es liegt fur uns, im Schatten von Siegmund Freud, durchaus na-
wird später einmal ihre Chance kommen. 47 In der Erzählung ver- he, Fingeropfer und Kastration zusammenzusehen. Die Vermu-
hält sich Kombabos ganz wie der kluge Biber: Er schneidet ab, was tung, das ,Finger-Denkn~al' des Orestes in Arkadien sei als phalli-
zur tödlichen Gefahr geworden ist, und rettet so sein eigenes Le- sches Monument zu verstehen, ist sogar älter als Freud. 52 Und was
ben. Laut Lukian fand die reale Kastrationszeremonie in Bambyke- ein Quentchen Freudscher Phantasie aus jenem beredten Finger in
Hierapolis im Rahmen eines großen Festes statt; diejenigen, die der mittelalterlichen Kyklopenerzählung macht, von dem der Ring
sich zu gaUoi machten, ,warfen' das Abgeschnittene in ein Haus, sich nicht mehr streifen läßt; ist abzusehen. Telesphoros, das Kind
aus dem sie dann das Frauengewand samt Schmuck erhielten. 48 mit Kapuze, dem Aristides in Pergamon seinen Fingerring dar-
Der Biber wirft seine Hoden den Jägern zu. bringt, läßt sich in einigen antiken Exemplaren als Phallos in der
Nicht weniger seltsam ist eine Geschichte, die an isolierter Stelle Kapuze enthüllen) 3 In einer eigentümlichen Version des Attis-
in der Bibel steht. Es handelt sich offensichtlich um einen aitiolo- Mythos kann Attis, entmannt und verblutet, nicht ins Leben zu-
gischen Mythos fur das Beschneidungsritual; der Text wird übli.- rückkehren, doch sein Körper bleibt unverwest, und sein kleiner
cherweise dem Jahwisten zugewiesen. Als Moses zusammen lIllt Finger bewegt sich immer noch)4 Zugleich ist in den zugehörigen
seiner Frau Zippora aus Midian nach Ägypten zurückkehrt, zu- Mythen die weibliche Gestalt aktiv und bedrohend, Ishtar oder
sammen mit ihrem kleinen Sohn, übernachten sie in der Wüste. Kyb ele , Zippora oder die Erinyen im Verbund mit der Mutter
Da "stieß Jahwe auf ihn und wollte ihn töten. Da nahm Zippora Klytaimestra. Inwieweit hier Grundfiguren der männlichen Psyche
einen scharfen Stein, schnitt damit die Vorhaut ihres Sohns ab und ihren bildhaften Ausdruck finden, mag der internen Diskussion der
berührte damit seine Scham und sagte: Ein Blutbräutigam bist du Psychologen überlassen bleiben. In der hier vertretenen Sicht
mir! Da ließ er von ihm ab" .49 Schon der Schreiber dieses Textes dürfte das Grundprogramm noch jenseits der Freudschen Psyche
war verwundert und sah sich veranlaßt, eine Erklärung hinzuzufu- mit ihren ödipalen Ängsten in den harten Felsen der biologischen
gen: "damals gebrauchte sie den Ausdruck Blutbräutigam fur die Urlandschaft verankert sein. Realen Gefahren durch Freßfeinde
Beschneidung." Trotzdem bleibt das Rätsel. Wie kann der Herr galt es seit je zu entkommen; Grundängste schaffen sich den ent-
zum todbringenden Gespenst oder gar zum Raubtier der nächtli- sprechenden Kontext, wobei auch die Ambivalenz der Sexualität
chen Wüste werden?5 0 Eben dies ist die Szenerie: Plötzlich, zur mit einbezogen wird; religiöse Rituale bestätigen sich in der emo-
Nacht in der Wüste, der unwiderstehliche Schrecken, die Erschei- tionalen Antwort, die ihnen entgegenkommt.
nung einer tödlichen Macht, gewaltiger als je ein König. Da bleibt
nur sich loszukaufen durch Verzicht auf die Männlichkeit. In der
Tat' ist es die Mutter, die die Entscheidung trifft, doch findet zu- Sündenböcke
gleich ein doppelter Ersatz statt: Das Kind tritt an die Stelle des
Gatten die Vorhaut an die Stelle des Zeugungsglieds. Blut und Das pars pro toto-Opfer, das durch den kleinen Verlust das Ganze
Verstü:nmelung muß sein, dies bleibt real inmitten der symboli- zu retten sucht, kommt zu besonders packender Wirkung in der
sierenden Ersetzung. So wird der Verfolger abgehalten: Nur ein Gruppendynamik. "Es ist besser, daß ein Mensch sterbe fur das
,Blutbräutigam' wird überleben. Mit anderen Worten: Gegenüb~r Volk, als daß das ganze Volk zugrunde geht", sprich der Hohe-
einem Über-Vater wird in der Weise des Kombabos verfahren, In priester Kaiphas im Johannes-Evangelium. "Solches redete er aber
der Praxis gemildert durch den rituellen Ersatz. Merkwürdig, daß nicht von sich selbst, sondern weil er desselben Jahres Hoherprie-
68 1I. Das Opfer des Veifolgten II. Das Opfer des Veifolgten 69

ster war, weissagte er", rugt der Evangelist hinzu. 55 Die unerhörte sind sich auf einmal alle einig: Ein Mensch lllUß auf dem Schiff
Schuldenbegleichung, wonach ,einer rur alle' stirbt, ist zu einem sein, der die Schuld am Unheil trägt. Ihn wirft man, sobald er ge-
Grunddogma christlicher Theologie geworden. Und doch war der funden ist, ins Meer. Einen Teil der Ladung über Bord zu werfen,
Satz des Kaiphas nur Wiederholung eines sehr alten Prinzips, das um das Schiff zu retten, ist das rationale Verfahren;5 8 einen mitrei-
allgemein verstanden, akzeptiert und praktiziert worden ist. 56 senden Menschen zu ,opfern', ist die unerhörte Tat, die durch die
Schon im Babylonischen Weltschöpfungsepos Enuma elish ist es Bibel fixiert und zu größter Popularität gebracht worden ist. Die
formuliert, als ein aufrührerischer Gott verurteilt wird: "Er allein Erzählung ruhrt zusätzlich das riesige, verschlingende Tier ein, die
soll untergehen, damit die Menschheit geschaffen werden kann." 57 Figur von jener anderen Terror-Szene, wobei dann freilich in
In der Tat gibt es Notsituationen, in denen es als durchaus ver- phantastischer Umkehr beide Schrecken sich neutralisieren und
nünftig erscheint, eine Person oder auch mehrere zu ,opfern', um der große Fisch zum Retter wird. Volkskundler haben vielerlei
die große Mehrheit der übrigen zu retten. Generäle haben in ihren Parallelen zur Jona-Geschichte zusammengestellt. 59 Eine Sonder-
Kriegen nicht gezögert, einen Teil ihrer Truppen rur höhere stra- form erscheint in Vergils Aeneis, bei der nächtlichen Überfahrt
tegische Ziele zu ,opfern'. Faßbarer noch rur bildhafte Phantasie ist nach Italien: Unl die glückliche Fahrt zu sichern, muß ein Mensch
der Schlitten, der von Wölfen verfolgt wird: Indem die Pferde er- sterben in dieser Nacht, "ein Haupt wird rur viele gegeben". 60 Der
müden, bleibt nichts übrig als einen vom Schlitten zu werfen, da- Steuermann Palinurus wird durch göttliches Eingreifen einge-
mit die anderen entkommen können - wir sind wieder beim schläfert und stürzt ins Meer.
Grundbild des verfolgenden Raubtiers. Vergleichbare Situationen Unter den Legenden, die zum Lacus Curtius am For~m Roma-
können in anderen Katastrophen auftreten, in Feuern und Wasser- num erzählt wurden, fillt eine auf: Hier, sagte man, habe sich einst
fluten, auf sinkenden Schiffen; auch Helfer, die andere retten, ver- ein Abgrund aufgetan (dehisse terram), und die Seher verkündeten,
lieren zuweilen ihr Leben. Man ehrt ihr Andenken und bleibt da- daß "der Gott den tapfersten Bürger" verlange: Ein gewisser Cur-
mit im Bann der packenden Erzählungen von Katastrophe des ein- tius ritt aus eigenem Entschluß in den Abgrund, der sich daraufhin
zelnen und Erfolg der vielen. Fast unentbehrlich ist dabei die SChlOß.61 Der ,gähnende' Abgrund ist eine denkwürdige Projektion
rituelle Sprache: Auch der Moderne kann da nur von ,Opfern' der Angst, dem Bild des ,gähnenden' Schlundes eines Fressers ver-
sprechen. wandt. Ein Mensch muß verschlungen werden, damit die anderen
Die pars pro toto-Rechnung ist so rational und zugleich emotio- gerettet sind. Der Tat wird dann im Ritual gedacht: Man bringt
nal doch so erregend. Sie wiederholt im Bereich des Bewußtseins, Geschenke, man wirft Münzen in die flache Wasserlache, die ge-
was die ,Natur' längst geplant und immer wieder erprobt hat. Für blieben war - ähnlich jenen Dollarnoten, die in den See geworfen
uns bleibt eben darum etwas Dunkles, Geheimnisvolles, das be- werden. Die Zahlung beschwichtigt die Angst und sichert den
sonders in religiöse Kontexte hineinwirkt. Der kleine Verlust zur Bestand der Normalität gerade am Marktplatz der Stadt.
Bestätigung des Lebens, das ,Opfer' des einen rur alle kann Phan- Zu anderen Ritualen gibt es andere Geschichten. Man schlach-
tasiegeschichten ebenso wie merkwürdige Rituale bestimmen. Es tet ein schwarzes Lamm, um den Wirbelsturm aufzuhalten; man
reicht dann über das eigentlich Rationale, Funktionale wiederum hält durch Blut die Winde fern. 62 Wenn in Kyrene "eine Seuche
weit hinaus, es wird zur symbolischen Botschaft; man mag von sich dem Land oder der Stadt nähert, oder Hungersnot, oder all-
,Magie' und Aberglauben sprechen; jedenfalls wird die Abfolge als gemeines Sterben, dann opfern sie einen roten Bock vor den To-
wirksam empfunden und akzeptiert - Triumph eines angeborenen ren".63 Der Legende nach ist noch 1715 in Österreich ein Kind le-
Programms. bendig begraben worden, um eine Seuche abzuwenden; fest steht,
Eine Modellsituation rur Angst und Verzweiflung, nächst dem daß in einem schwäbischen Dorf im Jahr 1796 der Gemeindestier
verfolgenden Wolfsrudel, ist das Schiff im Sturm. Davon war be- lebendig begraben wurde, unl einer Viehseuche Herr zu werden -
reits die Rede. Am bekanntesten ist die Geschichte von Jona dem was freilich den Bauern groben Spott ihrer aufgeklärteren Nach-
Propheten: Als im Sturm die Matrosen die Hoffnung verlieren, barn zuzog. 64 In der Dichtung akzeptieren wir gern, daß ein Le-
II. Das Opfer des Verfolgten II. Das Opfer des Verfolgten 71
70
bewesen begraben sein muß, um etwa einen Meeresdamm gegen Frau jedoch fand das Mittel, den kranken Kindern zu helfen: Man
die Flut zu sichern. 65 nehme die Innereien eines Ferkels und spreche dazu: "Vögel der
Der kleine, erträgliche Verlust mag den Überlebenden dennoch Nacht, verschont das Innere des Kindes. Für das Kleine fällt ein
ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Dies fuhrt zu einer andersar- kleines Opfer. Nehmt, bitte, Herz fur Herz, Eingeweide fur Ein-
tigen Projektion: Das dem Untergang bestimmte Wesen war sei- geweide; diese Seele geben wir fur eine bessere Seele." Die
nerseits schuldig, befleckt, abscheulich; der positive Effekt wird Schweine-Innereien, in Stücke geschnitten, werden im Freien aus-
verstärkt durch die negativen Kriterien der Opfer-Auswahl. Damit gebreitet; man darf nicht zurückblicken, wenn man die Szene ver-
wird der berühmt-berüchtigte Sündenbock-Mechanismus er- läßt. 72 In der phantastischen Welt, die Mythos und Ritual entwer-
reicht. 66 Freilich kann auch eine tief ergreifende Ambivalenz zum fen, müssen die verfolgenden Raubvögel durch ein Ersatzopfer
Ausdruck kommen, wonach der allseits Verachtete zugleich der befriedigt, muß ein anderes kleines Tier getötet werden. Was ge-
eigentlich Verehrte ist. Dies ist vor allem in der christlichen Tradi- genüber realen Raubtieren funktional wäre, sie durch Füttern ab-
tion zur höchsten Wirkung gelangt, indem es so gelang, die Kata- zulenken, wird zur symbolisch-magischen Prozedur. Zugleich ist
strophe des Kreuzestodes zu bewältigen. 67 eine weitere, entscheidende Transformation vollzogen: Der Be-
Weiter sei der Sündenbock-Komplex hier nicht verfolgt. 68 Es drohte findet Rettung, indem er selbst zum Töter wird. Dies ver-
genüge der Verweis auf den ,Versöhnungstag' nach biblischer doppelt gleichsam den angestrebten Schutz: Der mögliche An-
Vorschrift: Ein Ziegenbock wird ,fur Azazel' ausgewählt, die Sün- greifer wird ebenso beschwichtigt wie bedroht; indem die Angst in
den des Volkes werden auf sein Haupt geladen, und so fuhrt man Aggression Uluschlägt, ist das Gefuhl der Wirkung überwältigend.
ihn in die Wüste. 69 Dort wird er wohl irgendwelchen Fressern Die ominösen Worte ,Seele fur Seele' oder ,Leben fur Leben',
ZUlU Opfer fallen. Eine spätere Quelle behauptet, man habe den animam pro anima,73 sind nicht nur aus Dichtung bekannt, sondern
Bock von einem Felsen gestürzt. Die Zeichnung auf einer spät- aus direkter religiöser Praxis. Vor allem Weihinschriften fur
bronzezeitlichen Elfenbeinplatte aus Meggido ist oft als Illustration ,Saturnus' in Nordafrika gebrauchen diese Formel.7 4 Dabei ist dar-
dieses Rituals angefuhrt worden; sie zeigt eine Sphinx, mit Lö- an zu erinnern, daß der ,Ersatz' im Opferwesen auch umgekehrt
wenleib und Geierflügeln, die sich auf eine Ziege stürzt: Ein Dä- verlaufen kann, wonach dann nicht ein Tier an Stelle des Men-
mon, der in seiner Gestalt verschiedene Raubtiere der Wüste zu- schen, sondern ein Mensch an Stelle des Tieres tritt. Saturnus-
sammenfaßt. 70 Kronos ist der Gott, mit dem die antike Tradition die phöni-
kischen und besonders die karthagischen Kinderopfer in Verbin-
dung bringt, die man nach biblischem Zeugnis oft Moloch-Opfer
Leben rur Leben genannt hat. 75 Laut Diodor waren sie in Karthago durch Tier-
Holokauste normaler Art ersetzt worden, doch in besonders un-
Gierige Dämonen, die den Menschen verfolgen, bestimmen die heilvoller Lage, als Agathokles die Stadt belagerte, seien die Kar-
altorientalische Vorstellung von Krankheiten: Böse Wesen haben thager zum Menschenopfer zurückgekehrt, als sei es das wirksa-
den Kranken gepackt; gegen sie stellt sich die heilende Magie. 71 mere Mittel zur Rettung. 76 Solche Kinderopfer seien "Lösegeld fur
Das übliche Verfahren ist, ein Tieropfer als Ersatz zu bieten, mit rächende Dämonen", schrieb PhiIon von Byblos.77 Das indische
Worten wie: "sieh, diese Ziege ist groß und fett, nimm sie, und Butteropfer und das karthagische Kinderopfer erscheinen als zwei
laß den Kranken frei." Entsprechende Vorstellungen und Riten extreme Möglichkeiten in der Anwendung des Ersatzopfers. Die
wirken auch in der klassischen Antike. Ovid erzählt in seinen Fasti Septuaginta-Übersetzung hat selbst dem jüdischen Opfer diesen
von Vampirvögeln, die in der Nacht umherfliegen, den striges - das Sinn gegeben: Aus dem Satz "Das Blut, durch das Leben darin,
Wort klingt fast wie die Bezeichnung der Hexen, strigae -; sie schafft Sühne" wird in der griechischen Übersetzung: "Sein (des
dringen ein in die Räume, wo kleine Kinder schlafen, und saugen Opfertieres) Blut schafft Sühne anstelle der Seele", d. h. der
ihnen das Blut aus, so daß sie kränkeln und sterben. Eine weise Mensch bringt das blutige Opfer an Stelle des eigenen Lebens. 78
72 II. Das Opfer des Verfolgten II. Das Opfer des Verfolgten 73
Die Überzeugung, die Bedrohung eines Menschenlebens lasse dem sie dem verschlingenden Rachen des Untergangs zu entflie-
sich nur durch Hingabe eines anderen Menschenlebens aufheben, hen suchen, sind sie bereit, Opfer' bringen, nicht ohne die Chan-
ist eine Art Logik, die offenbar immer wieder ausgebildet werden ce, durch Einsatz von Aggression die Angst in Triumph zu ver-
kann. Admetos akzeptierte erfreut den Tod seiner Frau Alkestis an wandeln. 85
seiner Statt; Aristeides träumte von ähnlichem Ersatz. 79 Königin
Amestris, laut Herodot, vollzog solche Opfer; doch auch einem
König von Uppsala wird Entsprechendes zugeschrieben, ja eine
ungarische Herzogin soll im I7. Jahrhundert Mädchen geschlachtet
haben, um ihr Leben zu verlängern. 8o Caesar berichtet, es sei all-
gemeiner Brauch bei den Galliern, in Fällen von Krankheit, aber
auch in Schlachten und in Gefahren überhaupt Menschenopfer zu
vollziehen; "denn sie glauben, anders könne der Sinn der unsterb-
lichen Götter nicht besänftigt werden, als wenn furs Leben eines
Menschen eines Menschen Leben erstattet werde" .81 In Rom kam
es vor, daß Bürger den eigenen Tod gelobten, damit der kranke
Kaiser genesen könne - und Caligula entblödete sich nicht, die
Erfullung eines solchen Gelübdes zu erzwingen. 82 Daß der ge-
heimnisvolle Tod des Antinoos im Nil ein magisches Opfer war,
um Kaiser Hadrians Leben zu verlängern, hat einige Plausibilität. 83
Daß insgeheim in Indien Kinder geopfert werden, um Krankheit
oder andere Gefahren abzuwehren, wissen Zeitungen noch heute
zu berichten.
Im sumerischen Inanna-Mythos verlangen die ,Gesetze der
Unterwelt', daß ein Ersatz gewährt werde, auf daß Inanna aus dem
Reich der Toten zu den Lebenden zurückkehren kann; so fillt
schließlich Dumuzi den unterweltlichen gall~ zum Opfer, die ihn
verfolgen. Diese Dämonen "verschmähten die Opfergaben von
Essen und Trinken, aßen nicht vom Mehl, das zum Opfer ausge-
breitet war, tranken nicht vom Wasser, das zur Libation ausgegos-
sen wurde":84 Diese Wesen sind so schrecklich, weil kein Ersatz-
opfer sie ablenken kann. Es bleibt, als erbauliche Möglichkeit, das
freiwillige Opfer: Dumuzis Schwester Gestinanna tritt fur ihn ein,
er und seine Schwester werden schließlich den Aufenthalt in der
Unterwelt unter sich aufteilen.
In der Ursituation der vom Freßfeind bedrohten Herde - man
mag sich Zebras und Gnus in Gegenwart von Löwen vorst~llen -
können, wenn ein Tier gerissen ist, die anderen sich vorderhand
sicher fuhlen. Leben heißt Überleben. Das instinktive Programm
scheint zu gebieten: Nimm einen anderen, nur nicht mich. Die-
sem Programm können sich auch Menschen kaum entziehen. In-
III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 75

allem soweit es sich um schriftlose Kulturen handelte, in Gestalt


von Erzählungen gegeben ist. Solches ,Wissen in Geschichten'
freilich unterscheidet sich von dem Material, von deIn Wilhelm
Schapp ausging, insofern es sich nicht, um Einzelerfahrungen le-
IH. Handlungsprogramm und Erzählstruktur bender Individuen handelt, sondern um gemeinsamen Besitz einer
Gruppe, eines Clans oder Stammes, wobei in gewissem Maße eben
darauf das Bewußtsein der Identität dieser Gruppe beruht. Tradi-
,In Geschichten verstrickt' tionelle Erzählungen in diesem Sinn sind freilich nicht homogen
und nicht klar abgegrenzt. Inwieweit sich in allgemeiner, kultur-
In Geschichten verstrickt ist der Titel eines Buchs von Wilhelm übergreifender Weise bestimmte Klassen wie Mythen, Sagen,
Schapp, das 1953 erschien.! Nicht als Folklorist, sondern als Märchen unterscheiden lassen, ist ein kaum zu lösendes Problem. 6
Rechtsanwalt hatte Schapp die Erfahrung gemacht, wie die Leute, Eben darum ist auch eine allgemeine Definition des Begriffs
die zu ihm kamen, jeweils eine Geschichte mitbrachten: Das Pro- ,Mythos' fast ausgeschlossen.7 In Frage steht auch, inwieweit tradi-
blem, das einen einzelnen jeweils beschäftigte, Sorge, Unglück tionelle Erzählungen stabil oder aber dauernder Veränderung un-
und Erfolg, hatte die Gestalt einer Geschichte angenommen, die terworfen sind, und wie dabei Mündlichkeit und Schriftlichkeit
zu erzählen war. In dieser Form war Lebenserfahrung und prakti- ineinander wirken.
sches Wissen bewahrt und. mitteilbar geworden. Jedem Sammler und Forscher muß auffallen, daß vielerlei Er-
Schapps Ansatz ist von mehr als anekdotischem Interesse. Seit zählungen einander immer wieder so ähnlich sind, daß man Varia-
Aristoteles nimmt die Wissenschaft an, daß Wissen in Form von tionen allgemeinerer Typen zu konstatieren hat. Der zusammen-
Sätzen vorliegt, Prädikation über ein Subjekt. "Die Welt ist, was fassende Index von Märchentypen, den Antti Aarne und Stith
der Fall ist", beginnt Wittgenstein. 2 Wir wissen, wie wir es gelernt Thompson erarbeitet haben, umfaßt rund 1000 Nummern;8 doch
haben, daß der Wal ein Säugetier ist oder der Blitz eine elektrische läßt sich diese Zahl durch weitergehende Verallgemeinerung redu-
Entladung. So kennen wir eine statisch geordnete und begriffene zieren. Dabei ist bezeichnend, wie leicht eine Erzählung sich mer-
Welt. ,Wissen in Geschichten' ist anderer Art: Was eine bestimmte ken läßt, wenn sie denn eine ,gute' Erzählung ist: Jeder fühlt sich
Person der Reihe nach getan und erfahren hat, und was die Folgen in der Lage, eine Erzählung wiederzugeben, die er einmal gehört
waren - dies sind Einzelheiten, die sich nicht verallgemeinern las- hat, sofern Aufmerksamkeit und Phantasie errregt worden sind;
sen, und doch sind ,Geschichten' interessant, weil sie so verständ- und jeder mag zur Gegenprobe erfahren, wie schwierig es ist, eini-
lich sind. Kein Wunder, daß sie oft auch die alltägliche Kommuni- ge wenige sinnlose Silben auswendig zu lernen, ein paar Wörter
kation beherrschen. ,Erzählung' ist eine W eise, kon~plexe Erfah- Japanisch, oder eine zehnstellige Ziffer. Und doch hat der simpel-
rung mitzuteilen. ste elektronische Speicher hiermit kein Problem. Eine Geschichte
Das Interesse an Erzählungen hat sich in wissenschaftlicher Form nachzuerzählen, ist offenbar eine Leistung ganz anderer Art. Es
vor allem in den Studien der Volkskunde niedergeschlagen, die seit geht nicht um eine Lautabfolge und nicht um einzelne Wörter, ja
Beginn des 19. Jahrhunderts großen Aufschwung nahmen. Am in der Regel gar nicht um einen fixen Text. Mögen Kinder zu-
Anfang stand ein neu erwachtes Interesse für ,Mythos' - der Be- weilen auf exakten Märchentexten bestehen, der rechte Ge-
griff des ,Mythos' wurde damals überhaupt neu entdeckt) Im Ge- schichtenerzähler kann erweitern und kürzen, veranschaulichen
folge der Grimmschen Märchensammlung4 wurden dann überall in und andeuten, er kann in den Ausdrücken wechseln;· Geschichten
Europa und darüber hinaus Volksüberlieferungen im Sinn natio- lassen sich, im Gegensatz zu hoher Poesie, auch ohne weiteres in
naler Mythologien zusammengetragen und auch rekonstruiert. Ei- andere Sprachen übersetzen. Es geht nicht um den Text, sondern
ne Mythology of All Races erschien 1922.5 Damals schon war allge- .um die Abfolge von Ereignissen und Aktionen, die zusammen ei-
mein akzeptiert, daß die Tradition einer bestimmten Kultur, vor nen Sinn ergeben. Gewiß ist es auch in mündlicher Tradition
III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstrukiur 77
möglich, bestimmte Texte in ihrem Wortlaut zu memorieren, wo- de Erzählung enthält Glieder dieser Kette in der rechten Folge;
zu es dann freilich meist besonderer Motivation und auch be- dabei können Stücke der Kette auch wiederholt werden. Es gibt
stimmter Hilfstechniken bedarf - so bei den Brahmanen, die den Versuche einer weitergehenden Formalisierung, vor allem durch
Veda auswendig lernen, oder in Koran-Schulen. Dies zeigt im Alan Dundes; I2 dabei verliert sich freilich die nachvollziehbare,
Kontrast, wie ,natürlich' es ist, eine merkwürdige Geschichte sich ,merkwürdige' Abfolge in der Abstraktion.
zu merken. Sie hat eine ,packende' Wirkung, die doch freien Aus- Man hat kritisiert, Propp habe sich ausschließlich auf ein be-
druck erlaubt. Die Erzählung ist eine Sinnstruktur. 9 stimmtes Corpus gestützt, auf die russische Märchensammlung von
Manas'ev: "So hat sich das Stilempfinden A[fanas'ev']s bzw. des
Bauern Zyrjanov ein Jahrhundert später in den USA, Frankreich
Die Propp-Sequenz: Die abenteuerliche Suche und Deutschland bei Erzählforschern als ,Tiefenstruktur' jeder Er-
zählung, ja des ,homo narrans' überhaupt, geltend gemacht."I3
Über die Struktur der Erzählung hat es viel Forschungsarbeit und Anderen mag mehr noch der Einfluß der klassischen europäischen
Diskussion gegeben. Als ein besonders erfolgreicher und einfluß- Tradition unbehaglich erscheinen. 14 Da ist es beruhigend, daß
reicher Ansatz, der zugleich leicht verständlich erscheint, hat sich Propps Methode, worauf immer sie gebaut ist, sich in einem viel
dabei die ,Morphologie der Erzählung' von Vladimir Propp er- weiteren Umkreis von Mythen bewährt, an die weder Propp noch
wiesen. 10 Propp hatte als Arbeitsgrundlage ein Corpus russischer Afanas'ev, geschweige denn sein russischer Bauer gedacht haben
Märchen; doch die Ergebnisse seiner Studien reichen weit darüber können.
hinausY Innerhalb der griechischen Mythologie - die Propp in seinem
Nach Propp läßt sich eine Erzählung als Abfolge von 3 I Buch nicht ausdrücklich behandelt hat - tritt seit langem die Per-
,Funktionen' beschreiben. Verkürzt und vereinfacht verläuft dies seus-Geschichte als Muster einer Erzählung überhaupt hervor, und
so: Es kommt ein Verlust zustande, ein Bedürfnis oder Wunsch sie ist eine Propp'sche Sequenz par excellence: I5 Um das Haupt der
(8); der ,Held' wird ausgeschickt (9), er faßt seinen Entschluß (10); Medusa zu gewinnen (9) begibt sich Perseus auf eine Reise (I I),
er verläßt sein Zuhause (II); er begegnet einem Partner, der ihn die ihn bis ans Ende der Welt fuhrt; dort trifft er die Graiai, von
auf die Probe stellt (12); indem er darauf reagiert (13), erhält er ein denen er entscheidenden Rat und Zaubergeschenke erhält (12/14);
Geschenk, ein Zaubermittel (14); so ausgestattet erreicht er den so begegnet er der Gorgo (16), die er tötet (18); er entkommt der
gesuchten Ort (15), wo er mit einem Gegner in Konflikt gerät Verfolgung durch die Gorgonen-Schwestern (21/22) und gewinnt
(16); er erhält dabei eine Markierung, ja Verwundung (17), doch dann eine Braut. Eine andere recht bekannte Gruppe von Erzäh-
bleibt er siegreich (18); der anfängliche Verlust oder Mangel ist lungen sind die ,Arbeiten des Herakles'. Gleich der Perseus-
damit behoben (19). Der ,Held' tritt die Rückreise an (20); er wird Geschichte finden wir diese nicht in der Gestaltung eines großen
verfolgt (21), doch gerettet (22); er kommt unerkannt nach Hause Dichters vor, sondern fast nur in knappen Zusammenfassungen
oder an einen neuen Ort (23); ein falscher Held tritt auf als Kon- und Anspielungen und einer weitverbreiteten Ikonographie. 16 Es
kurrent (24); über eine schwere Probe (25) kommt der ,Held' zum handelt sich hier in der Tat um volkstümliche Überlieferung, von
endlichen Erfolg (26), er wird erkannt (27), der falsche Held wird der die hohe literarische und künstlerische Kultur getragen ist.
entlarvt (28), bestraft (30); der ,Held' vermählt sich und besteigt Eben diese ,Arbeiten' nun des Herakles, wenn überhaupt erzählt,
den Thron (3 I). wiederholen immer wieder das Propp'sche Schema. Um etwa die
Das Wesentliche ist, nach Propp, daß diese ,Funktionen', nicht Rinder des Geryoneus zu gewinnen,I7 muß Herakles, laut Auftrag
etwa die Personen die konstanten Elemente einer Erzählung sind; des Eurystheus (9), eine lange Reise antreten (II): er trifft den
dabei ist ihre Anzahl begrenzt, ihre Reihenfolge unumkehrbar. Meergreis, der ihm wichtige Weisung gibt, er trifft den Sonnen-
Nicht alle ,Funktionen' müssen in einer Erzählung vorkommen - . gott Helios, der ihm sein Zaubermittel überläßt, den goldenen Be-
auch der eben gegebene Abriß hat mehrere ausgelassen -, doch je- cher, mit dem er den Okeanos am Rand der Welt befahren kann
III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur In. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 79

(12/14); bei Ankunft auf der Insel Erytheia (15) hat Herakles den Die ältesten Erzählungen, die schriftlich aufgezeichnet wurden,
Kampf mit dem dreiköpfigen, ,brüllenden' Unhold Geryoneus, liegen vor in der noch immer nicht voll erschlossenen sumerischen
dem Herrn der Tiere, zu bestehen (18); er tötet ihn, er gewinnt Literatur. Eben hier triumphiert die Propp-Sequenz. ,Gilgamesh
die Herde (19); Verfolgung gibt es nicht auf der Heimreise, wohl und Humbaba' ist seit langem als Teil des Gilgamesh-Epos be-
aber wiederholte Abenteuer mit ,falschen Helden' (24/26), die sich kannt, doch die ältere, selbständige sumerische Fassung ist erst vor
der Herde auf dem langen Weg über Provence, Rom, Sizilien kurzem vollständig veröffentlicht worden. 22 Die Erzählung setzt
irmner wieder bemächtigen wollen. Die Hochzeit (31) findet ganz ein nut dem Wunsch des Helden Gilgamesh (8), zum Berg zu zie-
am Ende im Olymp statt, nachdem alle ,Arbeiten' abgeschlossen hen, ,um seinen Namen aufzustellen'. Er sarmnelt seine Helfer
sind. (14), denen sein Diener Enkidu voransteht; doch wird auch eine
Ein anderes Modellbeispielliefert der Argonautenmythos. Er er- merkwürdige Gruppe von ,Sieben' genannt, die Züge von Tieren,
hielt eine literarische Gestalt erst in der hellenistischen Epoche von Löwe, Adler und Schlange tragen und vom Sonnengott
durch Apollonios von Rhodos; doch Jahrhunderte zuvor schon übermenschliche Fähigkeiten verliehen bekormnen haben. Auch
war diese Erzählung allen bekannt und lieb, wie die Odyssee be- die jungen Männer der Stadt insgesamt erscheinen als Teilnehmer.
zeugt. 18 Als Märchenstruktur hat Karl Meuli die Argonautenge- Offenbar ist es bereits in diesem ganz frühen schriftlichen Text zu
schichte behandelt; 19 sie entspricht ganz deutlich der Propp- einer Verdoppelung oder Verdreifachung der Motive gekormnen,
Sequenz: Pelias wünscht sich das goldene Vlies (8), Iason erhält sind Varianten nebeneinandergestellt; der Platz der ,Funktion' und
den Auftrag (9); die Gewinnung einer ganzen Gruppe von ihre Bedeutung werden dadurch eher bestätigt. Dann hat Gilga-
,Helfern' (12/14) noch vor Antritt der Reise, in diesem Fall die mesh sieben Berge zu überqueren, bis er am Zedernbaum ange-
Besatzung des Argo-Schiffs, ist eine Eigentümlichkeit eben des kommen ist (15); er fällt die Zeder; da greift ihn der Wächter des
,Helfermärchens' . Es gibt weitere Helfer, doch auch gefährliche Waldes, Humbaba, an (16), er besiegt Gilgamesh mit einer Wun-
Antagonisten auf der langen Fahrt des Schiffs, bis endlich das Ziel derwaffe, einem Schreckensstrahl (17); doch dank Enkidus Bei-
erreicht ist (15), das Land Aia oder Kolchis, wo Medea, die Zau- stand kann sich Gilgamesh erholen; er beginnt listige Verhandlun-
ber-Prinzessin, dann zur entscheidenden Helferin wird, Rat und gen mit Humbaba, bietet ihm die eigenen Schwestern als Konku-
magischen Schutz gewährt gegenüber dem eigentlichen Gegner, binen an; schließlich ist Humbaba bereit, seine Wunderwaffe
dem Vater Aietes. Es folgt die Probe (18), die Aneignung des ge- auszuliefern, und damit unterliegt er der Gewalt; Enkidu haut ihm
suchten Gegenstands (19), Flucht (20) und Verfolgung (21), wobei den Kopf ab (18). Der Kopf wird dem Gott Enki präsentiert (20),
das Entkormnen an der magischen Zerstückelung des Apsyrtos der eine neue Machtordnung ,bestimmt'. So endet die Erzählung
hängt (22).20 Dann bricht die Erzählfolge ab, obgleich die Rück- als Aitiologie auf religiöser Ebene. Doch Propps ,Funktionen' in
kehr mit Hochzeit und Thronbesteigung enden müßte. Diese der rechten Folge haben unverkennbar den Aufbau bestimmt.
Fortsetzung wird von einer neu einsetzenden, bösen Geschichte Ein in manchem paralleler, bedeutender sumerischer Text ist
verdrängt, indem die Weigerung des Pelias, sich dem Schema zu ,Ninurta und der Asakku'.23 Da ist ein ,Schaden' eingetreten (8),
fugen, die neuen Verbrechen Medeas auf den Plan ruft, bis zur indem der dämonische Asakku, ein Sohn von Himmel und Erde
schließlichen Katastrophe im Exil. Dabei hat das Ziel der Argo- sich im Gebirge festgesetzt hat; er hat mit dem Gebirge kopulier~
nauten-Expedition, das goldene Vlies, fast unmerklich seinen Sinn und eine Schar von Felsen-Dämonen gezeugt, die nun gegen die
eingebüßt; die Abenteuer-Geschichte versinkt, indem sie zur Vor- Götter rebellieren. Ninurta, der Götterheld, akzeptiert den Auftrag
geschichte der Medea-Tragödie wird. Eine Abenteuer-Erzählung der Großen Götter und zieht aus zum Kampf (9/11). Sein Helfer
untypischer Art ist auch die Odyssee. 21 Teile aus den Erzählungen ist die Waffe Sharur, die sprechen kann (12/14). Der Kampf mit
des Odysseus können irmnerhin als perfekte Exemplare der Propp- dem Asakku (16) wird schwierig, - einen Kampf recht zu be-
Sequenz gelten, so vor allem die Kirke- und die K yklopen- schreiben ist auch gar nicht einfach; doch schließlich ist Ninurta
Geschichte. siegreich (18), der Asakku ist vernichtet, das Land kann fur die
80 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 81

Landwirtschaft erschlossen werden; die Felsendämonen werden zu die ,Schenkin' Siduri; sie kann ihm Weisung geben, wie er die
Mineralien. Im Grund nimmt Ninurta die Rolle eines Kultur- ,Wasser des Todes' mit dem Fährmann Urshanabi überqueren und
Heros wahr, der den Herrn des Gebirges überwindet, wie Gilga- Utnapishtim erreichen kann (r5), den Sintflut-Helden, der allein
mesh den Herrn des Waldes. 24 Die Abenteuer-Sequenz ist im Be- dem Tod entgangen ist. Utnapishtim empfangt Gilgamesh freund-
griff, sich auf die bloße Kampferzählung zu reduzieren; doch bleibt lich, nicht ohne seine eigene lange Geschichte von der Sintflut bei
der Vorstoß ins Unbekannte ebenso wie der gegenständliche Ge- dieser Gelegenheit zu erzählen; er stellt Gilgamesh Proben, die die-
winn, der nach Hause geholt wird, ob es nun um Steine vom Berg ser nicht eben gut besteht; trotzdem teilt er mit, wo das ,Kraut des
oder um Bauholz fur den Tempel geht. Lebens' zu finden ist, das Gilgamesh an sich nimmt (r9). Gilgamesh
Noch genauer fugt sich der Proppschen Struktur der berühmte macht sich auf den Heimweg (20), zusammen mit Urshanabi. Doch
Text von ,Ishtars Höllenfahrt' oder vielmehr, in der älteren sume- an einer Quelle, als Gilgamesh eingeschlafen ist, kommt eine
rischen Fassung, von ,Inannas Katabasis' .25 Bei dieser Erzählung Schlange und verschluckt das Kraut des Lebens (24). So ist die Su-
mißlingt, wie so oft, der erste Akt des ,Abenteuers': Inanna, die che letztlich gescheitert. Künftig kann die Schlange sich verjüngen,
Göttin der Fruchtbarkeit, begibt sich in die Unterwelt, das ,Land indem sie die alte Haut abstreift; der Mensch bleibt dem Tod ver-
ohne Wiederkehr', und wird dort gefangen. Dies wäre der ärgste fallen. Pessimistische Weisheit hat die optimistische Grundstruktur
Verlust (8), eine Katastrophe fur alles Leben; hier setzt die ,Suche' verformt, die der Erzählung von Haus aus eigen ist. 28
ein: Der kluge Gott Enki erschafft als ,Helden' eine Art Schama- "Die Erzählung (mythos) ist die Seele des Dramas", schrieb Ari-
nen, kurgaru und kalaturru,26 und schickt sie auf die Suche (9); sie stoteles,29 wobei er unter ,Seele' ein gestaltendes Naturprinzip ver-
kommen zur Unterwelt (II), wo sie gleich Fliegen unbemerkt stand. Die Propp-Sequenz wirkt als gestaltendes Prinzip seit den
durch alle Tore gelangen; sie treffen auf den Gegner, Ereshkigal, ältesten Erzählungen, die aufgezeichnet wurden, und weit über die
die Königin der Unterwelt (r6). Gewalt ist hier nicht zu brauchen, klassische Mythologie hinweg bis in die Moderne hinein. Es wäre
sie setzen Klugheit ein: Sie passen sich der Klage-Stimmung der ebenso einfach wie ermüdend, das Schema weiter zu verfolgen
Herrin an, sie machen sich durch respondierende Klagen beliebt, durch Romane, Dramen, Filmhandlungen; Science Fiction und
und als sie schließlich um ein Geschenk bitten können, da verlan- Computer-Spiele kommen am wenigsten davon los. Hier ist of-
gen sie jenen eingetrockneten Rest, der von Inanna geblieben ist fenbar ein überkulturelles, allgemeines Programm, Erlebnisse zu
(r9). Sie besprengen ihn mit Wasser des Lebens und kehren an die organisieren, am Werk. Darum können wir eine Geschichte, wenn
Oberwelt zurück (20). Doch verfolgt sie jetzt eine ganze Schar von wir sie denn verstehen, so leicht behalten, wiedergeben, ja rekon-
Dämonen, die nur durch ein Ersatzopfer befriedigt werden kön- struieren aus unvollständigen Aufzeichnungen oder Gedächtnis-
nen.27 Auch hier geht der Mythos über in die Aitiologie von Op- brocken. Wir wissen eigentlich immer schon, was kommen muß;
ferfesten; die akkadische Version zielt direkt auf ein Totenfest. wir haben es meistens auch gern, wenn eine Geschichte noch
Doch die ,magische Flucht' gehört noch immer zur Propp- einmal erzählt wird. Es wiederholt sich und ist doch immer wieder
Sequenz. neu, das zu bestehende Abenteuer von Suchen und Finden, Ver-
Höhepunkt des Gilgamesh-Epos ist die bedeutendste Suche des folgung und Rettung, Verlust und Gewinn in schwankender Ba-
Menschen, die Suche nach dem Leben. Ein schwerer Verlust (8), lance, wie es sich sukzessive und Schritt fur Schritt entfaltet.
der Tod des Freundes Enkidu, veranlaßt Gilgamesh seine Heimat
zu verlassen (r r) und durch die unwegsame Steppe seinen Weg zu
suchen. Wie eigentlich der Gedanke, schlechtweg das ,Leben' zu Vom biologischen Progranun zur sprachlichen Struktur
suchen, zustandekommt, ist uns vorläufig durch eine Lücke des
Textes verborgen. Jedenfalls hat der ,Held' einen abenteuerlichen, Es ist eine naheliegende Annahme, daß die Form, wie eine Ge-
phantastischen Weg angetreten, er wandert auf der Bahn der Sonne schichte zu erzählen ist, auf einem Lernprozeß beruht. Kindern
durch den Zwillingsberg, er trifft jenseits davon seine Helferin (r2), schon erzählt man Geschichten, viele Geschichten wechselnden
82 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 83

Inhalts; dabei bildet sich ein Merksystem aus, mit der rechten Ab- Ich formulierte seinerzeit auch: "Aktionen werden durch das
folge der ,Funktionen', womit das Verstehen immer rascher und Verbum dargestellt; die Verbalwurzel, die ,Nullform' des Verbums
besser gelingt. Dann freilich sollte man erwarten, daß in verschie- aber funktioniert in vielen Sprachen - so im Englischen, Französi-
denem Kontext ganz verschiedene Formen zustande kommen, wie schen, Lateinischen, Semitischen und Türkischen, meist auch im
man Erfahrungen ordnet, daß also ganz verschiedene Erzähltypen Deutschen - als Imperativ. Kommunikation durch Imperative ist
in unterschiedlichen Kulturen auftauchen müßten. Doch die Se- sogar primitiver, grundlegender als die Kommunikation durch
quenz der ,Suche' ist erstaunlich beständig und nahezu allgegen- Feststellungen, durch Normalsätze. Die tiefste Tiefenstruktur einer
wärtig, über vier Jahrtausende und vielerlei Kulturbrüche hinweg. Erzählung wäre demnach eine Folge von Imperativen: ,Such', das
Dies gibt Anlaß, Basis und ,Ursprung' jenseits der Einzelkulturen heißt: ,Geh', ,sieh dich um', ,finde', ,kämpfe', ,pack's', und ,lauf
zu vermuten. zurück'. "31
1979 formulierte ich: "Fragen wir, woraus eine solche Sinn- Eine denkwürdige, überraschende Bestätigung dieser These
struktur, ein solches AktionsprogralTIITl abgeleitet sein kann, muß kommt aus jenem Bereich, der wohl zugegebenermaßen eine
die Antwort offensichtlich lauten: Aus der Realität des Lebens, ja Mittelstellung einnimmt zwischen biologischen Funktionen und
aus der Biologie. Jede Ratte durchläuft bei der Futtersuche im- menschlichen Handlungen: aus der ,Sprache' der Schimpansen.
mer wieder diese ,Funktionen'."3 o Wie auch immer das Verhal- Man hat bekanntlich einigen Schimpansen die Taubstummen-
ten von Ratten studiert und manipuliert wird, es zeigt sich die Zeichensprache gelehrt, mit erstaunlichem Erfolg. Die Schimpan-
Energie und rasche Intelligenz dieses erfolgreichsten Tieres, wo- sin, die es als erste weit darin gebracht hat, heißt Washoe. Ob es
bei es eigentlich immer seinem alltäglichen Problem nachgeht, sich bei solcher Kommunikation nun um den Gebrauch ,echter'
der Futtersuche. Übrigens ist auch rur unsere nächsten Ver- Sprache handelt oder um ein Zwischending, das noch-nicht-ganz
wandten, die Menschenaffen, die Futtersuche das Hauptunter- oder doch-nicht-ganz Sprache ist, bleibt vorläufig der Gegenstand
nehmen eines Tages geblieben; Menschen können vorsorgen, heftiger Debatten. Doch darauf kommt es hier nicht an. Jedenfalls
organisieren und konzentrieren. Offensichtlich muß das Pro- können Menschen und Schimpansen durch dieses Medium sich
gramm, das die hier angezeigten Bedürfnisse eines hoch entwik- recht gen au und detailliert gegenseitig verständigen. Freilich
kelten Lebewesens zu befriedigen hat, eine Abfolge grundlegen- scheint die Begeisterung der Schimpansen rur dieses Medium nicht
der ,Funktionen' enthalten: Bewußtwerden des Bedürfnisses (8), eben groß zu sein; ihr Interesse geht kaum über Eßbares hinaus.
Verlassen der Basis (II), Entdeckung des rechten Orts (15), Be- Jedenfalls: Foger S. Fouts, der mit Washoe gearbeitet hat, berichtet
gegnung mit Konkurrenten und potentiell gefährlichen Gegnern von folgender Unterhaltung: "George: Was willst du? Washoe:
(16), Erfolg (18), der das Bedürfnis stillt (19); die Rückkehr nach Orange, Orange. George: Keine Orange mehr da. Was willst du?
Hause (20) kann schwierig werden, es kann Verfolgung durch Washoe: Orange. George (ärgerlich werdend): Keine Orange
Konkurrenten geben (21); das Ziel ist· die Rettung (22), die mehr da. Was willst du? Washoe: Du Auto gehen. Gib mir Oran-
Selbsterhaltung. Mit anderen Worten: Praktisch die ganze ge. Schnell. "3 2
Propp-Sequenz ist in dieser Abfolge praktisch-biologischer Not- Deutlich wird hier eine Sequenz formuliert, um zur erwünsch-
wendigkeiten der Nahrungssuche vorgezeichnet. Die Hauptlinie ten Nahrung zu gelangen. Die Schimpansin ist so intelligent, daß
der Propp-Sequenz ließ sich in einem Wort zusammenfassen, sie nicht nur den eigenen Wunsch kennt und ausdrückt, sondern
,Suche' im Sinn des Abenteuers, the quest, la quete, was Gefahren angesichts eines Mangels die notwendige Abfolge der Handlungen
und Kampf einschließt. Auf biologischer Ebene ist Ziel in erster organisieren kann. Sie war nicht etwa unmittelbar vorher im Auto
Linie die Nahrung, was von der Auseinandersetzung mit jenen mitgenommen worden, wird berichtet; doch sie weiß, daß man
anderen, die nach den gleichen knappen Ressourcen ,suchen', Orangen per Auto aus dem Supermarkt holt. So ist die Propp-
unablösbar ist; es gibt Tricks und Überlistung, es gibt Kämpfe, es Sequenz in ihrer Grundstruktur bereits aufgebaut, als Sinnstruktur.
gibt Flucht. Am Anfang steht das Bedürfnis (8); der ,Held' erhält einen Auftrag
III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur

(9), er muß das geeignete magische Mittel einsetzen (14); dann behauptet; auch sind damit keineswegs schon alle Einzelheiten der
sollte das Bedürfnis bald einmal gestillt sein (19). Washoe hat ihr Propp-Sequenz zulänglich gedeutet.
Ziel und stellt einen entsprechenden Plan auf, den sie in eine Kette Ein Detail verdient noch besondere Beachtung, die Begegnung
von Befehlen gliedert. Man darf unbedenklich sagen, daß die mit dem ,Helfer' und die Gewinnung des Zaubermittels, das der
Schimpansin die Serie notwendiger Handlungen im eigenen Ge- Suche zum entscheidenden Erfolg verhilft (12/14).35 Ein phanta-
hirn vorbereitet und korreliert. Man kann ja ,Denken' weithin stischer Märchenzug, möchte man meinen, der freilich auch in
überhaupt als Vorbereitung von Bewegung fassen, was der eigent- den Mythen seinen Platz hat: So helfen die Graiai dem Perseus
lichen Aktion vorausgeht. Nachdem Washoe die Zeichensprache auf seinem Weg zur Gorgo, so zeigt Hermes dem Odysseus das
gelernt hat, kann sie ihr ,Denken' in ,Sprache' umsetzen, als eine Zauberkraut moly, mit dem er Kirke widerstehen kann. 36 Von
Abfolge von Imperativen. Biologie scheint dies weitab zu liegen. Und doch: Was bei jeder
Erstaunlich ähnlich ist die ,Proto-Sprache', die man an einem ,Suche' zwischen Erfolg und Mißlingen entscheidet, ist jeweils
vernachlässigten, stark retardierten Kind beobachtet hat, das nie ein Moment, in dem aus allerlei tastenden Versuchen und vagen
mehr richtig sprechen lernte: Die differenzierteste Äußerung, die Möglichkeiten ein klarer, durchführbarer Plan herausspringt, der
dieses Kind zustande brachte, war "Apfelsaft - Kaufen - Laden".33 unverzüglich in Angriff genommen wird - ein ,Aha-Erlebnis',
Auch hier wird nicht nur das Bedürfnis ausgedrückt, sondern ein wenn man nicht gar von ,Inspiration' sprechen will. "Ein Gott
Wissen um das Mittel, mit dem der Wunsch zu erfüllen ist; so gab es ihm in den Sinn", sagt die homerische Formel in solchem
wird eine sprachliche Sequenz gebildet, wobei ein Verbum als Im- Fall. So tritt Athena dem disorientierten, im Nebel befangenen
perativ im Zentrum steht. Odysseus gegenüber und läßt ihn Ithaka erkennen. 37 Auch an
Natürlich hat Washoe nicht etwa eine Geschichte erzählt. Und Schimpansen hat man längst beobachtet, daß sie ,nachdenken', bis
doch dürfte sich eben hier die Chance ergeben, das ,missing link' sie ihrerseits zum ,Aha-Erlebnis' gelangen. Gewiß, nur Menschen
zwischen Biologie und Sprache aufzuspüren und festzumachen, können daraus Geschichten machen, aber der Augenblick der
insofern das Handlungsprogramm, die Vorbereitung der Bewe- ,inspirierten' Klärung und Entscheidung folgt den Spuren biolo-
gung im Denken, als Zeichenfolge mitteilbar geworden ist. 34 Das gischer Programmierung, so gut wie der ,haarsträubende' Effekt
biologische Grundprogramm der Futtersuche kann mental als des Abenteuers.
Handlungsabfolge vorbereitet werden und äußert sich dann am Eine weitere seltsame Eigenheit der Abenteuer-Erzählung ist die
einfachsten in Imperativen. Die Abfolge setzt eine Analyse voraus, Asymmetrie von Auszug und Rückkehr. Die Route der Rückreise
in der das instinktive Bedürfnis in Ziele, Mittel, Begleitumstände scheint oft völlig verschieden vom Weg bis hin zur entscheidenden
gegliedert und das rechte Zusammenspiel organisiert wird. Das ge- Konfrontation. Dies widerspricht der normalen Ordnung des
staltende Prinzip der Erzählung, die ,Seele' der Handlung ist be- Raumes. Entgegen aller Geographie müssen die Argonauten, statt
reits auf biologischem Niveau in Aktion getreten. Die Erzählung direkt vom Pontos durch die Meerengen nach Iolkos zurückzu-
entsteht als die organische Folge der ,Funktionen', mit der prakti- fahren, den Umweg über die Donau - ursprünglich wohl über den
schen Aufgabe, ein Problem zu lösen. Mit anderen Worten, die Okeanos - bis weit nach Westen und gar bis Afrika nehmen.
abenteuerliche Suche wird eingesetzt als Mittel der Problemlö- Odysseus kann nicht einfach zurückfahren, nachdem er zur Kirke-
sung, dargestellt und mitgeteilt in Form einer Erzählung. Insel gelangt ist, unerwartet liegen jetzt Skylla und Charybdis im
Es geht nicht darum, tierische Biologie auf den Menschen zu Weg. Auch solche Asymmetrie spiegelt eine biologische Realität,
übertragen, vielmehr die Besonderheit menschlicher Kultur auf ändern sich doch die Probleme und Perspektiven ganz plötzlich im
dem Hintergrund des Nächst-Verwandten zu erfassen, die Errun- Augenblick des Erfolgs. Die Ratte, die den Bissen erschnappt hat,
genschaften des Menschen in jener urtümlichen Landschaft zu se- muß schnellstens davonrennen, um der Verfolgung durch Kon-
hen, die die Grundfiguren vorgezeichnet hat. Daß nunmehr Ur- kurrenten zu entkommen. So nimmt gerade die erfolgreiche
sprung und Funktion von Sprache überhaupt erklärt ist, sei nicht ,Suche' ein überraschendes Ende.
86 III. Handlungsprogramm und Erzählstntktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur

Den Übergang von realitäts bezogenen Imperativen zur eigentli-


Schamanenerzählungen
chen, von der Aktualität abgekoppelten Erzählung kann man sich
unschwer vorstellen, auch wenn dies außerhalb des Bereiches des Es gibt eine Theorie, wonach ein bestimmendes Prinzip, wenn
Bezeugten fällt. Offensichtlich gebrauchen Menschen ihre Sprache nicht gar der Usprung des Erzählens vom speziellen Ritual des
sehr gern auch ohne drängende Notwendigkeit direkter Informa- Schamanismus herkomme. Der Schamane ruhrt in Ekstase vor, wie
tion. Menschen sind gesprächig und empfinden es als nahezu un- er eine abenteuerliche Suche in jenseitIge Bereiche unternin1ITlt; er
erträglich, schweigend zusammen zu sein.3 8 Wir vermögen uns kann zum Himmel aufsteigen oder in die Unterwelt hinabfahren;
vorzustellen, wie unsere fernen Ahnen abends am Feuer saßen, er begegnet Geistern, Dämonen, Göttern. Zweck der Reise ist, die
wie sie dabei die Serien von Imperativen, die bei den wichtigen ,Seelen' von Kranken zurückzuholen, die man im Jenseits gefan-
Tätigkeiten des Tages aufgetreten waren, in der Erinnerung und gen glaubt, oder aber die Tiere rur die Jagd frei zu bekommen, die
wie im Traum wiederholten. Durch die Trennung vom aktuellen von einem vielleicht gekränkten Herrn der Tiere oder einer Her-
Geschehen änderten die Imperative ihre Funktion - und wurden rin der Tiere zurückgehalten werden. Die klassischen Berichte
zur Erzählung, die immer noch die ,Funktionen' in ihrer Reihen- über Schamanen stammen aus Sibirien und von den Eskimos.
folge bewahrt. So wird sie von allen verstanden, so ergibt sie Sinn. Durch Lautnachahmung und Symbole neben nonnalem Sprechen
In der Evolution des Menschen war, Hunderttausende von Jahren macht der Schamane denen, die an der Seance teilnehmen - und
lang, die Jagd wohl die bedeutendste, die abenteuerlichste Art der die das Normalprogramm der Sitzung sowieso kennen -, die Ab-
,Suche' .39 Die ersten Erzählungen könnten Jagdgeschichten gewe- folge seiner Abenteuer unmittelbar deutlich. Doch läßt sich diese
sen sein, im vorgegebenen Programm der Suche; Kampferzählun- Folge leicht wiederholen, indem man sie erzählt oder eher wieder-
gen werden ihnen gewiß bald den Rang abgelaufen haben. Indem erzählt. Daher die Annahme, daß Schamanendichtung in der Ent-
Erzählen traditionell wurde, ergaben sich neue, dauernde Leistun- wicklung vorliterarischer Erzählkunst eine Rolle, vielleicht sogar
gen des kulturellen Brauchs: Wenn man Organisationen der geisti- die entscheidende Rolle gespielt habe und damit als wichtiger
gen Welt Schritt rur Schritt, doch gleichsam im Leerlauf erproben Faktor in der Geschichte von Literatur überhaupt zu gelten habeY
kann, wird die sprachlich gestaltete, gemeinsame geistige Welt ei- Zahlreiche Abenteuer-Erzählungen scheinen in der Tat auf ei-
ner Gemeinschaft aktualisiert, intensiviert und weitergegeben. nen schamanistischen Hintergrund zu verweisen, insofern die
Die indogermanische ,Ursprache', die man rekonstruieren kann, ,Reise' übers Vertraute hinaus in ein Jenseits zielt. Wenn die Ar-
hatte merkwürdigerweise eine besondere, besonders schlichte Ka- gonauten das Goldene Vlies aus dem Sonnenland zu holen haben,
tegorie der Verbalkonjugation, den ,Injunktiv' - man hat auch von wenn ihre Aufgabe gar ist, "die Seele des Phrixos zurückzubrin-
,Primitiv' gesprochen -, der einerseits als Imperativ und anderer- gen", wie es bei Pindar heißt, wenn zudem der Name des Helden,
seits als ,erwähnende' Erzählung verwendet wurde. 40 Diese Ver- lason oder leson, als ,Heiler' verstanden werden kann,4 2 sind ein-
balformen existieren noch im Veda; im Griechischen sind Relikte deutig schamanistische Elemente versammelt. Unter den sumeri-
faßbar. ,Erwähnende Beschreibung' bedeutet, daß im Grund Be- schen Texten ist Inannas Rückholung aus der Unterwelt ein
kanntes zur Sprache kommt, daß es nicht um neue Informationen durchaus schamanistisches Unternehmen. 43 Der asinnu, wie der
geht. Gewiß, auch die indogennanische ,Ursprache', die vielleicht Held in der akkadischen Fassung heißt, repräsentiert eine im realen
im 4. Jahrtausend v. ehr. lebendig war, ist von den Anfängen Leben durchaus bekannte Berufsklasse oder Lebensweise, die im
menschlicher Sprache schon sehr weit entfernt. Und doch scheint Fluch Ereshkigals beschrieben wird: Sie sind marginale Sonderlinge
gerade hier der Übergang vom Imperativ zur Erzählung noch di- ohne Haus und Familie, sie spielen eigentümliche Instrumente,
rekt faßbar zu sein, wie er als Möglichkeit im Rahmen der aben- man braucht sie rur bestimmte Rituale. Man kann sie als abgesun-
teuerlichen Suche zu postulieren war. kene Schamanen betrachten. Gilgamesh seinerseits gelangt auf dem
.Weg der Sonne und über das Wasser des Todes zu Utnapishtim,
Herakles erreicht mit dem Sonnenboot die Insel des Geryoneus;
88 III. Handfungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzähfstntktur

Odysseus trifft Kirke, die Tochter des Sonnengottes, auf der Insel begrenzt; sie wirkt nach Programmen, die in der biologischen
Aiaie, wo die Tanzplätze der Morgenröte sind; Odysseus fährt Evolution längst angelegt worden sind. Mit anderen Worten, der
einmal auch direkt in die Totenwelt, die jenseits des Okeanos Schamanismus ist eine spezielle Entwicklung des generellen Such-
liegt. All dies sind Jenseitsfahrten; all diese ,Helden' könnten programms mit einem bezeichnenden Mehr an Phantastischem,
Schamanen genannt werden. Charakteristisch für Schamanen- was dann auf vorliterarische und literarische Erzählweisen Wir-
Vorführung ist weiterhin, daß die abenteuerliche Reise an die erste kung ausgeübt hat.
Person Singular gekoppelt ist, wenn denn der Darsteller spricht: In mancher Hinsicht mag dies an Träume erinnern, jenen an-
"Ich gehe, ich sehe". Wird die unmittelbare Erfahrung in Erzäh- deren Phantasiebereich, der Handlungen und Reaktionen im
lung umgesetzt, so wird daraus: ,ich ging, ich sah.' In unserer Leerlauf einer Bilderwelt ablaufen läßt und sich danach zum Er-
Odyssee erscheint die Ich-Erzählung des Odysseus als ein literari- zählen eignen kann. Vor allem Carl Gustav Jung und seine Schule
scher Kunstgriff, der seine Wirkung nicht verfehlt; der schamani- wollten eine ganz enge Beziehung ~on Traum und Mythos kon-
stische Hintergrund ist weithin noch erkennbar, beim Kyklopen, statieren. Dabei sollte man freilich nicht übersehen, daß Träumen
bei Kirke, beim Eindringen in die Welt der Toten. in Bereiche führt, die der Entwicklung des homo sapiens weit vor-
Schamanismus unterwirft Phantasiewelten seinem Ritual und ausliegen, haben doch offenbar alle höheren Tiere ihre Träume,
gibt damit dem Unbekannten Gestalt. Der reale Schamane kon- ohne sie erzählen zu können. Träume spielen Aktionsprogramme
zentriert sich auf das Handlungsprogramm einer ,Suche' aus dem und Schemata visueller Erfahrung durch; sie sind dem Erzählen
Bedürfnis der jeweiligen Situation heraus. Zur ,Suche' gehört das ebenso wie dem Spielen ganz nahe. Nicht nur Motive jenseits des
Verlassen der Heimatbasis, die Sammlung von Helfern, die An- Realen, auch besondere Stimmungen können von da in traditio-
kunft am entscheidenden Ort, die Auseinandersetzung mit einem nelle Erzählungen eingegangen sein, so gut wie auch vom Scha-
übernatürlichen Partner - einem Gott, einem ,Herrn' im Bereich manismus andererseits. Weder das eine noch das andere ist einfach
des Lebens -; flehentliche Bitte, Gefalligkeiten und Dienstleistun- der Ursprung des Mythos.
gen können dabei ebenso eingesetzt werden wie List und sogar
Gewalt. Dann kommt es darauf an, den Rückweg zu finden,
durch mancherlei gefahrliche Regionen, wo es auch verfolgenden Initiationserzählung und Mädchentragödie
Dämonen zu entkommen gilt.
Schamanistische Vorführung und Erzählung scheinen in ähnli- Die ,abenteuerliche Suche' ist ein besonders beliebter, doch kei-
cher Weise verbunden zu sein wie Imperativ und Erzählung. Es nesweg der einzige Erzähltyp. Es gibt andere, etwa Geschichten
scheint ein leichter Übergang, wenn eine Erzählung zur Vorfüh- von Wanderungen, Abstammung und Genealogie, von wunder-
rung wird oder umgekehrt Handlungsimpulse in ihrer Folge zu- samer Geburt und tragischem Tod, Geschichten von Rache, doch
sammenfaßt. In solcher Perspektive dürfte der Komplex von My- auch v~n List und Überlistung. 45
thos und Ritual sehr weit zurückreichende Wurzeln haben; heißt Ein Märchentyp, von dem sich weltweit über 1500 Varianten
doch Ritual eben dies, bestimmte Vorschriften in der rechten Fol- zusammenbringen ließen, ist ,Amor und Psyche' oder ,der Tier-
ge auszuspielen. 44 Eine kulturspezifische Form solchen Ineinanders bräutigam'.46 Der berühmte Text, der in den Eselsroman des
mit alter Tradition und reicher Ausgestaltung ist die schamanisti- Apuleius eingebaut ist, wurde oft als das einzige antike Märchen
sche Sitzung; eine ganz andere, in hochkultureller Umgebung und bezeichnet, das erhalten blieb; doch die Namen der auftretenden
weit später entstanden, ist das Theater. Bei den Griechen blieb Personen rücken es ganz in die Nähe der Allegorie: Die ,Seele',
dieses immer noch der Leitung des Mythos unterstellt. Psyche, begegnet dem Gott der Liebe, Amor (man würde das grie-
Schamanistische Erfahrung setzt in der Trance den Vorrang ei- chische Äquivalent erwarten, Eros), und gebiert ein Kind, die
ner Welt der Bedeutungen voraus gegenüber pragmatischer Inter- .,Lust', Voluptas. Das Märchen setzt ein mit dem bezeichnenden ,es
aktion mit ,Wirklichem'. Und doch ist solche Phantasie nicht un- war einmal', nämlich ein König, eine Königin und eine wunder-
90 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 91

schöne Königstochter, Psyche. Diese jedoch wird auf Geheiß eines berte Haus, in das Persephone das ,Mädchen', Kore, nach dem
Orakels aus dem Vaterhaus verstoßen, sie wird auf einem Felsen Willen ihrer Mutter verbracht worden ist, um wohlbehütet heran-
am Abgrund ausgesetzt. Doch sanfte Winde tragen sie hinab in ein zuwachsen; das Haus ist am Rand der Welt, am Okeanos gelegen;
liebliches Tal, sie findet ein geheimnisvolles Haus, wo sie von un- eigentümliche Dienerinnen stehen zur Verfügung, darunter die
sichtbaren Dienerinnen umsorgt wird. In der Nacht kommt ein musizierenden Sirenen, wie auch Psyches Haus von Musik erfüllt
männlicher Besucher, der, ungesehen, Psyche zu seiner Frau ist. Kore das Mädchen ist mit Webarbeit beschäftigt; doch Zeus
macht. Das Glück dauert eine Weile, bis Psyche, von ihren der Vater dringt ein ins Web gemach in Gestalt einer Schlange, er
Schwestern verleitet, der Neugier nachgibt, den Mann zu sehen. schwängert die eigene Tochter. Danach verläßt Kore das Haus,
Beim Licht einer Lampe erblickt sie Amor - doch ein Tropfen verlockt durch ihre Schwestern Athena, Artemis und Aphrodite,
heißen Öls bringt diesem eine Wunde bei, und er entfliegt. Psyche und während sie Blumen auf der Wiese pflückt, wird sie von Ha-
begibt sich auf die Suche nach dem verlorenen Amor, sie gerät da- des geraubt; so wird sie zur Königin der Unterwelt, wo sie den
bei in die Gewalt der Venus, ihrer Schwiegermutter, sie wird miß- ,chthonischen' Dionysos gebiert, den Sohn des Zeus. Die Orphi-
handelt, gequält und mehreren Proben unterworfen. Zuletzt je- schen Dichtungen liegen uns nur als Fragmente vor, die schwer zu
doch wendet sich alles zum Guten, Psyche wird unter die Götter datieren sind;· die Hauptfassung dürfte späthellenistisch sein. Die
aufgenommen und in aller Form mit Amor vermählt; die Geburt erhaltenen Bearbeitungen durch Claudian und Nonnos sind weit
des Kindes, der ,Lust', besiegelt den Bund. später als Apuleius verfaßt.
In einer brillanten und polemischen Studie von 1977 hat Detlev Es gibt viele weitere Erzählungen, die offensichtlich die gleiche
Fehling die These vertreten, daß sämtliche bekannten Varianten Grundstruktur haben, wobei die einzelnen Motive durchaus ähn-
dieser Erzählung letztlich auf dem lateinischen Text des Apuleius lich an entsprechender Stelle erscheinen. Im Anschluß an den
beruhen; er trat damit entschieden de~ romantischen Vorstellun- Namen Kore, ,Mädchen', der vom Mythischen ins Allgemeine
gen von einer Volksüberlieferung entgegen, von der man meinte, weist, kann man von der ,Mädchentragödie' sprechen. 49 Man ver-
sie hätte sich unbeeinträchtigt durch Schriftlichkeit über lange sucht in dieser Weise, zumindest die Oberflächenstruktur des
Zeiträume hinweg ausbreiten und erhalten können. Diese Vor- ,weiblichen Märchens' zu fassen.5° Dabei ist diese Struktur deutlich
stellung ist freilich in neuerer Zeit auch von anderer Seite ange- verschieden von der Propp-Sequenz, der ,abenteuerlichen Suche'.
griffen und schwer erschüttert worden. 47 Man muß auch zugeben, Es ist verlockend, jene als typisch ,männlich', diese als ,weiblich'
daß literarische Tradition und Volksüberlieferung sich gegenseitig zu bezeichnen. Doch können auch weibliche Individuen durchaus
beeinflußt haben. Nachweisbare Beständigkeit gewinnt Volksüber- auf Abenteuer ausziehen; im zweiten Teil der Psyche-Erzählung
lieferung überdies nur durch die schriftliche Fassung. Und doch führen die von Venus auferlegten Proben geradewegs auf eine
läßt die These Fehlings die Frage offen, woher denn nun Apuleius Abenteuer-S truktur.
sein Märchen nahm; daß er alles, Form und Inhalt, frei erfunden Die ,Mädchentragödie' läßt sich mit der Methode Propps analy-
hätte, ist doch die unglaublichste Antwort. Es ist nicht eben leicht, sieren, indem eine entsprechende Serie von ,Funktionen' bezeich-
eine Geschichte einfach zu erfinden; jede Neuschöpfung wird sich net wird, die stabil und in ihrer Reihenfolge unverrückbar bleiben
dem Strom der Erzählungen anpassen, die man längst gehört hat, bei allem Wechsel der Namen und Einzelmotive. Fünf solche
wird sich vorgegebenen Sinnstrukturen einfügen und so letztlich ,Funktionen' lassen sich fassen: (I) Ein Bruch im Leben eines jun-
zu einer Variante des schon Bestehenden werden. gen Mädchens: Eine von außen kommende Macht zwingt, das
Es fehlt nicht an Parallelen zur Erzählung des Apuleius, die ohne Haus zu verlassen; dies bedeutet Trennung von der Kindheit, von
Zweifel älter sind; sie treten freilich nicht in der Form des Mär- den Eltern, von der Familie. (2) Eine Periode der Abgeschieden-
chens auf, sondern als Göttermythen. Am nächsten kommen eini- heit, die oft als eine idyllische, wenn auch abnorme Lebensform
ge orphische Fassungen des Persephone-Mythos an das Märchen . geschildert wird. Ein besonderes Haus oder auch ein Tempel dient
von Amor und Psyche heran. 48 Auch hier finden wir das verzau- als Aufenthalt, doch an Stelle des Eingeschlossen-Seins kann auch
92 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 93

der Ausbruch in die Wildnis stehen, weit weg vom. zivilisierten sind der Sargonlegende ganz besonders ähnlich. 60
Hat sich, vom
Lebensbereich. (3) Die Katastrophe, die das Idyll zerbrechen läßt. historischen Sargon ausgehend, die Sage über 2000 Jahre hinweg
In der Regel geht es um das Eindringen eines Mannes; nicht selten verbreitet, umjeweils den neuen charismatischen Führer oder Kö-
eines sehr eigentümlichen Wesens, Dämon, Heros oder Gott. Das nig zu kennzeichnen?
Mädchen wird vergewaltigt und geschwängert. (4) Eine Periode Die gleiche Erzählstruktur bestimmt auch wohlbekannte Mär-
des Leidens, der Bestrafung, der Todesnot, sei es durch Gefangen- chen. Besonders typisch scheint ,Rapunzel', das Mädchen, das in
schaft, sei es durch Austreibung in die Fremde. (5) Die Rettung, einem Turm eingeschlossen ist, was einen Prinzen nicht abhält
die zu einem glücklichen Ende fuhrt. Dieser Abschluß ist in der einzudringen. Die Entdeckung der geheimen Verbindung fuhrt
Regel direkt oder indirekt mit Kindsgeburt verbunden; meist han- zur leidvollen Trennung und langem Suchen; das glückliche Ende
delt es sich um einen Sohn, um einen Stammesheros mit göttli- bleibt nicht aus. Nun geht eben dieser Text auf eine französische
chem Vater in der Konvention der griechischen Mythologie. Da- Urfassung zurück, deren Autorin erklärt, sie habe das Märchen frei
mit wird der Erzähltyp zur Einleitung in die Geschichte eben die- erfunden. 61 In Wirklichkeit hat sie, bewußt oder unbewußt, auf
ses Sohns, seiner Abenteuer und seines Erfolgs. In diesem Sinn hat die vielen Geschichten zurückgegriffen, die von Mädchen im
man die Gesamtstruktur auch ,die Geburt des Helden' genannt. sr Turm erzählt wurden, und weitere bekannte Motive in der gege-
Um einige Beispiele aus der griechischen Mythologie knapp an- benen Erzählstruktur arrangiert. Diese Struktur findet sich deutli-
zufuhren: ,Mädchentragödien' werden erzählt über Danae, die cher noch im ,Schneewittchen' :62 Das Mädchen soll nach dem
Mutter des Perseus;5 2 Auge, die Mutter des Telephos;53 10, die' Willen der Stiefmutter ob seiner Schönheit getötet werden und
Mutter von Epaphos, Ahnfrau der Danaer;54 Kallisto, die Mutter gerät so hinter den Bergen ins Zwergenhaus, wo sie ein idyllisches
des Arkas und damit der Arkader;55 Melanippe, die Mutter von wenn auch - nach deutscher Sitte - tugendhaftes und arbeitsames
Boiotos und Aiolos, also der Böoter und Äoler; Antiope, die Leben fuhrt. Die Idylle endet abrupt mit dem Biß in den vergifte-
Mutter von Amphion und Zethos, der ,böotischen Dioskuren' .5 6 ten Apfel, wodurch Schneewittchen in einen todesähnlichen
All diese Erzählungen haben den gleichen Aufbau gemäß der hier Schlaf versetzt wird; so liegt sie im gläsernen Sarg, bis der zu er-
entfalteten Struktur, so verschieden Einzelmotive und auch der wartende Prinz mit seinem Kuß sie auferweckt. Der Biß in den
schließliche Ausgang der Erzählung gestaltet sind. Apfel steht hier an Stelle der Begegnung mit dem Mann - deutlich
Diese Erzählstruktur tritt in der griechischen Mythologie beson- eine unter dem Druck der Kindermoral eingetretene Verschie-
ders hervor. Doch ist sie nicht auf diese eingeschränkt. Ein Beispiel bung, wobei der Apfel von Eva und Adam von ferne Pate stand.
findet sich sogar im Schöpfungsbuch der Maya. 57 Der älteste ein- Eine realistischere und keckere Version gibt ein deutsches V olks-
schlägige Text ist die Legende von Sargon, dem ersten Großkönig lied, das seit dem 16. Jahrhundert bezeugt ist: Ein Ritter hat ein
Mesopotamiens, der freilich knapp und andeutend bleibt: Verhältnis mit einem ,Mädchen jung' und macht sich aus dem
"Schwanger mit mir wurde meine Mutter, eine Hohe Priesterin; Staub; als die Schwangerschaft bemerkt wird, greift die Mutter zur
im Geheimen gebar sie mich; sie legte mich in einen Schilf- List: Das Mädchen wird auf eine Bahre gelegt und fur tot beklagt;
korb ... "5 8 Nichts weiteres wird hier über die Mutter gesagt, und die Vorbereitungen zur angekündigten Bestattung veranlassen den
der Vater bleibt gänzlich im Dunkel. Doch wenn eine ,Priesterin' Ritter, zurückzukehren, um letzte Ehren zu erweisen - da erhebt
gegen alle Regel und darum ,im Geheimen' gebiert, ist ebenso die sich das Mädchen aus dem vermeintlichen Todeszustand, und die
Trennung von der Familie und die Einschließung in einen Son- Hochzeit ist nicht mehr aufzuhalten. 63
derbereich vorausgesetzt wie der Bruch dieses Tabus, woraus der Nun ist ganz offenbar, daß die Erzählstruktur der ,Mädchen-
ganz besondere Neuanfang des Großen erwächst. Die Tragödie tragödie' sich an den natürlichen Lebenszyklus der Frau anschließt,
der jungen Frau, die ihren Sohn aussetzt, ist eines der geläufigsten den Übergang vom Kind zum Erwachsensein. Das biologische
Sagenmotive. 59 Die Geschichte von Moses einerseits, von Romu- . Programm läßt drei dramatische Stationen der Wandlung ablaufen,
lus und Remus, den Söhnen der Vestalin Rhea Silvia, andererseits die erste Regelblutung, den ersten Sexualakt, Schwangerschaft und
III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 111. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 95
94
erste Geburt. Dem entspricht in der Erzählstruktur die Trennung Akzeptiert man den Parallelismus und die gegenseitige Abhän-
vom Elternhaus, die sexuelle Begegnung und die Leidenszeit bis gigkeit von biologischem Programm und Erzählstruktur in diesem
zur Geburt. Wie sehr die sprachlich gestaltete Tradition einer Fall, so beginnen damit jedoch erst die eigentlichen Probleme: In
Kultur, in Mythos, Märchen und freier Erfindung, von der biolo- welcher Weise genau haben hier ,Natur' und ,Kultur' aufeinander
gischen Grundordnung geprägt ist und von dieser abhängig bleibt, eingewirkt? Wie wird das biologische Programm der Pubertäts-
könnte kaum deutlicher sein. Entwicklung, zweifellos eine sehr alte und verbreitete Einrichtung
Die Beziehung der sprachlichen Gestaltung aufs Biologische ist der Natur, in den Bereich der Sprache versetzt und zu einer Er-
am deutlichsten in der sexuellen Begegnung, welche die beiden zähl-Kette der narrativen Tradition gewandelt? Das biologische
Zustände jener Zwischenzeit trennt: Amor liegt bei Psyche, Zeus Programm vollzieht sich ohne Worte und weithin auch ohne be-
bei Danae, Herakles bei Auge. Die griechische Mythologie sagt wußte Reflexion.
aus, was vorfällt, während Märchen zumindest in den Ausgaben Hier gerät das Ritual in den Blick. Wohl überall auf der Welt
des 19. Jahrhunderts Andeutung und Verschleierung gebrauchen. gibt es Rituale, die die natürlichen Stationen der Pubertätsent-
Der Text von ,Rapunzel' spricht davon, daß die Heldin den Prin- wicklung begleiten, markieren und ausspielen, insbesondere auch
zen "zum Manne nimmt"; stärker verschlüsselt ist der Biß in den die Wandlung der Frau. Dabei gibt es sehr verschiedene kulturelle
Apfel bei Schneewittchen. Daß die Schwangerschaft als eine Peri- Ausprägungen. 66 Und doch ähneln die Frauen-Riten in der Regel
ode des Leidens erscheint, darf als einigermaßen realistisch gelten. durchaus der hier beschriebenen Erzählstruktur. So ist die Mäd-
Ende und Rettung sind in der Regel mit der Geburt eines Kindes chen-Initiation zu einem Modellfall fur die Verbindung von
korreliert. Es kann Verzerrungen der Zeitabfolge geben: Im theba- ,Mythos und Ritual' geworden, mindestens seit Jane Harrisons
nischen Mythos von Antiope sind es die erwachsenen Söhne, die Buch Mythology and Monuments cif Ancient Athens von 1890, das ei-
ihre mißhandelte und bedrohte Mutter schließlich retten. Die erste ne Untersuchung zu den Arrhephoroi in Athen enthält. 67 Das Mär-
Stufe der Wandlung allerdings, die Menstruation ist in Mythos und chen des Apuleius handelt von der Begegnung der Seele mit dem
Märchen nie explizit genannt; hier handelt es sich um etwas durchaus sexuell gefaßten Eros; der Mythos von Kore scheint auf
,Unsagbares', arrheton, Geheimnis der Frauen, die zu anderen nicht Mädchen, korai, allgemein zu verweisen. Die Isismysterien wie
darüber sprechen. Den Männern bleibt das Ganze fremd und un- auch der große Fries der Villa dei Misteri bei Pompei sind im
heimlich. Immerhin mag es ein Hinweis sein, daß Auge in Tegea Kontext der Initiation zur Hochzeit interpretiert worden. 68 Die
von Herakles angefallen wird, als sie am Brunnen die Wäsche Erzählstruktur ebenso wie die Initiationsrituale im allgemeinen fu-
wäscht. 64 Die Erzählungen sprechen ja auch sonst nicht von kör- gen sich der berühmten Struktur der rites de passage ein, wie sie
perlichen Zeichen, sie heben nur allgemein die lockende Arnold van Gennep ausgearbeitet hat: Trennung - Zwischenperi-
,Schönheit' des Mädchens hervor; warum eben diese bewirkt, daß ode en marge - Integration. 69 Zugleich folgt die Erzählstruktur, wie
es aus dem Elternhaus gestoßen wird, bleibt im Grund unerklärt. besprochen, ganz eng dem Lauf der Natur. Weibliche Initiations-
Umso verständlicher ist der biologische Unterbau. Die sexuelle rituale ihrerseits können mit der ersten Menstruation einsetzen und
Reife hebt die Familienstruktur auf, auch die Mutter-Kind- bis zur Geburt des ersten Sohnes sich erstrecken, was den definiti-
Beziehung - die bei allen Säugetieren so wichtig ist. Was die Jun- ven Status einer Frau begründet,7° So folgen auch die Initiations-
gen an die Generation der Alten bindet, sie beschützt und be- rituale der Biologie, auf der gleichen Spur wie die Erzählstruktur
grenzt, muß aufgesprengt werden zugunsten der individuellen des ,weiblichen Märchens'.
Autonomie, die neue Bindungen möglich macht. 65 Die Erzählun- Und doch bleibt da ein Abstand, ja ein Gegensatz: Initiationsri-
gen fuhren verschiedene Motive ein, die Eifersucht einer Frau tuale sind keinesfwegs einfach und ,natürlich'. Die Annahme, daß
oder die Angst eines Patriarchen, der weiß, daß er ersetzbar wird; ein biologischer Reifungsprozeß sich von selbst zum Ritual ge-
daß der Tod vom Nachfolger droht, spricht das Orakel aus, und es staltet und die Sprache dann das Ritual in Worte faßt, wäre offen-
behält Recht. bar verkehrt. Rituale sind kompliziert, vieldeutig, sie sind oft selbst
96 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 97
fur diejenigen, die sie praktizieren, nicht voll durchsichtig. Wir Dabei muß überhaupt auffallen, daß derselbe Mythos auf Initia-
können nicht in die Vorzeit das Ideal eines ,natürlich' geordneten tion ebensogut wie auf Opfer verweisen kann, auf natürliches
Lebens projizieren, in dem weise Zarastros jeden Tamino samt Reifen oder aber auf unnatürliche Gewalttat. 76 In der Bibel gerät
Pamina auf ihrer Bahn zum Ziele fuhren. Ausfuhrliche Initiations- Jephtha, der Richter in Israel, durch ein Gel4bde in die Lage, daß
rituale sind nicht überall zu finden; wie kontinuierlich ihre Tradi- er die eigene Tochter opfern muß.77 Die Tochter stimmt aus frei-
tion ist, steht dahin. Vor allem aber scheinen viele in ihren Einzel- em Willen zu, erbittet sich aber als letzte Gunst, daß sie zuvor
heiten eher ,widernatürlich' zu sein,71 Es liegt näher, sie als kultu- noch mit den anderen Jungfrauen ins Gebirge ziehen darf, ihre
relle Strategien zu verstehen, mit denen Menschen versuchen, die Jungfernschaft zu beweinen. Und dies, sagt der Bibeltext, ist seit-
natürlichen Tatsachen des Lebens in den Griff zu bekommen, zu her zum Brauch geworden: Jedes Jahr ziehen Jungfrauen vier Tage
formen und voraussagbar zu machen: eine künstliche soziale lang ins Gebirge, sie tanzen dort, singen und klagen um die
Schöpfung, die das Biologische formt und zugleich verhüllt. Man Tochter Jephthas, die niemals Hochzeit hielt. Der Brauch hat ganz
handelt durch solche Rituale, als ob die Heranwachsenden, Knabe deutlich Initiationscharakter: Die Mädchen verlassen ihre Familie,
oder Mädchen, nicht selbständig zur Reife kommen könnten, verbringen Tage in einer fremden und wilden, vielleicht auch
sondern erst durch einen Akt der Gesellschaft zum Mann oder zur idyllischen Umgebung, sie spielen ihre Instrumente, tanzen und
Frau gemacht werden müßten. Die Natur gibt das Stichwort, doch klagen. Der Mythos erklärt und widerspiegelt das Ritual mit einer
das damit einsetzende Ritual wirkt kraft bewußt festgehaltener Opfer-Geschichte. Die mythische Heroine - deren Namen wir
Tradition entsprechend der jeweiligen kulturellen Wahlentschei- nicht erfahren - erscheint als extremes Gegenbild zu dem, was
dung, demonstrativ mit Wiederholung und Übertreibung, prägend Mädchen gewöhnlich erleben werden. Von fern erinnert dies an
und komplizierend zugleich. Kulturelle Tradition zeigt hier ihre das Ritual der Mädchen in Troizen, die da vor ihrer Hochzeit um
Macht, sie kann gewalttätig werden; doch sind ihre Ausprägungen Hippolytos klagen, wie es Euripides in seiner Tragödie be-
nicht universell. So sind denn auch die Initiationserzählungen we- schreibt. 78 Als Zeichen der Trauer schneiden sie eine Haarlocke ab
niger einheitlich und verbreitet als das generelle Schema des und weihen sie dem Jüngling, der sich Aphrodite verweigert hatte
Abenteuers. und durch ihren Zorn zugrunde ging. Hier ist in der mythischen
Im alten Athen gab es zwei religiöse Institutionen, die mit Tradition eine weitere Verschiebung eingetreten, insofern an Stelle
Mädcheninitiation zusammenhängen: den Dienst der Arrhephoroi des geopferten Mädchens der getötete Jüngling steht. Sexualität,
fur Athena auf der Akropolis 72 und den Kult der Artemis von Geburt und Tod sind in der natürlichen Welt einander notwendig
Brauron durch Mädchen, die in diesem Zusammenhang zugeordnet, sie folgen aufeinander in kritischen, oft schmerzlichen
,Bärinnen' genannt werden, arktoi.7 3 Dies scheint der doppelten Übergängen; Opferritual und Mythos manipulieren den Tod, als
Möglichkeit der ,Einschließung' in der Übergangsphase der In- könnte er zu einer Grenzmarkierung werden, die am Rand des
itiation zu entsprechen, im ,Haus' des Tempels und ,am Rande', Lebensflusses wahrgenommen wird.
außerhalb der Siedlungen an der Meeresküste. Was die Arrhephoroi Düstere Assoziationen mit Tod und Opfer drängen sich auch in
betrifft, steht der enge Zusammenhang von Ritual und Mythos anderen Varianten der ,Mädchentragödie' vor. Was Persephone-
außer Frage, doch kann die Deutung als Initiation bestritten wer- Kore zustößt, der ,Raub durch Hades', bedeutet nach schlichtem
den. Die arkteia in Brauron ihrerseits scheint dem Charakter einer Verständnis ihren Tod. So umgibt denn eine merkwürdige Ambi-
Mädcheninitiation am nächsten zu kommen, doch der zu erwar- valenz die an sich optimistische, ,natürliche' Sequenz, die von der
tende parallele Mythos ist nicht direkt auffindbar. Statt dessen sind einsetzenden Reife zu Hochzeit und Geburt fuhrt, und macht dar-
aitiologische Erzählungen im Schema von Götterzorn und Ersatz- aus einen Weg zum Opfer. Die Jungfrau Iphigeneia wird statt zur
opfer überliefert. 74 Immerhin wird auch der Mythos von Iphige- ,kräftigen Geburt' zum Opfer am Altar der jungfräulichen Göttin
neia, die ,kräftige Geburt' im Namen fuhrt, mit Brauron verbun- geleitet; dies ist die bekannteste Ausformung jener Ambivalenz.
den. 75 Dabei ist der Tod nicht ein bloßes Symbol: Die Gewänder, die
98 III. Handlungsprogramm und Erzählstntktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 99
man der Artemis in Brauron darbrachte, stamn~ten von jungen können dann: auch Männer die Geschichten nacherzählen, auf dem
Frauen, die im Kindbett gestorben waren. Die Vestalischen Jung- Hintergrund ihrer eigenen Sorgen um die rechte männliche Iden-
frauen in Rom wurden in ihrer Jugend vom pontifex maximus dazu tität.
bestimmt, 30 Jahre lang ein abgeschlossenes Leben beim Tempel Denn daß der Typ der ,Mädchentragödie' gerade in der grie-
zu leben. Ihrer Sorge ist das ewige Feuer auf dem Herd des Tem- chischen Mythologie so stark hervortritt, wobei die literarische
pels unterstellt; wenn es erlischt, werden sie gepeitscht; wenn eine Formung fast immer von Männern gestaltet ist, gibt Anlaß zu
von ihnen die Keuschheit verletzt, wird sie lebendig begraben. 79 weiterem Nachdenken. Die sexuelle Begegnung in ihrer meist
Dies kommt der Erzählfolge von Einschließung, sexueller Krise abrupten, ja gewaltsamen Art mag männlichem Chauvinismus
und darauf folgender Strafe in geradezu unheimlicher Weise nahe, entsprechen,82 und die Abgeschlossenheit· der Jungfrau in ihrem
wobei es auf der Ebene des Rituals den Realitätscharakter des Idyll mag umso mehr dazu reizen, das Tabu zu brechen. Der
Terrors annimmt. Man hat es unternommen, auch diese eigen- Göttervater Zeus zumal geht da nut seinem Beispiel voran. Inso-
tümliche Institution der Römer von einem ,ursprünglichen' In- fern die Absonderung auch Passivität bedeutet, wird umso mehr
itiationsritual herzuleiten. 80 die gewaltsame Aktivität des Mannes gefordert sein. Wichtiger
Auch in weniger düsteren Mythen müssen die ,unnatürlichen', aber ist wohl ein eher versteckter Aspekt: Es existiert eine bis ins
eben darum sozial bedingten Faktoren und Motive auffallen, die einzelne parallele Sequenz für Knaben, und zwar in der homose-
im Initiationszusammenhang auftreten. Die Leiden und Qualen, xuellen Erfahrung. Es geht um Entführung, Aufenthalt im margi-
die auf die sexuelle Begegnung folgen, vollziehen sich fast immer nalen Bereich mit homosexuellen Akten, gefolgt von der Rück-
im Bereich der Familie, ob nun ein strafender Vater, eine böse kehr und der Integration in die Männergesellschaft, wozu Kampf
Stiefmutter oder die Schwiegermutter auf den Plan tritt. Die Pro- und Krieg gehört, schließlich auch die Gründung einer Familie.
blematik der Familie ist universal. Die Suche nach dem verlorenen Als Muster kann die Erzählung von Pelops gelten, wie Pindar sie
Partner andrerseits, wie sie die Versionen von Amor und Psyche neu gedichtet hat: Pelops wird von Poseidon entfuhrt, wie Gany-
bzw. vom Tierbräutigam bestimmt, scheint eher eine typisch bür- medes von Zeus, und bleibt eine Zeitlang verschwunden, bis er
gerliche Besorgtheit zu verraten. schließlich zurückkommt und im Pferderennen zu Olympia
Wer hat in griechisch-römischer Gesellschaft solche Geschich- Hippodameia als Braut gewinnt. 83 Es ist oft gesehen worden, wie
ten geformt und weitergegeben? Wenn wir nochmals Apuleius genau dies dem Brauchtum ritualisierter Homosexualität auf Kreta
folgen, so finden wir eine alte Frau, die einem jungen Mädchen im entspricht. 84 Ein früher bezeugter Mythos entsprechender Struktur
Räuberhaus die Geschichte von Amor und Psyche erzählt. Dies ist ist der von Kaineus, dem ,Mädchen', das von Poseidon vergewal-
Tröstung in einer Situation der Angst, dies könnte auch Vorweg- tigt und im Anschluß daran in einen unverwundbaren Krieger
nahme dessen sein, was ein Mädchen überhaupt zu erwarten hat. verwandelt wird. 8s Hier also erhält die allgemeine Erzählstruktur
,Altweibergeschichten ' ist ein wegwerfender Ausdruck, der schon eine sehr eigentümliche, zweifellos kulturspezifische Wendung.
in der Antike zum Schlagwort wurde. 8I In der Tat sind die Alten Wenn Geschichten vom Typ ,Mädchentragödie' von griechischen
wichtige Überlieferungsträger, die oft die geistige Welt gerade von Männern erzählt wurden, lag diesen also auch eine eigene Mög-
Kindern prägen. Alte Frauen wissen auch über die Einzelheiten lichkeit der Entwicklung ganz nahe. Nicht nur die Opposition,
und die Folgen von Menstruation, Sexualakten, Schwangerschaft auch die Nähe zu dem, was Frauen zustößt, bestimmt die eigene
und Geburt aus der Distanz Bescheid; sie können die Jungen an- Identität.
leiten, sei es in praktischem Ernst, sei es in der entlasteten Erzähl-
situation. Der zustandekommende Erzähltyp liefert einen Text, der Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Obgleich die Parallelität von
die natürliche Entwicklung begleiten kann,· der manches verständ- Erzähltyp und biologischer Entwicklung im Fall der ,Mädchen-
lich macht, einiges allerdings auch weiterhin verbirgt und verrät- ~ragödie' so unbestreitbar ist und Rituale mit beidem, mit Biologie
selt. So hat der ,weibliche Märchentyp' seinen Ort - natürlich und Mythos, in Wechselwirkung stehen, ist doch jene Art des
100 III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur III. Handlungsprogramm und Erzählstruktur 101

Übergangs von der Biologie zur Sprachwelt nicht anwendbar, die wickelten Apparaten in die Einsamkeit virtueller Realität entläßt.
sich im Fall der ,Suche' angeboten hat. Das Programm der aben- ,Stop making sense' ist bereits zum Schlagwort geworden - dies
teuerlichen Suche ließ sich in einer Kette von Imperativen fassen, wäre dann wohl ein passender Nachruf auf das Ende der Erzäh-
die schon primitivste Kommunikation bestimmen können: Die Er- lung.
zählung schien in Proto-Sprache aus der vorgegebenen Basis zu
erwachsen. Das sich ergebende Schema konnte, neben der Scha-
manenerzählung, insbesondere zum Typ der ,männlichen Initiati-
on' entfaltet werden, wonach der Held in der Ferne seine Proben
zu bestehen hat, ehe er volle soziale Verantwortung, ja eine füh-
rende Stellung zu Hause übernehmen kann. Die Initiationsmotive
in den Mythen von Perseus, den Argonauten, auch der Odyssee
treten deutlich hervor. 86 Vladimir Propp selbst versuchte seinerzeit
in einem zweiten Buch, seine ,Morphologie der Erzählung' auf ein
Initiationsschema zurückzuführen. 87
Die ,Mädchentragödie' , die als weibliche Entsprechung dazu
erscheinen kann, ist dies doch nicht in vollem Sinn. Das biologi-
sche Programm, das sich hier entfaltet, ist noch urtümlicher und
eben darum dem bewußten Planen und Besprechen weiter ent-
rückt als jede ,Suche'. So ist der Abstand von ,Natur' und Erzäh-
lung hier größer als bei der Abenteuer-Sequenz. Erzählung ergibt
sich nicht direkt aus dem biologischen Ursprung. Das ,weibliche
Märchen' ist eine kulturelle Schöpfung, die sich bemüht, die Stu-
fen natürlicher Entwicklung nachzuvollziehen mit jener sprachli-
chen Bewußtheit, die der Erzählung eignet. Solche Erzählungen
konnten aber auch die Kluft zwischen den Geschlechtern über-
spannen und eine gemeinsame Phantasie- und Gefühlswelt aufbau-
en; ist doch beiden Geschlechtern die Basis des Lebens letztlich
gemeInsam.

Ein Nachwort drängt sich auf: Seit Jahrzehnten zeigt sich die maß-
gebende Literatur von der Tendenz beherrscht, von der Erzählung
loszukommen; auch die raffiniertere Art des Filmernachens hat sich
dem angeschlossen. Die Comics reproduzieren gewiß die alten
Elemente, doch bringen sie diese in einem repetitiven Feuerwerk
der übertriebenen Effekte um ihr eigentliches Leben. Die alten
Märchen ziehen sich zurück ins Refugium der Volkskunde, sofern
sie nicht einen neuen Anwendungsbereich in der Psychiatrie fin-
den, hat doch ihr inhärenter Optimismus ohne Zweifel therapeu-
tischen Wert. Es hilft wohl nichts, diese Entwicklung zu beklagen
in einer sich wandelnden Welt, die uns schließlich mit hochent-
IV. Hierarchie 1°3

geforderte Verehrung. Schon im Sumerischen wird ein Gott als


,mein König' angerufen; im Akkadischen ist belu, das gewöhnliche
Wort fur den ,Herrn', zugleich ein Göttertitel, insbesondere fur
Marduk, den zentralen Gott in Babyion; das westsemitische Äqui-
IV. Hierarchie
valent baal ist der Ehrentitel, ja Name zahlreicher Lokalgötter in
Syrien und Palästina. Wie der König selbst übernimmt auch der
Gott den steigernden Titel ,König der Könige'.3 Auch in Israel ist
Rangordnungen Jahwe selbstverständlich der ,König';4 indem Jahwes Name, der
mit der Wurzel ,Leben' zusammengesehen werden kann, dann un-
Religion ist "das Gefuhl der schlechthinigen Abhängigkeit von aussprechbar wurde, trat adon ein, ,Herr', was als kyrios ins Grie-
Gott". Dies ist eine berühmte, oft zitierte Definition, die Friedrich chische, als dominus ins Lateinische übersetzt wurde; im Deutschen
Schleierrnacher gegeben hat. I ,Gefuhl' als Grundbegriff läßt an blieb GOTT DER HERR, nicht selten in Majuskeln geschrieben.
Goethe denken, dessen Faust bei Gretchens Frage nach der Reli- "Mein Herr und mein Gott" ruft der ungläubige Thomas aus, als
gion ausruft: "Gefuhl ist alles." Der eher romantischen Wertung er J esu Wunden greifen kann. 5 Ein indogermanisches Wort fur
eines seiner selbst gewissen , Gefuhls' sei hier nicht weiter nachge- ,Herr', potis, ist namenbildend fur den mykenisch-griechischen
fragt. Aufm.erksamkeit erheischt der Inhalt solchen ,Gefuhls' : Gott Poseidon,6 die Femininforrn potnia ist der Titel von mykeni-
"schlechthinige Abhängigkeit", emphatisch akzeptierte Unterord- schen und späteren Göttinnen. 7 Der Titel des mykenischen Kö-
nung unter eine Macht, die vom Höheren ausströmt. Dies steht in nigs, wanax, blieb als Göttertitel, als das mykenische Königtum
bemerkenswertem Kontrast zum Prinzip der persönlichen Freiheit, längst versunken war. Neben Zeus anax gab es mehrere altertümli-
der Selbstverantwortung, der AutonOlnie, das in heroischer, hu- che Göttinnen mit dem Titel wanassa, der zum Kultnamen wurde,
manistischer und philosophischer Ethik die abendländische Tradi- so insbesondere fur die Aphrodite von Paphos und die Artemis
tion durchzieht. ,Autonomie' als Bedingung moralischer Entschei- von Perge. 8 Doch auch die später gebräuchlichen griechischen
dungen war insbesondere in Kants Ethik ins Zentrum getreten; die Wörter fur ,Herr' und ,Herrscher' drangen in die religiöse Sprache
französische Revolution hatte liberte noch vor egalite und Jraternite ein, despotes und despoina, basileus, selbst tyrannos. 9 Die Macht ist
gesetzt. Schleiermacher, der über Religion zu den "Gebildeten Definitionsmerkmal des Gottes; Götter sind die ,mächtigeren',
unter ihren Verächtern" gesprochen hatte,z steht hier in einer Ge- kreittones. Zeus ist nicht nur der Vater - ,Vater Zeus' ist als Wort-
genbewegung zur Aufklärung. Dabei erwies sich Schleiermachers bildung und Begriff indogermanischer Herkunft -, ihm eignet
Definition als vollauf akzeptabel für .die Theologie ebenso wi,e fur auch die gewalttätige Stärke, das ,größte kratos'. 10 Die Idee eines
die praktizierende Kirche, und fur die ,Gebildeten' überhaupt. Das ,allmächtigen' Gottes, pankrates, taucht schon bei Aischylos auf, I I
, Gefuhl der Abhängigkeit' von Gott läßt sich ohne weiteres nach- obgleich der geläufige Polytheismus eher das Modell einer Familie
vollziehen; es sichert der Religion einen Ehrenplatz in der geisti- als das der absoluten Monarchie vor Augen stellte. Insofern ar-
gen Welt, ohne über konfessionelle Zugehörigkeit oder theolo- chaische Gesellschaft auf ,Ehre' aufgebaut ist, "freuen sich die
gisch-dogmatische Streitfragen zu entscheiden. Götter, wenn sie von Menschen geehrt werden". 12
Schleierrnachers Definition, die der Aufklärung des 18. Jahr- Es fillt auf, daß in der Sprache der römischen Religion die Aus-
hunderts entgegentritt, baut auf sehr viel älterem Grund. Religion drücke fur Macht und Herrschaft weit weniger hervortreten. Do-
wird allgemein als ein Rangsystem aufgefaßt, das Abhängigkeit, minus ist erst mit dem Christentum zur Herrschaft gelangt, als
Unterordnung, Unterwerfung mit sich bringt. Solches Bewußtsein Übersetzung von kyrios. Hat in der älteren Zeit der Bann, der auf
von Rang und Unterordnung kommt in den alten Religionen dem Wort rex seit der Vertreibung der Könige lag, auch hier seine
besonders ungescheut zum Ausdruck: Wann immer von einem . Wirkung getan?I3 War es die genau abgestufte potestas der römi-
Gott oder Göttern die Rede ist, geht es um Macht, Herrschaft, schen Beamten - aedilis praetor consul dictator -, die zur lockeren
1°4 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 105

Metapher simpler ,Macht' ganz ungeeignet war? Die wichtigen nen geben demgegenüber der Vorstellung einer ,Großen Göttin'
Götter werden als pater angerufen, wobei der römische pater aller- den Vorrang, was wiederum auf die noch intimere Abhängigkeit
dings eben in besonderem Maße unangefochtene Macht innehatte. des Kindes von der Mutter zurückzuführen wäre. Wenn man frei-
Aus Veii wurde Iuno regina auf den Aventin geholt, und Jupiter lich eine allgemeinere Perspektive der Evolution anerkennt, wie
imperator hatte seinen Kult in Praeneste;14 die Mithras-Verehrer Freud selbst es durchaus tat, muß der Blick noch weiter zurück-
nannten ihren Gott auch Mithras rex. 15 Aus dem Pers erreich der greifen und die Rolle der Autorität in Gesellschaft und Seelen-
Achämeniden hatte sich sogar der Titel Satrapes, ,Wächter des Kö- struktur auch auf früheren, vormenschlichen Stufen des Lebens mit
nigtums', als Name eines Gottes ausgebreitet. 16 einbeziehen.
Nun enthalten traditionelle Fonnen der ,Herrschaft' immer eine Kein Zweifel: Ein hochentwickeltes Bewußtsein von Autorität
gegenseitige Verpflichtung: Der ,Herr', durch Anerkennung seiner und komplexer Rangabstufung ist in allen Primatengesellschaften
Hoheit von Seiten der ,Niederen' geehrt, gewährt seinen Schutz festzustellen. 24 Die intellektuellen Fähigkeiten der Affen und ins-
und spendet damit Sicherheit. Dies ist auch vorausgesetzt, wenn besondere der sogenannten Menschenaffen haben in vielen Beob-
der Gott als ,Vater' angerufen wird; hier bringt das Neue Testa- achtungen und Experimenten die Erwartungen der Beobachter
ment l7 neue Intensität in eine uralte Vorstellung. 18 Aber auch der durchaus übertroffen, doch scheint der Großteil dieser Fähigkeiten
Name Islam bedeutet Bewahrung durch Unterwerfung unter den in jene Gesellschaftsspiele einzugehen, die um Überordnung und
Willen des einen GottS. 19 Eine Variante des Herrn und Leiters, der Unterordnung in der Gruppe unaufhörlich im Gange sind. In der
Schutz gewährt, ist der ,Hirte', ein Begriff, der vielfach als Meta- ,Aufinerksamkeitsstruktur' innerhalb einer Primatengruppe "gilt
pher sowohl für den König als auch für den Gott verwendet die Aufinerksamkeit der Untergeordneten immer denen, die in der
wird. 20 In solchem Sinn wird die Abhängigkeit mit Erleichterung Hierarchie über ihnen stehen".25 Frans de Waal schrieb, auf Grund
und Dank angenommen werden. Die Herrschaft des Überlegenen langjähriger Beobachtungen im Zoo, ein Buch über ,Politik der
schränkt zudem auch die gegenseitigen Kämpfe der Unterlegenen Schimpansen', mit vielen überraschenden Einzelheiten: 26 Nicht
drastisch ein. "Das Ausbleiben der Konkurrenz in der religiösen nur, daß die Schimpansen einander persönlich kennen und genau
Erfahrung" hat Georg Simmel als Kennzeichen von Religion her- wissen, wer jeweils der höhere oder der niedere ist, sie können
vorgehoben. 2I Herrschaft bringt Formen von Solidarität hervor, langfristige Strategien einsetzen, durch Gunsterweise ,Allianzen'
die anders nicht leicht zu erreichen sind, freilich um den Preis der bilden, um Vorteile zu ergattern und im Rang aufzusteigen, bis es
Abhängigkeit von einem Höheren, von etwas, das unserer Verfü- schließlich einmal zum Sturz des Alphatieres kommt.
gung dauerhaft entzogen ist. Man beachte dabei, daß wir Menschen uns ,Rang' spontan und
Es scheint zunächst naheliegend, die Ideologie der Herrschaft offenbar ganz allgemein in der vertikalen Dimension vorstellen, als
und Abhängigkeit, wie sie in den alten Religionen auftritt, mit der ,hoch' oder ,niedrig', statt, was logisch gleichwertig wäre, in der
Entwicklung der ersten Hochkulturen zusammenzusehen, die das horizontalen Reihefolge oder in Kreisen um eine Mitte. Offenbar
Königtum als Mittelpunkt der gesellschaftlichen Organisation ge- greift unsere Phantasie von sich aus auf den vormenschlichen und
schaffen haben. 22 Doch ist Herrschaft und Unterordnung offenbar urmenschlichen Lebensraum zurück, die Landschaft mit Bäumen,
viel weiter verbreitet; es fällt schwer; herrschaftsfreie Sozialstruk- das Leben mit Bäumen, die ebenso Nahrung wie Sicherheit vor
turen überhaupt aufzufinden. Moderne mögen geneigt sein, im Raubtieren bieten, aber eben auch den vertikalen Erlebensraum
Gefolge der Freudschen Psychoanalyse Abhängigkeiten in erster bestimmen. 27 Vom Baum kommen die Bilder der Höhe und Tiefe,
Linie als individualpsychische Verformungen zu sehen. 23 Nach der die dann freilich in kosmische Dimensionen ausgeweitet werden.
üblichen Schulmeinung stellt Gott, oder die Götter, den Vater dar, Es gibt, neben vielen Formen der Verehrung realer Bäume, den
indem die kindliche Erfahrung der Hilflosigkeit und Abhängigkeit mythischen ,Weltbaum', der von der Unterwelt bis zum Himmel
dem mächtigen Vater gegenüber als Anerkennung eines allmächti- reicht;28 er mag vom ,Weltenberg' verdrängt werden,29 sind doch
gen Gottes verinnerlicht worden ist. Feministische Interpretatio- Berge gewaltiger als Bäume. Das Extrem der Höhe schließlich ist
106 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 107

der Himmel. Ein assyrischer Text läßt 300 Götter im obersten bereiten, ztimal sie sich der Kontrolle entziehen. Der Religion
Himmel wohnen, während der regierende Gott Marduk seinen kann es gelingen, all dies in den Hintergrund zu drängen, indem
Thron im mittleren Himmel hat. 3D Götter sind ,hoch' erhaben, ein sie die ,Aufinerksamkeitsstruktur' auf die höchste, die eine Autori-
Gott wird als ,der Höchste' gefeiertY Wenn sich die erfolgreich- tät zu lenken unternimmt; dies ist eine besonders wirksame
sten Primaten heute meist auf Asphaltstraßen bewegen, halten sie ,Reduktion von Komplexität', die aus dem Chaos eine Sinnstruk-
doch an den Spielen höheren oder niederen Ranges fest und for- tur hervortreten läßt. 35 Normal erscheint die Welt, insofern sie
dern weiterhin den Aufblick zu ,hohen' Idealen. ,Unten' oder durch Autorität gestaltet ist, die bestimmt, was ,oben' und was
,Oben', das Bewußtsein und Gefuhl fur die vertikale Achse ist Teil ,unten' ist. Schon ein sumerischer Künstler hat in vier übereinan-
unseres biologischen Erbes. der angeordneten, absteigenden Rängen Götter, Menschen, Tiere
"Was Macht ausübt, gilt als Gott"J2 - man kann gegen eine sol- und Pflanzen dargestellt. 36 Bei einem frühbyzantinischen Autor
che Sentenz protestieren; doch die ,Aufinerksamkeitsstruktur' klingt dies dann so: "Im Kosmos finden wir Wesen, die einzig
richtet sich nun einmal nach ,0ben'.33 Im religiösen Bereich wird herrschen: das Göttliche; andere, die herrschen und beherrrscht
Herrschaft und Unterordnung in der Weise eingefuhrt, daß ein un- werden: die Menschen, beherrscht vom Göttlichen, doch herr-
sichtbares doch endgültiges ,Höchstes' eingefuhrt wird, das absolute schend über die Tiere; wieder andere, die nur beherrscht werden:
Orientierung gibt. Es ist eine Besonderheit der geistigen, sprachlich die vernunftlosen Tiere."37 Die Position des Menschen ist be-
verfaßten Welt, daß sie sich von Ort und Zeit emanzipieren kann. stimmt und legitimiert in der Stufenfolge der Herrschaft, vom
Bei den Primaten ist das soziale System normalerweise mit der phy- höchsten bis zum tiefsten Rang.
sischen Präsenz gekoppelt und fällt auch in der räumlichen Vertei- Das Wort ,Hierarchie' ist durch das einflußreichste Werk des
lung unmittelbar ins Auge: Wer zusammengehört, bleibt zusam- christlichen Neuplatonismus in Umlauf gesetzt worden, die Schrift
men, als Familie und als Gruppe. Bei Menschen hingegen können ,Über die himmlische Hierarchie', verfaßt angeblich vom Paulus-
die persönlichen Verbindungen und Rangordnungen auch ohne schüler Dionysios dem Areopagiten; sie stammt aus dem
direktes Beisammensein ftir lange Zeiten'und über beliebige Distan- 5. Jahrhundert n. Chr. Der Verfasser geht von neutestamentlichen
zen fortbestehen: nun ,weiß' von der Ordnung, die auch ohne Texten aus, die von den ,Mächten' sprechen, die Gott umgeben,
ständige Interaktion fortbesteht. Man weiß ja auch nicht nur über "Throne, Herrschaften, Fürstentümer und Gewalten", und bringt
,mein' und ,dein' Bescheid, sondern auch über Besitz und Interes- sie zur Deckung mit einem platonischen System. 38 Der Neuplato-
sensphären einer dritten Person, die im Augenblick nicht gegen- nismus sprach gern von der ,goldenen Kette' der Autorität, die sich
wärtig ist. Solche Stabilität findet ihre letztverbindliche Garantie in durch den Gesamtbereich des Seienden zieht und alles letztlich an
der unsichtbaren Autorität einer höchsten Macht. Man kann hierin den Ursprung bindet, das Eine. 39 Oft hat man bemerkt, wie die
die äußerste Konsequenz ererbter Tendenzen sehen. 34 Ansprüche, neu platonisch-christliche Hierarchie auch in der Architektur ihre
die im Namen des Höchsten erhoben werden, können gewiß auch Darstellung gefunden hat, vor allem in jenem Gebäude, das zum
auf Widerstand stoßen, doch erstaunlich häufig werden sie akzep- Inbegriff des byzantinischen Kirchenbaus geworden ist und noch
tiert; sie ,passen in die Landschaft'. den späteren Moscheen zum Vorbild diente, der Hagia Sophia von
Ob die ,schlechthinige Abhängigkeit' nun vom homo religiosus Konstantinopel.
enthusiastisch anerkannt oder aber VOlTI Anwalt der Emanzipation
kritisiert wird, sie ist eine Konstruktion von Sinn. Es ist ja unbe-
streitbar, daß wir realiter von allem Möglichen abhängig sind, von Unterwerfungsrituale
bekannten und unbekannten Faktoren persönlicher, politischer,
wirtschaftlicher, umweltbiologischer Art. Radioaktive Strahlung, Nach Schleiermacher wäre Religion im wesentlichen ein ,Gefuhl';
Viren, Krebszellen, die sich vielleicht schon im Körper entwickeln, . religiöse Praxis jedoch wendet sich nicht nach innen und neigt
sind nur einige Beispiele der vielen Einflüsse, die Sorge und Angst vielmehr zur Demonstration. ,Gefuhle', sofern sie denn empfun-
108 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 109

den sind, werden ausgespielt und gegenseitig verstärkt, ja auch erst gression zu unterlaufen, ist der unmittelbare Körperkontakt: Man
hervorgebracht in der gemeinsamen Aktion. Mit anderen Worten, versucht den Stärkeren zu berühren, sofern er es gestattet, man
Abhängigkeit und Unterordnung treten in der Religion in der streichelt sein Kinn - ein letzter Rest von ,Fellpflege' -, man
Gestalt von Ritualen zutage. Bei der Begegnung mit dem Gött- streckt ihm wenigstens die geöffnete Hand entgegen: Zeichen ei-
lichen "formen wir uns zu jeglichem Zeichen bescheidenen ner ,Freundschaft', die zugleich die Abhängigkeit vom Gegenüber
Maßes", wie Seneca formuliert. 40 Dabei sind die Zeichen der Un- voll anerkennt. 45
terordnung, ja Unterwerfung, die in religiösem Handeln hervor- Wir verstehen zumeist solche Gesten und Verhaltensweisen.
treten,4 1 ihrerseits Verhaltensweisen, die auch in anderem Zusam- Viele davon lassen sich auch bei Gorillas und Schimpansen beob-
menhang durchaus üblich sind oder waren; sie sind also nicht von achten; gewiß, sie weinen nicht, doch können sie Klagelaute aus-
sich aus spezifisch religiös; umso eher sind sie unmittelbar ver- drücken. In dem Film Gorillas in the Mist, der auf den Studien von
ständlich. Entsprechende Rituale sind darum großenteils auch Diane Fossey in Zentralafrika aufbaut, gilt als Anweisung, den An-
nicht auf einzelne abgegrenzte Kulturen eingeschränkt, sie treten griff eines verärgerten Silverback-Gorillas zu stoppen: Niederkau-
weltweit auf; manche sind eindeutig älter als die Menschheit. Eine ern, den Kopf auf den Boden legen und ja nicht den Angreifenden
vergleichende Übersicht über Unterwerfungsrituale, wie sie bei fixieren. Assyrische Reliefs zeigen Gesandte, die sich dem König
Primaten, in außerreligiösen menschlichen Interaktionen und in unterwerfen, in einer erstaunlich ähnlichen Position; auf akkadisch
der religiösen Praxis zu finden sind, weist auf die grundsätzliche heißt dies drastisch: ,die Nase (am Boden) wischen'.46 In Nachfol-
Einheitlichkeit der Welt, in der wir leben. ge der assyrischen und babylonischen Könige bestand der Perser-
Ziel und Funktion demonstrativer Unterwerfung besonders in könig darauf, daß Gesandte sich zu Boden warfen und den Boden
vormenschlichen Gesellschaften ist es, drohende Aggression aufzu- mit der Stirne berührten. 47 Auch spätere Sultane erwarteten Ent-
halten und so dem Schmerz, der Verletzung, ja der Vernichtung sprechendes. Die europäischen Monarchen beschränkten sich dar-
zu entgehen. Das simpelste Mittel, den eigenen Willen durch auf, von ihren Untertanen den Kniefall als Ehrenbezeugung entge-
Drohung durchzusetzen, ist ,groß' zu sein - daher der Trick der genzunehmen. Im Alltagsverkehr blieb als Minimum der zeremo-
Natur, das Haar zu sträuben, selbst wenn dahinter sich die eigene niellen Unterordnung, daß man den Hut abnimmt und sich
Angst versteckt. 42 Um Aggression zu stoppen, gilt es umgekehrt, verbeugt, ein Zeichen der Höflichkeit, das noch nicht ganz ausge-
als klein, niedrig, demütig zu erscheinen - das lateinische Wort storben ist. Die lateinische Verbalisierung Servus! ist allerdings
humilis, das die christliche Demut bezeichnet, heißt ja eigentlich längst ins Burschikose umgekippt.
,dem Erdboden zugehörig'. Man macht solchen Eindruck, indem Weit dramatischer und strenger waren die Formen der Unter-
man den Kopf zum Boden neigt, statt sich ,aufzublasen', indem werfung im Krieg inmitten des bewußten Mordens. Die Besiegten,
man niederkniet oder gar sich flach zu Boden wirft und kriechend auch schon ihre Abgesandten hatten sich den siegreichen Gegnern
fortbewegt. 43 Die Menschen haben Helmbusch, hohen Hut und mit zerrissenen Gewändern, halb nackt zu nähern, niedergebeugt,
militärische Schulterstücke erfunden, um ihren Umriß zu vergrö- mit aufgelöstem Haar, Tränen vergießend; so warfen sie sich den
ßern; Unterwerfung bedeutet, all dies abzunehmen, auch impo- Siegern zu Füßen. Die antiken Historiker, insbesondere auch
nierende Kleidung. Auch darauf kommt es an, den fixierenden Caesar schildern gern solche Szenen. 48 Bei Homer gibt es das Son-
Blick zu vermeiden: Das starrende Auge ist ein ,böses Auge', es derverhalten des ,Schutzflehenden' (hiketes) , womit ein Kämpfer
löst ein angeborenes Alarmsystem und damit aggressives Verhalten mit einem Mal Pardon erheischt. Das Wort benennt eigentlich
aus. 44 Signale der ,Kleinheit' werden verstärkt durch ,kindliches' den, der ,herankommt' und sein Ziel ,erreicht'; es spricht damit
Verhalten; auch Tiere sind im allgemeinen so programmiert, daß aus, daß es darauf ankam, an den Gegner so weit heranzukommen,
sie Kinder nicht attackieren. So regredieren Erwachsene zu de- daß er sich berühren ließ. Man ,unterläuft' die Distanz der Waffe.
monstrativem Weinen - doch kann man auch ein Lächeln versu- . Selbst Anführer konnten so handeln. Assurbanipal berichtet: "die
chen, um Feindschaft auszuschalten. Ein zusätzliches Mittel, Ag- Anführer, im Getümmel der Schlacht ... ergriffen meine Hände,
110 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 111

um ihres Lebens willen"; Odysseus erzählt in seiner Lügen- ten. Inwieweit das Niederknien zum Gebet im vorchristlichen
Erfindung, wie er selbst mitten im Kampf "den Helm vom Kopf Griechenland gebräuchlich war, ist nicht ganz deutlich; es war of-
nahm und den Schild von der Schulter, den Speer von sich warf fenbar nicht die Norm, kam aber in bestimmten Zusammenhän-
und ... die Knie des feindlichen Königs küßte;" so konnte er sich gen VOr. 55 In äußerster Angst werfen sich Menschen vor dem
retten. 49 In einer bildhaft packenden Iliasszene läuft der jugendli- Kultbild oder dem Altar zu Boden,56 Eindeutig sind auch die latei-
che Lykaon auf Achilleus zu, um seine Knie zu berühren, während nischen Ausdrücke wie supp lex, supplicare, supplicatio, ,das Knie
der schon geschleuderte Speer hinter seinem Rücken in den Bo- beugen'. Auch~'ein assyrischer König kniet zum Beten nieder. 57
den fährt. Das ,Berühren der Knie' ist ein Hinweis fur den Stär- Das Christentum hat das Niederknien zum Gebet dann besonders
keren, sich zu entspannen, sich zu setzen, statt in Angriffshaltung betont; Eusebios nennt dies "unsere allgemein übliche Art der
zu verharren. 50 In einer anderen Iliasszene sind weitere Gesten be- Gottesverehrung",58 Protestanten hoben dies sehr viel später auf,
schrieben: Priamos, der Achilleus um die Herausgabe von Hektors um auch im Gebet sich vom katholischen Ritual zu distanzieren.
Leichnam anfleht, hat "die Hände zum Mund des Achilleus ausge- Die Universalität des vorgeprägten Verhaltens schließt keineswegs
streckt", nachdem er auch "die Hände des Achilleus geküßt" hatY aus, daß Sonderformen als Merkmale der Unterscheidung von ein-
Die Hand zu küssen ist als Zeichen ,untertänigen' Grußes in Tei- zelnen Gruppen oder Sekten kultiviert werden. 59
len Europas üblich geblieben, so im Bereich des Wiener Kaiser- Noch weitere Zeichen der Demütigung können die Begegnung
hofs; doch auch die katholische Kirche praktiziert diesen Gruß. Er mit Göttern oder Gott begleiten. In der Antike erwartete man auf-
vereint das Niederbeugen mit direktem Körperkontakt. Der mo- gelöstes Haar, ausgestreckte ,bettelnde' Hände und Strölne von
derne Stil demokratischer Gleichheit bringt die meisten dieser ze- Tränen bei Prozessionen, die in Situationen der Krise das Erbar-
remoniellen Verhaltensweisen zum Verschwinden. Es dürfte auch men der Götter erflehen sollten. Tränen werden in den hebrä-
nicht mehr viele Familien geben, wo Frau und Kinder vor einem ischen Psahnen oft genannt,60 und sie gehören später unabdingbar
dominanten Vater auf die Knie fallen. Und doch können archa- zu den christlichen Formen des Reue-Gebets. Tränen kennzeich-
ische Verhaltensmuster bewahrt werden und vor allem in Extrem- nen aber auch schon sumerische und akkadische Gebete. 61 Die
situationen erneut zutage treten. Ein modernes Pressephoto aus der Arme nach oben auszubreiten, wobei die Handflächen nach oben
Zeit des indisch-pakistanischen Kriegs 197 I zeigt knie ende Gefan- gerichtet sind, ist der allgemeine Gebetsgestus im orientalischen,
gene mit dem Gestus des ,Berührens der Kniekehle' imponierend hebräischen, griechischen und römischen Kult. 62 Der christliche
aufgereckter Sieger in genauer Entsprechung zur antiken Darstel- Brauch hat sich dann gegen diese offene Gestik gewandt und viel-
lung etwa des flehenden Dolon vor Odysseus und Diomedes; mehr auf gesenktem Nacken und gefalteten Händen bestanden.
"Momente später waren sie erschossen. "52 Auch Dolon stirbt. Die Das Beugen des Kopfes schließt auch das Anstarren aus. In jener
Annahme der in Zeichen enthaltenen Botschaft kann verweigert Szene, die Jesus zum Vorbild des Gebetes setzt, "wollte der Zöll-
werden. ner nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern er
Es ist fast selbstverständlich, daß alle besprochenen Formen ritu- schlug seine Brust und sprach: Gott sei mir Sünder gnädig. "63 Pro-
eller Unterwerfung auch in religiösem Kontext wiederkehren. Im pitius esto mihi peccatori ist von hier zur liturgischen Formel im
Griechischen sind es die gleichen Ausdrücke, die im säkularen und Christlichen Gottesdienst geworden; es knüpft an viel Älteres an.
im religiösen Bereich gebraucht werden: ,die Knie erfassen', ,einen Als, im sumerischen Mythos, Inanna mit einem infernalischen
Kuß zuwerfen', ,erreichen' (gounazesthai, proskynein, hiketeuein). Gefolge aus der Unterwelt zurückkehrt, werfen sich die, denen sie
Der allgemeinste Akt der Verehrung ist es, das Haupt zu beugen, naht, zu ihren Füßen nieder, oder sie sitzen demütig im Staub; sie
sich zu verneigen. ,Sich niederbeugen' ist die Bezeichnung reli- bleiben unversehrt. Dumuzi jedoch, der ,auf dem Hochsitz
giöser Verehrung im Hebräischen wie im Akkadischen,53 Abraham thront', wird vernichtet. 64 Daß man vor Göttern sich ,niedrig' und
,wirft sich auf sein Gesicht' in der Gegenwart von Jahwe. 54 Mos- demütig zu erweisen hat, ist eine Lektion, die längst vor Christus
lems berühren mit der Stirne den Boden, indem sie zu Allah be- gelehrt wurde. 65
112 IV, Hierarchie IV, Hierarchie 113

Religionswissenschaftler mögen versuchen, zwischen Verehrung übermenschlichen Opfer-Leistungen darbringen.7 3 Die Erniedri-
und Unterwerfung zu unterscheiden, um das eine zu bejahen und gung des Gequälten wird zur Auszeichnung als Beweis göttlicher
sich vom anderen zu distanzieren. Doch ist beides einander zu- Macht.
mindest bedenklich benachbart, ja gegenseitig überlappend. Die Erniedrigung kann auch die Form sexueller Unterwerfung an-
alten Religionen haben ganz ungescheut die ,Furcht' vor den nehmen. Dies drängt sich ein ins Bild der erwähnten fanatici, inso-
Göttern proklamiert und eingefordert. 66 Die Aufinerksamkeits- fern diese Eunuchen sich angeblich auch zum homsexuellen Ver-
struktur hat sich danach zu richten. kehr anboten. 74 In anderem Zusammenhang gibt es immerhin ri-
Die Selbsterniedrigung kann drastische Formen annehmen. tuelle Forderungen der sexuellen Enthaltung und auch des
Manche Rituale suchen gewissermaßen das, was man befürchtet, Transvestismus: Der Herakles-Priester in Kos war als Frau geklei-
vorwegzunehmen durch eigene und damit kontrollierbare Aktivi- det; ein Mythos erzählte, Herakles selbst sei einst geflohen und sei,
tät. Nicht nur, daß man in der Angst vor verfolgenden Dämonen sich zu verstecken, in Frauenkleider geschlüpft - eine extreme
selbst ein Ersatzopfer tötet und diesen überläßt;6 7 man sucht sich Umkehrung der normalen Herakles-Rolle.7 5 Es heißt auch, daß
selbst zu entstellen und zu strafen. Aus Furcht vor dem ,bösen der Hierophant von Eleusis sich durch Trinken von Schierling ei-
Blick' oder dem ,Neid der Götter' spucken Griechen sich selber ner Art chemischer Kastration zu unterziehen hatte. 76 In gewissen
ins Gewand, womit sie ,Adrasteia ehren', jene Göttin, die sumerischen Ritualen traten Priester offenbar nackt au:f77 - ganz im
,Unentrinnbarkeit' im Namen trägt; so hofft der Büßer sich dem Kontrast zur jüdischen oder christlichen Tradition, wonach ein
Unentrinnbaren dennoch zu entziehen. 68 Auffälliger noch ist, Priester jede Andeutung von Geschlecht oder Nacktheit zu ver-
wenn man sich selbst die Kleider zerreißt, sich beschmutzt, Asche meiden hat. Man muß mit einem ambivalenten Status der Sexua-
aufs Haupt streut oder gar im Schmutz sich wälzt. "Wenn die Sy- lität in allen Gesellschaften rechnen; gerade weil da stets verheim-
rer aus Unbeherrschtheit Fisch gegessen haben, schwellen ihnen licht, geleugnet und unterdrückt wird, gibt es Chancen zur an-
die Füße und der Magen an; da nehmen sie einen Sack, setzen sich deutenden ebenso wie zur skandalösen Demonstration. 78 Man
auf den Weg in den Schmutz und versöhnen sich so ihre Göttin, konnte auf galli mit religiöser Scheu ebenso wie mit Verachtung
dadurch, daß sie über die Maßen erniedrigt sind. "69 "In einem reagieren, jenseits der Feierlichkeit ,normaler' Religion. In anderer
Schlammloch liegt dein Knecht", heißt es in einem babylonischen Weise konnte Religion versuchen, sexuelle Beziehungen im Sinne
Bußpsalm. 7o Weiter noch, von der Selbsterniedrigung zur Selbst- der Normalität einzubeziehen, indem man einem Gott, einem
aggression, geht die Selbstverwundung. Sie ist in recht verschiede- Heros oder Dämon eine Konkubine anbot oder, besser noch, eine
nen antiken Kulten bezeugt, findet sich auch in ganz anderen Gattin zu dauerhafter Ehe. Dies war fester Brauch im Kult des
Kulturen. 71 Merkwürdige Zeugnisse für Selbst-Geißelung sind im Amun im ägyptischen Theben, aber auch im bronzezeitlichen Sy-
kretischen Heiligtum von Kato Symi zutage gekommen. 72 Prozes- rien, wie ein kürzlich entdeckter Text aus Emar in aller Ausführ-
sionen von ,Flagellanten' gab es im christlichen Europa des späten lichkeit beschreibt.79 Solch ein Angebot versucht, an Stelle der
Mittelalters, vor allem als die Pest Anlaß gab, umso dringlicher durch Furcht ausgelösten Unterwerfung die Vertrautheit der dau-
Gottes Gnade anzuflehen. Mancherorts besteht solches Bußritual erhaften Familienbeziehung zu setzen. Inwieweit Krisen damit zu
bis heute fort. Auffallend ist dabei die Findigkeit der Menschen, durchstehen waren, blieb die Frage.
rituellen Formen neue Funktionen zu geben, ja sie zu mißbrau-
chen. Die kastrierten Anhänger gewisser semitischer und anatoli-
scher ,Großer Göttinnen', galli und andere fanatici der Syrischen Die Strategie des Lobpreisens
Göttin, der Mater Magna oder auch der Bellona machten die
Selbstverwundung und Geißelung zu einer öffentlichen Schau, um Der Gegenpol zu jeglicher Erniedrigung des Menschen ist die Er-
Zuschauer zu Geldspenden zu animieren; von der Gottheit höhung des Göttlichen. Diese kommt gemeinhin schon in der re-
,ergriffen' und ,besessen' konnten sie scheinbar gefühllos ihre ligiösen Ikonographie zum Ausdruck, die ihrerseits das Ritual vor-
114 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 115

aussetzt: Götter sind erhöht. Wiederum gibt es die eindrückliche Es muß seit je ein Anreiz fur die vornehme, die ,höhere' Dich-
Parallelität in der Art, wie Herrscher und wie Götter als die Erha- tung gewesen sein, Herrscher wie auch Götter zu preisen. Man
benen dargestellt werden. Götterstatuen werden hochgehoben, kann die Leistung des Dichters dabei als einen doppelten Trick
werden so in Prozessionen umhergetragen; doch in Persepolis ist beschreiben: Der Preisende anerkennt emphatisch den Unter-
es der Thron des Königs, der hochgehoben und von seinem Volk schied des Ranges, indem er von der Tiefe zum Glanz der Höhe
getragen wird. 80 Eine Göttin oder ein Gott sitzt auf einem erhöh- aufschaut, und doch erhebt er nicht nur sich selbst, kraft seiner
ten Thron mit einem Fußschemel, wie auch der König. Jesaja sah sprachlichen Kompetenz, im Geiste zu höheren Sphären, viel-
"den Herrn auf einem hohen und emporragenden Throne sit- mehr gelingt es ihm die Aufmerksamkeitsstruktur umzukehren, so
zen".81 Ein Wandgemälde aus dem minoischen Thera zeigt den daß nun der Höhere auf die preisende Rede, den preisenden
Thronsitz der Göttin auf einer dreistufigen Tribüne. 82 Man läßt Gesang des Unteren lauscht. Der Lobpreis ist eine anerkannte
schon in der Bronzezeit Götter auch auf Bergen wohnen; höher Form, in Gegenwart von Höhergestellten laut zu sein; in beson-
noch steht der Himmel. ders stilisierter Form erscheint dies als Musik. So steigt der Lob-
Die Große Göttin im Nahen Osten und im archaischen Grie- preis gleich Weihrauch in die Höhe. Die Spannung zwischen
chenland ist durch ihren hohen, zylinderartigen Hut ausgezeich- Oben und Unten wird damit ebenso überhöht wie aufgehoben,
net, den polos.8 3 Andere Götter tragen Kronen, um ,höher' zu sein, indem der Niedere das System emphatisch akzeptiert und seinen
auch mehrere Hörnerkronen übereinander, wie in Mesopotamien. Platz sich sichert. Lobpreis ist eher tautologisch als informativ -
Tempel können zu Tempeltürmen auf Tempelbergen werden; laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te ... propter
hierin scheint sich die sakrale Architektur von Mesopotamien und magnam gloriam tuam -, aber er erhebt die Herzen in der erlebten
Mittelamerika zu berühren. Verehrung heißt, übergeordnete Per- Resonanz der Gemeinsamkeit. Man achte auf die vertikale Di-
sonen in ihrer höheren Stellung anzuerkennen, vor denen wir uns mension, die kaum je fehlt: gloria in excelsis; ,Hosianna in der Hö-
in Demut neigen; und je höher diese steigen, desto weniger muß he'; Rühmen heißt Erheben. 86 Die Überhöhung kann der Logik
der eigene Nacken gebeugt sein. spotten: "Zeus ist alles - und was noch höher ist als dies" ,8 7 und
Hieraus ist ein ingeniöses Sprachspiel entstanden. Es erreicht, wird dadurch noch eindrucksvoller.
was in sprachlosem Ritual unmöglich zu leisten wäre, die ,Er- Genauere Analyse und Darstellung der großen Gattung der
höhung' des Geehrten ohne anstrengende Überwindung der Götterhymnen ist hier nicht am Platz. Hier trifft sich jedenfalls die
Schwerkraft, ja Unterwerfung und Erhöhung finden sich im glei- religiöse Dichtung des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums in
chen Akt vereint. Es handelt sich um die Erfindung des ,Lob- vergleichbaren Formen, von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart. 88
preisens'. Die zu erwartenden Parallelen der dichterischen Sprache im Preis
Selbst der Lobpreis könnte immerhin eine Basis in vorsprachli- von Gott und König sind in den sumerischen und ägyptischen
chem Verhalten haben: Es sind unartikulierte Schreie, die sportli- Texten, vor allem in den älteren unter diesen, voll ausgeprägt. Da-
che Wettkämpfe und gelegentlich auch echte Kämpfe begleiten, bei gibt die Sonne ein sichtbares Vorbild der Erhabenheit, wie sie
indem Still1lnentfaltung die eine oder die andere Seite antreiben in ihrem Glanz über die Erde aufsteigt; drum ist die Sonne - in
oder einschüchtern soll. Unartikulierte Rufe gibt es auch im vielen Sprachen männlichen Geschlechts - eine Lieblingsmetapher
Götterkult; so ruft man ieie paian im Kult des Apollon und kann des Lobpreisens, und auch selbst ein zu preisender Gott. 89 Schrek-
dies eben als Anfeuerungsruf im Kampf mit Python erklären. 84 ken freilich geht auch mit der Erhabenheit einher. Der Höhere
Nur eine Minderheit von Christen hat je verstanden, was Halle- kann töten oder aber durch Schonung das Leben schenken. Der
luja oder Hosianna bedeutet; es läßt sich rufen und singen, und Lobpreis wird ihn daran erinnern, daß er seine Macht wohlwol-
wundervolle Musik läßt sich daraus gewinnen. 85 Sehr viel weiter lend einsetzen und von feindlichen Akten ablassen möge. Man
bringen es die sprachlich entwickelten, ja rhetorisch ausgestalteten ~ünscht, einen ,hohen' Herrn bei guter Laune zu halten, hilaos,
Formen des Preisens. Es gibt sie in den verschiedensten Kulturen. wie man dies auf Griechisch ausdrückt; die Bitte um heitere
116 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 117

Stimmung ist fester Bestandteil der Hymnik; viel später nannte


man Barock-Potentaten serenissimus. Das doppelte Stockwerk der Macht
Lobpreis des Herrschers wird dem geschickten Künstler sehr
direkte Vorteile einbringen; doch auch der Herrscher braucht den ,Abhängigkeit' und Unterordnung als Hauptkennzeichen der Re-
Glanz. Heiligtümer einzelner Götter laden ein zum lobpreisendem ligion zu nehmen bleibt einseitig. Die andere Seite, die in der
Gesang, der ihnen wie auch den Vortragenden Glanz verleiht. christlichen Tradition oft verdrängt und oft genug beklagt wird
Apollon hat in seinem Orakelheiligtum zu Klaros immer wieder und doch selbst dort unausrottbar und augenfällig bleibt, ist die
geboten, daß Gruppen von Sängern, hymnodoi, zu seinem Heilig- Chance, im Namen der Religion und durch Religion Status zu
tum kommen und dort ihre Lieder vortragen sollten: Er organisiert gewinnen und durchaus reale Macht auszuüben.
die eigenen Festspiele. 90 Das Lob stabilisiert das System von Rang In den alten Religionen wird die Allianz von Religion und
und Macht: Der Herrscher wird direkt motiviert, dem Lob ent- Macht in aller Offenheit proklamiert. König Sargon von Assyrien
sprechend Sicherheit und Wohlfahrt zu gewähren, und vom Gott rühmt sich, wie er Völker verschiedener Zunge in seiner Haupt-
läßt sich dementsprechend annehmen, daß er sein Wohlgefallen in stadt zusammenbrachte und assyrischen Oberen unterstellte, "um
Gnadenerweisen zum Ausdruck bringt. Apollon freut sich an dem sie die Furcht des Gottes und des Königs zu lehren" .93 In der Folge
schönen Paian; so wird die Pest beendet. 91 So wirkt die Religion waren aufgeklärte Skeptiker der Antike davon überzeugt, daß die
systemerhaltend, indem sie den höchsten Ausgangspunkt der Religion im wesentlichen im Interesse der Mächtigen erfunden
rechten Ordnung im Lobpreis feiert. sei, der Herrscher und der Staaten, um die Massen unter Kontrolle
Musik ist die übliche Begleitung des Lobpreisens, die zu großar- zu halten. Polybios glaubte festzustellen, daß die Religion,
tigem Ausdruck wächst. Das Lied verbindet mit elaborierter Klar- ,Gottesfurcht' , die man auch als Aberglauben verstehen kann
heit der Botschaft seinen besonderen Klang, der durch eine Art in- (deisidaimonia) , die römische Republik ,zusammenhalte'. Das reli-
nerer Resonanz seinen Zauber auf die Zuhörer wirft; die Wieder- giöse Ritual, fand er, sei zu einer Art Theater (tragodia) ausgestaltet,
holung oder zumindest Wiederholbarkeit des Liedes verstärkt die welches das private wie das öffentliche Leben dominiere. 94 Er er-
gemeinsame Bindung. Eine gemeinsame geistige Welt findet so klärt, dies geschehe, weil "die gesamte Masse leichtfertig ist und
ihre nicht analysierte, doch mitreißende Gestaltung in der Musik, voll von gesetzwidrigen Lüsten, vernunftlosem Zorn und gewalt-
im Hymnus. In vielerlei Religionsformen sind es gerade die musi- tätiger Erregung", weshalb man sie denn "durch unklare Ängste
kalischen Darbietungen, die Loblieder auf Götter oder Gott, die und entsprechendes Theater" bei der Stange halten müsse. Aristo-
Teilnehmer anziehen, begeistern und fesseln. Propaganda will laut teles drückt dies etwas feiner, doch im Grunde ähnlich aus: Echte
werden; sie kann dabei sehr wohlgestaltete Formen finden. religiöse Tradition deutet an, daß das Göttliche die ganze Natur in
Die polytheistische Welt der Götter läßt Hierarchien zu, was in sich schließt; "der Rest ist angehängt in Gestalt von Mythen, um
den Lobpreis eingeht: "Die Götter des Himmels beugen sich vor die Masse zu überzeugen, und wegen der Brauchbarkeit fur die
dir, die Götter der Erde beugen sich vor dir; was immer du sagst, Gesetze und sonstigen Nutzen" .95 Diese These über die Funktion
die Götter fallen nieder vor dir" - so der Höhepunkt des Lobes in der Religion läßt sich mindestens bis auf die Sophisten des
einem hethitischen Hymnus an den Sonnengott. Doch auch im 5. Jahrhunderts zurückverfolgen; offenbar fand sie hinreichende
Preis von Jahwe dem Einzigen lassen sich ähnliche Wirkungen er- Stützung in der Lebenswirklichkeit.
zielen: "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre. "92 So wird das Längst zuvor, ehe die mediterranen Stadtstaaten aufkamen, hat-
menschliche Preisen in den höheren Sphären reflektiert und wi- ten sich die orientalischen Herrscher stets auf die spezielle Protek-
derhallt im Universum; umso geborgener fuhlt sich darin auf tion durch ihren jeweiligen Gott berufen. Der Pharaoh war der
,tiefster Stufe' der Mensch, gesichert im Gesamtsystem, in dessen Sohn eines Gottes. Überall waren es die Götter, die den Sieg ver-
Lobpreis er selbst energisch tätig ist. liehen; und auf dem Sieg beruhte die Herrschaft. Von den Göttern
selbst glaubte und erzählte man, daß sie in Folge ihrer Siege die
118 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 119

Herrschaft ftihrten. Mythen berichteten, wie ein Gott seinen Geg- nig mit Selbstverständlichkeit, daß seine Macht und Autorität, sein
ner gewaltsam überwunden habe, einen bösen Drachen, oder kydos von Zeus komme. Darum ist ein König kein ,gleicher' unter
Tiamat das Meer in Mesopotamien, oder Typhon als Verkörpe- anderen. IOO Der Tyrann Peisistratos kan~ dem orientalischen Vorbild
mng von Trockenheit und Wüste in Ägypten; so sei die Ordnung ganz nahe, indem er behauptete, daß die Göttin Athena in Person
der Welt begründet worden. Wenn danach ein Herrscher seine ihm seine Herrschaft in Athen verschafft habe. Ob die Maskerade,
Feinde mit Macht und Grausamkeit niederwarf, so wiederholte er die Herodot verwundert beschreibt, wonach Peisistratos mit einem
die Tat der Götter. 96 als Athena ausstaffierten Mädchen auf dem Wagen in Athen einzog,
Die Herrschaft wurde vom Gott direkt übergeben, zumindest in als historisches Faktum gelten kann, mag umstritten bleiben. Eine
symbolischer Darstellung. Das Relief der berühmten Hammurapi- bestimmte peisistrateische Propaganda, die für den Tyrannen die
Stele zeigt, wie der Sonnengott Shamash dem König Hammurapi ganz spezielle Protektion der Göttin von Athen beanspruchte, muß
die Zeichen des Königtums übergibt, Ring und Stab; die Einlei- dem auf jeden Fall zugrundliegen; demokratische und rationale
tung zum Gesetzestext verkündet, daß, als die höchsten Götter Kritiker freilich konnten sich darüber lustig machen. IOI Alexander
Anu und Enlil die überragende Macht Marduks und seiner Stadt der GroBe griff seinerseits auf das ägyptische Vorbild zurück und
BabyIon bestimmten, sie auch "mich ernannten, um die Wohlfahrt beanspruchte, von einem Gott, Zeus ~on, gezeugt zu sein; die
des Volks zu fördern, mich, Hammurapi, den frommen, gottes- Diadochen haben entsprechende Ansprüche mit Rückgriff auf ver-
furchtigen Herrscher, um dafur zu sorgen, daß Gerechtigkeit im schiedene Götternamen erhoben. I02 Als schließlich das Römerreich
Land herrsche, um die Unguten und Bösen zu vernichten ... und zum Christentum übertrat, wurde mit Selbstverständlichkeit der
das Land zu erleuchten" .97 Wir hegen alle Sympathie für das vom Christengott zum Spender des Sieges und der Macht. So waren
König verkündete Ideal der Gerechtigkeit, die das Land erleuchtet; denn die Monarchen ,von Gottes Gnaden' installiert, dei gratia.
doch um dies durchzuführen, ist Macht vonnöten, die die Diese Formel begleitete die legitimen Monarchen Europas bis in die
,Unguten und Bösen vernichtet;' und wer entscheidet, wen es zu Gegenwart. 103 Das Mosaik in Palermo, das Christus zeigt, wie er
vernichten gilt? In direkter Tradition der Groß könige knüpft hier- König Roger die Krone Siziliens aufsetzt, entspricht in seiner Bot-
an Darius an, der Perserkönig; er spricht in der großen Selbstdar- schaft genau der Hammurapi-Stele, auch wenn es keine direkte
stellung, der Inschrift von Behistun: "Durch den Willen von ikonographische Verbindung gibt. I04 "Wie alle Menschen, die der
Ahuralnazda bin ich König; Ahuramazda gab das Königtum an Herrschaft Roms unterstehen, für euch Militärdienst leisten, ihr
mich." Dies wiederholt eine andere Inschrift, die von Naqsh-i- Kaiser und Fürsten der Welt, so dient ihr selbst dem allmächtigen
Rustam, mit der abschließenden Aufforderung: "Mensch, Ahura- Gott und dem heiligen Glauben", schrieb Bischof Ambrosius an
mazdas Befehl sei dir nicht widerwärtig. "9 8 Dabei hat Darius nicht Kaiser Valentinian. IOS Gewiß, weder Hammurapi noch Darius, we-
gezögert, seinerseits die von ihm so genannten Bösen, die Anhän- der ein Sassanidenkönig noch Konstantin verlieBen sich aufs Gebet
ger der ,Lüge' (drug) zu vernichten. Bei Modernen steht Darius im allein, um ihre Herrschaft zu begründen. Doch alle suchten von der
Verdacht, seinerseits ärgsten Betrug begangen zu haben, indem er Religion, von der Autorität und Macht des Gottes her die eigene
Bardia-Smerdis, den Bruder des Kambyses und Erben des Throns, Legitimation herzuleiten. So stehen hinter den Mächtigen der Welt
nicht nur tötete, sondern als einen Hochstapler und magos zur Un- die Götter; umgekehrt ist der Monarch seinerseits fur alle "das
person machte. Jedenfalls: Sein Gott stand ihm bei. Die Ikonogra- Haupt, ins Gebet versunken" . I06
phie der Hammurapi-Stele wurde später wieder aufgenommen in Unterwerfung und Überordnung gehören in der gleichen hier-
den Sassanidischen Reliefs, die Ahuramazda bei der Investitur des archischen Struktur zusammen. Die Abhängigkeit von unsichtba-
Königs darstellen. 99 ren Mächten widerspiegelt die tatsächliche Machtstruktur, wird
In Griechenland gab es keinen ,Großen König, König der Köni- aber als deren Vorbild genommen und legitimiert diese damit ih-
ge, König der Lande, König der vier Weltgegenden' . Doch selbst in Ferseits. In dieser Weise stabilisiert sich eine gleichsam zweistöcki-
bescheidenerem Rahmen beanspruchte ein ,szeptertragender' Kö- ge Souveränität: der Gott verhält sich zum Herrscher wie der
120 .Iv. Hierarchie IV. Hierarchie 121

Herrscher zu den Untertanen; diese sollen zum Herrscher auf- Zeichen dei Unterwerfung, das Sich-Beugen bis zur Erde, die
schauen, wie dieser zu den Göttern aufblickt. I07 Dies bietet dem Mißhandlung, das V ergießen von Tränen sind das Mittel, die
Herrscher eine virtuelle Entlastung, indem er nicht mehr allein, Gnade des Höheren zu gewinnen. Die Gunst des Gottes bedeutet
der Aggression von allen Seiten ausgesetzt, an der Spitze der Pyra- Vernichtung der Feinde; denn in unserer Welt des Streites, dem
mide steht. In der Realität werden die Machtspiele zwischen Ag- kein König entgehen kann, wird entweder der Feind sich erheben
gression und Angst unverdrossen weitergehen; in der geistigen und den König zu Fall bringen, oder er wird seinerseits vernichtet
Welt ist dank der stabilen Machtstruktur beides getrennt, indem werden. Im Buch Daniel wird König N ebukadnezar von Babyion
nach oben die Furcht Gottes bzw. der Götter Bestand hat, nach nach dem Willen Gottes aus seiner Stadt, ja aus der menschlichen
unten aber Aggressivität in steter Bereitschaft liegt, die ,Unguten' Gen1.einschaft ausgestoßen, er frißt Gras gleich dem Vieh und ver-
zu strafen und zu vernichten, mit dem guten Gewissen, das bringt die Nächte unter dem Tau des Himmels; so kommt er dazu,
Frömmigkeit verleiht. den Höchsten Gott anzuerkennen, dessen Macht ewig besteht;
Der sumerische König Gudea baute ein Haus, einen Tempel Nebukadnezar wird dann wieder eingesetzt zu größerer Herrschaft
,ftir seinen König', den Gott;I08 so erhebt der tatsächliche König denn zuvor. I I2 Aus dem Verworfen-Sein, der Unterwerfung unter
die unsichtbare Macht zum Über-König. Jahwe verspricht durch die höchste Macht geht die Bestätigung der irdischen Macht des
seinen Propheten dem König David, daß sein Thron für ewige Königs hervor.
Zeiten bestehen soll; König David bedankt sich dafür, indem er "Wer sich selbst erniedrigt, der will erhöhet werden", schrieb
sich selbst mit Emphase als ,Sklaven' seines Herrn bezeichnet - Nietzsehe. Im Rom des Kaisers Augustus fand Horaz die klassische
dies ändert den Anspruch nicht, sondern bestätigt ihn nur, wonach Formulierung: "Weil du dich geringer als die Götter hältst, übst du
er und seine Nachkommen als Könige über die andern herrschen die Herrschaft aus", dis te minorem quod geris imperas. II3 Er sprach zu
werden. I09 Ein Psalm wird wiederholt im Neuen Testament zitiert: Rom, jener Macht, die eben erst die ,Welt' erobert hatte. Andere
"Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rech- warfen ihr vor, rücksichtlos die oikumene zu plündern und zu ver-
ten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße. "lID gewaltigen. Nein, sagt der augusteische Dichter, nicht durch
,Mein Herr' wird durch Jahwe erhöht bis zur Stufe des Höchsten, selbstgerechten Hochmut hat Rom dies erreicht, sondern weil
doch auch der Sänger des Liedes steigt mit ihm, während die Un- man sich den Göttern beugte; standen doch überall in Rom die
terwerfung der Feinde die vertikale Dimension bestätigt. Tempel, die man geweiht hatte, um Sieg auf Sieg zu feiern, Tem-
Das doppelte Stockwerk der Macht kann durch dramatische pel, die Augustus eben damals erneuern ließ. Polybios hatte das
Umkehrungen ausgespielt werden. Beim Neujahrsfest von Baby- große ,Theater' (tragodia) der Religion in Rom eher kritisch ver-
Ion wird der König zum Tempel des Marduk geführt. Der Priester merkt. Jeder der hohen Jahresbeamten war mit imperium und mit
nimmt ihm das Szepter, den Ring, das Schwert ab und legt diese auspicium ausgestattet, der Befehlsgewalt und dem Privileg, durch
,vor dem Gott' auf einem Stuhl nieder; dann schlägt der den Kö- Vogelschau den Willen der Götter zu erkunden; ohne göttliche
nig auf die Wange; er begleitet ihn bis hin vor Marduk, zieht ihn Zustimmung war nichts zu unternehmen. Der Mächtige hat sich
an den Ohren, macht, daß er sich bis zur Erde beugt. Der König stets dem Mächtigeren untergeordnet und kann darum seine
muß sprechen: "Ich habe nicht gesündigt, 0 Herr der Länder. .. ." Macht in legitimer Weise ausüben, mit gutem Gewissen und lang
Dann tröstet ihn der Priester: "Fürchte dich nicht . .. der Gott andauerndem Erfolg.
wird dein Königtum erhöhen ... Er wird deine Feinde vernichten, Außerhalb des Schattens, den die Monarchie wirft, ist die zwei-
deine Gegner zu Fall bringen." Der König erhält dann seine Insi- stöckige Machtstruktur weniger drückend; doch fehlt sie nicht.
gnien zurück; doch noch einmal wird er auf die Wange geschla- Das Ideal bürgerlicher Gleichheit kann nicht Verzicht auf Macht
gen. Wenn er dabei Tränen vergießt, so ist der Gott freundlich bedeuten; demokratisch wird vielmehr gefordert, daß Macht in
gesinnt; wenn keine Tränen kommen, ist der Gott erzürnt, "der .einem Kreislauf unter Gleichen ausgeübt wird: Es gilt, in geord-
Feind wird sich erheben und ihn selbst zu Fall bringen". I I I Die netem Wechsel zu herrschen und sich beherrschen zu lassen, zu
122 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 123

befehlen und zu gehorchen. 1 14 Das religiöse Theater der Macht auf denkt an Kafkas unheimliche Erzählungen, Der Proztj3, Das Schloß,
zwei Stockwerken bleibt indessen in der normalen Familienstruk- das Gleichnis vom Tor des Gesetzes. Auch in weniger apokalypti-
tur gewahrt: Indem die Eltern die Götter verehren, fordern sie die schen Szenarien können unsichtbare Mächte Autorität gewinnen
Ehrung durch ihre Kinder ein. "Ehre zuerst die Götter, dann deine und Anweisungen erlassen, ohne je direkt sichtbar zu werden. Der
Eltern."II5 In christlichen Klosterordnungen ist Gehorsam die erste offensichtliche Vorteil der unsichtbaren Quelle ist, daß sie unan-
Pflicht, gegenüber den Vorgesetzten im Kloster wie gegen Gott, greifbar geworden ist; nichts ist damit zu gewinnen, daß man Bo-
dem die Vorgesetzten ihrerseits verpflichtet sind. "Gehorchet eu- ten bekämpft. Die pseudoaristotelische Schrift ,Über die Welt'
ren Lehrern und folget ihnen", schreibt der Hebräerbrief, "denn beschreibt, wie der Perserkönig selbst innerhalb des eigenen Pala-
sie wachen über eure Seelen, als die da Rechenschaft dafür geben stes für alle unsichtbar blieb, eingeschlossen hinter Korridoren,
sollen", und zwar vor der göttlichen Instanz. 116 So läßt sich wohl Türen und Vorhängen, und doch mit seinem ganzen Reich kom-
bei allen Fonnen religiöser Demut beobachten, daß die Person, die munizierte durch seine Infonnanten, Verwalter und Soldaten; dies,
sich dem Höchsten neigt, andere dazu bringt, diesem Beispiel zu meint der Autor, ist nur ein unvollkommenes Abbild, nach dem
folgen und damit sich selbst eine führende Rolle gibt. man sich Gott vorstellen mag, den unsichtbaren König des Alls. 1 19
In dem zweistöckigen Machtsystem, wie es beschrieben wurde,
können Befehle und Aktionen eines Königs die Gestalt göttlicher
Der Bote der Macht Beschlüsse annehmen. Ein Beispiel liefert ein Text von Samsuilu-
na, König von BabyIon um 1700 v. ehr.: Der höchste Gott, Enlil,
Eine schlichte und grundlegende Funktion der Sprache ist es, Be- wendet sich an seinen Sohn und seine Tochter, Zababa und Ishtar,
fehle zu geben. II7 Macht unter Menschen bedeutet, Befehle zu und sie teilen ihrerseits ,in höchster Freude' die Botschaft des hö-
erteilen, denen die anderen gehorchen. In einem hierarchischen heren Gottes dem König mit: "Samsuiluna, Same der Götter, Gott
System vervielfältigen sich die Möglichkeiten, Befehle auszugeben, Enlil hat dein Geschick groß gemacht; wir gehen an deiner Seite,
besonders indem die Anweisungen in einer Kette von Abhängig- wir töten deine Feinde, wir geben deine Gegner in deine Hand.
keiten weitergereicht werden. Der eine sagt zum anderen, was ein Du aber erbaue die Mauer der Stadt Kisch, höher als was zuvor da
dritter zu tun hat, und der zweite gibt dies eifrig weiter. Schon war." Der König gehorcht, er führt einen Krieg, er erringt den
intelligente Primaten wissen innerhalb des eigenen Rangsystems, Sieg und erbaut zu Kisch den Tempel für Zababa und Ishtar. l2o
daß es von Vorteil ist, bei hochrangigen Individuen im Kurs zu Wie eigentlich dem König der göttliche Auftrag mitgeteilt wurde,
stehen, denn deren Prestige wird ausstrahlen auf diejenigen, die ob im Traum oder durch ein Orakel, erfahren wir nicht; aus spä-
Verbindung halten. Man kann so einen Partner als ,soziales Werk- terer Zeit gibt es zahlreiche Texte mit Botschaften von Göttern,
zeug' benützen. II8 Doch nur durch die vollentwickelte Sprache die von deren Heiligtum aus an den König von Assyrien gesandt
kann ein entwickeltes Kommandosystem errichtet werden. In der wurden, wobei charismatische Propheten und Priesterinnen als
verbalisierten Form wird der Wille des Höheren übertragbar. Da- Medien fungierten. 121 Jedenfalls wird Verheißung und Auftrag in
durch entsteht die Rolle des Boten der Macht, einer Person, die einer Kette der Autorität übermittelt, die selbst im göttlichen Be-
Befehle ausgibt, die nicht die eigenen sind und die doch mit dem reich noch Stufen umfaßt und die untergeordneten Götter als Bo-
vollen Prestige der Macht Gehorsam fordern. Der Bote verwaltet ten einsetzt, damit der König als ausführendes Organ entsprechend
die Macht des Stärkeren, ohne doch das volle Risiko der eigenen handelt. Das reale Ereignis, der vom Zaun gebrochene Krieg des
Verantwortung zu tragen. Königs, der Städte zerstört und Beute nach BabyIon bringt, wird
Indem die Kette der Macht verlängert und weiter aufgegliedert als Endglied des göttlichen Vorspiels geschildert und damit als eine'
wird, entstehen Systeme der Abhängigkeit, die für den einzelnen Leistung des Gehorsams, der Früchte trägt.
nicht mehr durchschaubar sind; weder in der Praxis noch im Gei- Der Rolle von ,Engeln' als Boten in der jüdischen und in der
ste kann er zur eigentlichen Quelle der Macht vordringen. Man christlichen Religion ist hier nicht im einzelnen nachzugehen. 122
124 IV. Hierarchie IV. Hierarchie 125

Bemerkenswert ist, daß Religionsgründer wiederholt sich selbst als Amittais, folgendermaßen: Auf, begib dich nach Niniveh . .. und
Gesandte und ,Boten' ihres Gottes vorgestellt haben. Jesus ver- predige ... ;"1 31 und die Predigt des Gesandten in Niniveh kommt
traute seinem "Vater, der mich gesandt hat",r2 3 wie schon Johan- denn schließlich auch zustande, ja hat überraschenden Erfolg. Der
nes der Täufer sich auf den berief, "der mich sandte, zu taufen mit Prophet Nathan spricht zu David: "So spricht Jahwe. "13 2 Wieder
Wasser" . 124 J esus seinerseits sandte seine Jünger aus als Boten die Kette des Sprechens, der Prophet als Zwischenträger des göttli-
zweiten Grades: "Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende chen Auftrags. Aristophanes kann dies auch parodieren: Der Seher
ich euch. " 12 5 Mani, der Begründer des Manichäismus, schrieb an sagt, was Bakis sagte, daß die Nymphen ihm gesagt hätten133 - da
König Shapur von Persien: "Die Weisheit und die Werke sind es, scheint mit jedem zusätzlichen Glied die Kette unzuverlässiger zu
die von Äon zu Äon heranzubringen die Gesandten Gottes nicht werden. In Rom trat im Jahr 102 v. Chr. ein gewisser Battakes auf
aufhörten. So geschah ihr Kommen in dem einen Zeitalter in der als Priester der Großen Göttermutter von Pessinus; er erklärte, "er
Gestalt des Gesandten, der der Buddha war, in die Gebiete Indi- sei hier nach Befehl der Göttin", und kraft dieser Autorität wollte
ens, in einem anderen (Zeitalter) in der Gestalt Zarathustras in das er den römischen Behörden zu einem öffentlichen Reinigungsfest
Land Persien; (wieder) in einem anderen (Zeitalter) in der Gestalt Auftrag erteilen; man denke an Jona in Niniveh. Ein Beamter ließ
J esu in das Land des Westens; dann stieg herab diese Offenba- den Priester vom Forum jagen - und starb binnen drei Tagen. 134
rung . .. in Gestalt meiner selbst, des Mani, des Gesandten des Es ist bedenklich, sich an göttlichen Boten zu vergreifen.
wahren Gottes in das Land Babel. "126 Allah diktierte Mohammed Menschen sind von Natur aus listig, und sie gehorchen ungern;
den Text des Koran; so wurde die Botschaft literarisch, doch blieb dies ist die stete Klage der Propheten. Ritual freilich lädt zur
die Rolle des Boten. Die Grundformel des Islams verkündet, zu- Nachahmung ein, und dies gilt sogar von Ritualen der Unterwer-
sammen mit dem einen Gott Allah, stets auch Mohammed, "den fung; sie können andere dazu bringen, die Präsenz höherer Wesen
Gesandten Allahs". 127 zu akzeptieren, ja selbst zu ,erfuhlen'.1 35 Doch persönliche Bedürf-
In der griechischen Welt ist dieses System sehr viel weniger nisse, Interessen und Wünsche lassen oft die Ansprüche und Dro-
entfaltet; doch auch dort gibt es überall Befehle der Götter, die hungen unsichtbarer Mächte vergessen. Die Frage, wie denn je
durch Boten übermittelt werden. Der Mythos ruhrt Iris den Re- Botschaften und Aufträge einer höheren Welt glaubhaft, ja zwin-
genbogen als Brücke von Göttern zu Menschen ein; das Epos stellt gend übermittelt werden können, ruhrt zurück zu dem Problem,
Hermes den Götterboten daneben. 128 Später hat man daimones als wie das Nicht-Gegebene zu validieren ist. 136 Alle die eingesetzten
Boten zwischen Göttern und Menschen bezeichnet. 129 In der übli- Mittel, unsichtbare Autoritäten zum Sprechen zu bringen, sei es
chen religiösen Praxis achtete man auf Orakel, Träume, Visionen durch Seherkunst, sei es über direkte Erfahrung der Ekstatiker und
und Stimmen, die alle als göttliche Aufträge verstanden werden der medial Veranlagten, der Schamanen und der Mystiker, haben
konnten; dazu gab es die Interpreten, die im Namen des Gottes von Fall zu Fall bemerkenswerten, kaum aber universellen Er-
sprachen, auf Grund ihres besonderen Wissens, einer Wahrsage- folg. 137 Festzuhalten ist, daß die echten Charismatiker nicht die
Technik oder aus Trance und Ekstase. Sie verkünden den Willen Betrüger und Heuchler sind. Nicht selten stehen sie selbst unter
des Gottes. Die grundlegende Rolle der Sprache gerade im schein- unwiderstehlichem Zwang, ihre Botschaft zu verbreiten, umjed~n
bar Irrationalen könnte nicht deutlicher sein. "So sprach Apollon", Preis, und wenn es ihr Leben kostet. "Der Herr hat mich ge-
sagt ein Seher; seine Autorität kommt von dem Gott, der seiner- sandt, ... mit dem Zwang der Notwendigkeit, mit meinem Willen
seits der Sprecher von Zeus selbst ist. 130 Was Dichter darstellen, oder gegen meinen Willen", sprach eine Prophetin der Montani-
erscheint als Alltagswirklichkeit in ungezählten V otivinschriften, sten. 138 Die Boten sind selbst Glieder einer Kette; wie denn ein
die bezeugen, daß diese und jene Gabe rur einen Gott ,auf Befehl griechisches Sprichwort sagt: ,Man trägt einen, der trägt', pherei
hin', ,im Auftrag' zustandekam, kat ( epitagen, keleustheis, iussu pheronta. 139 Während der Träger der Last mit schwerer Autorität
deorum. Der sogenannte Prophet heißt im Hebräischen naht, ,der _auf anderen lastet, ruht die Last nicht minder schwer auf diesem
ausspricht'. "Es erging aber das Wort Jahwes an Jona, den Sohn selbst.
V. Schuld und Kausalität 12 7

Daraufhin erhebt sich Kalchas der Seher, und er verkündet, was


der Zuhörer des Epos bereits weiß: Die Ursache ist, daß Agamem-
non den Priester beleidigt hat. Also bedarf es doppelter Genugtu-
ung: Chryseis muß ihrem Vater zurückgegeben werden, und ein
V. Schuld und Kausalität Versöhnungsritual für Apollon muß durchgeführt werden, doppelt
sogar, am Heimatort des Priesters Chryses, wo man eine ,Heka-
tombe' opfert, und im Lager der Achäer. Dort findet eine Reini-
Religiöse Therapie: Die Suche nach der Schuld gungszeremonie statt, apolymainesthai, noch vor dem Opfer, und
man singt einen ganzen Tag lang das besondere Lied Apollons, den
Die griechische Literatur beginnt für uns mit Homers Ilias, und die Paian, und tanzt dazu. Hier finden wir gleich am Anfang der grie-
Ilias beginnt mit der Erzählung von einer Pest, oder vielmehr von chischen Dichtung religiöses Ritual; es bringt nacheinander Man-
der Ursache der Pest. Ein Priester kommt ins Lager der Achäer, tik, Reinigung, Tieropfer, Gebet und Tanz ins Spiel.
Chryses, um seine kriegsgefangene Tochter Chryseis freizukaufen. Nun ist die hier geschilderte Abfolge keine Eigenheit der ho-
Er wird von Agamemnon mit Hohn und Drohung abgewiesen; da merischen Dichtung; sie führt sogar über die Weh der Griechen
wendet er sich an seinen Gott, Apollon, und betet, daß die Achäer hinaus und dürfte geradezu ein interkulturelles universale sein. Vier
für seine Tränen büßen sollen. Er ist ein areter, er hat die Macht charakteristische Schritte gliedern diese Sequenz: zunächst die Er-
über die ara, was Gebet, Segen und Fluch zugleich bedeutet. So fahrung des Unheils, der Katastrophe, bedrohlich und angsterre-
sendet denn Apollon die Pest, die dann den Streit zwischen Aga- gend; dies führt sogleich auf die Frage Warum? Warum jetzt?
memnon und Achilleus auslöst und zum ,Zorn des Achilleus' Warum bei uns?2. Dies ruft, zweitens, einen Interpreten auf den
führt. Die Handlung der Ilias sei hier nicht weiter verfolgt. Es geht Plan, einen Vermittler der besonderen Art, der ,mehr weiß' als die
nicht um die Kunst Homers, sondern um die Sequenz, die als normalen Menschen: "ein Seher, ein Priester, ein Traumdeuter."
auslösendes Moment benützt ist: Sie geht aus von der alltäglichen Dieser erstellt, drittens, seine Diagnose. Die Ursache des Unheils
Erfahrung von Krankheit und knüpft daran ein Muster von Er- muß definiert und fixiert werden. Normalerweise geht es um die
wartungen und Aktivitäten, um damit zu Rande zu kommen. Dies Feststellung einer Schuld, begangen von einem einzelnen oder
stammt nicht aus der Phantasie eines Dichters, sondern hat viel auch von mehreren gemeinsam, erst kürzlich oder auch vor langer
weiter zurückreichende und allgemeinere Wurzeln. Zeit. Fast immer ist diese Schuld in ein von höheren Mächten ga-
Wenn wir versuchsweise die Perspektive des allwissenden Er- rantiertes System eingeordnet, sie steht in Beziehung zu einer
zählers verlassen und uns vorstellen, wie das Geschehen in der Er- Gottheit; die vom Vermittler erstellte Diagnose hat eine transzen-
lebniswelt der Achäer selbst ablaufen müßte, dann ist das erste, was dente Dimension.3 Die Erkenntnis der Schuld weist den Weg zur
sie trifft, eben die Pest: massenhaftes Sterben, brennende Scheiter- Rettung: So folgen denn, viertens, Akte der Wiedergutmachung,
haufen, das Erleben der Katastrophe, gegen die man kein Mittel und zwar einerseits auf der rituellen, andererseits auf der prakti-
hat; die Kunst der Ärzte ist machtlos. Trotzdem, man muß etwas schen Ebene: Man singt zum Opfer den Paian - und bringt die
unternehmen. Achilleus übernimmt die Initiative, er beruft die Tochter dem Priester-Vater zurück; so wird das Übel überwun-
Versammlung und stellt fest, wobei er auf allgemeine Zustimmung den, die Rettung erreicht.
rechnet, daß die Katastrophe eine Ursache haben muß und daß - Als nächste Parallele sei eine Geschichte aus dem Alten Testa-
dies scheint uns weniger selbstverständlich - die Ursache der Zorn ment nacherzählt, aus der Philisterzeit. 4 Dies führt in ein anderes
eines Gottes ist, des Gottes der Heilung ebenso wie der Pest, des literarisches Genus, Sage oder Quasi-Geschichtsschreibung - was
Apollon. "Warum ist Phoibos Apollon so ergrimmt?" Um die nicht garantiert, daß wir es mit historischen Tatsachen zu tun ha-
Antwort zu finden, schlägt Achilleus vor: "Wollen wir einen Seher ben. Die Philister von Ashdod, wird erzählt, haben Israel besiegt
fragen oder einen Priester, oder auch einen Traumdeuter ... "1 und die Bundeslade erbeutet. Sie weihen die Beute ihrem Gott,

EVAr-cG.·, "
128 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 129

dem Dagan von Ashdod, in seinem Tempel. Aber da "lag die Aber es kommt hier weder auf Völkerverwandtschaft noch auf
Hand Jahwes schwer auf den Leuten von Ashdod. Er richtete ei- literarische Tradition an, es geht um ein viel allgemeineres Sche-
ne Verheerung unter ihnen an und schlug sie mit Pestbeulen, so- ma. Ein weiteres, früheres Beispiel fuhrt uns mitten in die Bronze-
wohl Ashdod als auch sein Gebiet". Wieder also eine Pest, und zeit zurück, auf etwa 1340 v. Chr. Es handelt sich um die
ein allwissender Erzähler, der uns schon im voraus die Ursache ,Pestgebete' des hethitischen Königs Mursilis. 8 Eine Pest hat sich
mitgeteilt hat. Die Philister erfahren die Krankheit als ,Hand im Land Hatti ausgebreitet. Man weiß durchaus, was ihre natürli-
Gottes', wie Achilleus gewußt hatte, daß die Pest von Apollons che Ursache war, eine Infektion durch Kontakt mit Fremden:
Zorn herrühren müsse. Was kann man tun? Die nächstliegenden "Kriegsgefangene haben die Seuche ins Land der Hethiter ge-
praktischen Maßnahmen versagen. Die Philister senden die Bun- bracht." Aber was hilft solches Wissen? Der König handelt in sei-
deslade in eine andere Stadt, und dann in eine dritte, doch die ner Weise: "Ich machte den Zorn der Götter Gegenstand der An-
Pest folgt der Lade. Die Klage der Bedrängten steigt zum Him- frage an ein Orakel." Ganz wie Achilleus den Zorn Apollons er-
mel. Da "beriefen die Philister die Priester und Wahrsager und kannte, sieht Mursilis in der Pest den Zorn der Götter, und man
sprachen: Was sollen wir mit der Lade Jahwes machen?" Der he- schlägt das gleiche Verfahren ein: Es bedarf eines Sehers oder eines
bräische Text nennt zwei Gruppen,s die Septuaginta hat drei da- Orakels. Die Hethiter allerdings hatten eine Schriftkultur, Mursilis
fur eingesetzt, Priester, Seher und Beschwörer, hiereis, manteis, studiert zusätzlich auch die alten Aufzeichnungen, die aber auf
epaoidoi; Achilleus nannte Seher, Priester oder Traumdeuter. Die nlehrere Möglichkeiten weisen; so bleibt das Orakel notwendig,
Auskunft ist: Die Bundeslade muß Israel zurückgegeben werden, das Eindeutigkeit herstellt. Zwei Ursachen treten hervor, eine
und zusätzlich müssen Jahwe goldene Weihgaben gespendet wer- doppelte Schuld, die auf dem Lande liegt: Man hat bestimmte
den, funf goldene Mäuse und funf goldene Gesäßbacken. 6 Die Opfer fur den fluß Euphrat unterlassen - auch in der Ilias hatte
Verbindung von Mäusen und Pest klingt realistisch - Ratten gab Achilleus zunächst vermutet, Apollons Zorn sei durch unterlassene
es damals noch nicht im Mittelmeerraum -, die Verbindung von Hekatomben oder nicht erfullte Gelübde ausgelöst -; außerdem
Pest und Gesäßbacken bzw. Leistengegend ist nicht minder reali- hat Mursilis' Vater Suppiluliuma einen Vertrag gebrochen. Dem
stisch - die Pestbeule des heiligen Rochus ist aus Dezenzgründen entsprechen die notwendigen Sühnemaßnahmen, die der König
meist etwas tiefer am Bein angesetzt -, aber dies soll natürlich nun ergreift: "Die Ursachen fur die Seuche, die festgestellt wur-
auch eine Beleidigung fur die Philister sein. Jedenfalls tun die den . .. habe ich beseitigt. Ich habe reichliche Wiedergutmachung
Philister, was die Seher geboten haben, die Bundeslade kehrt zu- geleistet. .. Ich habe Weihegaben fur jene verletzten Eide dem
rück, und die Pest findet ihr Ende. Wettergott von Hatti dargebracht... Die Opfer fur den fluß
Die Parallelität zum Anfang der Ilias bedarf kaum der Hervor- Euphrat verspreche ich durchzufuhren ... ".9 Kurzum, wir treffen
hebung; es ist das gleiche Unheil, das gleiche Verfahren, die Ursa- hier, in der historischen Wirklichkeit, genau das genannte Schema:
che festzustellen, eine ähnliche Schuldzuweisung und ein ähnliches Das drängende Unheil, die Überzeugung, daß dies den Zorn eines
Wiedergutmachungsritual; nur daß Fest und Tanz bei den Phili- Gottes anzeigt, die Vermittlung durch ein Orakel, die Feststellung
stern vom biblischen Autor nicht erwähnt werden. Übrigens sind religiöser und moralischer Schuld, und die Wiedergutmachung
homerische Griechen und Philister, im Schatten der mykenischen durch religiöses Ritual, durch Weihegaben und Opfer. Das System
Kultur, gar nicht weit voneinander getrennt. Die Philister sind die zeigt sich voll entfaltet schon in der Bronzezeit.
greifbarsten unter den sogenannten ,Seevölkern', die nach etwa Doch besteht kein Grund, nur in der Vergangenheit oder in der
1200 v. Chr. auftreten; sie haben in das nach ihnen benannte Palä- Literatur zu verharren. 1986 brachte der Tages-Anzeiger Zürich die
stina eine Art barbarisierte mykenische Keramik mitgebracht, und Notiz: "Die Bewohner der 35 km südöstlich von Tel Aviv gelege-
manche Philisterexperten meinen, sie hätten wohl griechisch ge- nen Gemeinde Kirjat Malachi wollen demnächst einen Tag des'
sprochen;7 da sie keine Schrift gebrauchten, werden wir dies nie Fastens und des Opfers begehen . .. In der kleinen Ortschaft seien
erfahren. während der letzten Wochen sechs Menschen gestorben. Die Be-
130 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 131

wohner des Dorfes hätten daraufhin einen populären Rabbiner in mütigung über sich hatte ergehen lassen, gewann er mit der Ge-
Jerusalem konsultiert, der ihnen erklärt habe, Ursache der Todes- sundheit auch den heroischen Status zurück.
fälle sei eine Sünde, die in dem Ort begangen worden sei ... Die Vergil schildert in den Georgica, wie Aristaios durch eine plötz-
Dorfbewohner hätten daraufhin nach der Sünde Ausschau gehalten lich hereinbrechende Seuche seine Bienenvölker verlor. Nach dem
und hätten als solche ein Striptease-Show ausgemacht, die am Sil- Rat seiner Mutter wandte er sich an den Meeres-Daimon Proteus,
versterabend in einem. Dorfgemeinschaftshaus veranstaltet worden um nach der Ursache des Unheils zu fragen. Es ergab sich, daß
war." 10 Der moderne Reporter fand dies spaßhaft, und wir lachen Aristaios sich schuldig gemacht hatte durch einen sexuellen Über-
mit, weil wir doch wissen, daß Krankheiten durch Bakterien oder griff, der zum Tod der Eurydike gefuhrt hatte. Der Zorn der
Viren verursacht werden und nicht von einer Striptease-Show. Nymphen muß nun durch ein großes Rinderopfer gesühnt wer-
Und doch, wir finden hier genau die Abfolge, die schon bei Mur- den, das in magischer Weise, als bugonia, neue Bienen hervor-
silis und in der Ilias aufgefallen war: Krankheit und Tod, der über- bringt. 14
natürliche Vermittler, die Deklaration von Schuld, die in der Doch handelt es sich eben nicht nur um mythisches Geschehen.
Übertretung eines religiös-moralischen Tabus gefunden wird, und Ein einschneidendes Ereignis im 2. Jahrhundert n. ehr. war die
die rituellen Mittel, dies wieder gut zu machen, Fasten und Opfer. große Pest, die seit 167 aus dem Osten kam., ausgelöst durch den
Selbst fur unsere Zeitgenossen macht dies Sinn. Partherkrieg. Die Ärzte waren machtlos; Galen verließ vorsichts-
Zurück zur klassischen Antike: Ein prominentes Beispiel der halber Rom. Es blieben die Orakel, an die sich die Städte wand-
gleichen Struktur liefert der Anfang von Sophokles' König Oedipus. ten. Mehrere Orakelantworten der Zeit sind durch Inschriften er-
Eine ,Krankheit', nosos, ein umfassendes Unheil hat Theben heim- halten, die - wie zu erwarten - auf Götterzorn verweisen und be-
gesucht, das Wachstum der Pflanzen ist gestört, Tiere und Men- stimmte Rituale vorschreiben, die helfen sollten. 1 s
schen haben Fehl- und Mißgeburten, Sterben ist im Land. König Man vergleiche damit einen Bericht aus dem heutigen Afrika,
Oedipus tut, was in solchem Fall zu tun ist: Er schickt einen Ge- den Vittorio Lanternari aus eigener Beobachtung gibt: 16 Ein klei-
sandten nach Delphi, um zu fragen, was die Ursache des Unheils nes Kind wurde krank; die Mutter suchte darum eine prophetische
sei. I l Die Antwort: Ein altes, ungesühntes Verbrechen, der Tod Heilerin auf. Diese warf nicht einmal einen Blick auf das kranke
des Königs Laios lastet auf dem Land. Daraufhin kann Oedipus die Kind, sondern begann die Mutter auszufragen nach der Familien-
erforderlichen Maßnahmen ergreifen, im rationalen wie im rituel- situation, nach halbvergessenen Streitigkeiten unter den Ver-
len Bereich: Es spricht seinen Fluch über den Mörder aus, und er wandten. Sie fand heraus, daß die Mutter einen Libationsritus fur
beginnt die Untersuchung, die schließlich auf ihn selber fuhren die Schutzgeister, der im V Oljahr fällig war, unterlassen hatte, und
muß. Die Kunst des Sophokles bringt es dahin, daß wir am Schluß daß ein Onkel seit Jahren seine Pflichten gegenüber seiner Schwe-
den Anfang fast vergessen und gar nicht fragen, ob die nosos nun ster und deren Kindern, fur die er verantwortlich war, vernachläs-
ihr Ende gefunden hat; auch wird Oedipus nicht sogleich aus dem sigt hatte. Die Weise Frau verlangte also von der Mutter des Kin-
Land getrieben. 12 Sophokles dürfte den Anfang im wesentlichen des, daß sie diesen Onkel aufsuche, um die Beziehung wieder in
frei erfunden haben - das Schema lag so nahe. Es ist ein Programm Ordnung zu bringen, und das versäumte Ritual sofort nachhole.
der religiösen Praxis, das sich wie von selbst in eine Geschichte Dann erst, bei einer zweiten Konsultation, untersuchte die Pro-
verwandelt. phetin das kranke Kind und brachte eine Medizin zur Anwen-
Einige weitere Beispiele aus der Mythologie: Als Herakles dung, die in wenigen Tagen das Kind genesen ließ. Krankheit gilt
Iphitos getötet hatte, erkrankte er; er fragte das Orakel zu Delphi, hier nicht als physiologischer Zustand eines einzelnen Individu-
wie er wieder gesund werden könne. Dabei kam es zu dem Streit ums, sondern als eine Störung des gesamten sozialen Feldes, das
um den delphischen Dreifuß mit Apollon selbst; schließlich aber Mutter und Kind umgibt, einschließlich der Verwandten und ein-
erhielt Herakles die Weisung Apollons, daß er sich auf drei Jahre schließlich der geforderten Rituale. Wir könnten geneigt sein zu
in die Sklaverei verkaufen lassen müsse. 13 Nachdem er diese De- kritisieren, wie die Krankheit zum Vorwand genommen wird, sich
132 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 133

in die Privatsphäre der Familie einzumischen; und doch wird man in Aulis vorstellen, wie Aischylos' Agamemnon sie packend be-
zugeben, daß Kinderkrankheiten durchaus mit einer gespannten schreibt: Tag um Tag die grimmigen Nord~inde, die die Schiffe
Familiensituation zusammenhängen können. Jedenfalls ist anzuer- beschädigen und die Menschen zur Verzweiflung treiben - bis der
kennen, wie ein solches Verfahren eine sinnhafte Welt entwirft, in Seher, Kalchas, auf den Plan tritt und "ein anderes Mittel, ein
der das Übel identifiziert und damit ausgeräumt werden kann. schärferes, für die Anführer kündet, indem er Artemis vorbringt",
Es wäre leicht, weitere Parallelen anzuhäufen, wie man mit die Göttin in der transzendenten Diagnose. Nun weiß man: Aga-
Krankheit nach diesem Schema verfährt, von den Eskimos bis memnon ist schuld; er wird Iphigenie opfern. 20
Afrika und von Ozeanien bis Amerika. Eine Geschichte aus Livius Das Unheil der ungünstigen Winde kommt schon in der Odys-
sei noch hinzugefügt, die wie eine Parodie der Prozedur er- see vor: 21 Menelaos mit seiner Schiffsmannschaft wird unerwartet
scheint: 17 Als im Jahr 331 v. Chr. eine tödliche Krankheit in Rom lang auf der Insel Pharos festgehalten und bedenkt, daß dies eine
sich ausbreitete, gab eine Sklavin an, daß einige würdige Damen höhere Ursache haben muß. Den rechten Vermittler zu finden, ist
Gift gekocht hätten; man zwang sie, das Gebräu zu trinken, und in diesem Fall schwierig; es ergibt sich, daß Menelaos den Proteus,
sie starben alle daran. Im Zusammenhang damit wurden weitere den Herrn der Seehunde einzufangen hat, was dank der Hilfe von
120 Frauen hingerichtet; "das Ereignis wurde als ein prodigium be- Proteus' Tochter Eidothea gelingt; Proteus weiß, neben vielem
trachtet". So ernannte man nach uraltem Brauch einen ,Diktator, anderen, was die Ursache ist; man hätte es erraten können: ver-
den Nagel einzuschlagen', und er vollzog dieses ebenso seltsame säumte Opfer. Menelaos muß zurück nach Ägypten fahren und
wie simple Ritual. Die Ursache des Übels schien klar und greifbar von dort, nach vollzogenem Ritual, die Heimreise antreten. Der
genug in diesem Fall, war doch der Gifttrank gefunden und ange- Dichter verwendet unser Schema leichter Hand, um die hübsche
wendet worden - doch blieben Zweifel, wie Livius andeutet; ra- Geschichte von Proteus und den Seehunden unterzubringen; die
tionale, grausame Justiz jedenfalls konnte dem nicht genugtun, Struktur war so wohl bekannt und einfach zu handhaben.
man bedurfte der transzendenten Dimension, um den rechten Zu- Dramatischer ist die Jona-Geschichte des Alten Testaments. Jona
stand in umfassender Weise zu fixieren, kraft eines traditionellen will sich Jahwes Auftrag entziehen, und statt nach Ninive zu ge-
Rituals. hen, fährt er zu Schiff von J affa nach Westen. Da erhebt sich der
schreckliche Sturm, die Matrosen sind am Verzweifeln. Doch sie
wissen, was in solcher Lage zu tun bleibt: "Wohlan, laßt uns Lose
Bedrängendes Unheil werfen, daß wir erfahren, durch wessen Schuld uns dieses Unheil
widerfährt. "22 Das Unheil muß seine Ursache in einer persönli-
Die bisherigen Beispiele gingen von Krankheit als der grundlegen- chen Schuld haben, und sind keine Seher zur Stelle, kann man
den Unheilserfahrung aus. Krankheit mag in der Tat der häufigste doch durch Würfeln die transzendente Diagnose erstellen. In der
Anlaß sein, der die beschriebene Reaktionsfolge in Bewegung Tat, der Schuldige wird identifiziert, Jona bekennt seine Sünde
setzt. Krankheit und Religion sind zumal in urtümlichen Kulturen und wird über Bord geworfen, ein willfähriges Opfer. Offenbar
ganz eng verknüpft;18 sogenannte Primitive antworten auf die Fra- rettet dies die and~en; um J ona zu retten, bedarf es zusätzlich des
ge, warum sie ihre eigentümlichen und oft bizarren Rituale voll- Fisch-Mirakels.
führen, in der Regel: Wenn wir dies unterließen, würden wir Aber wir sind wiederum nicht auf literarische Quellen religiösen
krank. Unterlassung von Opfern könnte Ursache der Krankheit oder profanen Inhalts allein angewiesen. Ein schlichtes Bleitäfel-
sein, meinte auch Achilleus. Krankheit folgt auf religiöse Verge- chen vom Orakel von Dodona enthält die Frage: "Sendet der Gott
hen; umso schlimmer, wenn man Warnungen nicht rechtzeitig den harten Winter (oder Sturm: cheimona) wegen der Unreinheit
beherzigt. 19 eines Menschen?"23 Dies ist das Dokument einer offiziellen Anfra-
Und doch ist Krankheit nicht die einzige Situation, die dieses ge aus Aetolien ans Orakel im 4. Jahrhundert v. Chr. Wir mögen
Programm auslöst. Man kann sich die Lage der griechischen Flotte uns mit einigem Unbehagen überlegen, was wohl passierte, falls
134 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 135

die Antwort ,Ja' lautete: Die Behörden mußten dann wohl eine bylon optiert. Das Ergebnis ist hier die Stärkung des Prestiges der
Untersuchung wie im Fall des Oedipus ins Werk setzen, eine Su- religiösen Gruppe, doch unter durchaus rationaler Aufsicht, die
che nach dem ,Sündenbock'. Jedenfalls haben wir die feste Se- sich der König vorbehält: Mach drei oder vier Gruppen ...
quenz: Unheilserfahrung, die Frage ,warum', die man delu Orakel Das ärgste Unheil ist die Niederlage im Krieg. Als Karthago
stellt, um im Fall festgestellter Schuld entsprechende Maßnahmen vom Tyrannen Agathokles belagert wurde, suchten die Karthager,
zu treffen. Winde und Winter drohen Unfruchtbarkeit und Hun- die den Zorn der Götter auf sich lasten fühlten, nach mannigfa-
ger an. Als das Land der Lyder einst von großer Hungersnot heim- chen Formen, sie zu versöhnen: Sie erinnerten sich an vergessene
gesucht wurde, "wandten sie sich an die Seher", und diese erklär- Opfer, die früher in ihrer Mutterstadt Tyros durchgeführt worden
ten, daß die Götter vom König Sühne für die Ermordung des Das- waren, und suchten diese nachzuholen, sie verfielen aber auch
kylos verlangten; so ging der König ins Exil und zahlte zudem wieder auf die schrecklichen Kinderopfer, die sie ehemals dem
Sühne an den Sohn des Getöteten. 24 ,Kronos' dargebracht hatten. So der Bericht Diodors. Priester und
Andere Katastrophenerfahrung führt ein akkadischer Text uns Seher sind dabei nicht ausdrücklich genannt, doch können sie
vor: König Sargon H. von Assyrien, einer der gewaltigsten Erobe- nicht gefehlt haben bei dieser Suche und diesen Entscheidungen. 26
rer im 8. Jahrhundert v. Chr., wurde schließlich auf seinem letzten Noch zwei Beispiele a~ der griechischen Geschichte: Als im
Feldzug erschlagen; nicht einmal die Leiche konnte geborgen Jahr 4 6 4 v. Chr. ein schweres Erdbeben Sparta zerstörte, gab es ei-
werden. Dies lag seinem Sohn und Nachfolger Sanherib, der sich ne geläufige Erklärung: "Die Lakedämonier hatten einst Heloten
,der wohlbedachte' nannte, auf der Seele. "Indem ich in meinem aus dem Heiligtum des Poseidon (am Tainaron) weggeholt, die
Herzen über die Taten der Götter nachdachte, kam der Tod mei- dort Asyl gesucht hatten, hatten sie abgeführt und hingerichtet.
nes Vaters Sargon mit in den Sinn, der im Feindesland erschlagen Aus diesem Grund, glauben sie, geschah das große Erdbeben in
wurde und der nicht in seinem Palast bestattet wurde; und ich Sparta." So steht es bei Thukydides. 27 Seher wurden damals sicher
sagte mir: Ich möchte die Sünde Sargons untersuchen, mittels Le- herangezogen, die Schuld zu fixieren, und an Opfern für Posei-
berschau." Sargons Katastrophe muß eine Ursache haben, eine don, der ,Sicherheit vor dem Sturz' gewährt, Poseidon Asphaleios,
Sünde gegen die Götter, die zu untersuchen bleibt. Sanherib ver- wird es nicht gefehlt haben.
sammelt daraufhin die Wahrsager, und zwar macht er ,drei oder Im Jahre 373 rutschte während eines Erdbebens die ganze Stadt
vier Gruppen', die nicht miteinander kommunizieren können, und Helike, an der Nordküste der Peloponnes, in den korinthischen
stellt seine Frage. Er hat freilich schon eine Vermutung: Sargon hat Golf Was war die Ursache der Katastrophe? Ionier von Mykale
die Götter Assyriens über die Götter Babyions gestellt; und die Se- hatten vom Heiligtum des Poseidon Helikonios in Helike aphidry-
her, einmütig, geben eben diese von ihm erwartete Antwort. sis verlangt, Symbole oder Statuetten des Stammtempels rür ihr ei-
Dankbar betet Sanherib zu den Göttern und fühlt sich erleichtert; genes Poseidon-Heiligtum; die Achäer hatten ihnen dies verwei-
er unternimmt es jetzt, "die Rituale und Bräuche von Assyrien gert; und siehe da, im darauffolgenden Winter war die Katastrophe
und Babyion in Ordnung zu bringen", er läßt eine schöne Statue gekommen. Poseidon zeigte seinen Zorn. So stellt es ein Zeitge-
für Marduk herstellen, wie auch für Gott Assur, und er hinterläßt nosse dar, der Platonschüler Herakleides vom Pontos;28 die Priester
seinem Sohn diesen Rat: "Mache nie eine Entscheidung ohne die und Seher vom Panionion zu Mykale dürften diese Sicht der Din-
Seher. "25 Es waren nämlich die ,Schreiber' von Assur, wie er fest- ge verbreitet haben.
stellt, die die rechte Ehrung Marduks verhindert hatten. Wir se- In noch frühere Zeit rührt eine Geschichte bei Pausanias über
hen, wie hier die Politik ins Spiel kommt, Assur gegen Babyion - Mißerfolg und Erfolg bei den Olympischen Spielen: Die Achäer
ein altes Problem Mesopotamiens, das hier theologisch im Sinn der wunderten sich, daß über eine lange Zeit nicht einer ihrer Athle-
vollen Gleichberechtigung gelöst wird -; zugleich erscheint eine ten in Olympia einen Sieg gewann. Als sie sich ans Delphische
Rivalität zwischen ,Schreibern' und Sehern, zwischen der Palast- .Orakel wandten, erfuhren sie, daß vor langem ein gewisser Oibo-
bürokratie von Niniveh und dem geistlichem Stand, der für Ba- tas, Sieger im Jahr 756 v. Chr., von seinen Landsleuten nicht die
V. Schuld und Kat-/salität V. Schuld und Kausalität 137

angemessenen Ehrungen empfangen hatte und darum den Fluch als religiöse Therapie. Doch nur ein Seher kann den "'iJV' eg weisen.
tat, daß kein Achäer in Zukunft einen Olympischen Sieg erringen Die Abfolge im ganzen ist die übliche: das Unheil, der Seher, die
solle. Jetzt, im Jahr 460, unternahmen es die Achäer, dem Oibotas verborgene Ursache, und das entsprechende Heilverfahren. Ist die
an seinem Grab ganz besondere Ehren zu erweisen, und stellten Wirkung und die Popularität der Psychoanalyse in unserem Jahr-
auch eine Statue des Oibotas in Olympia auf; und alsbald siegte hundert darum so groß, weil sie ein uraltes Muster nachspielt? Ein
dort wieder ein Achäer. "Und bis zu lueiner Zeit bleibt dieser Unterschied zu den früheren Beispielen freilich ist festzuhalten:
Brauch, daß diejenigen Achäer, die als Athleten zu den Olympi- Während die transzendente Diagnose in der Regel eine ,Schuld'
schen Spielen gehen, dem Oibotas opfern; und falls sie gewinnen, der Leidenden selbst zutage fordert, liegt im Fall Melampus wie
setzen sie der Oibotas-Statue zu Olympia einen Kranz auf"29 eben bei den Modernen die Schuld beim Vater: Was hat man dir,
Entsprechende Geschichten gibt es auch und erst recht im pri- du armes Kind, getan? Der Heilungsprozeß freilich bleibt vom Pa-
vaten Bereich. Apollonios von Rhodos erzählt von einem gewis- tienten zu leisten. 32
sen Paraibios, der merkte, wie sein Leben so ganz ohne Glück und Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist die nach "der Ursa-
Erfolg verlief Er wandte sich an den Seher Phineus, um zu fragen, che des gegenwärtigen Unheils"; so formuliert es insbesondere
ob dies eine bestimmte Ursache habe. Und Phineus fand diese, Herodot. 33 Ein Text des Euripides umschreibt das gleiche mit lei-
obschon sie eine Generation zurück lag: Der Vater des Paraibios denschaftlicherem Ausdruck: Die Toten werden beschworen "fur
hatte einen Baum in den Bergen gefällt und dabei die zugehörige die, die im voraus um die zu bestehenden Plagen wissen wollen:
Nymphe, die Hamadryade verletzt. DrmTI mußte nun Paraibios Woher sind sie entsprungen? Was ist die Wurzel der Übel? Wel-
der Nymphe einen Altar errichten und ,lösende Opfer', lopheia chen der seligen Götter muß man durch Opfer endgültig versöh-
hiera, darbringen. So entkam er dem ,gottgesandten Unheil')O nen, um Rast von den Plagen zu finden?"34 Das erforderliche
Noch privater ist, was inl Mythos von Melampus dem Seher er- Wissen liegt nicht in der Reichweite normaler Menschen, sie
zählt wirdY König Phylakos fragt an, warum sein Sohn Iphiklos vermögen es nicht, die Quelle des Übels ausfindig zu machen und
keine Kinder zeugen kann; offenbar ist er impotent. Melampus die entsprechenden Opfer anzugeben. Ähnlich drückt es Platon im
versteht die Sprache der Vögel und findet so heraus, daß vor langer Phaidros aus: "Für Krankheiten und größte Plagen, die eben aus
Zeit Phylakos, als er seine Schafböcke kastrierte, seinen kleinen altem Groll irgendwoher in gewissen Familien auftreten, hat die
Sohn mit einem blutigen Messer erschreckt hatte; das Messer blieb (dionysische) Raserei, die sich einstellte und denen, fur die es nötig
in einem heiligen Baum stecken, und längst ist die Rinde darüber war, prophetische Weisung gab, die Erlösung gefunden, indem sie
gewachsen. Dieses Messer also, verrostet und rindenüberwachsen, zu Gebeten und zum Dienst der Götter Zuflucht nahm; so fand sie
muß Melampus wiederfinden, und zehn Tage lang mischt er etwas Reinigungen und Weiheriten und machte den, der sich an sie
Rost in einen Trank, den er Iphiklos zu trinken gibt. So kann er hielt, heil rur die gegenwärtige und die zukünftige Zeit, indem sie
ihn heilen. die ,Lösung' der gegenwärtigen Leiden rur den richtig Rasenden,
Was wir hier finden, ist offenbar der älteste Fall einer klassischen den Besessenen fand."35 Hier ist es die ,dionysische Raserei', der
Psychotherapie nach Siegmund Freud: Ursache der sexuellen Stö- Platon die Rolle des Vermittlers zuweist; die Sequenz bleibt voll-
rung ist ein psychisches Trauma, das aus der Jugend des Patienten ständig, vom Leiden über die göttliche Prophetie zur Entdeckung
stammt, das mit dem Vater und mit Kastrationsphobie zu tun hat. des ,alten Grolls', woraus sich die rituellen Anweisungen ergeben
Heilung komnlt zustande, indem man zurückgeht bis zu diesem und schließlich die ,Lösung' erreicht wird.
Trauma, dessen Zeugnis unter der Rinde überdauert hat; dann gilt Das Programm entfaltet sich wie von selbst zu einer Erzäh-
es, durch allmähliches V ertraut-Werden mit dem angsterregenden lung,3 6 gestaltet doch jede Erzählung eine Folge von Fakten zu ei-
Objekt von einst die Heilung zu erzielen. Freud selbst hat diesen nem Sinnzusammenhang. Im Alltag stellt sich die Frage ,warum?'
Mythos anscheinend nicht gekannt. Immerhin erscheint selbst in bei jedem auffälligen Verhalten: Was tust du da, warum tust du
der altgriechischen Version das ganze mehr als medizinische denn das?37 Die Antwort besteht in der Regel in einer Erzählung. Dem-
13 8 V. Schuld und Kausalität
r
I.· !

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V. Schuld und Kausalität 139

entsprechend ergibt sich die typische warnende Geschichte als Fol- ,Schuld' besteht oft im Versäumnis von Opfern,40 nicht selten aber
ge zweier Erzählungen: Erst hat einer dieses oder jenes getan, und 1I auch im Bruch von gewissen Sondergeboten, die auf diese Weise
dann ... Dabei wird allerdings die Abfolge des realen Lebens um- f den Betroffenen dramatisch eingeprägt werden. 41
gekehrt: Die Erzählung setzt ein mit dem anfänglichen Fehlver- tl Für griechische Kulte und Feste ist dies in der Tat die Stan-
halten, der ,Schuld', ob es nun um ein allgemeines Gesetz, um ak- dardform aitiologischer Erzählung: Seuche brach aus oder Hun-
zeptierte Moral, religiöses Tabu oder bloßes Ungeschick geht, und gersnot, weil da ein Mord begangen oder ein Tabu verletzt wor-
berichtet dann von den Folgen, dem Unheil, das eintrat, und den den war, man befragte das Orakel, und dieses gab die Weisung,
Versuchen, seiner Herr zu werden; im realen Leben ist man un- eben den Kult einzurichten, den man seither in traditioneller
versehens mit dem Unheil konfrontiert, was Anlaß gibt, rückwärts Weise begeht. Die Karneia etwa, das charakteristische Fest der Do-
nach der ,Schuld' zu suchen. Warnende Geschichten können rier, stammt daher, daß die Herakliden bei ihrer ,Rückkehr' in die
durchaus auch mit der Katastrophe enden, während in der Lebens- Peloponnes aus Versehen einen Seher namens Karnos erschlugen,
praxis alles daran hängt, daß man sich vom Unheil schließlich doch den sie seither mit dem Fest zu ehren haben. Details variieren,
lösen kann. doch das Schema steht fest. 42 Etwas komplizierter ist die Ge-
schichte von den Bouphonia, dem Fest des ,Ochsenmordes' in
Athen, wie sie Theophrast erzählte: Ein Bauer hatte im Zorn sei-
Die Gründung von Kulten nen Pflugochsen mit der Axt erschlagen, ,ermordet', und war ge-
flohen; da kam die Seuche, und das Orakel gebot erstaunlicher-
Zwei Aspekte im geschilderten Zusammenhang erfordern beson- weise, den ,Mord' in einem alljährlichen Fest zu wiederholen, mit
dere Aufmerksamkeit: Die Gründung religiöser Kulte auf Grund Flucht des ,Täters' und einer Gerichtszeremonie, die Karl Meuli
der transzendenten, der fiktiven und doch so mächtigen Kausalität, ,UnschuldskoP1ödie' nannte. 43 In der Ilias wird der Paian anläßlich
und die Rolle der, Vermittler' . der Pest gesungen; nach historischer Überlieferung wurde der Pai-
"Not lehrt beten", oder, wie es Livius genauer besehen formu- an in Sparta im 7. Jahrhundert durch Thaletas eingeftihrt, anläßlich
liert: "das Unheil ließ an religiöse Riten denken", adversae res ad- einer Seuche, selbstverständlich.44 In Rom wurde der Tempel von
monuerunt religionum. 38 Die hier behandelte Abfolge erscheint im- Ceres, Liber, Libera und desgleichen der Tempel des Apollon aus
mer wieder als eines der wesentlichen Fundamente von religiösen Anlaß einer Seuche errichtet. 4s Der Asklepios-Kult kam nach
Institutionen, ja der Religion überhaupt, in der Antike und weit Athen im Gefolge der Pest von 429; die Ursache dieser Pest wie-
darüber hinaus. derum fanden die Leute in der Verletzung des Tabus des Pelargi-
So erzählt eine jüdische Legende, die in den Schriften von kon, des Restes der mykenischen Stadtmauer auf der Akropolis;
Qumran enthalten ist, wie der letzte König von Babyion, Nabo- Thukydides sah die Sache etwas komplizierter, aber eben durch
nid, dazu kam, den wahren Gott anzuerkennen: Sieben Jahre lang ihn wissen wir von dieser Aitiologie. 46
litt er an einem Geschwür, bis ein jüdischer Seher ihm die Erklä- Eine spektakuläre Form ritueller Wiedergutmachung ist der
rung gab: Er hatte die falschen Götter verehrt. Da bekannte er sei- Tempelbau. Beispiele aus Rom wurden soeben genannt. Herodot
nen Irrtum, wandte sich inl Gebet an den höchsten Gott, und erzählt, wie während der Belagerung von Milet durch Alyattes,
wurde gesund.3 9 So läßt sich das Judentum aus deIn Munde einsti- König der Lyder, versehentlich der Tempel der Athena Assesia
ger Gegner die Bestätigung des eigenen Glaubens zukommen. niedergebrannt wurde. Danach wurde Alyattes krank; als sich die
Erst recht lassen sich religiöse Rituale und Einrichtungen der Krankheit hartnäckig in die Länge zog, fragte er schließlich in
,Heiden' aus einmal eingetretenem Unheil herleiten: Das Unglück Delphi nach der Ursache. Das Orakel erinnerte an die Zerstörung
wird auf ein religiöses Vergehen zurückgeftihrt, was den Weg zur jenes Tempels. Also machte er sich an den Wiederaufbau, ja er ließ
Wiedergutnlachung gewiesen hat, mit Hilfe der Vermittler, die in zwei Tempel an Stelle des einen errichten. Sie standen in der
den so begründeten Kulten oft auch weiterhin aktiv bleiben. Die Landschaft als Zeugen des göttlichen Zorns und der göttlichen
,
~i
V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität

Gnade, mit der warnenden Geschichte, die an sie geknüpft war. 47 ein, und man stiftet ein Fest, eine Art Heroenkult zu Ehren der
Schon die Gefährten des Odysseus geloben, als sie das Tabu der I Toten, mit sportlichen Spielen und Pferderennen, Schaustellung
Helios-Rinder auf der Insel Thrinakia zu brechen und die Tiere zu gesunder Kraft also statt alles Bösen und Verdrehten.5 3 Wir werden
schlachten sich anschicken, als Wiedergutmachung dem Helios glauben, daß zu Herodots Zeiten dieses Fest in Caere tatsächlich
zuhause nach der Rückkehr einen reichen Tempel zu errichten; bestand. Die Aitiologie, die Herodot damit verbindet, könnte
doch läßt sich der Sonnengott darauf nicht ein. 48 ,typisch griechisch' heißen, und doch ist sie viel allgemeinerer Art.
V om Vorauswissen der Götter ausgehend, kann die Erzählung Herodot berichtet auch von der ,weiblichen Krankheit' gewisser
auch die Initiative des Gottes an den Anfang stellen. Königin Skythen, die ebenso auf Götterzorn zurückgehe, weil nämlich
Stratonike etwa erhielt im Traum den Auftrag, den Tempel der Skythen einst das Heiligtum der Aphrodite zu Askalon geplündert
Syrischen Göttin in Hierapolis zu erbauen; sie nahm dies nicht hätten.5 4 Im übrigen mag daran erinnert sein, daß auch das Ober-
ernst und wurde darum - wie zu erwarten - ernstlich krank. Jetzt ammergauer Passionsspiel 1634 durch ein Gelübde zur Zeit einer
entschloß sie sich, dem König, ihrem Gatten, Bescheid zu sagen, Seuche zustandekam. Was immer der Tourismus daraus gemacht
und beide organisierten daraufhin den verlangten Tempelbau. 49 hat, in diesem Fall ist das Aition historisch.
Doch es geht nicht nur um Staatsaktionen. Von Aristaios und Ein Beispiel aus weit fernerem Bereich, das aber auf direkter
seinen Bienen, der Erfindung des Bugonia-Rituals auf dem Weg Beobachtung beruht: Die Nzima in Ghana haben ein polytheisti-
über Schuld und Opfer war bereits die Rede. so Von einer kreti- sches System, und dabei hat jeder Gott eine besondere Gruppe
schen Höhle kommt ein rührendes Epigramm, in dem ein gewisser von Verehrern, geleitet von einem Priester, der ekstatische Tänze
Salvius Menas - ein kaiserzeitlicher Name - erzählt, daß er in die- vollführt. Jeder der Götter kann sich einen neuen Verehrer er-
ser Höhle den Hermes regelmäßig mit Opfer zu ehren pflegte, wählen; und dies verläuft so: Wenn ein Mensch ernsthaft erkrankt,
zusammen mit seiner Frau; als seine Frau starb, gab er das auf. Jetzt oder aber durch den Tod naher Verwandter verängstigt ist, oder
aber, nach vielen Leiden, habe er endlich begriffen, daß man das auch durch rätselhafte Träun"1e und Visionen gequält wird, wendet
Göttliche ehren müsse, lind so sei er zurückgekommen zur Höhle er sich um Hilfe an einen alten Seher. Der Vermittler pflegt dann
mit Opfergaben und wolle auf die Dauer sich des Heiligtums an- in drohendem Ton zu sagen: Der Gott ruft dich, und wenn du
nehmenY Vergleichbar sind die zahlreichen Inschriften aus seinem Willen nicht nachkommst, wird es dir noch weit schlim-
Kleinasien, die wir ,Beichtinschriften ' nennen. Sie haben in iffilner mer ergehen, ja du wirst sterben. Der Seher ist es zugleich, der den
neuen Varianten die Geschichte zu erzählen, daß der Weihende Namen des Gottes oder Geistes herausfindet, der den neu zu Wei-
krank war, daß er aus diesem Anlaß seine ,Sünde' erkannte - henden ,gerufen' hat. Er wird in die betreffende Gruppe aufge-
mochte sie nun moralischer oder ritueller Art sein, ein bißchen nommen und hofft, auf diese Weise zu genesen und umfassende
Betrug, Diebstahl, verbotenes Sexualverhalten, oder das Fällen Besserung des Lebens zu finden.5 s
heiliger Bäume -, daß er Buße tat und durch den betreffenden
Gott geheilt wurde, weshalb er nun zu Ehren dieser großen Gott-
heit auf seine Kosten die Stele errichte. s2 Die Vermittler: Chancen und Risiko
Vom anderen Rand der griechischen Welt, aus Etrurien,
kommt noch eine Geschichte, die Herodot erzählt: Nach der In der alten Welt kommt man nicht aus ohne die paranormale
Schlacht bei Alalia, um 540 v. Chr., seien die Phokäer, die den Einsicht der Vermittler, der Seher, Priester, Traumdeuter oder
Karthagern entkamen, in der Gegend von Caere von den Etrus- Orakel; in Israel mag es ein Rabbi sein, anderswo ein Schamane
kern zu Tode gesteinigt worden. Daraufhin ergab sich, daß "wer oder Medizinmann. Sie ,wissen mehr' als normale Personen und
immer über diesen Ort ging, wo die ermordeten Phokäer lagen, können darum gegen alle Arten bedrängenden Unheils Hilfe lei-
verdreht, verkrüppelt und lahm wurde, wie vom Schlaganfall ge- sten, um gut zu machen, was böse war. s6 Man braucht sie drin-
rührt, Menschen, Schafe und Esel". Das Delphische Orakel greift gend, denn in der praktischen Erfahrung ist die Ursache des Un-
",.
I

V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 143

heils zumeist verborgen, so evident sie in der späteren Warn- sie das Saatgetreide rösteten, weshalb nichts keimte, und sie hat
Erzählung erscheinen mag. Selbst die ,Sünde', die Ursache des dann auch noch das Orakel bestochen, den Tod des Phrixos zu
Unheils sein kann, ist dem, der sie begangen hat, oft unbekannt. 57 fordern. 63 Hier also wird die ganze Sequenz, von der Katastrophe
Dies ist die große Chance jener Vermittler; sie gewinnen Ein- bis zum Opferritus, zur zynischen Manipulation. Euripides mag
fluß und Macht, freilich nicht ohne erhebliches Risiko. Normale diese Version des Mythos erfunden haben; sie setzt das uralte Ver-
Menschen reagieren mit Aggression auf Schuldzuweisung - halten, die Suche nach dem Schuldigen, dem ,Sündenbock' voraus
"Unheilsseher" , fährt Agamemnon den Kalchas an, und Oedipus und macht daraus den raffinierten Mißbrauch. Das Verfahren
ist drauf und dran, Kreon, den Orakel-Boten, als Hochverräter zu schien zu funktionieren - eben weil die Abfolge so bekannt und
behandeln. Doch das größere Risiko der Seher ist, daß sie nicht selbstverständlich war.
recht behalten, zumal wenn Seher gegen Seher steht. Das Buch In einer ganz anderen Kultur, bei den Eskimos, gehen Schama-
Daniel spielt damit, daß der König von BabyIon nach Daniels Er- nen aufdie Reise zu Sedna, der Herrin der Tiere, wenn die Män-
folgen alle die anderen Seher umbringen lassen sollte. 58 Herodot ner nicht genug Seehunde fangen können. Der Schamane findet
berichtet von den Skythen: Wenn der König krank wird, beruft meist, daß die Herrin erzürnt und befleckt ist, weil ,die Frauen'
man drei Seher; sie nennen als Ursache stets, jemand habe beim gewisse Tabus gebrochen haben; die Frauen müssen dann sogleich
,Herd des Königs' einen Meineid geschworen; dies habe den Kö- vortreten und ihre ,Sünden' bekennnen; dann wird Sedna wieder
nig krank gemacht. Wenn der von ihnen Beschuldigte dies be- rein und freundlich und sorgt rur rechten Erfolg in der neu zu be-
streitet, zieht man sechs weitere Seher zu, und solche Multiplikati- ginnenden Seehundjagd. 64 Ist das ganze unter anderem ein Trick,
on kann weitergehen, bis ein eindeutiger Mehrheitsentscheid vor- das patriarchale System zu stabilisieren durch die eigens rur Frauen
liegt; dann kann man sich an den Schuldigen halten - und man erfundenen ,Sünden'?
verbrennt die in der Minorität verbliebenen Seher. 59 König San- Daß Religion im wesentlichen Priestertrug sei, Manipulationen
herib hatte seine Seher in Gruppen aufgespalten; was hätte er ge- der angeblichen Charismatiker zum eigenen Vorteil, ist seit der
macht, wenn sie nicht zur einmütigen Deutung gelangt wären?6o Aufklärung wiederholt behauptet worden. Und doch erklärt sol-
Das näherliegende Problem rur Seher ist, daß nlan ihnen nicht ~~er Verdacht aus alter und aus neuer Zeit und selbst gelegentliche
glaubt. Auch die sogenannten Primitiven wissen über Trug und Uberfuhrung von Scharlatanen im Grund nichts. Das jeweils vor-
Tricks Bescheid. Was Griechenland betrifft, spricht Herodot es liegende, drängende Unheil ist Tatsache, und nicht selten ist die
aus, daß man die Pythia von Delphi bestechen konnte, und er be- Rettung, die man erreicht, nicht weniger einprägsam. Es ist nicht
richtet von mehreren Fällen. 61 Oedipus vermutet sofort, als der nur, daß man die Charismatiker offenbar braucht, vielleicht sogar
Seher ihn als den Schuldigen bezeichnet, daß da ein hochverräte- noch in unserem Jahrhundert, daß sie in den Augen der gläubigen
risches Komplott inszeniert sei: Kreon muß den Seher bestochen Klienten Erfolg haben. Sie erbringen in der Tat eine Leistung rur
haben. 62 Aristophanes macht in seinen Komödien die Seher mit die Frauen und Männer, die vom Unheil betroffen sind, indem sie
ihren Orakelbüchern immer lächerlich; sie sind so offensichtlich dieses in einen Kontext einordnen und damit begreifbar machen,
auf den eigenen Profit aus; am besten, man prügelt sie von der meist im Rahmen traditionellen Wissens, Glaubens und Verhal-
Szene. Und ist es nicht typisch, daß der homerische Seher Kalchas ~~ns; so finden sie immer wieder Resonanz, trotz gelegentlichen
die Ursache der Pest in der nicht standesgemäßen Behandlung ei- Außerungen des Mißtrauens. Die Vermittler schaffen einen Sinn
nes Priesters findet? als Gegenkraft zu dem, was vollends inakzeptabel scheint: Der rei~
Ein ganz böses Frauenkomplott, auf der anderen Seite, hat sich ne Zufall.
Euripides in seinem Phrixos ausgedacht: Das Getreide ist nicht ge- Die Vermittler bedienen sich, neben Formen veränderten Be-
wachsen, der Hunger droht, und das Orakel gebietet, den Kö- wußtseins, Traum und Ekstase, in der Regel gewisser ,Zeichen',
nigssohn Phrixos zu opfern. In Wirklichkeit hat die Stiefmutter des die sich anbieten oder auch durch bestimmte Technik hervorge-
Phrixos, die Königin Ino, alle Frauen der Stadt dazu gebracht, daß rufen werden: 65 Das Rascheln der Blätter, das Funkeln einer Was-
144 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 145

seroberfläche, der Vogelflug, die Positionen der Sterne, die Gestalt daß Bakchios' selbst dich gelöst hat", heißt es auf einem Goldblätt-
der Eingeweide beim Schlachten, oder Lose und Würfel. Wichtig chen aus einem thessalischen Grab, das kürzlich erst zutage kam;
ist in jedem Fall, daß das Ergebnis nicht manipulierbar und nicht dies ist das Wissen, was der eben Verstorbene, ein dionysischer
voraussagbar ist, auch nicht rür den Seher. So kommt eine Bot- Myste, ins Jenseits mitbringen soll,7° Doch die gleichen Weihen
schaft zustande, die gewissennaßen verschlüsselt war in einer waren auch gut rür dieses Leben: Sie befreien von ,offenbaren Lei-
schwer zugänglichen Sprache; in fortgeschrittenen Zivilisationen den', wie Platon im Phaidros formuliert. 71 Man denke an Paraibios
spricht man auch davon, daß eine geheimnisvolle Schrift zu lesen und die Nymphe, oder auch an die Situation der Flotte in Aulis:
ist. Die Leistung besteht darin, das Undeutliche zu deuten, zu in- Sie ist ,gebunden' durch die widrigen Winde, bis das Opfer die
tegrieren in den gesamten Zusammenhang der Situation, in Bezug ,Lösung' bringt. Übrigens handelt eines der ältesten Dokumente
auf die Personen, um die es geht, auf Vergangenheit und Zukunft, deutscher Literatur, nämlich der eine der Merseburger Zauber-
kurzum, einen Sinnkontext herzustellen. Dies kann mit der Macht sprüche, vom ,Fesseln' und ,Lösen',72
einer zwingenden Wahrheit wirken und wird dann gerne der ,Gebunden' zu sein, festgehalten zu sein, in der Falle zu sein,
Wille des Gottes genannt. In' gewisser Weise ist dies dem analog, mit panischer Hektik um Befreiung bemüht, mit aller Kraft und
was wir alle unbewußt beständig zu leisten haben: In allem, was jedem Mittel, das ist im Grund eine realistische Situation, die im
wir ,sehen' und erkennen, integrieren wir unablässig unzählige un- Drama des Lebens viel älter ist als das Menschengeschlecht. Man
bestimmte Sinnesdaten zum Bild einer bekannten, verstehbaren kann an jedem höheren Tier die entsprechenden Reaktionen be-
Welt. In der Krise bricht diese Welt zusammen; dem Charismati- obachten, und man begreift die Angst. Es gibt auch die Suche nach
ker gelingt es - vielleicht -, sie wieder aufzubauen. der Quelle der Behinderung und des Schmerzes. Affen können
sich immerhin einen Dorn entfernen, der eingedrungen ist: Sie
entdecken die kleine Ursache des Leidens. Erst recht werden
Die Deutungsmuster: Fesselung, Aggression, Götterzorn Menschen instinktiv und kognitiv zugleich versuchen, aus der
oder Befleckung ,Falle' des Unheils frei zu kommen, nicht nur durch alle mögli-
chen wilden Bewegungen, sondern durch gezielte Suche nach der
Sehen wir genauer zu, wie die ,transzendente Kausalität' ins Spiel Ursache, die da festhält und quält. Die dramatische Aktivität ent-
gebracht wird, so können wir vier Interpretationen mit entspre- faltet sich in der geistigen, sprachlich verfügbaren Welt; immer
chenden Strategien unterscheiden, die gegenüber dem Unheil ins noch getrieben von panischer Angst, werden Individuen bereit
Werk gesetzt werden, vier Bildbereiche mit unterschiedlichem sein, alle möglichen ,Lösungen' zu versuchen oder zu akzeptieren,
intellektuellem und sozialem Kontext. wenn sie denn gezeigt werden. Dem steht ein vielfältiges Angebot
Eine schlichte und zugleich sehr allgemeine Art, das Erlebnis der der Diagnostiker gegenüber, der traditionellen und der neuartigen
Not zu fassen, ist der Eindruck, ,gebunden' zu sein, ,gefesselt', in Vermittler, mit praktischen oder auch geheimnisvollen, im einzel-
der Falle gefangen. "Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel aus nen undurchschaubaren Vorschlägen der ,Lösung'. Helf, was hel-
der Schlinge: Der Strick ist zerrissen, und wir sind entkommen", fen mag; wer möchte Übernatürliches ausschließen? Wie gut,
heißt es im Psalm. 66 Der griechische Terminus rür solche wenn am Ende der Dankespsalm ertönen kann.
,Erlösung' ist lysis: Die Pelasger fragen in Delphi nach lysis der ge- Die Angst des ,Gefesselten' geht zumeist mit der Erwartung ei-
genwärtigen Übel. 67 Klytaimestra, durch einen drohenden Traum nes Angriffs zusammen. Eine zweite, parallele Deutung der Un-
erschreckt, sendet ihre Tochter Elektra ans Grab des Agamemnon, heilsssituation setzt die Aggression vielmehr an den Anfang: Da ist
"Mittel der Lösung (lyteria) vom Mord zu bringen. "68 Man kann ein äußerer Verursacher, ein ,Feind', von dem das Übel kommt,
selbst "Tötung durch Tötung lösen" .69 Die griechischen Reini- der die Bande geknüpft hat; die Reaktion ist entsprechend aggres-
gungspriester bieten lysis an, lysioi teletai, besonders im Namen des siv. Auch heute noch kann jeder Erkrankte solche Reaktionen an
Dionysos, der selbst Lysios genannt wird. "Sage der Persephone, sich selbst erleben. In der geistigen Welt kann diese Einstellung
V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 147

verallgemeinert werden zum Verdacht der schwarzen Magie, des


unsichtbar:en Angriffs, der von irgendwoher gewirkt worden ist.
Besonders deutlich sind solche Verdächtigungen in Mesopotamien
1 von außen kominenden Aggression - was nicht ausschließt, daß
die Heilverfahren umständlich, aufwendig und sehr unangenehm
sein können.
Die moderne Wissenschaft hat an Stelle der Magie das Wissen
artikuliert worden: Es gibt umfangreiche Sammlungen von Be-
schwörungsritualen, mit denen das Opfer solchen Zaubers - in der um Bakterien und Viren gesetzt, die nun ihrerseits in ganz analo-
Regel ein Erkrankter - aus dem über ihn geworfenen Bann ger Weise als die von außen kommenden Aggressoren beschrieben
,gelöst' werden soll.73 "Jegliches Böse, das keinen Namen hat, das und erlebt werden, auf die unser Immunsystem mit Gegenaggres-
mich erfaßt hat und mich verfolgt, an meinen Körper, mein sion antworten muß, ,kämpfend' mit ,Freßzellen', unterstützt
Fleisch, meine Sehnen gebunden ist, sich nicht löst"74 - all das soll durch chemische Kriegsführung. Hexenverbrennung erübrigt sich.
durch Gegenzauber eben doch ,gelöst' werden; deutlich entspricht Aber es bleibt dabei, daß das Opfer, obschon für unschuldig er-
dies den lysioi teletai der griechischen Welt. Die Gegenmagie geht klärt, sich einer umständlichen und unerfreulichen Behandlung
als Gegenaggression so weit, sich die Vernichtung von Hexe oder unterziehen muß, so daß das Schema von Unheil, wissendem Spe-
Hexer zu wünschen. Zumindest in der griechisch-römischen Welt zialisten, Diagnose und Behandlung sich schließlich doch bestätigt.
hat man in der Tat genügend Zeugnisse dafür, daß böse Machina- Das andere, dritte Modell der Unheilserfahrung ist dagegen
tionen dieser Art nicht nur vermutet wurden, sondern tatsächlich durch und durch personalisiert: Es geht um den ,Zorn' einer
mit perverser Sorgfalt ins Werk gesetzt wurden: Mit Magie, unter überlegenen Macht, die an einem schuldig Gewordenen die Strafe
Anleitung durch entsprechende Spezialisten, versucht man Gegner vollzieht. Daß Götter so verfahren, ist eine Überzeugung, die
zu fesseln'· die entsprechenden Texte heißen darum ,Fesselung', vermutlich älter ist als alle unsere Texte; auch andere ,höhere
kat~desis, dd;xio.7 5 ,Binden' will man den Körper eines konkurrie- Wesen', Geister, Ahnen, Heroen und Dämonen, wirken in der
renden Sportlers, oder Zunge und Geist eines Prozeßgegners; aber gleichen Weise. Homer läßt vom Olymp herab Apollon kommen,
auch Sexualpartner will man sich durch Magie gefügig machen. ,ergrimmt im Herzen'. "Warum ist er so ergrimmt?" fragt Achil-
So wirkt denn Zauber im heidnischen wie auch im christlichen leus; der Seher wird darauf die Antwort geben und die Versöh-
Milieu. Als ein Knabe von unerträglichen Schmerzen an den Hän- nung leiten. Zuletzt ,freut sich' Apollon an der Aufführung des
den befallen wurde, gaben die Heiligen Kyros und Johannes den ,schönen Paian'. Die Philister fühlen die ,Hand des Herrn'; Mursi-
merkwürdigen Rat, man solle doch Fischer zum Fischen an den lis fragt nach dem ,Zorn der Götter' und wendet sich betend an
Meeresstrand schicken. Siehe da, sie fanden eine Büchse mit einer sie.7 8 "Gegen welchen Gott haben wir uns vergangen, daß wir sol-
Puppe, die dem Knaben glich, der man Nägel durch Hände und ches leiden?" fragen auch Griechen in ihrer Not. 79
Füße getrieben hatte. Sobald man die Nägel aus der Zauberpuppe Gerechte Strafe ist eine Form der Kommunikation, eventuell
zog, hörten auch die Schmerzen des Knaben auf)6 Libanios, der auch Wiederherstellung der Kommunikation. Sie bedeutet nicht
hochangesehene Rhetor in Antiocheia, fühlte sich von einem Tag Abbruch der Beziehungen, im Gegenteil, sie prägt einen notwen-
auf den anderen behindert, gestört an Geist und Leib, bis man die digen Zusammenhang ein. Der Sinn der Welt bestätigt sich in der
Leiche eines verstümmelten Chamäleons in seinem Vortrags saal gerechten Strafe. Zorn und Strafe haben ihre Ursache, die in Ge-
fand, ein klarer Beweis, daß jemand schwarze Magie gegen ihn stalt einer Geschichte mitteilbar und verständlich ist. Über das
geübt hatte; nach der Entdeckung und Beseitigung des Zauber- Ausmaß der Konsequenzen läßt sich gegebenenfalls verhandeln.
dings erholte sich Libanios alsbald. 77 Man beachte die Abfolge vom Im Angesicht des ungleich Mächtigeren, der zürnt und droht,
gegenwärtigen, direkt wahrgenommenen Übel durch die rechte kann man doch immer noch die Sprache gebrauchen, man kann
Diagnose zur Entdeckung der Ursache und der damit möglich ge- bitten, beten, betteln, und dabei all die wohlbekannten Rituale der
wordenen Heilung; nur daß dank der magischen Interpretation die Unterwerfung und Selbsterniedrigung einsetzen, also die Augen
Annahme einer selbstgewirkten Schuld ersetzt wird durch die niederschlagen - Anstarren wirkt aggressiv -, niederknien, sich auf
Projektion des Bösen auf einen anderen, durch die Hypothese der den Boden werfen, ja im Schmutz sich wälzen; es gibt Selbstver-
V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 149

wundung und Flagellation. 8o Auch das Ersatzopfer ist eine dem Griechischeri aber finden wir nur gerade ein paar Spuren, etwa bei
egoistischen Selbst einleuchtende Lösung. "Opfer werden rur die _I Aristophanes: "Wir haben einen Fehler gemacht. Bitte vergib
I

himmlischen Götter darum vollzogen, damit sie ihre Zornesregun- uns. "87 Das Wort für ,Fehler', hamartanein, ist hier das gleiche, das
gen ablegen und mild und gefällig werden."81 Es gibt aber auch später im Neuen Testament erscheint und dann von uns als
den V ersuch des Lächelns - das griechische Wort rur ,verehren', ,sündigen' übersetzt wird; von sich aus drängt das Wort zur Ver-
hilaskesthai, heißt eigentlich ,gute Laune herstellen' -; vor allem harmlosung, bezeichnet es doch ein ,Vorbei-Treffen', nicht böse
findet man, daß Musik das Herz löst: Apollon freut sich, als er den Absicht. Aber der herrschende Stil griechischer Kultur und Ge-
Päan hört. Auf Akkadisch spricht man von der ,Beruhigung des sellschaft war offenbar der Erniedrigung, die im ,Sünden-
Herzens' einer erzürnten Gottheit. 82 Es gibt freilich auch die Opti- bekenntnis' liegt, so sehr entgegengesetzt, daß man selbst vom
on universelle und unabänderliche Gerechtigkeit der Götter zu ,Verfehlen' nicht sprechen mochte. In einem politischen System,
, !
po~tulieren. Dann lassen sich alle Leiden der Welt als götdiche das von ,gleichen', selbstverantwordichen Bürgern getragen war,
Strafen sehen und damit doch noch einem Sinnhorizont einord- ohne einen Herrn und König, sah man sich eher zu einem gewis-
nen, sofern die entsprechende Vorgeschichte sich redigieren oder sen Stolz des Ertragens erzogen - "die kindlichen Toren können
erfinden läßt. Die alttestamendichen Propheten sahen die schwere dies nicht ordentlich ertragen, wohl aber die Tüchtigen (agathot) ,
Hand J ahwes in allen Katastrophen der Geschichte Israels am indem sie das Schöne nach außen kehren"88 - oder auch zu einer
Werk. Andere Religionen ruhrten die Seelenwanderung ein, mit tragischen Einsicht jenseits aller Hoffuung, wie sie König Ödipus
der Behauptung früherer Verfehlung oder gar einer Urverfehlung, am Schluß des sophokleischen Stücks gewonnen hat.
um die These von der ausnahmslosen und gerechten Vergeltung, Während bisher von einem ganz allgemeinen, interkulturellen
der jede Person unterworfen sei, durchzuhalten. 83 Verhaltensprogramm die Rede war, fällt damit der Blick auf
Wirkungsvolle, den Stolz brechende Form der Unterwerfung in unterschiedliche Optionen, die einzelne Gesellschaften im Um-
sprachlicher Gestalt ist das Bekenntnis der Sünden. Der Strafende gang mit Unheil ausgeübt haben. Die herrschende Interpretation
und der Sträfling finden sich in einer gemeinsamen Erklärung. im Rahmen der griechischen Kultur, zumindest in der archa-
Mursilis spricht in seinen Pestgebeten: "Wenn ein Sklave schuldig ischen und klassischen Epoche - und damit die vierte, nach
geworden ist, jedoch seine Schuld seinem Herren eingesteht, dann Fesselung, magischer Aggression und Gotteszorn -, konzentriert
ist die Seele des Herrn befriedigt, und er wird diesen Sklaven nicht sich auf den Begriff der ,Befleckung' und der ,Reinigung', mias-
bestrafen. "84 Ein Sündenbekenntnis wird in vielen Heilungskulten ma/ agos und katharmos. Auch diese Begriffe sind freilich keine
eingefordert, besonders in Kleinasien; aber auch bei der ägypti- eigentliche Besonderheit der Griechen: Die Furcht vor ,Beflek-
schen Isis war dies üblich. 8s Es gibt Bußpsalmen im Alten Testa- kung' samt Ritualen der ,Reinigung' und Formen eines ,reinen'
ment, auch bei den Babyloniern; vergleichbare Sündenbekennt- Lebens spielen in anderen Kulturen eine nicht geringere Rolle. 89
nisse als Voraussetzung von Heilverfahren finden sich aber auch in Das Wort ,Tabu' ist zu Beginn unseres Jahrhunderts in Mode
Amerika. 86 Da scheint der Abstand neuweltlicher Primitivkultur gekommen.
vom bronzezeitlichen Mursilis nicht eben groß zu sein. ,Sünde', an Offensichtlich hat die universelle Sorge, die auf Beschmutzung
den Tag gebracht und anerkannt, wird durch den Willen des Hö- und Reinigung gerichtet ist, ihre biologischen Wurzeln. Sich sau-
heren zunichte; die Strafe ist als bedrängendes Unheil bereits ein- ber zu halten ist eine grundlegende Notwendigkeit rur alle höhe-
getreten: Man hofft, sie zu überstehen. . ren Lebewesen, denn ,Schmutz' ist, was die normalen Funktionen
Nun tritt im klassischen Griechenland das Sündenbekenntms des Körpers behindert; er muß entfernt werden, auch wenn er sich
auffällig zurück, zumindest auf offiziellem Niveau. Es gibt die er- immer wieder einstellt und sich anzuhäufen droht. Was dement-
wähnten ,Beichtinschriften " die fast alle kaiserzeidich sind und aus sprechend auch bei den Menschen seine direkte und notwendige
Kleinasien stammen. Daneben und davor kennen wir Bußpsalmen Funktion hat: den Körper zu betasten und zu reiben, mit Wasser
aus dem Alten Testament wie aus Mesopotamien und Ägypten. Im zu waschen, auch zu beräuchern - wobei die (nach unserem Wis-
15° V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 151

sen) antibakterielle Wirkung von Schwefeldampf eine frühe Ent- einen Zustand des Abnormen festzustellen, den man dann mit den
deckung war -, ist jedoch seit alters zum Ritual geworden, mit all geeigneten rituellen Mitteln angehen kann. "9 I
den Charakteristika von Ritualen: Reinigunszeremonien sind Damit jedoch sind wir im Grunde wiederum bei der schon ver-
nicht mehr von durchsichtiger Funktionalität, wohl aber demon- trauten Sequenz: Ein Zustand des Unbehagens, der Verwirrung,
strativ, repetitiv und übertrieben, sie werden von Spezialisten des Unguten wird erfaßt und damit greifbar durch eine transzen-
kunstvoll ausgearbeitet je nach speziellen Traditionen. dente Diagnose, ob sie nun auf ,Schuld' oder ,Unreinheit' lautet.
Beachtet man die starken Geftihle des Ekels, die mit ,Unrein- Von, Unreinheit' (akathartia) sprach jene Orakelanfrage aus Dodo-
heit' verbunden sind, kann man eine noch speziellere biologische na. 92 Um die Diagnose zu erstellen, bedarf es jedenfalls und insbe-
Wurzel vermuten. Der Mensch als ,Alles-Fresser' hat, ähnlich wie sondere auch in diesen Fällen des paranormalen Vennittlers mit
übrigens auch die Ratte, eine Fähigkeit entwickelt, unbekömmli- seinem ungewöhnlichen ,Wissen'. Griechen sprechen vom ,Reini-
che, gefährliche Speisen auf Grund böser Erfahrungen energisch zu gungspriester' , kathartes; er kann durchaus mit dem ,Seher', mantis,
vermeiden. Dies setzt ein Erkennen der ,Ursache' eines leiblichen identisch sein. Ein Beispiel daftir aus dem Bereich des Mythos ist
Übels voraus, woraus Konsequenzen gezogen werden; diese sind Melampus, ein Beispiel vom Rande der geschichtlichen Welt ist
allerdings selbst beim Menschen dem bewußten Willen weitge- Epimenides von Kreta, der um 600 v. Chr. Athen ,gereinigt' hat.
hend entzogen. Dabei greifen die Gefuhle des Widerwillens auf Melampus hat nicht nur Iphiklos, den Sohn des Phylakos geheilt,
alles über, was mit Ekelerregendem in Kontakt gekommen ist: er hat auch die Töchter des Proitos von Tiryns von ihrem Wahn-
,Ansteckung' durch Unreinheit ist insofern ein vom ,Instinkt' ge- sinn ,gereinigt' - welche Übertretung Grund fur deren gottge-
formtes Prinzip. Wie solches vorbewußte Erkennen und Reagie- sandten Wahnsinn war, darüber variiert die Überlieferung. Epime-
ren eigentlich zustandekommt, ist noch einigermaßen dunkel. Die nides hat Athen ,gereinigt', als im Zusammenhang mit einem ver-
manifesten Formen von Ekel und Essens-Ablehnung sind jedenfalls suchten Staatsstreich die Anhänger Kylons, die bei Athena Asyl·
bei uns durch kulturelle und individuelle Prägungen sehr stark gesucht hatten, ermordet worden waren, was anhaltende Beunru-
überformt, manchmal bis zur Umkehrung der natürlichen Ge- higung, Angst und Spannung in Athen nach sich zog.93 Es war ei-
schmacksempfehlungen. 90 Man wird also zögern, dieses energiege- ne rituelle ,Reinigung', die mit der Errichtung von Altären ihr
ladene Reaktionsschema zum ,Ursprung' des ganzen hier behan- dauerhaftes Zeugnis hinterließ. Von ,Reinigung', apolymainesthai,
delten Komplexes zu machen; daß es im Bereich der ,Unreinheit' ist aber auch schon in der Ilias im Zusammenhang des Pest-Rituals
zumindest eine verstärkende Rolle spielt, ist evident. die Rede.
Was Griechenland betrifft, so ist der Befund vor einigen Jahren Ein Beispiel aus der späteren Geschichte: Als Pausanias, der Sie-
durch Robert Parker in seinem Buch Miasma neu erhoben wor- ger von Plataiai, Angehöriger des Königshauses, schließlich des
den. Früher hatte man mit Verwunderung zur Kenntnis genom- Hochverrats überfuhrt worden war und im Heiligtum der Athena
men, was inmitten der Hochkulturen als ,primitiver Aberglaube' Chalkioikos in Sparta, wo er Zuflucht suchte, jämmerlich uluge-
erschien, etwa die Sorge, moralische Unreinheit könnte ,an- kommen war, hinterließ dies in Sparta einen Zustand äußersten
steckend' sein. Heutzutage steht man den sozialen und psycholo- Unbehagens, ja allgemeiner Angst. Plutarch erzählt, man habe
gischen Prozessen, die dabei ins Spiel kommen, mit sehr viel mehr Gespenster gesehen, und man habe darum Totenbeschwörer, Psy-
Verständnis gegenüber. ,Befleckung' zu konstatieren, heißt einem chagogoi, aus Phigalia kommen lassen, um dies abzustellen. Thuky-
unbehaglichen Zustand einen Namen zu geben und damit den dides erwähnt nur, daß man sich ans Delphische Orakel wandte,
Weg zu weisen, wie man aus ihm herauskommt. Daß Befleckung zwecks transzendenter Diagnose: Der Gott von Delphi stellte fest,
,ansteckend' sein kann, ist die notwendige Folge des Bemühens, daß ,Befleckung', agos, passiert war, und ordnete an, der Athena
eine ,saubere' Trennung zu erreichen anstelle des bestehenden Chalkioikos ,zwei Personen fur eine' zu erstatten. Für Pausanias
heillosen Ineinanders. Martin West formulierte als Zusammenfas- also, den man sterbend aus dem Heiligtum gezerrt hatte, stellte
sung von Parkers Ergebnissen: "Befleckung zu konstatieren heißt, man zwei Bronzestatuen dort auf. 94 Wir haben die bedrängende
152 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 153

Unheilserfahrung, die Diagnose, die auf ,Befleckung' lautet, und Überschrift,From Shame Culture to Guilt Culture' gegeben.
die rituellen Verfahrensweisen zum Zweck der Wiedergutma- Auch hier erscheint ,guilt culture' als das Spätere, Fortgeschrittene
chung, ob man nun mit Totenbeschwörern oder mit Weihge- in der Entwicklung des persönlichen Bewußtseins. 97 Dodds' Ty-
schenken agiert. pologie hat die folgende Diskussion stark befruchtet, allerdings
Was solche Verfahren bedeuten, kann durch die Beobachtungen auch tiefgreifende Kritik von Seiten der Anthropologie und der
einer modernen Ethnologin, Maja Nadig, in einem Indianerdorf in Moralphilosophie auf sich gezogen und ist heute praktisch wieder
Mexiko sehr viel deutlicher werden. Dort werden Krankheiten aufgegeben worden. 98
nach allgemeiner Ansicht vor allem durch sogenannte ,schlechte Wahrscheinlich läßt sich die Kultur- und Geistesgeschichte eben
Luft', mal aire, verursacht. Die Diagnose wird durch eine Weise nicht mit den Kategorien des Fortschritts adäquat beschreiben; sie
Frau gestellt, die auch praktische und rituelle Mittel zur Behand- ist weder linear noch stetigem Fortschritt verpflichtet. Alternativen
lung kennt; sie sind von griechischen katharseis gar nicht sehr ver- können gleichzeitig existieren, es gibt irreguläre Spiral- und Rück-
schieden. Maja Nadig stellte fest, daß dabei soziale Spannungen im entwicklungen. Aus den hier vorgelegten Beispielen und Überle-
Dorf ins Spiel kamen, daß die ,schlechte Luft' aufböse Einwirkung gungen ergibt sich, daß das Postulat der Kausalität, der ,Schuld' als
von anderen zurückgeführt wurde, doch ohne daß einzelne Indi- Ursache des Unheils, die durch transzendente Diagnose zu finden
viduen benannt wurden. "Es gibt also einen sozialen Konsens über bleibt, praktisch universal und insofern sicher sehr alt ist, ,primitiv',
die krankmachende Wirkung von Aggressionen und ein kulturelles wenn man will; so verhalten sich Menschen nun einmal in ihrer
Muster, das diese Zusammenhänge nennt, aber gleichzeitig ent- Not, so denken sie ganz allgemein. Als vormenschliches Muster
schärft, indem der Träger der Aggression im Ungewissen bleibt. "95 kann man das Verhalten des vom Fallstrick gefesselten Lebewesens
Die Diagnose klärt und vernebelt zugleich: Es gibt einen Verursa- betrachten. Insofern kann die Erfahrung und die Erklärung der
cher der Krankheit, doch der Begriff des mal aire fixiert den V or- ,Schuld' als Ursache nicht eine vergleichsweise rezente Entdek-
gang und verbirgt doch den Urheber. kung sein. Auch daß ,Schuld' einem einzelnen Individuum zuge-
Dies gibt Anlaß, eine lange Zeit herrschende Betrachtungsweise mutet wird, das dann die Konsequenzen trägt, auch dieser soge-
der griechischen Geistesgeschichte zu überdenken. Man war zu nannte Sündenbock-MechanislTIus ist offenbar etwas recht Uni-
der Annahme geneigt, die Begriffe von ,Unreinheit' und von verselles und Altes. 99 Man beachte allerdings bei diesem Kau-
,Schuld' seien als Kontrast zu nehmen, als repräsentierten sie zwei salitätsbegriff, daß in der Lebenspraxis die Kette der Ereignisse
Stadien in der Entwicklung der geistigen Kultur Griechenlands, ja nicht mit dem Anfang anfangt, nicht mit der Ursache, sondern von
in der Evolution des menschlichen Bewußtseins. Dabei galt der der unmittelbaren Unheilserfahrung ausgeht. Schuld oder Beflek-
Begriff der ,Schuld' als der fortgeschrittenere, gehört er doch zu kung wird deklariert als Interpretation des bedrängenden Zustands,
einer personalisierten Ethik und ist in unser eigenes Rechtsbe- eine Interpretation, die in die Vergangenheit zurückgreift, um ei-
wußtsein seit langem integriert. Die Vorstellung einer moralisch- nen Orientierungspunkt zu gewinnen, von dem aus die Zukunft
religiösen ,Befleckung' erscheint demgegenüber als fremd und zu meistern ist. Die genaue juristische Aufarbeitung des Schuldbe-
primitiv, ja als ,steinzeitlich' . Kurt Latte hat in diesem Sinn 1920 griffs mit der Problematik von freiem Willen und persönlicher
einen inhaltsreichen, doch im Grund konfusen Artikel veröffent- Verantwortung gehört delTIgegenüber natürlich einer fortgeschrit-
licht, "Schuld und Sühne in der griechischen Religion", wobei er tenen, aufgeklärten Kultur an.
eben den vorausgesetzten Fortschritt im Verlauf der griechischen Dabei ist doch jene transzendente Feststellung von ,Schuld' um
Geistesgeschichte zu beschreiben versuchte, vom unpersönlichen, kein Haar rationaler oder fortschrittlicher als die Feststellung einer
primitiven Tabu zu einem reifen Begriff persönlicher Verantwor- unbestimmten ,Befleckung'. Es lag keine rationale Kausalität vor in
tung. 96 In etwas anderer, eleganter und suggestiver Weise hat dann dem, was Agamemnon oder was Jona geschah, was die Philister
E. R. Dodds in seinem Buch The Creeks and the Irrational einem oder die Leute von KiJjat Malachi unternahmen. Was in jedem
wichtigen Kapitel die seither fast zum Schlagwort gewordene Fall gegeben war, was die Geschichten festhalten, war die Bereit-
154 V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 155

schaft, ja die Notwendigkeit, einen Zusammenhang zu finden, ins- in diskreter Weise verantwordich zu machen. Schließlich kann es
besondere die eine Person oder die eine Handlung festzustellen, jedem passieren, daß er in Schmutz gerät; er wird in aller Stille
von der das Böse ausgegangen war, um es unter Kontrolle zu be- entsprechende Maßnahmen treffen oder geschehen lassen, die Fol-
kommen. Das gleiche gilt ün Grund von der Feststellung der Un- gen zu beseitigen. In Griechenland kann sogar ein Gott ,unrein'
reinheit, des agos. In beiden Fällen geht es um die Feststellung ei- werden; im Mythos geschieht dies nicht nur Herakles, sondern so-
ner Kausalität inmitten des Unheils, eine Aktion als Voraussetzung gar Apollon, dem Gott der Reinigungen. IOD Doch kein griechi-
weiterer Aktionen. Etwas muß geschehen, der Deuter ist zur Stel- scher Gott würde ein Sündenbekenntnis ablegen. IOI Wenn aber,
le, das Ritual läuft an. Schuld oder Befleckung, in der Praxis kann beispielsweise, die ,Unreinheit' des Mörders bedeutet, daß er we-
beides ineinanderfließen. gen seiner Tat ins Exil gehen muß, ist dies eine schwerwiegende
Dies fuhrt zu dem Schluß, daß beide Modelle, die Erklärung der Konsequenz, die von einer ,Bestrafung' kaum zu unterscheiden ist;
Schuld und die Feststellung der ,Unreinheit', parallel und einander übrigens kann man griechisch später auch eine veritable Tracht
äquivalent sind in Anlaß, Ablauf und Funktion. Der Unterschied Prügel als ,Reinigung', katharmos bezeichnen. I02 Fast wird es zur
entspricht verschiedenen kulturellen Optionen. ,Unreinheit' ist die Unschuldskomödie, wenn man hier die Bezeichnung ,Strafe' ver-
mildere Diagnose, sie entspricht Gefuhlen des Unbehagens, viel- meidet. In einer Zeitung stand ein Bericht aus dem heutigen
leicht sehr starken Unbehagens, doch bleibt sie fern jenem Ver- Ägypten: Ein Ehemann pflegte seine Frau zu schlagen. Sie wandte
halten panischer Angst, das die in der Falle Gefangenen entwik- sich an einen Imam, und der bezeichnete den Mann als ,verhext';
keln. Beides kann in der Praxis sehr wohl auch miteinander kom- es gibt also auch hier den Vermitder und die transzendente Dia-
biniert werden - die Ilias spricht von der Schuld Agamemnons und gnose. Folglich blieb dem Mann nichts übrig, als sich einem um-
setzt doch eine Reinigung des ganzen Heeres an. Es ist auch mög- ständlichen und wohl auch nicht billigen Exorzismus zu unterzie-
lich, eines ins andere zu überfuhren; und dies kann der erste hen; Grund genug fur ihn, sich zu bessern. Spricht man auch hier
Schritt zur Besserung der Lage sein. Es kommt nur darauf an, daß nicht von ,Strafe', so bleibt doch eine ausgleichende Maßnahme,
die entworfene Kausalstruktur den handelnden Zugriff ermöglicht. ein Eingriff der Weisheit und Gerechtigkeit, die sich als Aberglau-
Die Interpretation kann eine personalisierte Welt entwerfen: Tu be tarnt. So erscheint denn der Begriff der ,Unreinheit' mit den
Buße vor deinem Herrn, zeige deine Reue, und er wird milde Ritualen, die er nach sich zieht, als eine Strategie zur ,Wahrung
werden - oder aber eine unpersönliche, sachliche: Da ist Schmutz, des Gesichts', face-saving, insofern eher raffiniert als primitiv. Daß
halte still und laß dies entfernen, auch wenn das vielleicht unange- in den Generationen nach Homer, in der archaischen Epoche, die
nehm wird; es ist notwendig. Danach wirst du deinen Platz in der Begriffe der ,Unreinl?-eit' und die Praxis der Reinigungsrituale an-
Welt, in der wir leben, wie zuvor wieder einnehmen können. Die scheinend überhand nehmen, zeigt demnach nicht eine Zunahme
Verfahren unterscheiden sich allerdings auf der Ebene der Verbali- des ,Aberglaubens' an, sondern das Aufsteigen einer Gesellschafts-
sierung: Schuld, Zorn, Strafe verlangen Erklärung und Kommen- klasse, die durch nobles Verhalten sich auszuzeichnen hat, der kaloi
tierung und formen sich zu einer Geschichte; Reinigung vollzieht kagathoi. Unterwerfung und Zusammenbruch gilt als unschön; eine
sich am besten in aller Stille. Man redet nicht über Schmutz, man ,Reinigung' kann Apollon überstehen.
schafft ihn beiseite. Seit dem 5. Jahrhundert wurde der Kult des Heilgottes Askle-
Die Auswahl eines der beiden Modelle, Schuld oder Beflek- pios überaus populär; die Erfolge sprachen fur ihn, seine Heiligtü-
kung, oder auch des dritten, magische Aggression, entspricht aner- mer blühten. Dabei war bezeichnend, daß Asklepios der ,milde'
kannten Formen des Umgangs in der jeweiligen Gesellschaft bzw. Gott hieß, epios, was man auch aus seinem Namen heraushören
in bestimmten Gesellschaftsgruppen, in mannigfachen Schattierun- konnte. Dieser Gott fragte nicht nach Schuld und nicht nach Be-
gen zwischen Grobheit und Höflichkeit. Wo das ,Wahren des Ge- fleckung, er ließ die Ursachen ruhen; aber er brachte die Heilung
sichts' entscheidend ist, kann der Begriff der ,Befleckung' durchaus zustande. Allerdings, auch dies begründete und bestätigte die reli-
eine Strategie sein, bedeutende einzelne zu schonen und zugleich giösen Rituale: Zu leisten blieben Dankopfer, Lobesreden und
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V. Schuld und Kausalität V. Schuld und Kausalität 157

Weihungen, die als Empfehlungen der höheren Macht dauernden Erfahrung von Befriedigung und Freude: So muß es sein, und so
Bestand hatten. ist es gut. Daran freut sich der Gott.
Theodor Lessing sprach von "Geschichte als Sinngebung des
Um Bilanz zu ziehen: Es gibt ein nahezu universelles Verhal- Sinnlosen".104 In der Tat hatten wir es in den vorgefuhrten Bei-
tensprogramm, in ganz verschiedenen Zeiten und Kulturen nach- spielen immer wieder wenn nicht mit Geschichte so doch mit
weisbar, von den sogenannten Primitiven bis weit in die Hoch- Geschichten zu tun, in denen das untersuchte Schema sich auskri-
kulturen hinein, das Unheilserfahrung von der Ursache her zu be- stallisiert. Es ist ein Überschuß an Sinn, der der Welt zugemessen
wältigen unternimmt. Es entwirft Kausalität in einem nicht direkt wird, ganz im Gegensatz zu den Reduktionen, die die moderne
nachweisbaren Rahmen, den die ,wissenden' Vermittler in trans- Naturwissenschaft vorgenommen hat und weiter vornimmt. Mar-
zendenter Diagnose erfassen, und begründet oder bestätigt auf tin Nilsson nannte Religion den "Protest des Menschen gegen die
diese Weise insbesondere religiöse Rituale, die damit zum norma- Bedeutungslosigkeit der Ereignisse". 1°5 Offenbar sind viele Men-
len Leben gehören und eben diese Normalität gewährleisten. Das schen eher bereit, die eigene Schuld anzuerkennen, was immerhin
Gesamtverfahren ist insofern eine der Säulen, auf denen praktische einen festen Punkt ergibt, von dem aus ein anderer Lebensweg
Religion beruht hat und immer noch beruht. Mindestens vier In- den Anfang nehmen kann, als die unerträgliche Leichtigkeit von
terpretationen lassen sich in diesem Rahmen unterscheiden, die Zufall und Notwendigkeit zu akzeptieren. Die modernste Natur-
Fesselung, die magische Aggression, die personale Schuld und die wissenschaft scheint sich von der Kausalität abzukehren: Cha-
unbestimmte ,Befleckung'. ostheorien faszinieren, während traditionelle Sinnwelten in der
Man mag sich dabei bewußt werden, wie noch heutzutage die multikulturellen Gesellschaft untergehen. Es bleibt abzuwarten,
einander widerstreitenden Interpretationen zustandekommen und wie weit man damit kommt. An Charismatikern, die Unheils er-
in ihrem Konflikt doch nebeneinander bestehen. Angesichts eines fahrungen durch Entwürfe geheimer Zusammenhänge therapieren
vorläufig unheilbaren Übels wie AIDS scheint vielen Menschen möchten, herrscht jedenfalls kein Mangel.
die wissenschaftliche Beschreibung der viralen Prozesse als durch-
aus ungenügend; man stürzt sich auf plastische, greifbare Thesen:
Aggression, die aus dem Dunkel kommt, von einer verdächtigen
Organisation, die Viren gezüchtet hat; Bestrafung von Schuld, se-
xueller Schuld zumal, scheinen doch sexuelle Außenseiter zuerst
und am meisten betroffen; demgegenüber die verhüllende Emp-
fehlung der Reinlichkeit, der Vermeidung direkter Kontakte. Daß
man heutzutage vermeidet, Sündenbock-Mechanismen freien Lauf
zu lassen, darf immerhin als Fortschritt gelten.
Das uralte Programm ist nicht ,primitiv'. Es ist eher ein Über-
schießen, ein Exzeß des Kausalitätsprinzips, das Kant zur Bedin-
gung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt erklärt hat. 103 In-
dem es den Zusammenhang von Verfehlung, Konsequenz und
Therapie entwirft, schafft es einen übergreifenden Sinnkontext
und bestätigt, daß wir in einer sinnvollen, gottgeleiteten Welt le-
ben. Die verwendeten Rituale mögen uns als unangemessen und
,abergläubisch' erscheinen; aber auch sie sind ein Mittel, Sinn zu
produzieren. Ob ein griechischer Paian oder eine Tanzgruppe in
Ghana - in der gemeinsamen, gesteigerten Aktivität liegt auch die
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VI. Der Kreislat!! des Gebens 159

Freundschaftsbeziehungen begründet und aufrechterhalten, zwi-


schen Menschen, hochgestellten Menschen ebenso wie zwischen
Menschen und Göttern. Die gleiche Terminologie und die glei-
VI. Der Kreislauf des Gebens chen sozialen Regeln erscheinen im einen wie im anderen Fall:
Austausch (amoiba) von Geschenken (dora) unter dem Gesichts-
punkt ihres Wertes (axion) , doch in freundlich -entspannter Atmo-
Gabe und Gegengabe sphäre (charis). Das Bezeichnende an einer Gabe, was ihr erst ihre
rechte Bedeutung verleiht, ist die Erwartung der Gegenseitigkeit.
Die vielleicht älteste griechische Weihinschrift findet sich auf einer Dies stellt soziale Beziehungen her, die freundlich und bindend
Bronzestatuette des Apollon eingeritzt, die ins Museum of Fine zugleich sind. Die Regeln der Gesellschaft und der Religion er-
Arts in Boston gelangt ist; man datiert sie um 700 v. ehr.: "Man- scheinen als homolog.
tiklos hat mich geweiht, dem fernhin treffenden Gott mit dem Sil- Das Phänomen der ,Gabe', mit dem Prinzip der Reziprozität
berbogen, vom Zehnten; du aber, Phoibos, gib erfreuliche Gegen- und seiner Rolle in sozialen Systemen, ist durch die berühmte
gabe. " I Fromm und frei wird damit ausgesagt, daß die Beziehung Studie von Marcel Mauss, Essai sur le don (1924), in die Wissen-
zwischen einem Gott und seinem Verehrer in einem Austausch schaft eingeführt worden und findet immer noch wachsendes In-
von Geschenken besteht. Mantiklos, ,berühmt als Seher', könnte teresse) Es ist das Ineinander von moralischer, sozialer und öko-
geradezu der Berufsname eines praktizierenden Sehers gewesen nomischer Interaktion, dazu die paradoxe Verbindung von Frei-
sein. Er stiftet ein damals noch seltenes, wertvolles Kunstwerk sei- willigkeit und Verpflichtung, was immer wieder fasziniert.
nem Gott, indem er es in ein bestimmtes Heiligtum ,hinaufstellt' Aktionen des ,Gebens' regulieren die öffentliche Rechtspflege, die
(anetheke) , und bittet um die Gegengabe, den ,Austausch' (amoiba) private Partnerschaft und den Austausch von Gütern überhaupt. In
von seiten des Gottes; dabei vollzieht sich das Geschäft in einer moderner Sicht mag sich die ökonomische Perspektive aufdrän-
Atmosphäre der Freundschaft, mit gegenseitigem lächelndem Ein- i
gen, wobei freilich der Gabenaustausch den archaischen, ,pri-
verständnis (charis). mitiven' Wirtschaften zugeordnet bleibt. Es ist dabei aber nicht aus
In der Odyssee besucht Athena, in Gestalt des Mentes, Tele- den Augen zu verlieren, in welchem Maß diese Aktionen Rang
machos auf Ithaka. Sie stellt sich vor als ein ,Gastfreund (xenos) und Status begründen und ausdrücken, weshalb sie notwendiger-
vom Vater her'. Telemachos empfängt den Gastfreund mit gehöri- weise soziale Interaktionen aller Art begleiten. Grundlegend ist da-
gem Respekt und bietet ein Geschenk an (doron), das dann ein auf- bei die ausnahmslose Erwartung der Reziprozität: Gabe verlangt
zubewahrendes Wertstück (keimelion) im Haus des anderen sein Gegengabe. 4
wird. Die Schenkung wird allerdings aufgeschoben bis zum näch- Dies scheint in der Tat eines der universalia der menschlichen
sten Besuch des Gastfreundes. "Suche ein recht schönes Geschenk Kulturen zu sein. ,Geben' ist in den meisten Sprachen eines der
aus", sagt Mentes, "es wird eines Gegengeschenks für dich wert Grundverben; das Indogermanische, und nicht das Indogermani-
sein. "2 Ebenso wie Mantiklos seinen Gott um eine amoiba bittet, sche allein, hat einen eigenen Kasus als ,Dativ' entwickelt. Empi-
während er schenkt, wird dem Telemachos eine ,Gegengabe' be- rische Untersuchungen sind vor allem in sogenannten primitiven
reits in Aussicht gestellt, als er sein Angebot macht. Das Wort axi- Gesellschaften durchgeführt worden) Das Prinzip der Gegensei-
on, das den Gegenwert ausdrückt, kommt vom Bild der Wagscha- tigkeit gilt auch dort in jedem Fall. Dem widerspricht nicht, daß es
len her, die von der einen wie von der anderen Seite her ins Formen gewaltsamen Gütererwerbs gibt, die gleich häufig, ja mehr
Gleichgewicht gebracht werden. So also vollzieht sich der Gaben- in Gebrauch sein mögen als friedlicher Tausch und gegebenenfalls
tauseh. als durchaus honorig gelten können: Räubertum, Piraterie, Rin-
Die Mantiklos-Inschrift und unser Odyssee-Text könnten un- ~erdiebstahl, auch Kriege, die um der Beute willen geführt wer-

gefähr gleichzeitig sein. Durch Gabe und Gegengabe werden den; und natürlich gibt es Überlistung und Betrügereien aller Art.
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VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens
160

Aber die verschiedenen Aktionen stören einander kaum. Die Re- lern rur persönliche Sicherheit. Dabei ist selbst im System des frei-
geln von Gabe und Gegengabe halten ein System von Rang und en Marktes das Prestige des großartigen Geschenks bis heute kei-
Ehre aufrecht und sichern die Stabilität im inneren Kreis. Dabei ist neswegs verschwunden, findet doch ,Sponsoring' mehr und mehr
das ,Geben' weder Selbstentäußerung noch purer Egoismus;6 es Auf1nerksamkeit. Man könnte dies zeremonielle Verschwendung
stellt ein eher prekäres Gleichgewicht zwischen beidem her. nennen - ein Terminus, den man auf sogenannte Potlatch-
Das Phänomen der ,Gabe' hat seit langem auch in die Studien Zeremonien anzwenden pflegt -, wäre da nicht noch immer die
der alten Kulturen Eingang gefunden, von der Bronzezeit bis ins Erwartung des ,angenehmen Rücklaufs', mit anderen Worten: Es
archaische Griechenland. So hat Moses Finley seinem Buch über wird sich irgendwie auszahlen.
die Odyssee ein wichtiges Kapitel über Gabentausch bei Homer Pierre Bourdieu hat eine ,Theorie der Praxis' ausgearbeitet, in
beigegeben; Nicolas Coldstream beschrieb aus archäologischer der soziale Interaktionen sich ganz allgemein als Transfer von Gut-
Sicht den ,Gabentausch im 8. Jh. v. Chr.'.7 Schon in der Bronze- haben beschreiben lassen. Geschenke-Geben wird dann zu einer
8
zeit gibt es keinen Vertrag ohne Austausch von Geschenken. Es Investition, einer Anhäufung von ,symbolischem Kapital', auf das
ist interessant, im ,Brief einer Fürstin an den Präfekten von U garit' sich zu einem späteren Zeitpunkt zurückgreifen läßt. 12 Er geht von
zu lesen, in dem es um Silber-Lieferungen geht: "Schicke mir viel der Untersuchung einer Kabylen-Gemeinschaft in Marokko aus;
davon und nicht wenig. "9 Keine Quantität wird genannt, kein dabei kann er zeigen, wie solcher ,Kapitalismus' selbst in soge-
Preis. "Suche ein recht schönes Geschenk aus", sprach Athena. nannten ,primitiven' Systemen im sozialen Verhalten wirksam ist.
Durch fortgesetzten Tausch wird das ganze in die Waage kom- Die Universalität des Phänomens ,Gabe' bestätigt sich auch in
men. Handel vollzieht sich als honoriger Gabenaustausch. Das Sy- dieser Interpretation, mit dem Doppelgesicht der sozialen und der
stem gilt in der Relität nicht anders als in der Poesie. Als in der ! ökonomischen Wirkung, Rang ebenso betreffend wie Besitz. So
homerischen Ilias Glaukos und Diomedes mitten in der Schlacht funktioniert menschliche Gesellschaft. 13
erkennen, daß sie kraft Familientradition Gastfreunde sind, bedeu- Wenn also die Gegenseitigkeit des Gebens ein anthropologi-
tet dies, daß sie Geschenke zu tauschen haben, und so tauschen sie sches universale ist, lohnt es sich, über die Elemente eines solchen
Ihre Harnische aus, selbst wenn dabei Gold fur Bronze gegeben Verhaltens nachzudenken. ,Geben' setzt die Entwicklung der
wird.10 Geschenke geben ist viel älter und weiter verbreitet als jeg- Hand voraus, die frei sein muß von den Aufgaben der Fortbewe-
licher Versuch, ,Bestechung' zu definieren und auszuschalten. "Das gung, frei zur ,Manipulation', was bekanntlich den Menschen von
Geschenk, das einer gibt, macht ihm Raum und geleitet ihn vor den anderen Primaten unterscheidet. ,Geben' setzt auch die in-
die Großen", stellt ein hebräischer Weisheitsspruch empfehlend tellektuelle Leistung voraus, ein Objekt als abtrennbar von der
festY
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personalen Sphäre zu erfassen, etwas, das leichthin und ohne
Die Erfindung eines freien Marktes mit Wertmetall-Standard,
bald mit geprägtem Geld, was den Preis an die Ware bindet und
vom sozialen Status ablöst, mußte das System von Grund auf ver-
ändern. Die Gabe stellt eine Verbindung zwischen dem Geber und
J Schmerz hergegeben werden kann. ,Geben' setzt zudem einen
Partner voraus, der weder Feind noch seinerseits Objekt ist, viel-
Inehr Interaktionen im gegenseitigen Verstehen möglich macht.
Vor allem aber setzt die Gegenseitigkeit des Gebens das Erfassen
dem Empfänger her, die in beiden Richtungen spielt; Geld ist un- der Zeit-Dimension voraus: Gabe bedeutete Kredit, mit der Er-
persönlich und von sprichwörtlicher Geruchlosigkeit. Trotzdem wartung, daß in der Zukunft die vorausgegangenen Leistungen
bleibt es dabei, daß der Grundprozeß ein Austausch ist, Ware fur erwidert werden, wobei doch der Standard des Wertes unverän-
Geld und Geld fur Ware, nach freier Entscheidung, in partner- dert bleiben sollte. Bei solchem Verfahren entwickeln sich offen-
schaftlicher Zusammenarbeit, zum gegenseitigen Vorteil. Selbst sichtlich auch spezifischere intellektuelle Leistungen: Zählen,
wenn der Staat Steuerbeiträge mit Zwang eintreibt, bleibt beste- Rechnen, Messen, Wägen. Ein Begriff der Gleichheit und des
hen, daß der Bürger dafur auf Gegengaben Anspruch hat: Der Maßes, das axion im homerischen Ausdruck, muß deIn Tausch
Staat wird Privilegien und Prestige gewähren, und er sorgt vor al- zugrundeliegen. Es ist insofern nicht erstaunlich, daß das Prinzip
VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreis/atif des Gebens

der Entsprechung, des Ausgleichs, der Reziprozität bei der men- tion. Das griechische Wort für Hure, porne, bezeichnet offenbar
talen Konstruktion von Welt sich als äußerst brauchbar und zu- die Frau .-eben als Objekt von Austausch und Handel. 16
friedenstellend erwiesen hat. Eine andere Verwendung des Prinzips von ,Geben' und
So sind denn auch gewisse Erweiterungen des Reziprozitäts- ,Zurückgeben' beherrscht den Sprachgebrauch der strafenden Ge-
Prinzips in allgemeinem Gebrauch, die über das logisch N otwen- rechtigkeit. 17 Strafe wird als gerecht akzeptiert, indem sie unter
dige hinausgehen, ja in gewissem Betracht irrational sind und doch den Begriff des ,Zurückgebens' eingeordnet wird, als ,Vergel-
dem menschlichen Empfinden und Erleben überaus einleuchtend tung'. Dabei kann die Vergeltung als einfache Umkehrung der
erscheinen. Das Prinzip läßt sich auf ganz verschiedene Bereiche Tat erscheinen: Ein Schuldiger soll ,erleiden, was er getan hat'. 18
anwenden und bringt es immer wieder fertig, entsprechende Ver- Die Entsprechung wird freilich nur einem distanzierten, ,ob-
fahren als durchführbar, vorhersehbar und durchwegs akzeptabel jektiven' Blick deutlich sein, und es gibt praktische Grenzen für
erscheinen zu lassen. die lex talionis. 19 Die Idee der Vergeltung durch Austausch läßt
So beherrscht das Prinzip der Gabe ganz besonders den Bereich aber weitere, allgemeinere Anwendungen zu. ,Bestraft werden'
der Sexualität, zum al die Regelform der Heirat. An sich ist Sexua- überhaupt wird im Griechischen als ein zwangsweises ,Geben'
lität eines der ältesten biologischen Programme, das gewiß nicht bezeichnet, ,Recht geben', diken didonai. Man kann aber ebenso-
für den Menschen erfunden wurde. Sexualität bleibt inmitten aller gut sagen, daß der Missetäter seinen Lohn empfängt für das Böse,
humanen Verfeinerung unverzichtbar, sie kann zudem in der per- das er produziert hat. ,Er kriegt es', sagt der Volksmund; "wir
sönlichen Erfahrung zu einem ganz besonderen Wert gesteigert empfangen, was unsere Taten wert sind", sagt der Schächer am
werden. Dabei entzieht sich jedoch Sexualität immer wieder be- Kreuz. 20 Das Hin- und Herspringen der Metapher zeigt die
wußtem Planen und gilt darum als ,irrational'. Doch eben das Künstlichkeit dieser Verbalisation an, geht es doch beim Strafen
Prinzip des ,Gebens' ist eine Form, in der Rationalität die Sexua- de facta nicht ohne gewalttätige Aggression, ja Brutalität ab. Doch
lität umgreifen möchte. Im patriarchalischen System wird die Frau in gläserner Klarheit steht das rationale Prinzip bereit: ,Maß um
zum ,Objekt' des Tausches: Der Vater ,übergibt' die Braut dem Maß', auch in abzählbaren Portionen: Man zählt die Schläge,21
Bräutigam; ekdidonai, sagt man im Griechischen, in matrimonium man zählt die Tage der Haft. Als in der Odyssee die Gefährten
dare im Lateinischen. Durch den Austausch von Frauen begründen des Odysseus in ihrem Hunger auf der Insel Thrinakia die Kühe
Familien und Clans ihre gegenseitigen Verbindungen und des Sonnengottes geschlachtet und verspeist haben, verlangt der
Freundschaften. Im Verkehr der Familien miteinander wird die empörte Gott von Zeus die "passende Gegengabe";22 damit meint
Ehe weithin zu einem Vertrag über Besitzrechte. Teils hat der er nicht den Ersatz der geschlachteten Tiere - die Gefährten ha-
Bräutigam einen Gegenwert für die Frau zu bezahlen, teils erwar- ben ja ausdrücklich Ersatz und Gegengabe gelobt -, sondern den
tet er eine beträchtliche Mitgift zusammen mit der Braut zu erhal- Tod der Schuldigen.
ten; es gibt auch Verbindungen beider Transaktionen; auch in der So universal und alt das Prinzip der Gegengabe ist, es ist doch
Sprache Homers scheinen verschiedene Systeme angesprochen zu nicht angeboren; jedes Individuum hat es von neuem zu erlernen.
sein.14 So variieren die Details von Gesellschaft zu Gesellschaft. Keine Rede davon, daß nach diesem Prinzip sich im Laufe der
Aber nichts geht ohne Gaben. Liebesbeziehungen, Liebesge- Evolution unsere Gene verändert hätten. In der Tiefe seines Her-
schichten treten demgegenüber in den Hintergrund. Noch weiter zens wünscht sich der homo sapiens sapiens noch immer ein Schla-
geht es, daß selbst die intimen Beziehungen von Mann und Frau raffenland herbei, wo alles Gute umsonst zu haben ist, ohne Zah-
mit den Metaphern des ,Gebens' aufgeschlüsselt werden: Die Frau lung oder Gegengabe. In der Wirklichkeit werden die Menschen,
,gibt' ihre Jungfernschaft und erwartet dafür greifbare Gegengabe; unter Einsatz ihrer Ratio, immer nach Tricks und Gelegenheiten
anakalypteria heißen im Griechischen solche Gaben, die der Mann suchen, die Gegenseitigkeit der Verpflichtungen ein wenig einzu-
nach der Brautnacht zur Verfügung stellt. 15 Doch der Austausch schränken, zu vermeiden oder zu umgehen. Die Kunst, ,nicht zu
von Gaben ist auch Grundlage der weltweiten Praxis der Prostitu- bezahlen', möchte Strepsiades in den Wolken des Aristophanes von
VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens 165

Sokrates vor allem lernen;2 3 die ,Gegengabe' der Verzinsung, auf für die große Hekatombe", betet Mentor alias Athena zu Poseidon
die er sich eingelassen hat, ist aus seiner Sicht alles andere als er- in Pylos. Aber auch der Sänger selbst betet so zu seinen Göttinnen:
freulich. "Gebt willig für mein Lied ein herzerfreuendes Leben", was den
Im Bereich des tierischen Verhaltens gibt es nur schwache Ana- Lebensunterhalt einschließt. 28
logien zum Gabenaustausch. Was einem zunächst in den Sinn So ist es gar nicht erstaunlich, daß die erste und offenbar nächst-
kommen mag, das Füttern des Nachwuchses durch die Eltern, ist liegende Definition der ,Frömmigkeit', die in Platons Dialog
ganz anderer Art: ein instinktives Verhalten, meist auf die Mutter- Euthyphron formuliert ist, ,Opfer und Gebet' lautet, was sogleich
Kind-Dyade beschränkt, wobei gelegentlich auch der Vater zuge- als ,bitten und geben' präzisiert wird: Auf diese Weise wird die
zogen wird. Tierjunge betteln allgemein um Futter; sie können Religion allerdings sogleich zu einer ,Handelskunst' (emporike tech-
sich auf die instinktive Bereitschaft ihrer Eltern verlassen. Es mag ne). Die Ironie ist deutlich in der Gesprächsführung; denn, so stellt
sein daß das Lächeln der charis letztlich in dieser Sphäre verwurzelt sich die Frage für Platon, können wir denn wirklich den Göttern
ist, ~rwachsen9 aus der gegenseitigen Nähe und dem Einverständ- etwas geben?2 9 Doch auch im Symposion läßt Platon Diotima aus-
nis. Aber das Verhalten nach Kindchen-Schema pflegt sich dra- führen, es gebe einen ,Verkehr' zwischen Menschen und Göttern,
stisch zu ändern, wenn ein Lebewesen erwachsen und damit ,ernst vollzogen durch ,Dämonen', der in Gebeten und Opfern von der
genommen' wird. Manche Tierarten kennen Zusammenarbeit in einen Seite besteht und in Befehlen und in Gegengaben für die
der jagd; so apportiert der Hund willig seine Beute und überläßt Opfer (amoibe thysion) von der anderen Seite)O ,Befehle' der Götter
sie der ranghöheren Autorität. Es gibt etwas wie ,Geschenk- zielen zmneist auf Opfer; amoibe thysion kann insofern geradezu als
Angebot' bei den Werberitualen recht verschiedener Arten, bei Generalnenner für religiöse Interaktionen dienen, ein ,Opfer-
Vögeln und selbst bei Insekten. Dies ist ein Mittel, Aufmerksam- \ Tauschsystem' . Schon vor Platon hat der hippokratische Autor der
keit zu erregen und Angst abzubauen, zu eindeutigem Zweck. Schrift Über die Umwelt formuliert, indem er Euripides zitiert, daß
Prinzipielle, bewußte Gegenseitigkeit erwächst nicht daraus. Es die Götter sich freuen, wenn die Menschen sie bewundern, und
gibt so etwas wie eine Fleischverteilung bei jagenden Schimpan- dafür ,ihre Gunsterweise erstatten' y
sen/4 es gibt auch zumindest Ansätze zu absichtlicher, zeitlich Die Vorstellung von dem gegenseitigen Austausch von Gaben
verschobener ,Rache' bei diesen. 25 Die menschlichen Systeme des zwischen Menschen und Göttern reicht viel weiter zurück. Eines
Gabentausches gehen darüber weit hinaus. Man darf von eIner der klarsten Relikte indogermanischer Dichtung, das sich aus
universellen lnenschlichen Errungenschaft sprechen. Griechisch und Sanskrit rekonstruieren läßt, ist die Benennung der
Götter als ,Geber der guten Dinge', doteres eaon in der Sprache
Homers. 32 Mit diesem Ausdruck nimmt Homer eine Vorstellung
auf, die bereits eine Tradition von 2000 jahren hinter sich hat. Im
Gaben und Götter
Mykenischen ist der Frauenname Theodora belegt, zu verstehen als
,Geschenk der Götter')3 Der Perserkönig Dareios verkündet, daß
In der religiösen Praxis und vor allem in religiösem Sprechen ist Ahuramazda, der Schöpfer von Himmel und Erde, "alles Gute den
das gegenseitige Geben geradezu allgegenwärtig. 26 Wie in der Menschen gibt"; so gab er das Königtum dem Dareios.34 Auch ein
Anthropologie, scheint es sich auch in der Religionsgeschichte um Spruch Demokrits versichert, daß "die Götter den Menschen alles
ein universale zu handeln. Die Formel des Mantiklos, von der die Gute geben, in alter Zeit und auch jetzt", nur das Böse und
vorliegenden Überlegungen ausgingen, die Gabe in Verbindung Schädliche passiere "durch Blindheit des Geistes und Unver-
mit der Bitte um die ,erfreuliche Gegengabe', findet sich in genau stand")5 Dies alles besagt keineswegs, daß die Proklamation der
gleicher Form mehrfach in archaischen Inschriften, so in ko~nt~i­ göttlichen Gaben eine indogermanische oder griechische Erfin-
schen Votivtafeln und auf einer Steinbasis aus Smyma. 27 SIe tntt dung oder Besonderheit sei. Das Alte Testament betont immer
auch im Homertext auf "Gib erfreuliche Gegengabe für alle Pylier wieder, daß jahwe der Geber aller guten Gaben ist: Er gibt Speise
166 VI. Der Kreislauf des Gehens VI. Der Kreislmif des Gehens

für alle lebenden Wesen, er gibt insbesondere Nachkommenschaft. gibst' .44 Die direktesten Formulierungen werden aus dem indi-
Ein entsprechender Satz des Neuen Testaments ist seinerseits tra- schen Veda zitiert: "Gib du mir - ich gebe dir."45 Aber auch in
ditionsbildend, ja sprichwörtlich geworden: "Alle gute Gabe und Tansania wurde, beim Libationsopfer vom ersten Bier nach der
alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater Ernte, die Formel gesprochen: "Nehmt diesen Trunk - gebt uns
des Lichts." 36 Glück - gewährt uns Leben, Leben, Leben!"46 In der nahöstlichen
Aber selbstverständlich sind die Gaben von oben, die Gaben Weisheitsliteratur lesen wir: "Gib dem Gott alle Tage - du wirst
von Gott oder Göttern nur die eine Seite des ,Verkehrs'. Ihnen die entsprechende Gegengabe erhalten." Dabei finden wir aus-
müssen die Gaben antworten, die von den Menschen kommen. drücklich den Terminus ,Anleihe, Kredit' verwendet, wie auch im
Nur auf diese Weise können wir unseren Dank in Freundlichkeit Alten Testament: "Wer sich des Geringen erbarmt, der leiht
abstatten, charitas apodidonai, wie die Griechen sagen.3 7 In der For- Jahwe, und seine Guttat wird er ihm vergelten. "47 Selbst Jesus, laut
mulierung des Neuplatonikers Sallustios gilt: "Da wir alles von den Matthäus, empfahl unauffälliges Almosen-Geben mit der Verhei-
Göttern haben und da es gerecht ist, den Gebern Erstlingsopfer ßung' der Vater werde dies "vergelten öffentlich".4 8 Vorsichtige
von dem, was sie geben, zu erstatten, so geben wir denn Erstlings- Fromme machen ihre Investition auf Kredit, in der Gestalt der al-
opfer von Geld durch Weihgeschenke, vom Körper durch Haar- lenthalben üblichen Gelübde. "Du wirst doppelte und dreifache
opfer, vom Leben durch Tieropfer."3 8 "Du sollst nicht mit leeren Rückzahlung willig einwechseln", verspricht im Drama des
Händen zu mir kommen", gebietet Jahwe; alle Völker sollen ihm Aischylos der Chor dem Zeus für seine Hilfe49 - welch lockende
ihre Gaben bringen.3 9 Nach einem westsemitischen Text ist es der Empfehlung für den Investor! Aber meist ist es eben der Opferer,
Gott Hadad, der "Weiden und Wasser für die Menschen aller der glaubt, gewinnbringend zu investieren. Das Opfer soll ,hundert
Städte gibt, der einen Anteil am Opfer den Göttern, seinen Brü- Rinder einbringen' - dies ist offenbar der ursprüngliche Sinn der
dern, gibt"40 - der Kreislauf der Gaben bezieht die Gesellschaft der sprichwörtlichen Hekatombe, des ,Hundert-Rinder'-Opfers. 50 "Gib
Götter mit ein. So hat Mantiklos seinen ,Zehnten' dem Gott mehr, und du wirst mehr erhalten. "51 In der Praxis der Votivreli-
ApolIon geweiht. Auch Sokrates versteht Opfer als ,Gaben' der gion findet man oft die Idee eines kontinuierlichen Kreislaufs im
Menschen an die Götter, die man mit Gebeten begleitet, die ih- Austausch der Gaben: Man gibt dem Gott, weil er gegeben hat,
rerseits Gegengaben verlangen. 41 So sind denn beide Seiten zur damit er auch weiterhin gebe. "Jungfrau Athena, auf der Akropolis
Erstattung von Gegengaben verpflichtet. In der llias weiß und hat Telesinos, Sohn des Ketis, ein Schmuckstück aufgestellt: Mö-
fühlt Zeus, daß er Hektor helfen müßte; denn dieser "hat viele gest du, dich daran freuend, ihm geben, daß er wieder einmal ei-
Rinderschenkel verbrannt, auf dem Ida und in der Stadt Troia". nes aufstellen kann." "Herrin, dieses Erstlingsopfer hat Menandros
Dementsprechend drängt in der Odyssee die Göttin Athena die an- aufgestellt; er hat damit sein Gelübde erfüllt und Dir Dank abge-
deren Götter, dem Odysseus endlich zu helfen, denn dieser "hat stattet ... Schütze ihn, Tochter des Zeus, und bewahre deinen
Heiliges den Göttern gegeben, mehr als andere" Y Spitzer ist die Dank ftir dies."52 In Rom opfert die Familie der Vertulei dem
Formulierung in dem altbabylonischen Epos Atrahasis: Um Dürre Hercules an der Ara Maxima den Zehnten ihres Gewinns mit der
und Hungersnot zu wenden, wenden die Menschen dem Gott des Bitte, er möge sie "oft dazu verurteilen, ein Gelübde zu bezah-
Regens ihre ausschließliche Verehrung zu, sie erbauen einen len".53 Für den Bauern wird das landwirtschaftliche Jahr zu einem
Tempel und bringen außergewöhnliche Opfer dar: "Der Gott Kreislauf der gegenseitigen Gaben: Das Getreide ist Geschenk der
wird Scham empfinden ob der Gaben", heißt es - und so ge- Demeter; man nimmt es in Empfang zur Erntezeit, wobei Erst-
schieht's; der Gott "empfindet Scham ob der Gaben" und stoppt lingsopfer von der Gabe für die Geberin fällig sind, um den Fort-
das V emichtungsprogramm. 43 gang zu sichern. Es dürfte den frühen Ackerbauern schwer gefallen
Die religiöse Haltung, die so offen und ünmer wieder zur Spra- sein, einen Teil des Getreides dann wieder in die Erde zu werfen,
che kommt, hat man - längst ehe die Mantiklos-Statuette bekannt während der Winter herankommt,54 doch eben dieses Hingeben
wurde - als das Prinzip des do ut des benannt: ,Ich gebe, damit du garantiert den ,Reichtum' des nächsten Jahres. Lebenspraxis und
168 VI. Der Kreisla~if des Gehens VI. Der Kreislauf des Gehens

religiöse Vorstellung treffen sich in dem Prinzip des Kreislaufes (2) Wie könnte dieses Prinzip in der Religion so dominant wer-
von Geben und Empfangen. 55 den, wo doch die eine Seite des Verfahrens, der eine ,Handels-
Dabei erlaubt das da-ut-des-Prinzip, wie sich schon zeigte, durch- partner' notwendigerweise immer im Nebel bleibt? Dies impliziert
aus Variationen; fur Mantiklos würde es heißen: da quia dedi (,gib, die dritte Frage: Warum hängt beides, soziale Gabe und religiöse
weil ich gegeben habe'), fur die Athena der Odyssee: date quia dedit Gabe, so eng miteinander zusammen?
(,gebt, weil er gegeben hat'), doch auch da ut dem (,gib, damit ich
gebe'), ist ein Prinzip der Hoffuung;5 6 im. Kreislauf der Votivreligi-
on gilt die Erweiterung da quia dedisti ut des (,ich gebe, weil du ge- Genealogie der Moral?
geben hast, damit du gibst'). Dies ist die eigentliche Garantie der
Stabilität; wie es eine hellenistische Königsinschrift aus Ägypten Die Gegenseitigkeit von Gabe und Gegengabe ist eine Form der
ausdrückt: König Ptolemaios und seine Gattin, die den Beinamen Moral. Die Frage, wie Moralität sich je entwickeln konnte in einer
,Wohltäter-Götter' (Theai Euergetat) fuhren, "erweisen beständig natürlichen Welt, die von dem Kampf ums Überleben im Sinne
viele große Wohltaten fur die Heiligtümer im Lande, und sie ver- Darwins beherrscht ist, hat eine neue Dimension angenommen
größern die Ehrungen fur die Götter immer mehr ... Dafur haben durch Spieltheorie und Computer-Simulation. Durch diese Ver-
die Götter ihnen den guten Bestand ihres Königtums gegeben und fahren ist nicht nur die ältere und naivere Annahme einer
-werden alles weitere Gute fur alle Zeit geben".5 7 ,Gruppen-Selektion', wie sie vor allem im sogenannten Sozialdar-
Es fehlt in der Religionsgeschichte freilich auch nicht an Prote- winismus zu Beginn unseres Jahrhunderts behandelt wurde, wi-
sten gegen diese profitliche, ja kumpelhafte Gegenseitigkeit. Voran derlegt worden, sondern auch der Ansatz von Durkheim und
steht J esus, der die Symmetrie zerbricht: "Geben ist seliger denn 'I Mauss, die, in ausgesprochenem Gegensatz zu Darwin, die Priori-
nehmen. "58 Gott schenkt ohne Gegenrecht, und so sollten auch tät der Gesellschaft gegenüber dem Indviduum verfochten. 61 Es ist
Menschen nicht Entsprechung erwarten und diese nicht gen au klar, daß Gerechtigkeit und Zusammenarbeit von Vorteil fur die
bemessen; Jesu Vorbild sind die Kinder, die ohne eigene Leistung ,Gruppe' sind und sich darum in der Durchsetzungsfähigkeit und
um Nahrung bitten. Ein altchristlicher Text verschärft sogar: im Erfolg der Gruppe auswirken sollten; der größere Vorteil j e-
"Wehe dem, der nimmt."59 Und doch hat die Tradition christli- doch fällt scheinbar demjenigen zu, der betrügt und so die Vorteile
cher Gesellschaft die Reziprozität im Tauschhandel und auch die ohne den geforderten Aufwand genießt. Es sind die ,selbst-
Justiz der ,Vergeltung' wiederhergestellt. Eine sublime Überhö- süchtigen Gene', die auf diese Weise sich manifestieren und
hung des Handels mit Gott findet sich im Islam formuliert: "Gott durchsetzen. 62 Ein konstruiertes Muster fur die Alternative von
hat den Gläubigen ihre Person und ihr Vermögen dafur abgekauft, Kooperation oder Betrug ist berühmt geworden, das ,Gefangenen-
daß sie das Paradies haben sollen. "60 Allah ist mit seiner Transakti- Dilemma' :63 Wenn zu wählen ist zwischen Solidarität und Verrat,
on allen zuvorgekommen; es bleibt den Gläubigen, lebenslang An- wobei einer nicht weiß, was der Partner tun wird, und wenn im
zahlungen zu leisten fur den großen Gegenwert, der ihnen zusteht. Einzelfall der Verrat den Vorteil bringt gegenüber dem Verraten-
Aus der Perspektive der Anthropologie und der Religionsphä- Werden, was ist dann die bessere Wahl? Man hat Computerspiele
nomenologie stellt sich ein doppeltes Problem: nach solchen Regeln laufen lassen mit dem Ergebnis, daß bei vie-
(r) Wie konnte das Prinzip der Gegenseitigkeit im ,Geben' ent- len Wiederholungen die ,anständigen' Strategien mehr Erfolg ha-
stehen, ja zu einem universale der menschlichen Kulturen werden, ben als jene aggressiven Strategien, die so oft wie möglich zu be-
inmitten des berüchtigten Überlebenskampfes von gierigen und li- trügen versuchen. Man sollte mit Kooperation beginnen, allerdings
stigen Individuen, die doch viel mehr von dem Wunsch beseelt einen Betrug sofort mit Gleichem vergelten. Man nannte dies die
sind, zu nehmen und nicht zurückzugeben? Dies ist im Grund die ,Strategie des Übelnehmens' (grudger's strategy); das Spiel lief unter
Frage nach dem Ursprung von Zusammenarbeit und Moralität in dem Namen ,TIT for TAT'.64 Man könnte ebenso gut von der
menschlicher Gesellschaft überhaupt. Strategie der ,erfreulichen Gegengabe' sprechen. Kann man daraus
VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislmg des Gebens 17 1

schließen, daß im Lauf der langen Zeit menschlicher Interaktionen bringen würden. Man beachte, daß das Phänomen offenbar in an-
Kooperation, Reziprozität, ,Vergeltung' im vollen Sinn ihre Nütz- thropologischer Sicht universal heißen kann; es entsteht an ver-
lichkeit erwiesen haben und darum zu traditionellen Werten erho- schiedenen Orten bei verschiedenen Gelegenheiten, ohne direkte
ben worden sind, bzw. daß Strategien dieser Art wegen ihres Er- Tradition; es ist spezifisch menschlich - Schimpansen gebrauchen
folges zur Nachahmung reizten und so allgemein überhand nah- es nicht.
men? Dabei sind allerdings Spiele dieser Art nur sehr vereinfachte Das Verfahren des ,stummen Handels' hat evidente Analogien zu
Modelle all jener komplexen Prozesse, die seit Jahrtausenden in manchen Formen der Darbringung von Gaben an höhere Mächte:
menschlichen Gesellschaften im Gange sind. Die Opfergaben werden an bestimmtem Ort außerhalb der norma-
Ein Phänomen, das in diesem Zusammenhang Interesse bean- len Alltagssphäre deponiert, der Geber macht durch lautes Gebet
spruchen kann, ist der ,stumme Handel'.65 Man hat ihn die auf sich aufmerksam und zieht sich zurück, manchmal ,ohne zu-
,Urfonn des Außenhandels' überhaupt genannt. Die klassische rückzublicken', und wartet auf die erfreuliche Gegengabe. In Grie-
Beschreibung findet sich bereits bei Herodot: Die afrikanische chenland findet sich ein solches Verfahren vor allem im Zusam-
Küste südlich von Gibraltar, berichtet er, wird regelmäßig von menhang mit den Erstlingsgaben von Feld- und Baumfrüchten. Im
phönikischen Schiffen besucht. "Wenn sie ankommen und ihre Lauf des Jahres werden die jeweils reifenden Erträge, die horaia, re-
Ware ausgeladen haben, legen sie diese in Reihe am Strand aus, gelmäßig an einem einfachen Altar niedergelegt, manchmal auch
gehen dann in ihre Schiffe zurück und geben ein Rauchzeichen. einfach auf der Erde am Ort der Verehrung für lokale Heroen und
Wenn die Einheimischen den Rauch sehen, gehen sie zum Meer Nymphen oder fur die zuständigen Götter. Dies ist ein Glied im
und legen dann an Stelle der Waren Gold nieder; dann gehen sie Kreislaufjener Gaben, die man vollzieht und erwartet; denn das Le-
wieder weg von der Ware. Dann steigen die Karthager aus und ben hängt davon ab. Was allerdings solches Handeln vom ,stummen
betrachten sich die Sache, und wenn das Gold ihnen dem Wert Handel' unterscheidet, ist das freundliche Lächeln, die charis, die mit
der Ware zu entsprechen scheint, nehmen sie dieses und fahren ab; den Gaben an die Götter einhergeht, an Stelle stummen Mißtrau-
wenn der Wert nicht stimmt, gehen sie zurück auf die Schiffe und ens. Man pflegt die Gaben ja auch zu schmücken, und sei es nur
bleiben liegen, die Einheimischen aber kommen heran und legen durch ein paar Blumen, die man dazulegt. 68
weiteres Gold hinzu, bis sie die Partner überzeugt haben. Keine Aber gerade die Ähnlichkeit läßt das ,Gefangenen-Dilemma' mit
der beiden Parteien verstoße gegen das so geregelte Recht. "66 besonderer Dringlichkeit zurückkehren: Wie kann solche Praxis
Spätere Autoren berichten, daß der Seidenhandel mit China nach sich durchgesetzt haben, wo doch die ,Gegengabe' keineswegs
solcher Methode abgewickelt werde. 67 Ähnliche Formen haben sicher und deutlich ist? Das Prinzip der Gegenseitigkeit, das im
sich offenbar überall in der Welt entwickelt. Sie scheinen auch Umgang mit dem Heiligen immer wieder bestimmend erscheint,
immer wieder spontan zu entstehen, besonders in Situationen, wo beruht nicht auf eindeutiger Elfahrung, geschweige denn auf
Mißtrauen die Kommunikation unterbindet, etwa auch im Bereich einem Nachweis durch Statistik. Es geht wohl auch nicht an,
eines ,schwarzen Marktes'. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist da- spontane Gefühle der Dankbarkeit etwa bei den Früchte-Gaben zu
bei von Anfang an anerkannt, auch ohne direkten Kontakt, ge- postulieren; Gefühle dieser Art sind kaum unabhängig von kul-
schweige Diskussion und Vertragsabschluß; Fortsetzung des Aus- turspezifischen, traditionellen Festlegungen. Das Prinzip des ge-
tausches ist auf diese Weise möglich. Die praktische Erfahrung des genseitigen Gebens läßt sich in Bezug auf die Götter nicht veri-
Profits wird verstärkend wirken; natürlich kann das System aber fizieren - so wenig wie in Bezug auf die Toten, jenen anderen
auch jederzeit zusammenbrechen, sei es durch Betrug, sei es durch Bereich, wo nach den Bräuchen fast aller Gesellschaften Gaben
Gewaltanwendung. Mit anderen Worten, es ist ein naheliegendes gespendet werden, oft sogar im Übermaß. Man kann dies kaum
Verhalten fur Menschen, ,anständige' Strategien auszuprobieren. ,natürlich' finden im Sinne des biologisch Konditionierten und
Der Erfolg liegt auf der Hand: Der Ertrag aus dem fortgesetzten ,Geregelten. Und doch herrscht es in der Religion zumal der
Handel ist weit größer, als was Betrug oder Raub im Einzelfall er- ,primitiven', archaischen Kulturen.
172 VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens 173

Athener opfern so wie ihre Vorfahren "wegen des Glücks, das von
Die ausbleibende Gegengabe: Der Vorwurf an Gott den Opfern gekommen ist",74 "Es ist gut, den Unsterblichen Ga-
ben zu geben", sagt König Priamos gegen Schluß der Ilias: 7s Die
Im Heiligtum von Samothrake, der Verehrungsstätte jener gehei- Götter haben die Frommen doch nicht im Stich gelassen; zwar hat
men ,Großen Götter', die die Menschen vor allem vor der Gefahr Zeus Hektors Leben nicht gerettet, trotz aller von diesem darge-
des Ertrinkens im Meer zu retten versprachen, wies man den brachten Opfer; doch jetzt hat er eingegriffen, so daß wenigstens
Atheisten Diagoras von Melos auf die Fülle der Weihgeschenke eine ordentliche Bestattung zustande kommen kann. Der Gaben-
hin, die da aufgestellt waren; kann sich da der Atheismus behaup- austausch, die erfreuliche amoiba, hat stattgefunden.
ten? "Es wären sehr viel mehr Weihgeschenke hier", war die Auf diese Weise zerstören die eintretenden Enttäuschungen
kühle Feststellung des Atheisten, "wenn alle die, die im Meer er- noch lange nicht den Glauben, daß alles Gute, dessen man zum
trunken sind, hier Monumente aufgestellt hätten. "69 Es gibt keinen Leben bedarf und das man erwarten darf - vor allem Nahrung,
statistischen Beweis ftir den Erfolg der religiösen Bemühungen auf Gesundheit und Erfolg - Gaben der Götter sind, der ,Geber des
Samothrake oder anderswo, eher fur das Gegenteil. Guten', oder ,Gaben von oben', wie der Apostel sagt. "Mensch,
Solche gegenteiligen Erfahrungen werden immer wieder be- sei nicht undankbar... sondern fur Sehen und Hören und, bei
kannt, und sie fuhren zur bitteren Klage. Die Katastrophe des Zeus, eben schon furs Leben überhaupt und fur alles, was dazu
Frommen ist am Beispiel des Hiob im Alten Testament dargestellt beiträgt, fur Getreide, fur Wein, fur Öl, danke dem Gott!" mahnt
und diskutiert; es fehlt nicht an Parallelen in der altorientalischen Epiktet;76 wird doch der ganze Kreis des bäuerlichen Jahres als ein
Literatur. 70 Auch in der griechischen Dichtung finden wir die Kla- Kreislauf des gegenseitigen Schenkens aufgefaßt. 77 Weit früher
gen, daß fromme Gaben an die Götter offenbar vergeblich waren. schon, in den Jägerkulturen, konnte das zu jagende Wild als ein
"Weh, Opfer meines Vaters vor den Mauern, vieltötende, von Geschenk betrachtet werden, das übernatürliche Eigentümer, eine
grasendem Vieh: Kein Heilmittel vermochten sie zu erbringen ... " Herrin oder ein Herr der Tiere, dem Jäger zukommen ließen,
- so Kassandra bei Aischylos.7 I Eine erregte Diskussion scheint sich wofur sie Anspruch auf Gegengaben hatten; würde die lächelnde
an die Katastrophe des Königs Kroisos von Lydien angeschlossen Gegenseitigkeit gestört, würden sie erzürnt, so wäre zu befurchten,
zu haben: Er hatte sichtbarlich "mehr als alle anderen Sterblichen daß sie ihre Gaben zurückbehalten. Und dies wäre die Katastro-
den unsterblichen Göttern" gegeben, vor allem ins Heiligtum von phe,78
Delphi, und fand doch ein böses Ende, als Kyros, König der Per- Die Kritik am religiösen Gabenaustausch hat auf anderer Ebene
ser, sein Land und seine Stadt eroberte. Herodot läßt Kroisos schärfer zugegriffen. Zunächst einmal: Religion kommt teuer. Die
überleben und noch Gesandte nach Delphi senden mit der Frage Rede ,Gegen Nikomachos' im Corpus der Lysias-Reden behaup-
an Apollon, "ob es fur ihn Brauch sei, seine Wohltäter zu betrü- tet, Nikomachos, der beauftragt war, die ,Heiligen Gesetze' der
gen" .7 2 Er hätte doch ,Scham ob der Gaben empfinden' müssen,73 Stadt Athen zu sammeln und aufzeichnen zu lassen, habe eine so
Die Antwort des Gottes war, daß die Katastrophe vom Schicksal umfassende Liste von Opfern zusammengestellt, daß die Stadt nach
bestimmt war, daß am Anfang die Schuld des Vorfahren stand, des diesem Codex alsbald Bankrott machen müßte,79 "Man gibt nicht,
Usurpators Gyges, und daß der Gott immerhin einen dreijährigen man nimmt", sagt der schlaue, zynische Bürger bei Aristophanes,
Aufschub zuwege gebracht habe: drei je fur sich problematische der nicht daran denkt, seinen privaten Besitz gemäß dem kommu-
Antworten; und doch schien damit die ,erfreuliche' Beziehung nistischen Gesetz der ,Weibervolksversammlung' in die Gemein-
von Gabe und Dank, die charis einigermaßen gerettet. schaft zu überfuhren; "so auch die Götter - du wirst es an den
Denn dies ist in der Tat die Strategie der Frömmigkeit, eine se- Händen der Götterbilder erkennen -: Wenn wir beten, daß sie uns
lektive und zugleich optimistische Betrachtungsweise. Dies lehrt alles Gute geben, stehen sie da und strecken die hohle Hand aus,
auch jene Anekdote um den Atheisten Diagoras: Schließlich sind nicht um etwas zu geben, sondern um etwas zu bekom_men. "80 "Es
es die Lebenden, auf die es ankommt, nicht die Ertrunkenen. Die ist nicht erlaubt, die Götter umsonst zu kennen: sie sind käuflich",
1
174 VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens 175

non licet deos gratis nosse: venales sunt, dies der höhnende Konunen- deutet nun ,Bestechung'. 88 So zeigt sich Platon schockiert über
tar Tertullians über die Heidengötter. 81 Und in der Tat, das Chri- I den Satz, den Hesiod doch offenbar ohne weiteres akzeptiert hatte,
stentum hat sich als eine ,billige' Religion durchgesetzt, zu der daß "Geschenke Götter überzeugen, Geschenke die achtbaren
auch die unteren Klassen Zugang hatten. Und doch hatte auch Könige" ,8 9 oder daß "selbst die Götter sich umwenden lassen",
Jahwe keine ,leeren Hände' bei seinen Verehrem gewünscht. Ein wie es bei Homer hieß.90 Konnten wirklich Unterweltsstrafen ab-
Vers des Aischylos ist in diesem Zusanunenhang berühmt gewor- gewendet werden durch die rechten Geschenke fur Persephone,
den: "Allein unter den Göttern hat der Tod kein Verlangen nach wie es der alte Demeterhymnus ungeniert ausspricht?9 1 In seinen
Geschenken. "82 Normale Götter, dies ist vorausgesetzt, sind gierig späteren Werken ist Platon unbeugsam in dem Dogma, daß die
nach Geschenken, und zwar bei jeder Gelegenheit. Götter, insofern sie das Prinzip des Guten repräsentieren, nicht
So scheint denn Ungerechtigkeit Platz zu greifen, wo man doch durch Geschenke und Gebete beeinflußbar sind. 92 Dies würde
die rechte und ,erfreuliche' Gegengabe erwartet. Antike Philoso- dann allerdings die zentralen Formen des Götterkultes beseitigen;
phen sahen das Problem in dieser Form: Wie kann der ,Handel' es bliebe dem Fronunen nichts als die philosophische ,Angleichung
beiderseitiger Interessen zusanunengehen mit der Herrschaft abso- an Gott', homoiosis theoi. 93
luter Gerechtigkeit, die wir von den Göttern erwarten? Wenn es Könnte man vom ,Geben' loskonunen, wäre auch eine andere
auf den Gabentausch ankonunt, muß der Reiche doch ganz andere peinliche Folge des Tauschhandels beseitigt: Der Empfänger ist ab-
Möglichkeiten haben, mit Göttern zu verkehren; großartige Ri- hängig vom Geber; also wäre der Gott abhängig v<;>n der Gabe der
tuale erfordern teure Opfer. 83 Solche Überlegungen sind früh Menschen. So heißt es im hethitischen Hymnus an Ishtanu den
schon angestellt worden. Schon Hesiod formuliert, jeder solle Sonnengott: "Sei gnädig zu diesem Mann, deinem Diener; dann
"nach Maßgabe seiner Möglichkeit" opfern. 84 Es gibt dann Anek- wird er dir weiterhin Brot und Bier opfern." "Woher wirst du von
doten, wonach die Götter schlichte Opfer eines armen, fronunen ähnlicher Hand die Ehrung schöner Opferspeisen bekonunen?"
Mannes, Erstlingsfrüchte etwa oder ein wenig Weihrauch, höher oder: "Welches bessere Stück Land werdet ihr eintauschen, als
achten als die aufvvendigen Opfer der Reichen. 8s Man findet ja dieses?" lautet die unverblümte Frage an Zeus und die anderen
auch seit der vorgeschichtlichen Epoche an heiligen Stätten inuner Götter bei Aischylos.94 Selbst Christen können ähnlich beten. 9s
wieder ganz einfache, billige Weihgeschenke, meist aus Ton; sie Härter, zynischer nach unserem Gefuhl wird die Sicht der Men-
sind offenbar ein schlichter Ersatz fur das, was als eigentliches Ge- schen, wenn sie ausmalen, wie die Götter ausgehungert werden
schenk gelten könnte. Soll man von Symbolik sprechen, von Fik- könnten: So läßt Aristophanes in seinem Stück Die Vögel die ,Luft'
tion, oder gar von Betrug? "Man muß wissen", schreibt Servius, blockieren und damit den Opfer-Austausch zum Erliegen kom-
"daß im Bereich des Heiligen das Fingierte statt des Wahren ak- men, was die Götter zur Kapitulation zwingt. Die gleiche Idee
zeptiert wird." Man erzählte, wie der Gott Men eine Stele anstelle konunt noch drastischer in orientalischen Texten zum Ausdruck.
eines Rinderopfers annahm, und Herakles hatte gar seinen Spaß So haben während der Sintflut die Götter lange die Opfer der
daran, als Kinder einen Apfel anstelle eines Widders ,opferten'. 86 Menschen entbehren müssen, weshalb sie beim ersten Opfer, das
Fortgeschrittenere Moral postulierte, daß die Götter die Gesinnung der Sintflutheld dann veranstaltet, sich "wie die Fliegen" sam-
oder das ,Herz' des Verehrers ansehen, nicht den Wert der Gabe; meln. 96 "Wenn ihr die Menschheit vernichtet, werden sie ihre
so die Bibel, so auch griechische Weisheit. 87 Nahrung nicht mehr den Göttern geben, niemand wird Brot oder
Tiefer geht die Kritik, die besonders Platon formuliert hat: Ge- Libation darbringen" , erklärt ein hethitischer mythologischer
schenke an die Götter sind eine Art Bestechung. Mit dem Fort- Text. 97 "Du kannst deinen Gott dazu bringen, dir nachzulaufen
schritt der öffentlichen Organisation in den Stadtstaaten, mit wie ein Hund", formuliert gar ein Text der mesopotamischen
schriftlichen Gesetzen einerseits, einer von Geld bestinunten Weisheitsliteratur. 98
Marktwirtschaft andererseits wurden die alten Formen gegenseiti- Trotz der Bemühungen der Philosophen, eine sublimere Theo-
gen Gabenaustauschs suspekt: dorodokia, ,Geschenk-Annahme', be- iogie zu schaffen, ist die Gabe indessen nicht aus der Praxis der
-,
I

VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens 177
Religion verschwunden, im Gegenteil. In der Praxis gilt nahezu teilen. Gaben setzen einen gewissen Überschuß der Produktion
überall noch immer, daß die Kommunikation mit dem Göttlichen voraus; solcher Überschuß wechselt im Schenken den Besitzer, im
sich im gegenseitigen Schenken vollzieht oder jedenfalls davon be- Umgang mit Göttern wie im Umgang mit Toten. Man kann ihn
gleitet ist. Der Kreislauf des Gebens wiederholt sich auf menschli- vernichten, man kann ihn ,rezyklieren'. Das eine erscheint uns als
cher Ebene, innerhalb der Gemeinschaft oder der Hierarchie der irrational - und darum vielleicht als ,rein religiös' -, das andere als
Gläubigen. Man könnte versucht sein zu behaupten, daß jede Re- die rationale Lösung: ,Bitte keine Blumen - Spenden erbeten an
ligion, unter anderem, ein System zur Mobilisierung von Ge- Amnesty International' lesen wir heutzutage auf Traueranzeigen.
schenken ist. Etliche der sogenannten ,neuen' Religionen geben Trotzdem geht es nicht ohne Blumen auf dem Friedhof Nun,
die drastischsten Beispiele. 99 beide Praktiken bestehen offenbar schon seit Jahrtausenden neben-
einander; es gibt auch da keine simple, vernünftige Entwicklung
vom einen zum andern.
Der virtuelle Kreislauf: Die Tatsachen des Rituals Für die zeremonielle Vernichtung wertvoller Güter gibt es min-
destens drei eindrucksvolle Formen: Im Wasser versenken, ver-
Wenn es paradox erscheint, daß Gabe und Gegengabe in allen brennen, oder einfach ausgießen, sofern das Köstliche flüssig ist. 100
Formen von Religion so wichtig sind, so gehört dazu ein zweites AußerdelTI kann man mehr oder weniger wertvolle Beigaben mit
Paradox: Es ist fur den Blick des Realisten so gut wie imm_er deut- den Toten zusammen begraben. Bräuche dieser Art gibt es seit der
lich, daß die frommen Gaben den Empfänger nicht erreichen. Mit Vorgeschichte, mindestens wohl seit dem Jungpaläolithikum; es
anderen Worten, es gibt hier ein auffallendes Auseinanderklaffen gibt sie in der ganzen Welt, sie spielen aber eine besondere Rolle
von religiösem Postulat und tatsächlich vollzogenem Ritual, das im Altertum. Versenkungsopfer sind verbreitet; sie sind archäolo-
aber nicht zu stören scheint. Die Gebetssprache, die mit dem Ge- gisch gut nachweisbar, vor allem falls Moore statt Seen oder flüs-
ben einhergeht, betont bewußt und beständig die Gegenseitigkeit sen dafur gebraucht wurden. Wertgegenstände, Tiere und selbst
der Kommunikation; das Ritual kann dies jedoch nicht anschau- Menschen sind offenbar in solcher Weise als ,Gaben' zum Ver-
lich machen. Die zuvor gestellte Frage, wie das Prinzip des Gebens schwinden gebracht worden. Manchmal werden Gegenstände ab-
in der Religion so wichtig werden konnte, trotz der ,Undeut- sichtlich unbrauchbar gemacht, indem man etwa Keramik zer-
lichkeit' der überweltlichen Partner, muß sich angesichts dieser bricht, Waffen verbiegt~ bevor sie deponiert oder versenkt werden.
Beobachtungen ändern; sie findet eine partielle, vorläufige Ant- Denn der Akt muß unumkehrbar sein. Dies ist wichtiger als die
wort: Die Gegenseitigkeit, die von Seiten der Götter undeutlich Frage der Neugier, wie denn die Gabe den etwaigen Adressaten
bleibt, wird von Seiten der Menschen gar nicht in Szene gesetzt. erreicht. 101 Im Wasser versenkte Objekte können freilich von ge-
Der ,Austausch' findet nur durch Formeln und Symbole statt; der schickten Menschen zurückgeholt werden - wie die Münzen an
Außenstehende könnte von Tricks sprechen, wäre da nicht der der Fontana Trevi in Rom, wo Touristen noch in spielerischer
Ernst des tatsächlichen Aufwandes. Die Dialektik von Ideologie Weise Versenkungsopfer vollziehen. Aber eigentlich sollte die Ga-
und Praxis muß seit je bestanden haben, und es besteht kein be nicht zurückkommen; der ,Ring des Polykrates' ist das warnen-
Grund zu vermuten, daß dies sogenannten Primitiven entgangen de Beispiel eines mißlingenden Opfers. 102 Eßwaren freilich und
wäre. Täuschung und Betrug sind ja keinesfalls später als Religion Preziosen, die man offen an einem allgemein zugängli(~hen Ort
,erfunden' worden. deponiert, und sei er auch heilig, werden aller Wahrscheinlichkeit
Nie bestand die Möglichkeit, den Göttern Geschenke direkt zu- i I
nach von anderen sich angeeignet und neuem Gebrauch zuge-
zusenden. Es bleiben zwei ganz verschiedene Möglichkeiten, was fuhrt. Das ,recycling' der Gaben mag hiermit beginnen. Selbst
man mit diesen Gaben anfangen kann: Man kann sie entweder wenn Menschen sich kraft religiösen Gebotes fernhalten, werden
dem menschlichen Gebrauch und Verbrauch definitiv entziehen, zumindest die Eßwaren von Tieren geholt. Allerdings läßt selbst
oder man kann sie in der menschlichen Gemeinschaft wieder aus- ein solcher Vorgang religiöse Interpretation zu: In iranischen Reli-
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VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens 179

gionen werden Hunde und Raubvögel, die Opfergaben schnap- Praktische gerichteten Jünger rasch berechnen. Dieses Geld hätte
pen, als Verkörperung von Göttern gesehen. 103 Die Griechen wa- man doch den Armen geben können, murren sie; doch Jesus
ren eher geneigt, die Raben an den Altären als Tempelräuber zu nimmt die zeremonielle Vernichtung des Wertvollen an, versteht
bezeichnen. Auch Abraham jagt die Raubvögel weg, während er es als Vorwegnahme von Totenehrung, Totenopfer. 109 Tote mit
jenes besondere Opfer darbringt, bei dem J ahwe zwischen den Wohlgerüchen zu salben ist nur wenig rationaler als sie mit Blu-
Hälften des zerteilten Tieres durchgehen wird. 104 men zu schmücken, wie es schon der Neandertaler tat.
Dramatischer, effizienter und offensichtlich endgültig ist die Das ,recycling' der Gaben indessen, woran Jesu Jünger denken,
Vernichtung durch Feuer. Man kann sich dabei vorstellen, wie der ist auch ein durchaus alter Brauch. Es liegt dem Tempelsystem zu-
Rauch, der zum Himmel steigt, Gott oder die Götter direkt er- grunde, wie es sich im Nahen Osten und in Ägypten entwickelte,
reicht. Im Westsemitischen und im griechischen Opferritual ver- ja es ist geradezu condicio sine qua non fur diese Kulturen. IIO Denn
brennt man nur Teile des Opfertiers, und zwar gerade, was nicht das Tempelpersonal lebt indirekt von den Abgaben, die man dem
eßbar ist. lOS Ganze Tiere zu verbrennen, was die Griechen holo- Tempel zu bringen pflegte; regelmäßige Geschenke werden zum
kauston nannten, kam in Israel zu besonderer Bedeutung: Es be- Steuersystem. Die Abgabe des ,Zehnten' scheint sich sehr früh
stimmte den täglichen Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem. Phö- eingespielt zu haben. I I I In mesopotamischen Tempeln erhielten
nizier und Karthager haben, wie es heißt, auch Kinder ver- dann die Götter in täglicher Zeremonie ihre regelmäßigen Mahl-
brannt. l06 Eine schlichte und unschuldige Form der Götterehrung zeiten, wozu die Statuen ins Speisezimmer verbracht, Tische ge-
ist das Verbrennen von wohlriechendem Holz und speziell von deckt, Speise und Trank aufgetragen und Weihrauchständer ent-
Weihrauch-Harz; der Gebrauch von Weihrauch breitete sich von zündet wurden; dankenswerterweise blieben die Speisen unberührt
den Semiten her in der ganzen Mittelmeerwelt aus und forderte und standen danach den Priestern und allen anderen vom Tempel
einen schwungvollen Handel mit Südarabien, der einzigen Quelle Abhängigen zur VerfugungY2 So konnten Gruppen von Speziali-
der begehrten Substanz. 107 Es galt dies als das minimale Opfer, das sten ohne Unterhaltssorgen an einem Ort zusammenleben; aller-
man schließlich im römischen Reich unter Diokletian von allen als dings bedeutet dies auch ein System eifersüchtig zu hütender Pri-
Zeichen der Ergebenheit verlangte; die Christen lehnten es ab, vilegien. Ähnlich war es in Ägypten. Selbst die Speisen fur die
übernahmen aber später den Gebrauch von Weihrauch in den ei- Toten, die in Ägypten eine solch große Rolle spielen, wurden in
genen Gottesdienst. bestimmter Weise zugunsten der Lebenden ,rezykliert', auch wenn
Eine andere alte und schlichte Form zeremonieller Vernichtung, die frommen Inschriften davon nicht sprechen. Der Zehnte, der
die uns fremd geworden ist; ist das Ausgießen von Flüssigkeiten, Jahwe geschuldet wird, soll im Tempel ,vor Jahwe' gegessen wer-
die Libation. Die Frustration, die sonst so leicht aus Ungeschick den, ohne daß von einer Portion fur Jahwe selbst die Rede istY3
erwächst, wird hier inszeniert. Selbst wenn nur Wasser ausgegos- An der Ara Maxima in Rom opfern die Menschen ihren Zehnten
sen wird, so wird doch Mühe zunichte, denn Wasser muß erst dem Hercules, was bedeutet, daß alle Anwesenden zum großarti-
herbeigeholt werden, manchmal von einer speziellen, entfernten gen Mahl eingeladen werden. II4 Bräuche der Toten-Mahlzeit gibt
Quelle. Meistens aber werden andere, in ihrer Art wertvolle flüs- es in mannigfachen Formen bis in die Gegenwart, und natürlich
sigkeiten verwendet, und man stellt dafur ganz besondere, kunst- sind es die Überlebenden, die da essen. Auch bei den Speise-
voll geformte und verzierte Gefäße her. Man kann dann eine Opfern, wie sie noch heute etwa in Japan oder in Südostasien üb-
komplizierte Agenda aufstellen, was wo wie oft auszugießen ist im lich sind - z. B. auf Bali, jener Insel, die nicht vom Islam verein-
Vollzug der Frömmigkeit; in jedem Fall ist unumkehrbar, was da nahmt wurde - ist der zeremonielle Akt das Darbringen und Auf-
geschieht. l08 Im N euen Testament steht die Szene mit der ,Großen stellen der Gaben; irgendwann und -wie werden sie dann doch
Sünderin' - in christlicher Tradition mit Maria Magdalena identifi- von Menschen gegessen. I I S Ähnlich darf man sich das Verfahren
ziert -: Sie zerbricht das Alabaster-Gefäß und gießt das kostbare Öl wohl fur die Minoische und die Mykenische Kultur vorstellen, wo
über Jesus, ,Nardenöl', im Wert von 300 Denaren, wie die aufs ,offering tables' die Heiligtümer charakterisieren; ,Tische', trapezai,
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standen auch in griechischen Tempeln, um Opferanteile der Göt- Weihungen; dies galt auch fur die glänzendsten und berühmtesten
ter aufzunehmen, Fleischportionen, die dann den Priestern zufie- Tempel, den Zeustempel zu Olympia, den Parthenon von Athen.
len. Doch selbst die ,Mahlzeiten', deipna, die man der unheimli- Wirtschaftliche Überschüsse verwandelten sich auf diese Weise in
chen Göttin Hekate zur Nachtzeit an Kreuzwegen niedersetzte, dauerhafte Zeichen von Prestige und Ehre; dies in einer Gesell-
wurden von hungrigen Armen sofort ,geraubt' und weggetra- schaft, die sehr stark von den Werten der Ehre, der Suche nach
gen. II6 , I Ehre bestimmt war. Doch war im religiösen Horizont zugleich die
In einer direkteren Version des ,Recyclings' werden die from- Unterordnung unter eine höhere Autorität ausgedrückt: Die Göt-
men Gaben direkt im Namen des Gottes von den Repräsentanten ter sind es, die "sich freuen, wenn sie von den Menschen geehrt
des Gottes eingesammelt. Man kann vom heiligen Betteln spre- werden" .121 Dabei waren die Reichtümer der Tempel profaner
chen; es ist besonders bezeichnend fur die buddhistischen Mönche, Nutzung keineswegs ganz entzogen: Von Athena war zu erwarten,
die Tag fur Tag umhergehen, bis ihre Schüssel mit Speise geftillt daß sie gegebenenfalls ihrem Volk von Athen mit großzügigen
ist. In der alten Welt traf man vor allem die ,Bettler der Mutter' Anleihen zu Hilfe kam. Doch im Prinzip hieß die Errichtung eines
an, die metragyrtai, die im Namen den Anatolischen Großen Göttin anathema zu Ehren einer Gottheit, den Kreislauf des Güteraustau-
auftraten. Doch gab es auch andere Arten von wandernden Se- sches zugunsten dauerhafter Ordnung abzublocken. Auf die Dauer
hern, Reinigungs- und Mysterienpriestern, die man als agyrtai freilich wollte sich die Wirklichkeit dem Ideal nicht fugen. Auch
kannte. Auch sie boten ,erfreuliche Gegengaben', indem sie göttli- wenn Tempelraub mit schrecklichsten Flüchen belegt war, sind
che Gunst dem Geber zu vermitteln wußten, Orakel, Reinigun- doch schließlich alle Tempelschätze und alle kostbaren Statuen ge-
gen, Segen überhaupt; wenn abgewiesen oder gar mißhandelt, plündert, geraubt, einer anderen Verwertung zugefuhrt worden.
drohten sie mit göttlicher Vergeltung kraft ihres Fluchs. Im N euen Das Gold des Kroisos in Delphi diente schon im 4. Jahrhundert zur
Testament gibt es einen Entwurf, wie ,Apostel' in ähnlicher Weise Finanzierung eines ,Heiligen Kriegs'. Das Ende in Gewalt ist kaum
als Gaben heischende Wanderer existieren könnten. II7 Bald jedoch ;1 verwunderlich; daß je die Freundlichkeit des Schenkens, die charis,
vermieden es die Christen, als agyrtai aufzutreten, und machten es sich in so bedeutender Weise verwirklichen konnte, war wohl das
zum Prinzip "nichts von den Heiden zu nehmen" . II8 eigentliche Wunder gewesen.
Eine dritte Art, mit Gaben an die Götter umzugehen, wurde in
der archaischen griechischen Welt besonders bedeutend: Die Ga-
ben werden weder zerstört noch rezykliert, sondern in dauerhafte Gabe und Opfer
Monumente umgesetzt, die fur imm.er im Besitz der Gottheit blei-
ben sollen; sie werden feierlich im Bezirk der Gottheit aufgestellt, Vom ,Opfer' ist im Zusammenhang des Gebens immer wieder die
als anathemata. II9 Metalle waren besonders rare Güter, weshalb Rede. In der Tat überlagern sich die Begriffe der ,Gabe an den
große Metallgegenstände als eindrucksvollste anathemata galten, vor Gott' und des ,Opfers' und sind doch nicht deckungsgleich. Die
allem die ,Dreifuße', die so charakteristisch fur die alten, großen zentrale Handlung im antiken Opfer ist das ,heilige' Schlachten ei-
Heiligtümer sind. Im Tempel zu Jerusalern war es offenbar nicht nes Tieres als Einleitung der festlichen Mahlzeit, wobei der Anteil
viel anders. 120 Diese Gaben fur die Götter waren Demonstration der Götter unbehaglich kümmerlich ist. Wie bei der eigentlichen
des Reichtums und der Frömmigkeit der Weihenden, aber auch Gabe, so divergieren auch hier das tatsächlich vollzogene Ritual
der Kunstfertigkeit der Handwerker, die in den Heiligtümern ihre und die fromme Ideologie. Das Opfer ist ganz den Göttern zuge-
Auftraggeber fanden. Indem die Weihgeschenke sich anhäuften, wandt, auch in Griechenland, und doch ist es in Wirklichkeit eben
waren sie auch Ausdruck von Macht und Ansehen des Gottes und keine Gabe. 122 Man feiert die Tischgemeinschaft in Gegenwart des
der Stadt, der das Heiligtum unterstellt war. Die Statuen der Göt- Heiligen, doch überläßt man den Göttern im wesentlichen die
ter und die Tempel selbst konnten dann zu Recht anathemata ge- nicht eßbaren Teile, die Knochen, die Gallenblase. Der Prome-
nannt werden, entstammten sie doch aufwendigen gemeinsamen theusmythos erklärte diese Verteilung des Opfers als einen Betrug,
VI. Der Kreislauf des Gebens VI. Der Kreislauf des Gebens

den der Titan gegenüber dem höchsten Gott versucht hatte. Die Zeitdimension erstreckt. 127 Dann wäre also der Gabentausch über-
Strafe blieb nicht aus, und doch besteht seither das eigentümliche haupt von einer einfacheren, doch nicht weniger bedeutenden
Ritual; dies war, "als Götter und sterbliche Menschen sich trenn- Praxis herzuleiten. Man kann dabei die geistigen Voraussetzungen
ten", sagt Hesiod. 12 3 nennen, die den Fortschritt von der Tischgemeinschaft zum Ga-
Das Tieropfer schließt das Festmahl nicht nur ein, sondern be- bentausch erst möglich machen: die Anerkennung des fortdauern-
steht ganz wesentlich aus diesem. Solch ein Fest läßt sich aus der den Anspruchs eines Partners, auch wenn er nicht gerade persön-
Praxis der alten Jäger herleiten, die die am höchsten geschätzte lich gegenwärtig ist; die Bewältigung der Zeitdimension, so daß
Nahrung beschafften und dabei den Schrecken des Tötens und die Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges als stabile Größen mit-
Sorge um. den Fortgang des Lebens zu verarbeiten hatten. 124 Die einander verrechnet werden können. Verlangt ist damit eine nach
Fleischmahlzeit stellt zugleich das Grundmuster der Essensvertei- Ort und Zeit stabile geistige Welt, wie sie wohl nur durch Sprache
lung dar, die ihrerseits eine Grundform menschlicher Zusammen- fixiert und mitteilbar gemacht werden kann, zusammen mit proto-
arbeit geworden ist. Bei Primaten gibt es Essensteilung nur in An- mathematischen Begriffen von Maß und Gleichheit. 128
sätzen, insbesondere allerdings, und dies ist bemerkenswert, wenn Wenn der Gabenaustausch mit Göttern auf kaum auflösbare
Schimpansen kleine Tiere jagen. 12 5 Bei den Menschen ist die Tei- Paradoxien fuhrt, so stellt sich jetzt dieses Problem auf neuer Ebe-
lung der Nahrung so sehr ins Zentrum gerückt, weil eben im Pa- ne in anderer Form: Welche Rolle spielen die Götter in der
läolithikum die Jägerei so wichtig geworden war. Dabei ist die Tischgemeinschaft der Menschen, wieso treten sie überhaupt in
Jagd bei den Menschen nahezu ausschließlich ein männliches Un- diese ein? Warum ist der Hinweis auf unsichtbare Partner beim
ternehmen, während ein großer Teil der tatsächlichen Nahrung Festmahl so üblich, so wichtig, daß die Zeremonien als ,heiliges'
von den Frauen durch Sammeln von Kräutern und Früchten bei- Handeln und damit als ,Opfer' benannt werden, das von höheren
gesteuert wird. So waren beide Geschlechter auf den gegenseitigen Mächten legitimiert und gefordert wird? Dabei handelt es sich hier
Austausch angewiesen. Dies kommt auch in der Bildung der doch wohl um sehr alte Traditionen, auch wenn innerhalb ver-
menschlichen Kernfamilie zum Ausdruck. Dabei kam, mag man schiedener Kulturen sehr verschiedene Vorstellungen und Bräuche
sich vorstellen, eine erfolgreiche Jagd vielen in der Gruppe zugute, zu finden sind, was die Teilnahme der Götter am Festmahl betrifft.
über die Familie hinaus; dies bot Gelegenheit zu gegenseitigen Selbst innerhalb einer einzigen Kultur bestehen hier rechte Unsi-
Geschenken und Bevorzugungen. Denn sogleich kommen die cherheiten: Nehmen die griechischen Götter eigentlich teil am
Fragen der Überordnung und Unterordnung ,auf den Tisch', in- Opfermahl? Ja, erzählt Homer, doch nur bei Randvölkern, bei den
dem die ,Teile' in rechter Größe und Ordnung auszuteilen sind. Äthiopiern etwa, oder immerhin bei den Phäaken. 129 Oder sind
Ob ,Primitive', ob Hochkultur, wir können die reale Spannung die Götter hohe Herrschaften, die fur sich und zuerst speisen, al-
und die symbolische Wertung solcher Verteilung noch ohne wei- lerdings ihren Dienern furs nachfolgende Essen genügend übrig
teres nachempfinden. Die griechischen Wörter mofra und afsa, die lassen? So erscheint es im orientalischen Tempelsystem. Oder be-
wir als ,Schicksal' zu übersetzen pflegen und mit Recht als konsti- gnügen sich die Götter mit dem Rauch, der den Himmel erreicht?
tutiv fur das griechische Weltbild erachten, heißen von Haus aus So drücken es die Israeliten und häufig auch die Griechen aus. 13°
einfach ,Teil', und sie bezogen ihre allgemeinere Bedeutung eben Jedenfalls ist das Schlachten und oft auch das Essen des Fleisches
von der Zeremonie der Fleischverteilung: Was einem ,zugeteilt' etwas ,Heiliges'; profanes Schlachten kann verboten sein,r3I und
ist, damit hat man sich schließlich und endlich abzufinden, nicht selten muß das Essen im Heiligtum stattfinden. Die Rituale,
Fleischportion, soziale Stellung und Rolle, im Gesamtrahmen ei- die das Schlachten vorbereiten und noch das Fest begleiten - Rei-
ner Ordnung und ,Verteilung' der Welt. 126 nigung, Zusatzgaben, Musik, Formen der Erhöhung und Wieder-
Man hat den Vorschlag gemacht - und zwar von außerhalb der herstellung des Opfertiers - steigern und bewältigen Regungen der
antiken Kulturen -, das Prinzip von Gabe und Gegengabe als eine Angst und Aggression. Unverzichtbar ist der Gebrauch von Werk-
Erweiterung der Nahrungs-Teilung aufzufassen, die sich in die zeug und Waffen, von Beilen und Messern, das Vergießen von
VI. Der Kreislatif des Gebens VI. Der Kreis la tif des Gebens

Blut, der Vollzug des Tötens. Nicht selten verbindet sich damit auch gar nicht erstaunlich, daß es ,Verehrung' und Opfer auch für
der Ausdruck des besorgten Wunsches, das Leben dem Herrn des ausgesprochen böse Mächte wie ,Seuche' und ,Fieber' geben kann:
Lebens zurückzugeben. l32 Insofern die Götter in das gemeinsame Man sucht gute Beziehungen, um sie fern zu halten. 136 "Die
Mahl einbezogen werden, wird die Solidarisierung der Versam- schwarzgekleidete Erinys verläßt das Haus, wenn die Götter das
melten angesichts der höheren Autorität verstärkt und insbeson- Opfer empfangen", heißt es bei Aischylos.137 Die Lex Sacra von
dere die Kontinuität in dem prekären Umgang mit Leben und Selinus enthält ausführliche rituelle Vorschriften, wie man einen
Töten gesichert. Zwei Anlagen charakterisieren schon neolithische Rachegeist, der hier elasteros heißt, durch ,Reinigung' los werden
Siedlungen und die frühesten Städte, jene Orte, wo erstmals Kon- kann; zum Schluß heißt es dann: "Wenn er dem Rachegeist op-
tinuität über viele Generationen hinweg zustandekommen konnte: fern will, soll er opfern wie den unsterblichen Göttern, doch auf
Getreidespeicher und Opferplatz. Vorrathaltung und geheiligter die Erde hin schlachten. "138 Vielleicht empfiehlt es sich, selbst mit
Verzehr müssen ins Gleichgewicht gebracht sein. Auch dies ist dem Teufel die rechten Beziehungen zu unterhalten.
noch ein Ausdruck des Gesetzes der gegenseitigen Gabe. Ein verwandter Bereich irrationalen und oft unbehaglichen
,Gebens' sind die praktisch überall üblichen Totengaben. Man
spricht zur Erklärung von der Vertrautheit und Liebe über den
Lösegeld und Gabe: Von der Panik zur Stabilität Tod hinaus, man gibt dem Glauben Ausdruck, daß es auch hier
Gegengaben gebe, mancherlei Arten von Gedeihen, das von den
Die Entsprechung von Gabe und Gegengabe ist grundlegend für Toten herkommt, insbesondere das Wachstum der Nahrung aus
alle Systeme von Austausch und Kooperation. Und doch gibt es der Erde. Man kann auch die Erde selbst als Gottheit bezeichnen,
Formen des ,Gebens', in denen der Blick auf die erfreuliche Ge- die ,alles gibt' und wieder zurücknimmt und darum auch An-
gengabe zunichte wird, dann nämlich, wenn Drohung und Gewalt spruch auf bewußte, besondere Ehrengaben hat. Geburt und Tod
am Werke sind. Formen sehr unwilligen, erzwungenen ,Gebens' kann dann zu einem großer Kreis des Gebens und Nehmens wer-
sind in der Wirklichkeit gang und gäbe: Zahlungen etwa, die in den. 139 Zugleich aber gibt es den deutlich ausgesprochenen Glau-
antiken Staaten von benachbarten Barbaren eingefordert werden, ben, daß Tote und Heroen sehr böse werden können, wenn sie
in modemen Großstädten von einer lokalen Mafia, oder auch in der Ehrungen entbehren. Also ist geboten, sie mit reichen Gaben
Situationen der Anomie von plündernden Soldaten, Piraten, Räu- ,bei Laune zu halten', hilaskesthai, damit sie von ihrer Grabesruhe
bern aller Art. Manchem Bürger mag das Steuersystem in ähnli- aus die Lebenden nicht stören. Im Hintergrund steht der Tod als
chem Licht erscheinen. Herodot schildert den Skytheneinfall, der ein mit allen Illusionen kaum zu verhüllender Horror.
angeblich bis Ägypten führte: Dort gelang es König Psammetich, Die Erzählung, die als Begründung des Opfers bei Juden,
die bösen Gäste "durch Geschenke und Bitten zur Umkehr zu Christen und Muslims betrachtet wird, die fast vollzogene Opfe-
bewegen".I33 ,Abwendung' mit ,Geschenken und Bitten', das fillt rung Isaaks durch seinen Vater Abraham, fordert vom Frommen,
zusammen mit durchaus gebräuchlicher religiöser Terminologie. alles, auch das Nächste und Liebste fraglos preiszugeben - ein so
Denn auch in religiöser Tradition werden die Gaben an die hartes, widernatürliches Gebot, daß kein Lächeln gegenseitiger
Götter nicht selten wie ein Tribut begriffen, der ihrer drohenden Vertrautheit übrig zu bleiben scheint. Die Forderung Jahwes wird
Macht zu zollen ist, um ihren sonst gefährlichen Zugriff ohne weitere Erklärung gestellt, ohne Versprechen einer Gegen-
,abzuwenden'. Nochmals ist auf den indischen Mythos vom Ur- leistung. Abraham muß durch Vernichtung im Feuer des Altars
sprung des Opfers zu verweisen, wonach der alles verschlingende ,geben', was er ,liebt'. Freilich wird das Opfer dann durch Ersatz
Gott Agni durch Butter-Libationen freundlich gestimmt wird. 134 gemildert und modifiziert, durch den Widder fürs Brandopfer,
"Ich gebe, damit du weggehst", do ut abeas, ist eine Formel, die Vorbild für das dann übliche Tempelritual zu Jerusalern.
Jane Harrison für das ,apotropäische' Opfer geprägt hat. 135 Götter Im Westsemitischen wie im griechischen Ritual finden wir immer
können dem Verehrer wie Erpresser erscheinen; insofern ist es wieder die Sequenz von Brandopfer, ,Holokaust', und nachfolgen-
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dem Opfermahl. Die scheinbar ,irrationale' Abgabe, das Vernich- ken ließ, "als Lösegeld (lytron) rur seine Sünden, als Erleichterung
tungsopfer, geht der Tischgemeinschaft voraus. Meist wird ein klei- (anesis) rur die Toten: Er wird die Gabe Gottes als Gegen-Lohn
neres Tier verbrannt, Schaf oder Schwein, dann gibt es die reichliche empfangen".1 44 Der Schenker möchte seinen aufwendigen Beitrag
Fleischmahlzeit. Das Ganze zielt offensichtlich auf den Vorteil der also sozusagen doppelt nutzen, als Bezahlung von Lösegeld und
praktizierenden Frommen, und doch steht der Verzicht voran. I~O Die zugleich als Kapitalanlage, die Zinsen bringt; er drückt damit in
Festesfreude bringt die charis, das lächelnde Gesicht der im Kult ver- der religiös-fiktiven Sphäre die beiden Aspekte des ,Gebens' aus,
trauten Gottheit zum Vorschein, worin der körperliche Genuß des das Hingeben in Angst und die Erwartung der Gegengabe.
Essens sich spiegelt. Und doch bleibt das Opfer eine ernste Angele- Die Regel der Gegengabe konnte sich aus der Tischgemein-
genheit, dominiert von Autorität, der man sich unterstellt. schaft entwickeln, in der ein Kreis von Vertrautheit begründet
Die Gaben an die Götter wie auch die Gaben an die Toten kön- wird, abgeschirmt von den von außen drohenden Gefahren - die
nen also auch unter dem Aspekt der Abgaben an drohende Über- man allenfalls durch Akte des Hingebens, Aufgebens, kontrollieren
macht gesehen werden. "Give, until it hurts", pflegen amerikani- könnte -. Es handelt sich dabei, im Umgang mit menschlichen
sche Prediger zu fordern; über charis gehen sie damit sehr bewußt Partnern und erst recht im Umgang mit dem Göttlichen, nicht nur
hinaus. Dies ruhrt schließlich zurück zu der schon vormenschlichen um eine ,nette' und auf Dauer eher erfolgreiche Strategie, sondern
Angstreaktion, in der man Wertvolles und Begehrtes von sich wirft, um ein Postulat, das in die Praxis umgesetzt wird, um eine stabile,
weil man sich bedrängt und verfolgt weiß.I4 1 Dies ist fundamentaler rationale Welt zu schaffen, eine Welt, die intellektuell wie mora-
als die Essensteilung im Gefolge der Jagd, dies ist das primär ge- lisch akzeptabel sein kann. So wird der Abgrund der Vernichtung
schaltete Programm, wobei kein Raum rur Berechnungen von aus dem Blick verbannt, wenn auch nicht ganz zugedeckt; ein zu-
Gleichheit und Gegenseitigkeit vorgesehen ist. Von hier aus zeigt gleich ,vernünftiges' und ,sterbliches' Wesen, zoon logikon thneton,
sich die Beziehung zur Jagd und zur Essensgemeinschaft erst in ihrer wie die Alten den Menschen definiert haben, kann davon nicht
ganzen Tiefe: Im Grund sind es ja zwei Aspekte des gleichen Vor- vollends absehen. Im Verhältnis zu den Göttern ruhrt die Praxis
gangs, der Beziehung von Jagenden und Gejagten, Jäger und Beute, der frommen Gaben zu einer rational-optimistischen Interpretation
die in die V orprägung eingegangen sind und ineinander umschlagen des Verlaufs des Lebens, trotz Hiob und anderen Gegeninstanzen.
können - eine Grundgestalt im gewalttätigen Lebensprozeß. Das Sinnpostulat bannt die Evidenz der Teilkatastrophen in den
Dabei hat doch eben auch solches ,Geben' als Abgeben zur Hintergrund. So ist es in der Tradition der Religion verankert, daß
Abwehr von Verfolgung seinen offenbaren Effekt. Panik kann sich man Strategien der Freundlichkeit lehrt und übt. Leben ist ange-
zu genauerem Zusehen wandeln, und mit einem Mal gelingt eine wiesen auf Optimismus - selbst dies wird man eine biologische
Manipulation mit klugem Abwägen von Gewinn und begrenztenl Notwendigkeit nennen.
Verlust. Ersatz kann ins Spiel kommen; der Verfolger wird ge-
lenkt. Man kann einen Gott dazu bringen, ,wie ein Hund' dem Merkwürdig bleibt, daß sich das Postulat der Gleichheit und Ge-
Opfer nachzulaufen. 142 Offenbar gewinnen die Gaben an Götter gengabe mit ,objektiven' Gesetzen der Realität trifft und sich dar-
ihre Besonderheit eben in dieser Doppelperspektive: Schrecken um als besonders erfolgreich in der mathematisch-physikalischen
wird überformt, zumindest maskiert durch das Angebot eines Lä- Analyse unserer Welt erwiesen hat. Die mathematischen Formeln
chelns, während der hingenommene Verlust zum Köder oder gar der Physik enthalten Gleichungen und Proportionen - ,ent-
zur Investititon werden kann; die Hoffnung auf künftige Stabilität sprechende Zuteilungen' also, pro portione -, und Postulate der
wird mit investiert. Ein manichäischer Text rät an: "Wirf diesen Symmetrie bewähren sich auf allen Ebenen. In diesem Sinn ist das
deinen bösen Besitz weg, der den Dämonen gehört - und gib ihn Gesetz der Entsprechung die Grundlage unserer rationalen, wis-
als Almosen einem sehr bedürftigen Electus."143 Sehr deutlich er- senschaftlichen Welt.
scheint hier allerdings der Eigennutz des Klerus. Eine frühchristli- Es ist kaum ein Zufall, daß gerade am Anfang der griechischen
che Inschrift hält fest, daß ein Wohltäter eine Kirche ausschmük- Philosophie dies in allgemeinster Form ausgesprochen wurde:
188 VI. Der Kreislauf des Gebens

"Alle Dinge sind Austausch (antamoibe) für Feuer, und Feuer für
alle Dinge, wie Ware gegen Gold und Gold gegen Ware" - so
Heraklit, der damit Handelsgeschäfte als Paradigma der kosmischen
Ordnung nahm. 145 Und noch vor Heraklit hatte Anaximandros
VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von
geschrieben, daß die Dinge "einander Buße und Strafe zahlen für
die Ungerechtigkeit, nach der Ordnung der Zeit" .146 Seine Formel Wirklichkeit
möchte die Vernichtung, einschließlich des individuellen Todes,
begreifbar und akzeptabel machen durch das Postulat des gegen-
seitigen Ausgleichs. Auch Platon hat dann fonnuliert, daß nur das Zeichen annehmen: Die Kunst der Seher
Prinzip des ,Zurückgebens' (antapodidonat) die Kontinuität des Le-
bens ermöglicht. Denn "wenn nicht jeweils das eine, das entsteht, Zeichen aufzunehmen und darauf zu reagieren, ist eine funda-
dem anderen Gegengabe leistete, indem es sozusagen einen Kreis- mentale Leistung lebendiger Organismen, von den primitivsten
lauf schafft, sondern wenn es nur eine geradlinige Entstehung gäbe Wesen bis zu den Primaten. 1 Die Interaktionen mit der Umwelt
vom Einen zum Gegenteiligen, wenn dies sich nicht wieder zum werden indirekt und lassen sich steuern, indem ein Etwas dazwi-
anderen zurückwendete, einen Bogen vollführte, dann würde schen tritt, das physikalische oder chemische Informationen über-
doch alles schließlich zur gleichen Gestalt übergehen bzw. den trägt. So nimmt das Lebewesen Hinweise seiner Umwelt auf und
gleichen Prozeß über sich ergehen lassen, und mit dem Entstehen reagiert darauf, meist zweckmäßig entsprechend der evolutionären
wäre es zu Ende. "147 Optimierung. Das Lebewesen kann aber auch seinerseits Signale
Sollen wir hier von einem Fortschritt der ,evolutionären Er- aussenden, auf das andere Individuen der gleichen oder auch einer
kenntnis theorie , ün Sinn von Konrad Lorenz sprechen und auf and~ren Art reagieren. Kommunikation durch Zeichen ist aller-
diese Weise die Übereinstimmung des Prinzips der Gegengabe mit dings nicht ohne Risiko. Es gibt Irrtümer und Mißverständnisse,
den Naturgesetzen erklären?14 8 Hat sich das Prinzip der Rezipro- zufällige Doppelung von Zeichen, bald aber auch gezielte Irre-
zität darum im kulturellen Bewußtsein der Menschen durchsetzen führung, schon im Bereich der Pflanzen und erst recht mit stei-
können, weil es im Umgang mit der nichtmenschlichen Realität gender Komplexität des Verhaltens bei Tieren. 2 Dennoch: Evolu-
so erfolgreich ist? Oder handelt es sich doch eher um den Durch- tion und Anpassung im ganzen Bereich des Lebens wären ohne
bruch jenes biologisch notwendigen Optimismus, der den unauf- den ständigen Gebrauch von Zeichen ausgeschlossen.
haltsamen und unwiederholbaren Fluß versinken lassen möchte, Schon bei Tieren werden durch den Wahrnehmungsapparat
um in geschlossenen Kreisläufen Stabilität vorzutäuschen? Manche vielerlei Signale in einer Weise verarbeitet, daß eindeutige Zeichen
Moderne sehen im Ideal des mathematisch geordneten Univer- heraus gefiltert und als klare Struktur erfaßt werden. Ein bekanntes,
sums eher eine Projektion des menschlichen Geistes als eine tref- einfaches Beispiel: Vögel so gut wie Menschen sehen die Zufalls-
fende Aussage über die zufällige und instabile Wirklichkeit. Und verteilung der Sterne am Himmel nicht als wirres Punktespiel,
doch behauptet die Biologie ihr Recht, sich in ihrer Weise auszu- sondern als Muster, als ,Sternbilder', die als sinnvolle Gestalten
drücken, und sei es selbst in Spiegelungen. Das Leben ist ,Homöo- zusammengehören und so zu merken sind; sie geben die Orien-
stase', ein empfindliches Gleichgewicht im Hin- und Herfließen tierung in der Nacht, fortgeschrittenes Wissen kann ihnen auch
von Materie und Energie, vorübergehende Stabilität in einem Pro- Zeitangaben entnehmen. Die Griechen sprachen von den ,Tieren'
zeß, der auf vielerlei koexistierenden Kreisläufen beruht. Insofern am Himmel, den zodia des Zodiakos, wobei sie offenbar mit den
gibt es den rechten, wenn nicht den ,gerechten', so doch den le- Augen des Jägers in die Ferne blickten, der darauf trainiert ist,
benserhaltenden Austausch. Das Postulat der Gegengabe paßt in schon aus Andeutungen in der Umwelt die verschiedenen Tiere
die biologische Landschaft und wird mit Fug und Recht in dieser .auszumachen. Man hat die himmlischen ,Tiere' dann in Verbin-
durch die religiöse Tradition getragen. dung gebracht mit dem am meisten verbreiteten Repertorium von
1
I

VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit

sprachlich gestaltetem Sinn, mit der Mythologie. Wir wissen, daß Konsequenzen absehbar werden. Die menschliche Seele erschafft
es sich hier um eine Projektion handelt, daß die Sternbilder nicht sich ihren Sinn aus dem, was ihr zuströmt. Dies ist nicht nur
,real' im Raum existieren; und doch entsteht mit ihnen ein Welt- Selbstbespiegelung oder willkürliche ,Bastelei '. Zeichen erschlie-
bild, das bald als vertraut genommen wird; man sieht die äußere ßen Wirklichkeit.
Welt in solcher Gestaltung und glaubt sie zu verstehen. "Ihr versteht es, das Antlitz des Himmels zu beurteilen" - die
Überhaupt sind ,Zeichen' daftir da, die Distanz der ,Welt' zum Rede ist von Abendröte und Morgenröte als Wetterzeichen -;
Individuum zu überbrücken; sie bleiben freilich ,Medien', die di- "die Zeichen dieser Zeit aber könnt ihr nicht beurteilen?" So
rekten Zugang oder Zugriff sogar hindern können. Zeichen schilt Jesus seine Hörer) In der Tat, im Alltagsleben werden aller-
kommen von der Umwelt, erhalten ihre Bedeutung aber nur in lei Zeichen immer wieder beachtet und gedeutet; vor allem aber
Bezug auf den jeweiligen Organismus, den aufnehmenden Ner- kommt es auf Zeichen an, wenn es um Situationen besonderen
venapparat, die ,Seele'. Sie verweisen auf eine objektive Wirklich- Ernstes geht. Die Predigt J esu zielt auf die Parusie Gottes, und
keit, die sie aber nur in Beziehung zum Empfänger repräsentieren. diese kündigt sich durch ihre Zeichen an - auch bei paganen
In vielen Spezies gibt es angeborene Reaktionen auf Zeichen, aber Göttern wäre Ähnliches zu erwarten.
es gibt auch Lernprogramme schon auf verhältnismäßig niedrigen Zeichendeutung ist in allen alten Religionen von besonderer
Stufen der Evolution. Berühmt geworden sind die Pavlov'schen Bedeutung. Auf Lateinisch wurde die Kunst der Deutung divinatio
Hunde, die lernten, eine bestimmte Wahrnehmung mit einer spe- schlechthin genannt, ,göttliche Handlung'; im Griechischen ist das
zifischen Erwartung zu verbinden und entsprechende Reaktionen Wort theos, ,Gott', ganz eng mit der Tätigkeit der Seher assoziiert. 4
zeigten. Man achte auf die Zeichen: Dann weiß man Bescheid, In den mesopotamischen Tempeln beobachtete man die ,gött-
was zu erwarten ist. lichen' Zeichen und berichtete darüber aufs Genaueste an den Kö-
Im Gefolge der Sprachtheorie von Fernand De Saussure haben nig; ganze Bibliotheken sind mit entsprechenden Aufzeichnungen
wir uns angewöhnt, von der ,Willkürlichkeit des Zeichens' auszu- geftillt. Auch Jahwe sprach zu seinem Volk durch Zeichen. 5 Im
gehen. Zeichen sind nicht unverändert vorgegeben, sie sind er- westlichen Mittelmeergebiet gewannen die Etrusker besonderes
setzbar. Im Zeitalter der Elektronik sind wir vollends damit ver- Ansehen durch die Kunst ihrer Seher, die zu einer systematischen
traut, daß Zeichen einer unbegrenzten Serie von Transformatio- Wissenschaft (disciplina) entwickelt wurde; sie wurde in ,Familien'
nen unterliegen können; die Frage ist nur, ob der gesamte weitergegeben, wenn auch unvorhersehbare charismatische Bega-
Informationsgehalt bewahrt bleibt. Von der anderen Seite her hat bung wohl unverzichtbar blieb. 6 Dagegen haben Christentum und
man die Vorgänge psychischer Projektion genauer untersucht; der Islam die Seherpraxis entscheidend abgewertet, zumindest auf offi-
Rohrschach-Test etwa geht davon aus, daß zufällige Anordnungen ziellem Niveau. Viele Formen bestehen trotzdem fort und tauchen
visueller Eindrücke in einer Weise von der betreffenden Person auch in modernen Gesellschaften wieder auf, vor allem in Krisen-
gesehen werden, die von ihren eigenen Vorlieben und Problemen zeiten. Man kann die Zeichendeutung nicht leicht aus dem Be-
bestimmt ist. Die Bedeutung von Zeichen stammt vom Empfän- reich der menschlichen Erfahrungswelt verbannen; sie ruht auf
ger. sehr alten Fundamenten.
Und doch ist ein solcher Vorgang nicht solipsistischer Art. Wir Die Römer unterschieden ,natürliche' Zeichen, wie man sie
erfahren Bedeutung als einen Strom, der unserem Bewußtsein ent- etwa im Vogelflug ausmachen konnte, und ,künstliche' Zeichen,
gegenfließt; eine äußere, unabhängige, zumindest teilweise fremde die mit besonderen zielgerichteten Tätigkeiten zu gewinnen wa-
Welt präseptiert sich in verschiedenen Medien. Damit zurechtzu- ren, etwa durch Schafeschlachten. 7 Die Grenzen zwischen den
kommen, Orientierung zu gewinnen und festzuhalten, dies ist eine Bereichen sind aber nicht starr: Auch die Vogelbeobachtung kann
Leistung der Intelligenz und der Einftihlung. Die Interpretation ist zu einem umständlichen Apparat ausgebaut werden, während etwa
eine Anpassungsleistung, die eine Integration des Aufzunehmen- Schlachten auch als alltägliche Verrichtung doch besondere
den mit bereits Bekanntem zustandebringt, so daß auch etwaige ,Zeichen' liefert. Zeichen als Bedeutungsträger müssen sich freilich
VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Atifschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 193

VOlll Gewöhnlichen abheben, und zudem müssen sie unvorhersag- zum Sieg fuhrt. IO Es gibt aber auch geheimere ,Zeichen': Das
bar sein. Ob man die einfachsten oder die verkünsteltsten Formen Rauschen des Laubs an einem Baum oder das Glitzern des Wassers
der Wahrsagung gebraucht, entscheidend ist, daß die Aussage eben einer Quelle kann Botschaften vermitteln. I I Eine besondere Rolle
nicht im. voraus bekannt ist und daß sie auch nicht durch Manipu- fällt den Vögeln zu. Der Flug von Vögeln ist so gar nicht voraus-
lation zustandekommt; es gehört die Spannung der Beobachtung sagbar und doch leicht zu be9bachten und zu beschreiben. Mögli-
dazu, die Ungewißheit, die sich in Überraschung löst - selbst cherweise geht die Beobachtung von Vögeln in der Evolution des
wenn es sich nur um einen fallenden Würfel handelt. Anders ist Menschen sehr weit zurück, kann sie doch bei der Jagd und be-
nur der Sprachgebrauch im Evangelium des Johannes, wo immer sonders beim Auffinden von Aas ihre Rolle gespielt haben. Jeden-
wieder gesagt wird, daß Jesus ,Zeichen tut' (poiein semeia):8 Die falls sind es die Raubvögel, oionoi auf Griechisch, die die wichtigen
Wundertaten, die er vollbringt, zeigen die göttliche Gegenwart an; Zeichen geben, von Mesopotamien bis Italien und drüber hinaus.
und doch gibt es viele, die diese Zeichen verkennen. Zwölf Adler erschienen, als Rom durch Romulus gegründet wur-
Erfolg ist zu erreichen, wenn es gelingt, das rechte Zeichen im de, das ,größte Zeichen', augurium maximum, fur den Gründer der
richtigen Augenblick zu erkennen und ,anzunehmen'; indem es in Sta~t. In Homers llias ist Kalchas der ,weitaus beste Vogel-
die besondere Situation integriert wird, entsteht ein umfassenderes Spezialist' , der ,durch seine Seherkunst' die Griechen gegen Troia
Sinngefuge, ein Weltentwurf, der Folgen hat. Beispielhaft ist etwa fuhrt. Ältere akkadische Texte beschreiben genau, was das Er-
die Erzählung, durch die Herodot den makedonischen Königs- scheinen eines Falken fur einen Heereszug bedeutet, je nachdem
mythos wiedergibt: Perdikkas, aus der Familie der Argeaden, die ob er nach rechts oder nach links, nach vorn oder nach hinten sich
Herakles als ihren Stammvater nennt, hat sich als Hirte bei einem wendet. 12 Freilich wird schon bei Homer kritisch bemerkt, daß
bösen König verdingt. Als er seinen Lohn verlangt, weist der Kö- nicht jeder Vogel Träger eines Zeichens ist. 13 Später, in der helle-
nig hohnvoll auf den Sonnenschein hin, der eben durchs Dach auf nistischen Epoche, haben sich Juden über die Seher mokiert: Wie
den Herd fällt. Perdikkas sagt ebenso prompt wie überraschend: leicht kann eine geschickter Bogenschütze einen angeblich weissa-
,Ich nehme an' und ,schöpft', mit einer demonstrativen Geste, die genden Vogel erschießen und damit beweisen, daß das dumme
Sonne in den Bausch seines Gewandes. Durch dieses ,Annehmen' Tier nicht einmal sein eigenes Schicksal vorausgesehen hat. 14 Und
ist der arrogante Spruch des Königs, der dem Knecht so viel wie doch blieb es noch fur die christlichen Kaiser schwierig, die auspi-
,nichts' geben wollte, verwandelt in ein Zeichen der Macht: Für da abzuschaffen, die Zeremonien der Vogel-Beobachtung, auf die
immer werden Perdikkas und seine Nachkommen mit dem gro- sich die römischen Heere so viele Jahrhunderte lang verlassen hat-
ßen Licht verbunden sein, das den Himmel beherrscht, der Kö- ten.
nigssonne von Makedonien. 9 Indem er das Zeichen akzeptierte, Die Kunst der Seher entfaltet sich besonders anläßlich der Op-
gewann Perdikkas die reale Macht, auf die das Zeichen verwies, fer. Im ernsten Umkreis der heiligen Handlung, der res divina, ge-
das Königtum von Makedonien. winnen alle Einzelheiten die Bedeutung von ,Zeichen': Wie die
Auch zufällige Ereignisse können zu ,Zeichen' werden, indem Flammen aufzüngeln, wie die Gallenblase birst, wie die Knochen
man sie ,annimmt'. Eine Person, die man in einem kritischen Au- sich spalten. Als die wichtigsten Teile, die beim Zerlegen zu be-
genblick antrifft, ein Name, der fillt, kann sich unversehens mit achten waren, galten die Innereien, besonders die Leber. Die Le-
Bedeutung fullen und damit die Zukunft bestimmen. Während die berschau läßt sich vom alten Mesopotamien bis Etrurien verfolgen,
Entscheidungsschlacht von Plataiai sich anbahnt, hat der spartani- wobei Griechenland und Rom in unseren Zeugnissen hervortre-
sche König mit einem Teil des Heeres auf der Insel Delos Position ten. Wahrscheinlich gab es interkulturelle Diffusion; doch ist auch
bezogen; Gesandte von Samos drängen, die Perser jetzt auch in von bedeutenden lokalen Verschiedenheiten der Deutungsmetho-
Ionien anzugreifen. Der König fragt nach dem Namen eines Ge- den die Rede. 15 Übrigens findet sich auch in anderen Kulturen die
sandten: Er heißt Hegesistratos, ,Anfuhrer des Heeres'. "Ich nehme Tendenz, ,Zeichen' beim Schlachten zu beobachten. So ist es etwa
dies an", sagt der König, und beginnt das Unternehmen, das dann heim Schafeschlachten im modernen Griechenland und im :t;3alkan
194 VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 195

üblich, daß einer versucht, im Schulterblatt des Tieres zu ,lesen', duen, Gruppen, Gemeinden mit ihren Institutionen auf der ande-
als ob da eine schriftliche Botschaft verzeichnet stünde. 16 ren können an den Aktionen und Reaktionen partizipieren, die
Es gibt noch vielerlei andere Arten von Zeichen, die professio.- von Zeichen geleitet sind; so werden Systeme der Zeichendeutung
nelle Deuter, aber auch Laien beobachten können: Ob der Fuß und Seherkunst je nach den besonderen kulturellen Traditionen
anstößt, ob Glieder zucken,17 ob Gegenstände im Wasser sinken aufrecht erhalten, indem die Weisung der Zeichen sich immer
oder schwimmen, welche Figuren Öl oder auch Mehl auf einer wieder als triftig erweist.
Wasserfläche bilden, aber auch Blitz und Donner, ja ein plötzlicher Was in dieser Weise mit der fortschreitenden Komplizierung
Regentropfen, und vor allem die stillen Bewegungen und gegen- menschlicher Weh Hand in Hand geht, kann in biologischer Per-
seitigen Verschiebungen der Sterne: Alles liefert denen, die es spektive eher als eine Form der Regression erscheinen. Bei primi-
recht verstehen, Botschaften eines umfassenden ,Wissens'. tiveren Arten ist der Sinnesapparat den aktuellen Bedürfnissen in
Die Grundform menschlicher Kommunikation ist die Sprache. der jeweiligen Umwelt-Nische fast vollständig angepaßt. Darum
Demnach werden von den Menschen auch ,Zeichen' als Sprache haben hier ,Zeichen' als Signale, die zu verarbeiten das schlichte
erfahren oder jedenfalls in Sprache umgesetzt. Die Fülle der Zei- Gehirn programmiert ist, ihre ,natürlichen' Bedeutungen. Der
chen prägt sich aus als eine Fülle der Stimmen. Dies kann wie ein Frosch sieht nicht die farbige Abend-Landschaft beim Sonnenun-
überwältigendes Erlebnis universaler Einfühlung erscheinen, als ob tergang, sondern nur den sich bewegenden Punkt, der eine Fliege
jedes Wesen, überall, belebt oder unbelebt, eine Botschaft ausspre- sein kann, und springt danach. 21 Soweit lassen sich die Vorgänge
chen würde - wenn man es nur verstehen könnte. Undeutliche noch mathematisch-physikalisch analysieren und beschreiben;
Geräusche werden für die Charismatiker zu Stimmen. Manche Tests sind einfach, da der primitive Wahrnehmungsapparat leicht
Orakel wirkten durch die Stimme von ,besessenen' oder ,enthusia- zu manipulieren ist. Die Signale, um die es hier geht, haben di-
stischen' Menschen, aus denen unsichtbare Dämonen oder Götter rekten Überlebenswert; dies ist ihre Bedeutung. Sie gehören ei-
direkt zu sprechen schienen. nem geschlossenem System an, in dem die weniger entwickelten
Sprache kann nur von Sprechern kommen; dementsprechend Lebewesen existieren; die Reaktionen sind automatisch, der Rest
sieht es für Menschen so aus, als ob Zeichen nur von einem gro- der Welt nicht existent. Höher entwickelte Lebewesen haben die-
ßen Zeichengeber stammen könnten, einem universalen signator, 18 sen Zustand hinter sich gelassen, ihre Welt ist vielfältiger, aber
der die Bedeutungen festgesetzt hat, die uns zu entschlüsseln blei- auch unbestimmter. Vor allem für den Menschen mit seinen viel-
ben. Nach der Analogie der Sprache müssen auch ,Zeichen' in ei- seitigen und komplexen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmög-
ner semantischen Struktur stehen, die einen ,Sender' hat und einen lichkeiten hat sich die Welt ins Ungemessene entfaltet; eben dar-
Sachbezug, eine ,Referenz'. Und wenn eine solche ,Referenz' in um sind die unmittelbaren, ,natürlichen' Bedeutungen verblaßt,
unserer Weh nicht zu finden ist, dann weisen die Zeichen eben überlagert, veränderbar. Wir sehen die Landschaft in ihrer unprak-
auf jene überempirischen, nicht verifizierbaren Bereiche hin, die in tischen Schönheit oder Häßlichkeit, ohne zu Reaktionen gezwun-
unserer gemeinsamen Weh sowieso existieren und für die Religi- gen zu sein. Vielfältige und widersprüchliche Eindrücke kommen
on eine zentrale Rolle spielen. 19 Zeichendeutung bestätigt damit von einer Weh, die mehr aufgegeben als gegeben ist. Das mensch-
die Religion. Bedeutende Zeichen müssen von einer göttlichen liche Gehirn hat zwar durchaus fixierte Programme dafür, was aus-
Quelle ausgehen. Zugleich finden sich die Zeichen doch inmitten zuwählen und zu verarbeiten ist, doch sie sind vielgestaltig, überla-
des alltäglichen Lebens, wie es so seinen Fortgang nimmt; sie kön- gern sich und passen sich an. Erfahrung bildet sich durch lange,
nen im Alltag auftreten, eher jedoch in Ausnahmesituationen, die komplizierte Interaktionen von biologischen und kulturellen Fak-
besondere Aufmerksamkeit erheischen. Dann ist man geneigt, Zei- toren. Dabei wird die Kultur mehr und mehr überwiegen, vor al-
chen die Entscheidung zuzusprechen; sie können hemmen oder lem kraft der gestaltenden und vorzeichnenden Macht der Spra-
antreiben, Orientierung geben, Richtung weisen. Einzelne Perso- che. Was scheinbar neu erlebt wird, ist fast immer irgendwie schon
nen und ,Familien' von Spezialisten auf der einen Seite,20 Indivi- von der Tradition vorgeformt, ja wird eingeübt durch die unauf-
VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 197
hörlichen Einflüsse der erlernbaren Kultur. Es gibt darum kaum sei. 22 Der Kösmos erscheint als ein Universum von Zeichen: So
noch instinktive Reaktionen auf die ÜberfLille der zuströmenden zeigen sich selbst philosophische Systeme noch bestimmt vom al-
,Zeichen' , abgesehen von Relikten zumal im Sexualbereich. ten biologischen Erbe.
Menschen müssen unterscheiden, analysieren, kombinieren, inter- Von den medialen Vermittlern einmal abgesehen, ist es durch-
pretieren, Einzelheiten zusammenfügen, um schließlich einen Sinn aus die ,natürliche' Welt, die in der Bearbeitung durch die Zei-
zu fassen. chendeuter sich darbietet; es geht vordergründig nicht um Götter
Die Überzeugung, daß jedes ankommende Signal ein Zeichen und nicht um Begriffe, sondern zunächst einmal um Bäume und
sei, das seinen bestimmten Sinn habe, stellt sich demgegenüber als Blätter, fliegende Vögel, glitzerndes Wasser, Donner und Blitz und
Regression dar, als superstitio im wörtlichen Verstande. Es ist be- den stillen Zug der Sterne; auffallende, seltene Beobachtungen wie
zeichnend, daß Menschen am ehesten im Zustand von Alarm und Sternschnuppen oder Kometen gelten erst recht als hochbedeut-
Panik einem solchem Glauben anheimfallen. Wenn die Selbstzu- sam. Eingehaust in die Natur, deren Botschaften zu interpretieren
friedenheit des normalen, geordneten kulturellen Systems zersplit- sind, entwerfen die Menschen ihre Sinnwelt, die auf Höheres, auf
tert, ergibt sich eine neue Offenheit für Zeichen, die man bislang Göttliches verweist.
übersehen hat: Sie könnten einen Anhaltspunkt geben für neue
Orientierung. Ängstliche Erregung schafft gespannte, nach allen
Richtungen schweifende AufInerksamkeit; und dann mag jedes Entscheidung durch Zeichen: Das Gottesurteil
raschelnde Blatt uns schaudern machen. Krisenperioden sind die
hohe Zeit der Seher und Orakel. Es gibt in vielen Kulturen auch Ein Verfahren, die Götter durch Naturvorgänge sprechen zu las-
anerkannte Formen des ,Wahnsinns', der Ekstase oder medialen sen, ist das Gottesurteil, das Ordal. 2 3 Es greift über die seherische
Versunkenheit, die aus dem Außerordentlichen neue Botschaften Zeichendeutung hinaus, insofern im Zusammenhang eines beste-
vermitteln, oft mit dem Anspruch direkten Zugangs zum Göttli- henden Konfliktes eine Intervention herbeigeführt wird. Meist
chen. Die Empfänglichkeit, die aus der Angstsituation erwächst, geht es um eine Situation sozialer Krise, einen bevorstehenden
erweitert die erkennbare Welt: Alles hat seine Bedeutung. In ge- Kampf, oder auch um einen gerichtlichen Prozeß, bei dem eine
wissem Sinn wird so die geschlossene Welt einfacherer Lebewesen klare, rationale Entscheidung nicht möglich ist, während doch
von neuem geschaffen oder vorausgesetzt, wenn auch auf höherem hochrangige Interessen von Individuen oder Gruppen auf dem
Niveau. Während Tiere reagierend aufnehmen, was unmittelbare Spiel stehen. Dies gibt dem Verfahren die spezielle Aura des
Lebensfunktion rur sie hat, kann der Mensch einer Welt des tota- ,Ernstfalls' und der Dringlichkeit. Eben darum muß das Zeichen,
len Sinnanspruchs sich gegenüber finden. das eingeholt wird, realistisch, ja drastisch sein. Um Spiele der In-
Die Dialektik des zunehmenden Sinnpostulats in einem sich terpretation und der intellektuellen Willkür zu übertrumpfen,
schließenden Kosmos kann man auch in antiker Philosophie wie- müssen in solchem Fall menschliche Körper eingesetzt und der
derfinden: Platon entwirft im Timaios einen göttlichen Kosmos für höheren Wirkung unterworfen werden.
den Menschen, in dem jede Einzelheit ihr zeitloses Vorbild und Eine Möglichkeit, den Ernstfall zu inszenieren, ist ein Kampf auf
von hier aus ihren Platz und ihre geordnete Funktion hat: Nichts Leben und Tod, ein Zweikampf; doch kann auch eine Massen-
ist zufällig und bedeutungslos. Die Stoiker versuchten in der glei- Schlacht als Gottesurteil genommen werden. 24 Doch typische
chen Richtung eine Welt zu fassen, die von einem alles durch- Formen des Gottesurteils sind spezielle Tests, die mittels eines un-
dringenden, intelligenten Pneuma geleitet wird, so daß alles in die- durchschaubaren und unvoraussagbaren Naturvorgangs die Ent-
sem Kosmos mit allem in ,Sympathie' zusammenhängt; da~um scheidung zwischen Rivalen und ihren Ansprüchen zuwege brin-
kann selbst der Flug eines Vogels durchaus seine Bedeutung haben. gen. Der Ausgang kann, wie auch bei sonstigen Verfahren der Se-
Ptolemaios, der Astronom, meinte dementsprechend, daß durch her, nicht im voraus gewußt und auch nicht manipuliert werden.
die ,Sympathie' des Kosmos die Astrologie vollauf gerechtfertigt So wird gleichsam der ,Natur' eine Sprache, eine Ja-Nein-Ent-
VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 199

scheidung zugemutet, die je nach kulturellem Kontext zumeist mit annimmt, daß der Schuldige Schluckbeschwerden haben wird;
der Hypothese einer göttlichen Aufsicht und Lenkung des Ganzen dieses Verfahren hat man regelmäßig in der alten Ostkirche geübt,
zusammengeht. Es zeigt sich dabei wieder einmal, daß in ganz selbst in Gegenwart eines Bischofs.3 2 Im übrigen wird Entspre-
verschiedenen Kulturen recht ähnliche Lösungen der so gestellten chendes auch aus ganz anderen Zivilisationen berichtet: "Die
Aufgabe zustandekommen. Massais in Ostafrika beißen einige Grashalme ab und rufen: Dieses
Zwei elementare Naturphänomene, Grundlagen fur Leben und Gras soll Gift fur mich sein, wenn ich vor Gott gelogen habe!"33
Technik, werden furs Gottesurteil immer wieder eingesetzt: Was- Wie bei der Wahrsagekunst können freilich auch beim Gottes-
ser und Feuer. Daß beide tödliche Gefahren bergen, weiß man. urteil Tricks ausgepielt werden, besonders Sprachspiele, die die
Ein Wassertest, ,zum Fluß gehen', ist im alten Mesopotamien be- Wahrheit verstecken. Wohlbekannt ist aus der Literatur das Got-
zeugt;2 5 Einzelheiten werden nicht mitgeteilt, doch wird man sich tesurteil Isoldes in GottfTIeds Tristan: Das Liebespaar weiß eine Si-
vorstellen, daß es ähnlich zuging wie bei der ,Hexenprobe' im tuation herbeizufuhren, daß Isoldes Eid buchstäblich wahr und
vormodernen Europa: Wer der Hexerei bezichtigt war, wurde ins dennoch im Sinne des Prozesses durchaus irrefuhrend ist; Jesus
Wasser geworfen und galt als überfuhrt, wenn sie oder er nicht Christus, der göttliche Garant der Zeremonie in diesem Fall, er-
unterging. Glühende Kohlen oder gar geschmolzenes Metall zu weist sich als biegbar ,wie ein Ärmel')4 Die Realität war weniger
berühren, ist eine andere, zweifellos alte Praxis; offenbar besteht in vergnüglich. Während des ersten Kreuzzuges wurde der angebli-
der Tat eine gewisse Chance, Brandwunden zu vermeiden. 26 In che ,heilige Speer', der bei der Kreuzigung Christi eingesetzt war,
der Religion Zarathustras wird die Feuerprobe zur eschatologi- in Antiocheia ausgegraben; der Begeisterung folgte bald der
schen Phantasie: Am Ende der Zeiten werden Ströme geschmol- Zweifel, und auf Betreiben der anwesenden Geistlichen wurde der
zenen Metalls die Erde überschwemmen; doch die gläubigen An- glückliche Entdecker dazu gebracht, mit seinem Speer durchs Feu-
hänger Zarathustras werden unbeschädigt durch sie hindurch- er zu schreiten. Er starb an seinen Verbrennungen. 35 Das Verdikt
schreiten. 27 ,Durchs Feuer gehen' erscheint auch in griechischer des Feuers hatte Folgen - der heilige Speer verschwand aus der
Literatur als gefurchtete Probe;28 realiter hat man dergleichen noch Geschichte.
zur Zeit der Kreuzzüge durchgefuhrt, ohne tödliche Folgen zu
scheuen. 29
Weniger spektakulär, doch umso verbreiteter ist ein anderer Zeichen schaffen: Territorium und Körper
Test, der immerhin seinerseits bei einem grundlegenden Le-
bensprozeß ansetzt: Die verdächtigte Person muß etwas Bestimm- Im Umgang mit Zeichen kreuzt sich passive Hinnahme mit eige-
tes, vermutlich Giftiges essen und die Folgen erwarten: Übelkeit ner Aktivität. Menschen nehmen Zeichen aus ihrer Umwelt ent-
wird den Schuldigen übermannen, ein geschwollener Bauch, gegen und trauen ihnen Bedeutung zu, nicht selten geheime Be-
Schmerzen, Ohnmachtsanfille werden folgen; dem Unschuldigen deutung; doch zugleich sind sie in der Lage und durchaus moti-
wird nichts geschehen. Manch Moderner wird geneigt sein, einem viert, ihre eigene Umgebung in einer Weise zu verändern, daß sie
solchen Lügen-Detektor eine gewisse psychosomatische Effizienz den Kategorien der eigenen geistigen Welt umso besser entspricht
zuzutrauen. Wie dem auch sei, eine ausfuhrliche Beschreibung des und von hier aus auch Fremde an ihren Platz verweist. Mit anderen
Verfahrens steht im Alten Testament. Hesiod beschreibt offenbar Worten, Menschen schaffen wahrnehmbare Zeichen, die den Um-
eine ähnliche Prozedur, insofern fur einen Gott, der einen Mein- gang mit der Welt, wie sie vor allem durch Sprache und Tradition
eid schwur, das Wasser der Styx geholt und offenbar ihln dann zu entworfen ist, erleichtern. Die gewöhnlichen Wahrnehmungsvor-
Trinken gegeben wird: Ein volles Jahr wird er dann im Koma lie- gänge, die durch biologische Evolution geschaffen worden sind,
gen.3° Eine entsprechendes Verfahren ist auch im Alten Orient und funktionieren durch Auswahl und Zurechtrückung verschwom-
im Iran bezeugtY Schlichter und weniger bedrohlich ist es, wenn mener und ,verrauschter' Daten. Markierungen, die Menschen
ein Verdächtigter Brot und Käse trocken essen muß, wobei man bewußt anbringen, machen die Welt deutlicher, einfacher wahr-
200 VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 201

nehmbar, indem sie Komplexität reduzieren.3 6 Markierungen fährt, erblickt man als erstes den Tempel von Sunion und später
beseitigen Mehrdeutigkeiten und Zweifel und helfen, daß die die vergoldete Speerspitze der Athena Promachos auf der Akropo-
Wirklichkeit den instinktiven Bedürfnissen und den bewußten Be- lis. 43
griffen entgegenkommt. 37 Sie können der Umwelt verpaßt wer- Indem der Mensch im Jungpaläolithikum begann, Malereien
den, aber auch einzelnen Personen: Es gibt körperliche Markie- und plastische Figuren herzustellen, trat eine neue Kategorie von
rungen so gut wie territoriale Markierungen. Freilich sind die Aus- ,Zeichen' ins Dasein, Abbilder, die scheinbar ganz direkt auf Ge-
sagen einer Markierung den Möglichkeiten der Täuschung, der genstände und Begegnungen der Erfahrung verweisen, auf be-
Fälschung ausgesetzt. Darum gibt es neben der deutlichen, ja über- stimmte, deutlich erkennbare Tiere vor allem. Und doch entsteht
deutlichen Zeichensetzung auch die geheimen, die geheim zu damit eine neue Stufe von Wirklichkeit, eine Welt der Bilder, die
haltenden Zeichen. sich einfacher beherrschen und gestalten läßt als die eigentliche
Territoriale Markierungen werden von vielen Säugetieren ver- Realität, von der sie doch genommen sind; sie sind der freien
wendet, meistens durch das Setzen von Duftmarken. Offenbar fol- Kreativität des Künstlers unterworfen;44 und alsbald ergeben sich
gen Menschen dem in gewisser Weise, indem sie Steine durch Öl- Bezüge zu gar nicht direkt Gegebenem. 45 Für den sehr viel späte-
Libationen dauerhaft kennzeichnen. 38 Doch gibt es viele andere ren Beobachter, der es mit ,phantastischen' frühen Darstellungen
Arten der Markierung in menschlicher Landschaft, am eindrucks- zu tun hat, bleibt das Problem der Interpretation zwischen reali-
vollsten wohl mittels ihrer solidesten Bestandteile, der Steine. stischen und ideellen Optionen, zwischen Kunst, Magie und Reli-
Übereinander gesetzte Steine oder aufgerichtete Langsteine sind gion oft unlösbar. So läßt insbesondere das zentrale Problem, in-
Zeichen menschlicher Präsenz, überall auf der Welt. Solche Stein- wiefern und seit wann eigentlich ,Götter' dargestellt werden, keine
gebilde sind Wegzeichen, die dem Wanderer helfen, sie stärken sichere Antwort zu, ehe die Hochkulturen dank der schließlich
aber das Gefuhl der Vertrautheit auch fur den am Ort Ansässigen. erfundenen Schrift zu sprechen beginnen. Hier allerdings besteht
Auffällig ist, wie oft und wie leicht solche territorialen Markierun- kein Zweifel mehr, daß Götter dargestellt werden durch Statuen
gen in einen religiösen Zusammenhang einbezogen werden. Stei- und Statuetten, durch Bilder und durch Symbole, und der Kult
ne, die von Öl glänzen, sind ,heilig' fur die Griechen; ein aufg~­ nimmt davon Notiz. Viel später haben dann die Juden und nach
richteter Stein wird in Palästina und Syrien ,Haus Gottes' genannt, ihnen die Christen die Verehrung der von Menschenhand ge-
baitylos, Beth-E1.39 Ganz gewöhnliche Grundstücke werden mit schaffenen Bilder bekämpft und lächerlich gemacht; der Islam hat
Steinen markiert, die ihrerseits wieder als ,heilig' gelten. Bei den das Bilderverbot besonders konsequent durchgesetzt. 46 Und doch
Babyioniern waren phallosformige Steine üblich, mit Inschriften waren es nicht eigentlich die Bilder, die die Verehrung hervor-
und mit Göttersymbolen versehen, sogenannte kudurrus. 40 Bei den brachten, es waren längst eingeübte religiöse Rituale, die sich die
Römern unterstanden die Grenzsteine einem besonderen Gott, Bilder als Zeichen schufen. Sie dienen der gemeinsamen Orien-
dem Gott ,Grenzstein', Terminus. Nun kann man allerdings selbst tierung: Die Zuwendung und ,Verehrung' konnte durch das sich-
große Steine mit bösem Willen durchaus versetzen oder auch zer- bare Zeichen, das der Künstler hervorbrachte, deutlicher und spe-
stören. Darum erfindet man verborgene Zeichen, besonders um zieller als zuvor zum Ausdruck gebracht werden. Auf lateinisch
Grenzen und Besitzrechte zu bezeugen, verkohlte Reste von Op- heißt die Götterstatue nicht selten einfach signum, ,Zeichen'.
fern beispielsweise, die man mit Erde zugedeckt hat. 41 Es gibt auch Der eigentliche Schnittpunkt zwischen geistiger Welt und na-
,geheime Gräber', von denen lokale Mythen berichten, die von türlicher Umwelt ist der Körper. Man kann Rituale auch als Stra-
den dazu Befugten in bestimmten Abständen aufgedeckt und er- tegien der Körperkontrolle bezeichnen. Wenn die geistige Welt es
neuert werden: Geheimes Wissen bestätigt die territoriale MachtY nötig hat, ihren Ernstcharakter zu betonen, muß sie auf den Kör-
Heiligtümer der Götter sind oft weithin sichtbar in der Landschaft; per übergreifen.
sie sind ihrerseits durch Stein und Baum markiert und werden Wir mögen es ,natürlich' finden, daß menschliche Gruppen sich
selbst zu vertrauten Zeichen. Wenn man zur See auf Athen zu- ihre besonderen Zeichen schaffen, Fahnen oder Maskottchen,
202 VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 203

Uniformen und Haartracht, dazu auch die jeweils besonderen Lie- ben gibt es vielerorts und immer wieder, aus alter oder auch aus
der. Man kann den Umgang mit den Zeichen tabuisieren und mit neuerer Tradition. 48 Bei vielen Stämmen in verschiedenen Welt-
höchstem Ernst behaften, besonders wiederum in Krisenzeiten: teilen gibt oder gab es den strengen Brauch, daß eine Person, um
"Die Fahne ist mehr als der Tod", sang die Hitletjugend. Aber volles Mitglied der Gemeinschaft zu werden, sich einer meist
auch willkürliche und scheinbar belanglose Zeichen dieser Art durchaus schmerzhaften und entstellenden Operation am eigenen
verfehlen ihren Eindruck nicht; unbewußt oder gar gegen den ei- Körper zu unterziehen hat; oft gehört dies zu den Initiationszere-
genen Willen reagieren wir beispielshalber auf Kleiderstil. Doch monien. Dazu gehört etwa das Ausschlagen von Zähnen, die
können solche Zeichen wieder aufgegeben oder verändert werden, Durchbohrung von Lippen oder Nase, ausgesuchte Formen der
sofern sie nicht den Körper direkt betreffen. Die so leicht verän- Narbenbildung, insbesondere aber auch die Beschneidung oder die
derbare und fragile geistige Welt, die Gefahr läuft, sich allzusehr in Subinzision am Genital.
die Unverbindlichkeit des Geistes und die Behütung des Privaten Markierungen als Zeichen der Initiation lassen verschiedene
zurückzuziehen, wendet sich nach außen und nimmt sich den Codes von Interpretationen zu. Semiologen werden das System
Körper zum Pfand. Den Körper zu markieren ist vermutlich eine der Differenzierungen zu entschlüsseln suchen, Funktionalisten
Erfindung der Urzeit, als mit der ,semiologischen Revolution' gehen der Wirkung auf die Gruppensolidarität nach, Psychoanaly-
auch die bildende Kusnt entstand. 47 Der Mensch gestaltet seine tiker finden oedipale Konflikte und Kastrationsängste. Bezeich-
Welt und sich selbst als deren Teil durch selbstgeschaffene Zei- nend ist jedenfalls, daß es offenbar nicht ausreicht, die personale
chen. Identität durch Beschluß festzustellen, durch Erklärung und Vor-
Körperliche Unterscheidungsmerkmale kennzeichnen von Na- stellung; es reicht auch nicht aus, durch seelischen Terror einen
tur die Geschlechter und die Altersstufen; enger verbundene Ge- ,unauslöschlichen' Eindruck zu hinterlassen. 49 Das Unsichtbare,
meinschaften gehen bewußt darüber hinaus und machen die Un- Unfaßbare muß sichtbar und handgreiflich werden, auf daß der
terschiede deutlicher. Initiationsriten sorgen rur regelmäßige Er- ungläubige Thomas seine Finger in die Wundmale legen kann.
neuerung durch den Wechsel der Generationen hindurch unter Die Differenzierungen müssen klar und dauerhaft sein. Übrigens
Bewahrung der kulturell vermittelten Bedeutungen. Die Krisis des haben auch die anderen Begleiterscheinungen von Initiationszere-
Übergangs wird damit beherrschbar , machbar; und doch soll der monien durchaus ihre körperliche Dimension, der Wechsel des
Status, der neu erreicht wird, unumkehrbar sein. Sprache und Ortes, Wechsel der Kleidung, besondere Essensregeln, Proben und
Vorstellung reichen nicht aus, dies zu leisten, auch nicht ein be- Mißhandlungen.
sonderes Gewand oder ein eigentümlicher Schmuck. Der Körper Herodot berichtet, daß die Lyder und Meder in folgender
ist zu verändern. Weise einen Vertrag beschwören: "Nachdem sie sich die Arme bis
Es gibt körperliche Merkmale, die ihrerseits veränderlich und unter die Haut eingeschnitten haben, lecken sie das Blut vonein-
umkehrbar sind, vor allem die Haartracht. Wie wirkungsvoll im- ander auf." Araber schließen einen verpflichtenden V ertrag mit
merhin die Haartracht in Szene gesetzt werden kann, um Blutvergießen: "Ein anderer Mann steht in der Mitte zwischen
,Alternativen' auszudrücken, ist uns heutzutage mehr als früher beiden, und er macht mit einem scharfen Stein einen Schnitt auf
geläufig, stehen uns doch statt der Mönche eher die rebellischen der Innenseite ihrer Hände, entlang dem Daumen; dann nimmt er
Jugendlichen vor Augen. Das Haar ist Teil des ,natürlichen' Kör- einen Streifen vom Gewand eines jeden der beiden, und er be-
pers, es bestimmt zusammen mit dem Gesicht den persönlichen streicht mit dem Blut sieben Steine, die zwischen den Partnern lie-
Ausdruck; drastische Veränderungen im Haarstil scheinen sich auf gen; dabei ruft er Dionysos und die Himmelsgöttin an." 50 Intime
die persönliche Identität auszuwirken. Immerhin läßt sich das Berührung durchdringt sich mit dem Schock des austretenden
Ganze im Verlauf einiger Wochen rückgängig machen. Dies gilt Blutes und dem Schmerz; Narben werden bleiben, die an den Akt
keineswegs rur andere Markierungen, die man am Körper an- erinnern, und auch die blutbefleckten Steine bleiben stehen. Dazu
bringt. Tätowierungen, Brandmarkungen, künstlich erzeugte N ar- nennt die Sprache göttliche Partner, deren Namen zugleich auf re-
20 4 VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Auftchluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 205

gelmäßigen Kult verweisen. Der instinktive Schauder und die be- noch immer' unabdingbar. 54 Die geistige Welt, die durch sprachli-
wußte Symbolik verbinden sich zu einem Versuch der ,Prägung', che Konstrukte geformt und mitteilbar gemacht wird, ist kein
um eine klar bestimmte, verläßliche, dauerhafte Partnerschaft zu selbstgenügsames System; es wird aufgebrochen und neu bestätigt
garantieren, weit hinaus über die problematische Beweglichkeit durch Zeichen, die auf Realität jenseits der Sprache zurückgreifen.
von Sprache und Phantasie.
Markierungen, als Zeichen, sollen Aufmerksamkeit erregen. Al-
lerlei Narben, besonders Narben im Gesicht, oder verstümmelte Beglaubigung jenseits der Sprache: Der Eid
Zähne lassen sich nicht verbergen. Doch geheime Zeichen können
als noch wichtiger gelten. Dies gilt besonders von der Beschnei- Wozu brauchen die Menschen Religion? In der alten Welt wäre
dung, die heute noch Juden und Moslems auszeichnet, doch nicht die fast selbstverständliche Antwort: fur die Garantie der Eide.
auf sie beschränkt ist. Sie ist das ,Zeichen des Bundes', den Jahwe Ohne Götter gäbe es keine Eide, und damit keine eigentliche Basis
mit Abraham geschlossen hatY Es handelt sich um eine irreversible fur vertrauensvolle Zusammenarbeit, fur die Verfahren der Justiz,
Markierung, die doch gemäß dem strengen Anstandscodex nor- und furs Geschäftsleben überhaupt,55 "Man findet Eide bei allen
malerweise nicht sichtbar wird; aber jeder weiß darüber Bescheid, Völkern und in allen Kulturen. Sie sind ein erstrangiges Wahrzei-
und wenn es denn einmal sichtbar wird, ist dem die Aufmerksam- chen der Religion." 56 Eide waren unentbehrlich bei sozialen Inter-
keit umso sicherer. Der Prozeß, das Unsichtbare sichtbar zu ma- aktionen auf allen Ebenen, in der Wirtschaft und im Rechtsver-
chen, wird oberflächlich umgekehrt; doch umso wichtiger wird, fahren, im privaten und im öffentlichen Leben, innerhalb von
was verhüllt sein sollte. Stadt oder Stamm und im internationalen Verkehr. Kein Vertrag,
Große Göttinnen in Mesopotamien, Anatolien und Syrien hat- kein Pakt, kein Rechtsakt ohne Eid. Dies war der Bereich, wo
ten Gruppen von Eunuchen als ihre besonderen Kultdiener; sie Religion, Moral und Gesetz in notwendiger Weise zusammentra-
waren im Heiligtum zuhause, konnten aber auch ein Wanderleben fen.
fuhren. Die Kastration ist eine drastische, unumkehrbare Verän- Der Eid ist ein Phänomen der Sprache, das sein Dasein eben der
derung des Körpers und der Person. Auch hier wird die Folge des Unzulänglichkeit der Sprache verdankt: Die Schwäche des Wortes
Eingriffs normalerweise nicht sichtbar sein, doch kann es zur Exhi- ist die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit der Lüge. Betrug und
bition kommen, in Ausnahmesituationen, die die Alltagsregeln au- Tricks gehören zu allen Spielformen sozialen Umgangs. Es gehört
ßer Kraft setzen. Der einzige akkadische Text, der explizit darauf wohl sogar zur überlebenswichtigen ,Fitness', daß man andere
Bezug nimmt, sagt aus, daß diese Männer "ihre Mannheit in überlisten kann. Man hat mit wachsendem Interesse solche Ver-
Weiblichkeit verwandelten, damit die Leute der Ishtar vor dieser fahren bereits auf dem vormenschlichen Niveau untersucht,57
Furcht empfänden". 52 Furcht festigt die Religion. Das körperliche Diejenigen Schimpansen, denen man eine Art Sprache beigebracht
Zeichen ist beängstigend und verwirrend - scheinen doch die hat, versuchten alsbald ihre Wärter zu belügen,58 Man kann also
normalen Kategorien von männlich und weiblich aufgehoben-; guten Gewissens annehmen, daß seit den Anfängen der Zivilisation
umso mehr weist es hin auf eine höhere, unsichtbare Autorität. Sprache und Lüge Hand in Hand zur Verfugung stehen. Unter
Der Ausdruck character indelebilis ist in der christlichen Tradition den Typen traditioneller Erzählungen stehen in vielen Kulturen
gepägt worden; er gilt von Augustin bis Thomas von Aquin, um Geschichten von Täuschung und Betrug mit an vorderster Stelle,59
die Wirkung der Sakramente zu kennzeichnen, vor allem der Man wird auch an Kindern immer wieder erfahren, wie einfach
christlichen Taufe. 53 Augustin hatte die Metapher von Markierun- und naheliegend es ist, zu lügen, und welch pädagagogischer Auf-
gen der Soldaten hergenommen. Die christliche Tradition hat auf wand nötig ist, dies zurückzudrängen. Denn Zusammenarbeit und
körperliche Markierung verzichtet und die Zugehörigkeit zur Austausch in menschlicher Gesellschaft beruhen nun einmal auf
Glaubensgemeinschaft einer göttlichen Besiegelung überlassen; Vertrauen, auf Möglichkeiten, Betrug auszuschließen. Nur wenn
immerhin ist das durchaus reale Wasser in der Taufzeremonie das Verhalten der Mitmenschen voraussagbar ist, wenn eine ge-
206 VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 207

meinsame Welt der Werte und Regeln besteht, können positive Prägefunktion des Schreckens ins Spiel. Beides führt dazu, daß der
Interaktionen vonstatten gehen. ,Reduktion der Komplexität' zugleich ein überempirischer Über-
Der Zweck des Eides, den verantwortliche Partner leisten, war schuß gegenübersteht: 63 Als allwissende Zeugen treten unsichtbare
immer eben dies: Lüge auszuschließen, Lüge in allen Formen, Wesen auf, und eine verborgene Kausalität soll von den rituellen
einschließlich von Tricks, Verdrehungen, phantastischen Ergän- Zeichen ausgehen, eine Strafinacht vor allem. Absoluter Ernst eig-
zungen: "Die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit", net dabei den Zeugen ebenso wie dem Ritual.
und die Verpflichtungen zu erfüllen ohne Veränderung, Abstrich Gemeinsamkeit des Wissens kontrolliert unsere geistige Welt.
oder Hinterhalt. Insofern bedeutet die Leistung eines Eides eine Zwei unabhängige Zeugen sind darum Garanten der Wahrheit.
drastische ,Reduktion von Komplexität', indem man sich bemüht, Man kann anmerken, daß die indogermanische Wurzel ~id-,
Eindeutigkeit zu schaffen und damit eine Sinnwelt aufzubauen, die ,sehen/wissen', ebenso im griechischen Wort für Zeuge, histor, wie
verläßlich ist; wahr und falsch sind zu trennen, wie Recht und im englischen witness auftritt. cMenschen freilich sind körperlich
Unrecht, Partner und Gegner, Freund und Feind. und geistig beschränkt und gebrechlich, sie können übersehen,
Es ist freilich bezeichnend, daß die listigen Menschen sogleich vergessen, oder auch schlankweg lügen. Man sucht demgemäß
den nächsten Schritt getan haben und die hohe Kunst entwickel- nach höheren Rängen der Beglaubigung. In Monarchien kann
ten, "durch Eide zu betrügen".6o Schon bei Homer heißt es ja, man den ,Eid des Königs' einsetzen64 - doch hat der König das
Autolykos, der Großvater des Odysseus, ~ei weitum berühmt ge- entscheidende Wissen? Man kann als Zeugen aufrufen, was am
wesen "durch Diebeskunst und Eid";61 wie geschickt er damit um- unmittelbarsten gegenwärtig ist - womit man allerdings Unbeleb-
ging, darüber gab es hübsche Geschichten. Autolykos war kein tem die Bewahrung von ,Wissen' zutraut. Odysseus, als Bettler
Einzeltäter. Im Lateinischen bedeutet ,Worte geben', verba dare, so verkleidet, schwört "beim Tisch des Gastfreunds und bei dem
viel wie betrügen. Das Wort sensus, ,Sinn' selbst, in seinem Ge- Herd des Odysseus".6 5 Internationale Verträge schon in der Bron-
gensatz zum ,Wort', verbum, verdankt seine Karriere der Schwur- zezeit nehmen Bezug auf die dauerhaften Erscheinungen der na-
formel, man wolle sich an das halten, "was ich fühle daß ich sage", türlichen Umwelt: Sonne und Himmel, Wolken, Erde, Flüsse.
quod me sentio dicere, im Kontrast zum bloßen Wortklang. 62 Aber Der Sonnengott, der ,alles sieht', gewinnt besonderen Rang. Für
läßt sich das ,Fühlen' des Partners kontrollieren? die Babyionier ist Shanlash der Hauptgarant der Eide. Hethitische
Um die Komplexität der Möglichkeiten und Unsicherheiten zu Verträge rufen routinemäßig "die Berge, die Flüsse, die Quellen,
reduzieren, um Eindeutigkeit zu schaffen, reicht Sprache nicht aus. das große Meer, Himmel und Erde, Winde und Wolken" an:
Sie kann sich nicht aus sich selber stabilisieren. Wenn man zu einer "Laßt sie Zeugen sein für diesen Vertrag und für den Eid. "66 Ho-
Aussage hinzusetzt, dies sei wahr und das Gegenteil sei falsch und mer läßt die Trojaner ein Schaf für die Sonne und eines für die
verwerflich, so ist dies nicht mehr als eine rhetorische Figur, die Erde opfern bei der großen Eidzeremonie; sie rufen die Sonne, die
allenfalls Naive beeindrucken kann; ihr logischer Gehalt ist nichtig, Flüsse, die Erde und die strafenden Mächte der Unterwelt an. 67
und der kritische Kontrahent bleibt unüberzeugt. Man mag die Durch das Sprachspiel der Personifikation wird das unmittelbar
Rhetorik steigern, um den Ernstcharakter durch erschreckende Gegebene, Sichtbare mit Funktionen betraut, die über alles empi-
Bilder zu verdeutlichen, haarsträubenden Schauder auszulösen; er- risch Feststellbare hinausgehen.
fahrene Partner werden kühlen Kopf behalten. Man muß über das Das anerkannte Sprachspiel greift weiter aus, indem Zeugen
geschlossene semantische Universum der Sprache hinausgelangen. weit höheren Ranges eingeführt werden, zuverlässiger als alles
Zwei Strategien sind zu diesem Zweck entwickelt worden, die unmittelbar Gegenwärtige, um die unabänderliche Wahrheit zu
oft Hand in Hand gehen: Der Einsatz von Zeugen, die die ge- fixieren: Zum Eid gehören die Götter. Es ginge wohl zu weit zu
meinsame geistige Welt garantieren, und rituelle Veranstaltungen, sagen, daß Götter für den Eid erfunden sind. Vielmehr sind es alle
um realistische Zeichen zu setzen, Zeichen, die als ,unauslösch- die Götter und Mächte, die dank fester Tradition in mannigfachen
liches Siegel' den Vorgang begleiten; hier kommt wiederum die Bezügen innerhalb der Gruppe die Rangordnung garantieren und
~1
,
208 VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: AufsChlt1f3 und Bearbeitung von Wirklichkeit 209

als Partner im Austausch von Gaben auftreten, die man, nicht oh- stung begleiten. Die Erinyen "schwärmen um den Eid, wenn er
ne Angst und Schrecken, für Wohlergehen oder aber für Krank- geboren wird", warnt Hesiod;74 sie werden den Eidesbrecher jagen
heit und Katastrophe im Leben des einzelnen, der Familie, des bis über das Grab hinaus, sie strafen noch in der Unterwelt.
Stammes, des Landes verantwortlich macht: Sie alle werden in Und doch genügt auch dies noch nicht. Das Überempirisch-
Eidzeremonien einbezogen, und sie sind dabei so wohl zu brau- Unsichtbare, alle jene übermenschlichen Zeugen, ob Götter, Dä-
chen, ja unentbehrlich. Denn die Garantie der absoluten Wahrheit monen oder Rachemächte, müssen doch wieder in der unmittel-
liegt beim Gott. 68 baren Realität verankert werden. Über Wort und Vorstellung hin-
Besser noch, wenn die sichtbare Realität und die geglaubten aus greift die Aktion, der Vollzug des Rituals im Zusammenhang
Götter sich zusammenbringen lassen. Wir alle sehen die Sonne am mit all dem, was man sich vorstellt, fühlt und sagt. Das Ritual gibt
Himmel strahlen; sie gilt als Gottheit, meist männlichen Ge- den Versicherungen, Anrufungen und Verfluchungen weiteren
schlechts, in vielen Kulturen. Für die Griechen allerdings ist Helios Ernst, und es stellt vor allem Unumkehrbarkeit vor Augen. Mit
ein Gott zweiten Ranges; doch der höchste Gott, Zeus, der in Hilfe der traditionellen religiösen Rituale gestaltet die sprachlich
besonderem Maß die Eide schützt und darum horkios heißt, trägt verfaßte Kultur die Umwelt in einer Weise um, daß Menschen ihr
einen Namen, der eigentlich den aufstrahlenden Himmel bezeich- Leben danach ausrichten werden und in dieser Weise als kulturell
net; die Griechen haben dies nicht ganz vergessen, so wenig wie zuverlässig gelten können. 75 Die Schwurformeln mögen Phantas-
die Römer, die aus Diespiter/juppiter immer dies ,Tag' heraushören men einbeziehen, doch der Sinn für die Wirklichkeit geht dabei in
konnten. So opfern bei Homer die Achäer dem Zeus, während die keiner Weise verloren.
Trojaner sich an Helios wenden. Odysseus ruft Zeus als ersten in Eidrituale inszenieren ausdrücklich Unumkehrbarkeit. So wird
seinem Eid zum Zeugen, dann Tisch und Herd. 69 Die athenischen zum Beispiel in Alalach in Syrien bei einer Eigentumsübertragung
Jünglinge, die als ,Epheben' Militärdienst leisten, werden vereidigt, ein Schaf geschlachtet, mit der Formel: "Auf diese Weise soll ich
indem sie eine Reihe von Göttern der Stadt anzurufen haben; am sterben, wenn ich zurückhole, was ich dir gegeben habe. "76 Schafe
Ende stehen "die Grenzen des Vaterlandes, Weizen, Gerste, werden auch bei der Eidzeremonie in der Ilias geschlachtet; wäh-
Weinstöcke, Oliven und Feigen". 7° Dies umschreibt die vertraute rend Agamemnon ihnen die Kehle durchschneidet, gießen die
Heimatwelt, in der und von der die Bürger leben und für die sie Teilnehmer Wein aus ihren Bechern auf die Erde und beten:
gegebenenfalls zu kämpfen haben. Darum werden die ,Grenzen' "Wer zuerst gegen diesen Eid frevelt: so soll ihnen das Gehirn zu
zusammen mit all dem, was die Erde hervorbringt, den jungen Boden fließen, wie dieser Wein, ihnen und ihren Kindern, und
Männern vor Augen gestellt und als Zeugen angerufen, zusammen ihre Frauen sollen von anderen Männer bezwungen werden. "77 Zu
mit den Göttern, deren Tempel und Heiligtümer die Epheben der Boden fließendes Blut, fließender Wein, fließendes Gehirn er-
Reihe nach besuchen, um dem, was sie aussprechen, den vollen scheinen verbunden. Der praktische Vollzug und der symbolische
Inhalt zu geben. Vollzug soll gemäß der Beschwörung auch den realen Vollzug des
Götter sind mächtig; werden sie gereizt, ist rücksichtslose Strafe Schrecklichsten steuern. Entsprechende Rituale und Beschwörun-
zu gewärtigen. Zu solchem Handeln pflegt man sie in Eidesfor- gen finden sich immer wieder. In einem assyrischen Vertrag aus
meln ausdrücklich aufzufordern, in Mesopotamien wie in Ägyp- der Mitte des 8. Jahrhunderts heißt es: "Wenn Mati'ilu sich gegen
ten, in Griechenland und Rom. "Ihre Macht wird töten", hält ei- diesen Vertrag vergeht, dann soll, wie der Kopf dieses Lamms ab-
ne ägyptische Formel fest.?! "Zeus wirft seinen Donnerkeil auf die gerissen wird und sein Knöchel ihm in den Mund gelegt wird, ...
Meineidigen", glaubte man in Athen.?2 Im Akkadischen ist davon so auch der Kopf des Mati'ilu abgerissen werden. "7 8 Beim Vollzug
die Rede, daß der Eid selbst sich in einen Dämon verwandelt und des Soldateneids gießen die bronzezeitlichen Hethiter, ähnlich den
den Meineidigen ,packt' .73 Man ruft spezielle Dämonen auf, die Kontrahenten bei Homer, Wein aus und sprechen dazu: "Dies ist
über den Eid wachen und Meineid bestrafen. Für die Griechen nicht Wein, dies ist dein Blut. "79 Die Fetiales, die bei den Römern
sind dies die Erinyen, Verkörperung der Flüche, die eine Eideslei- das Bündnisritual vollziehen, sprechen: "Wenn zuerst durch öf-
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210 VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit 211

fentlichen Beschluß in böser List (das römische Volk) von diesem Tradition macht, ergreift der Schwörende einen Stein und spricht
Vertrag abweicht, dann sollst du, Juppiter dort, das römische Volk die geläufige Formel: "Wenn ich den Eid halte, soll mir Gutes ge-
so treffen wie ich hier und heute dieses Schwein treffe, und umso schehen; wenn ich anderes plane oder ausführe, sollen alle anderen
mehr sollst du es treffen, umso mehr du kannst und vermagst"; in Sicherheit sein . .. Ich allein aber soll niederfallen, wie dieser
und der Fetialis tötet das Tier mit einem Stein. 80 "Wenn die Mo- Stein jetzt fällt" - und damit wirft er den Stein zu Boden. Es
losser Eide schließen, stellen sie Rinder bereit und Krüge, mit klingt, als wären hier Stein und Gott einander gleichgesetzt. 89 Je-
Wein geftillt; dann hacken sie das Rind in kleine Stücke und spre- denfalls soll das Unsichtbare ans Sichtbare gebunden sein. Assyrer
chen die Beschwörung, so sollten die Übertreter zerhackt werden; haben beim Eid das Symbol eines Gottes aus dem Boden zu rei-
sie gießen die Krüge aus und sprechen, so solle das Blut der Über- ßen. 90 Absolute Unumkehrbarkeit wird vor Augen gestellt, indem
treter vergossen werden. "81 Eine andere Möglichkeit, die Drohung man Eisenbarren im Meer versinken läßt. So haben Ionier und
der Vernichtung vor Augen zu stellen, ist es, Bilder aus Wachs Athener ihre Allianz gegen die Perser im Jahr 478 besiegelt; die
oder Erdpech mit entsprechenden Verfluchungen zu verbrennen: Phokäer hatten früher dasselbe rituelle Zeichen angewandt, als sie
Wie das Wachs dahinschmilzt, so soll sich der Übertreter ins ihre Stadt angesichts der persischen Eroberung aufgaben. 91 Eine
Nichts auflösen. Dies kennt man aus dem Nahen Osten ebenso solche Aktion kann sich auch in pure Magie verwandeln, indem
wie aus dem archaischen Griechenland. 82 der Fluch sich vom Eid trennt und zum Selbstzweck wird: J eremia
Es handelt sich hier unl sehr einfach verständliche Symbolik; schreibt alles Böse, das über BabyIon kommen soll, auf ein Perga-
doch die Symbole werden so realistisch wie möglich gemacht: mentblatt und gibt seinem Diener Seraia den Auftrag, dies nach
Wein und Blut, Wachs und Feuer, und zuckende Tiere, die ver- BabyIon zu bringen, den Text zu verlesen, das Blatt an einen Stein
enden. Wichtig ist oft die direkte Berührung: Man muß die Ein- zu binden und in den Euphrat zu werfen: "So soll BabyIon sinken
geweide der Opfertiere in die Hand nehmen - in Mesopotamien und nicht mehr hochkommen. "92
wie in Griechenland83 -, man muß die eigenen Waffen ins Blut Eide sind gleichzeitig primitiv und raffiniert. Man hat die Eid-
tauchen,8 4 oder wenigstens einen Ring, den man dann während rituale ,prädeistisch' genannt und von primitiver Mentalität ge-
der Schwurzeremonie in der Hand hält. 85 Eine grausige Besonder- sprochen - scheint doch ein Stein mit dem Himmelsgott Juppiter
heit, üblich bei griechischen Eiden, bestand darin, die Genitalien gleichgesetzt -. Doch Eide sind immer zugleich auch Strategien
des Opfertiers abzuschneiden und auf den Boden zu legen, so daß von listenreichen Menschen, die sich der Sprache zu bedienen
der Schwörende mit dem Fuß auf sie trat. Dies geht zusammen wissen, wobei jedem Versuch der Sicherung und Bekräftigung als-
mit der Beschwörung, daß ein Meineid eine ganze Familie auslö- bald neue Versuche der Umgehung und Täuschung folgen. Bei
schen soll:86 Der biologische Fortbestand steht auf dem Spiel. Beim diesem realistisch-ernsten Spiel haben Götter wohl seit Urzeiten
Areopag zu Athen, dem Gerichtshof, der für absichtliche Men- ihre Rolle gehabt, in den verschiedensten Kulturen. Und man
schentötung zuständig war - Orest war das berühmte mythische muß wohl annehmen, daß im ganzen der rechte Gebrauch der Ei-
Exempel-, schlachteten die Priester einen Eber, einen Widder de den Mißbrauch überwog.
und einen Stier, der Angeklagte trat auf die abgeschnittenen Ge- Es gab religiöse Reformen und Revolutionen, die den Ge-
nitalien und rezitierte den Eid, der sein Haus und seine ganze brauch der Eide zurückzudrängen oder ganz zu verbieten suchten.
Nachkommenschaft mit Vernichtung bedrohte. 87 Dies wird schon von Pythagoras berichtet. 93 Daß Jesus das
Weniger spektakulär ist der rituelle Akt, einen Gegenstand weg- Schwören ausdrücklich verbot, steht klar und deutlich in den
zuwerfen. Achilleus tut den Schwur, er werde fortan nicht mehr neutestamentlichen Texten;94 und doch hat sich die spätere Praxis
am Kampf teilnehmen, "bei dem hölzernen Stab", den er in der der Christen daran nicht gehalten: Der Eid erwies sich als unver-
Hand trägt; dieser werde nimmermehr grünen und Laub tragen - zichtbar. Bis heute gibt es Vereidigung von Soldaten und Beamten
und damit wirft er ihn zur Erde. 88 Im römischen Schwur ,bei JuP- und Eide vor Gericht, wobei als Rest des Rituals teilweise noch
piter dem Stein', per lovern lapidern, der den Eindruck sehr alter immer die Berührung der Bibel verlangt wird. Meineid ist ein ge-
212 VII. Die Zeichen: Aufichluß und Bearbeitung von Wirklichkeit

setzlich definierter Strafbestand. An sich hätte die Verwendung


von schriftlichen Dokumenten Eide längst überflüssig machen sol-
len; doch dies geschah nicht. Schon die alten Mesopotamier
kannten den ,Eid der Tafel' und hielten doch fest am ,Gott des Ei-
des' .95 Römische Eidzeremonien wurden um der Genauigkeit Zum Abschluß
willen ,nach Wachstafeln' gesprochen, und doch nahm man dazu
noch gelegentlich den Stein in die Hand, nicht einmal ein Messer,
das Opfertier zu töten: Schriftkultur hält sich ans Werkzeug der Religion erscheint in dieser Studie als uralte Tradition einer ernst-
Steinzeit. haften Kommunikation mit unsichtbaren Partnern und einer indi-
Die Praxis der Eide kann als Muster gelten fur die Versuche, ei- rekten Kommunikation mit Hilfe eben dieser. Wie ,jenseitige
ne kulturell-moralische Prägung zustandezubringen, um eine ge- Welten' sich beglaubigen und damit zum gemeinsamen Glauben
meinsame Welt der wahren Bedeutungen herzustellen und abzusi- erheben lassen, ist ein kaum weniger altes Problem. Es gibt hierauf
chern, wobei die kreatürliche Angst am Rande lauert. Die Eide nicht eine und jedenfalls keine einfache Antwort. Weder jeweils
setzen den Glauben an unsichtbare höhere Wesen voraus, sie selbständiger Aufbau auf Grund genetischen Erbes noch direkte
agieren mit deren Macht, indem sie zugleich praktische Zeichen Belehrung noch dauerhafte Prägung durch die Älteren, die Eltern
von äußerster Realistik schaffen. So ist der Gebrauch der Eide un- zumal, kann die Existenz und Eigenart von Religion erklären.
trennbar mit der Notwendigkeit der Religion verflochten. Vielerlei längst angelegte Programme von Aktionen, Reaktionen
"Diejenigen, die die Existenz der Gottheit leugnen, haben nicht und Gefuhlen, durch rituelle Praxis und sprachliche Unterweisung
den geringsten Anspruch auf Toleranz. Versprechen, Abmachun- aktiviert, gestaltet und eingeübt, scheinen ineinanderzugreifen,
gen und Eide, die der Zusammenhalt der menschlichen Gesell- wobei die Steuerung von Angst eine besondere Rolle spielt. So
schaft sind, können keinen Zugriff auf einen Atheisten haben, kei- kann die Religion dem einzelnen Lösungen anbieten fur mannig-
ne Heiligkeit fur ihn. Die Beseitigung Gottes, auch nur in Gedan- fache kritische Situationen, die in einem Leben immer wieder
ken, löst alles auf" So schrieb John Locke, an der Schwelle der einmal auftreten. Im rituellen Verhalten und in den kulturell ver-
Aufklärung, in seinem ,Brief über Toleranz' .9 6 mittelten Interpretationen folgt die Religion noch immer den Ur-
stromtälern einer biologischen Landschaft, die schon vor dem
Auftreten des Menschen sich ausgestaltet hat. Religion arbeitet eng
mit der Urerfindung der Sprache zusammen, die die große Chance
einer gemeinsamen sprachlich-geistigen Welt eröffnet hat. Auf
diesem Niveau kommt es nicht so sehr auf den Erfolg der
,egoistischen Gene' an, die sich vervielfältigen, sondern auf Stabi-
lität einer übertragbaren geistigen Welt, auf Übersichtlichkeit und
Kontrolle, die sich ausweiten und intensivieren läßt. Jedes Indivi-
duum versucht, seine Welt zu ordnen und übersichtlich zu halten;
gerne übernimmt man dabei aus der Tradition überempirische
Prinzipien und Wesenheiten, die sich bewähren: Unklare und be-
unruhigende Einzelheiten der Erfahrung werden damit gedeutet
und fixiert, die Wirklichkeit scheint Sprache zu gewinnen und
zeigt einen klar gegliederten Zusammenhang - beides heißt auf
Griechisch ,Logos haben" logon echein. Wir erftillen die eigene
Welt mit kulturell vermitteltem Sinn. Und doch bleibt der biolo-
21 4 Zum Abschluß Zum Abschhifl 215

gisehe Unterbau samt dem Wissen, daß es letztlich um das ,Leben' ungreifbar und zugleich so wirksam sind, daß die alten Versuche
geht. von Einflußnahme und Prägung in der Kommunikation ver-
Wenn denn die Sprache vor einigen Zehntausenden von Jahren gleichsweise ungeschickt und harmlos wirken. Zulassung zum in-
den entscheidenden Fortschritt brachte, Information direkt weiter- neren Kreis oder Ausschluß hängt von Bits, Codes und Zulas-
zugeben, in Interaktionen zu verarbeiten und aufzubewahren, so sungsnummern ab, und zur Bestätigung genügt ein Tastendruck.
folgte ein zweiter, kaum weniger wichtiger Fortschritt vor etwa ,I
Insoweit die Zukunft hiervon beherrscht wird, könnte Religi-
5000 Jahren mit der Erfindung der Schrift. Sie schuf eine neue on, stranguliert zwischen Natur und Netzwerk, ans Ende ihrer
Form des objektiven Wissens, weit über die unmittelbare Wirkung Wirkungsmacht gelangen, Religion als ernsthafte Kommunikation
des gesprochenen Worts und die Merkfähigkeit einzelner Gehirne mit Überempirischem, die gleichsam tastend den vorgegebenen
hinaus. Rituale der Bekräftigung und Einmütigkeit, insbesondere Sinnstrukturen des Lebens folgt. Kollektives Ritual mag durch
auch die Eide mußten einen Großteil ihrer Funktion einbüßen ge- Computerspiele ersetzt werden im Rahmen einer schönen neuen,
genüber der neuen Schriftlichkeit. Und doch machte die Religion freilich nur ,virtuellen ' Weh. Allerdings besteht noch keine Aus-
alsbald ihrerseits die Schriftlichkeit zu einer neuen Grundlage. Mit sicht, daß die biologische Basis des Lebens abzuschaffen wäre; in-
dem Judentum, dem Christentum und dem Islam errang die sofern wird die ,Realität' immer fuhlbar bleiben, gerade in ihren
Schriftkultur ihren bedeutendsten Triumph: Heilige Schriften ga- körperlichen Notwendigkeiten. Als beunruhigender mag eher so-
rantieren nun die Worte Gottes, die er zu seinen Propheten und gar die sich abzeichnende Chance einer Regression erscheinen,
Aposteln gesprochen hat. Die schriftliche Festlegung reduzierte gerade im geistigen Bereich. Primitivreaktionen der Massen, Fun-
insbesondere die Notwendigkeit der stetig erneuerten Zeichen- damentalismus ihrer Wortfuhrer: Hier bleiben Formen und Aus-
deutung und auch die Abhängigkeit von paranormalen Phänome- sichten der Religion auch fur die unmittelbare Zukunft; sie blei-
nen wie Mystik und Ekstase. An ihre Stelle trat die Aufgabe der ben in ihrer Funktionalität durchaus problematisch.
Interpretation schriftlicher Texte, als neue Form der Sinnsuche Auch in einer Welt, die von der selbstgeschaffenen Technologie
unter oft unklaren und beunruhigenden Gegebenheiten. Bei alle- scheinbar lückenlos beherrscht ist, werden Menschen nicht leicht
dem haben doch fast alle Elemente der älteren Religionen fortbe- akzeptieren, daß die großen traditionellen Sinnkonstruktionen der
standen, teils offiziell, teils eher in der Subkultur, einschließlich der Kulturen, die das Jenseitige in sich schlossen, nichts als mißver-
Verwendung von Eiden und von Zeichendeutung aller Art. Es standene Projektionen der eigenen Programme und Sehnsüchte
erwies sich fur Menschen als schwierig, die alten Bahnen der Sinn- gewesen sein sollen, und daß vom Universum, das uns umgibt,
konstruktionen zu verlassen, zumal ja die realen Schrecken aller keine anderen Zeichen zu uns gelangen als der Widerhall einiger
Art, Krankheiten, Kriege und Gewaltexzesse an der Tagesordnung Irregularitäten aus den ersten Millisekunden des uranfänglichen Big
blieben. Bang.
Es könnte sein, daß die dritte Stufe der Verarbeitung von In-
formationen, die wir gerade jetzt durchleben, nochmals ganz
grundsätzliche Veränderungen der sozialen Interaktionen bringen
wird. Mit dem elektronischen Netzwerk des computerisierten
Weltdorfes werden die gemeinsam zugänglichen Infonnationen
und die entsprechenden Programme allgegenwärtig; sie lassen das
Individuum definitiv hinter sich. In der Literaturwissenschaft ist
der ,Verlust des Subjekts' oder ,des Autors' bereits zum Schlagwort
geworden. Der oder die einzelne findet sich in der Ecke mit will-
kürlich bedienbarem Spielzeug allein gelassen, während das System
im ganzen neue, unausweichliche Abhängigkeiten schafft, die so
Anmerkungen 21 7

209 e, d. h. Kontinuität des Lebens und Kontinuität der Kultur. Den Hinter-
grund bildete die von den Sophisten entwickelte physis-nomos-Antithese. Der
Kontrast von Natur und Kultur wird als "new dualisrn" bezeichnet und kri-
tisiert von Reynolds 1981, 13-18.
Anmerkungen 6 "There is no human nature apart from culture." "Humanity is as various in
its essence as it is in its expression", Geertz 1973, 35 f.; vgl. D. Freeman in
Montagu 198o, 2 II: Kultur als "accumulation of chosen alternatives". Histo-
rische Studien haben den kulturellen Relativismus auch in den Begriff der
Einleitung
,Mentalitäten' gefaßt, vgl. V. Sellin, "Mentalität und Mentalitätsgeschichte ",
Historische Zeitschrift 241 (1985) 555-598; vgl. G.E.R. Lloyd, Demystifying
1 "The Knowledge of God, the Infinite, the All, the First and Only Cause, the Mentalities, Cambridge 1990.
One and the Sole Substance, the Sole Being, the Sole Reality, and the Sole 7 Geertz 1973, 35ff.; vgl. Boon 1982. Kritik bei Heming 1988,37-43.
Existence, the Knowledge of His Nature and Attributes, the Knowledge of 8 Vgl. Durkheim 1912; van Baal 1971; Leach 1976.
the Relations which men and the whole universe bear to Hirn, the Know- 9 B. Malinowski, Argonauts in the Western Pacific, London 1922; E. E. Evans-
ledge of the Nature and Foundation of Ethics or Morals, and of all Obliga- Pritchard, Witchcraft, Grades and Magic among the Azande, Oxford 1937;id.,
tions and Duties thence arising." Vgl. S. L. Jaki, Lord GiJford and his Lectures. Nuer Religion, Oxford 1956; A. R. Radcliffe-Brown, The Andaman Islanders,
A Centenary Retrospect, Edinburgh 1986. Der Begriff theologia naturalis geht Glencoe, Ill. 1948 J.
auf Augustin zurück, Civ. D. 6,5-8, der Varros theologia tripartita diskutiert; er 10 Vgl. Vernant 1974; 1991; Vernant-Vidal Naquet 1972/1986; Versnel 1990.
erhielt die positive Konnotation durch Marsilio Ficinos Versuch, Christen- II Vgl. Taub 1984; Hewlett 1992.
tum und Platonismus auszugleichen. Vgl. B. Gladigow, "Religio docta bei 12 Psalm 52 (53), 2.
Marsilio Ficino", in: S. Haug, D. Mieth, ed., Religiöse Erfahrung, München 13 Ps.-Liban. Characteres epist. I, ed. V. Weickert, Leipzig 1910, p. 15,II; vgl.
1992, 277-285, bes. 279f. In der Aufklärung wurde dann die ,natürliche Eurip. Herad. 904f.: die Polis soll "die Götter ehren; wer das verneint, steu-
Theologie' der kirchlichen Offenbarungstheologie entgegengestellt. ert nahe an Wahnsinnsformen ... "
2 Zur "Dekonstruktion" der "Ontotheologie" Ruf 1989. 14 "all explicit and implicit notions and ideas, accepted as true, which relate to a
3 Den alten Religionen durchaus vergleichbar und heute noch lebendig sind reality which cannot be verified empirically", Van Baal 1971, 3. Freilich ist
die Volksreligionen etwa in Indien, Indonesien, China, Japan. Verf. hat sich der Begriff ,empirisch' problematisch: Die Existenz von Antipoden konnte
im wesentlichen auf das eigene Studienfeld im nahöstlich-mediterranen Be- vor Magalhaes nicht empirisch verifiziert werden und war doch nicht eine
reich zu beschränken. religiöse, sondern eine wissenschaftliche Annahme.
4 Zur Diskussion dieser Probleme sei aufVersnel 1990 verwiesen. 15 ,,(I) a system of symbols which act to (2) establish powerful, persuasive, and
long-Iasting moods and motivations in men by (3) formulating conceptions
of a general order of existence and (4) clothing these conceptions with such
1. Sinnkonstruktion auf biologischer Spur an aura of factuality that (5) the moods and motivations seem uniquely reali-
stic", Geertz 1973, 90.
1 "Neither history nor anthropology knows of societies from which religion 16 Vgl. L. Richter, C. H. Ratschow, Die Religion in Geschichte und Gegenwart V
has been totally absent", Rappaport 1971,23. (196IJ) 968-984; W. L. King ER XII (1986) 282-292; K-H. Kohl HrwG I
2 Cic. Nat. Deor. 2,5, vgl. A. S. Pease, Mard Tulli Ciceronis De Natura Deorum 217-262; Historisches Wörterbuch der Philosophie VIII (Basel 1992) 632-713;
Libri Tres, Cambridge, Mass. 1955 ad loc.; Artemidor. 1,8 P.17: "kein ethnos Bianchi 1995.
ist ohne Religion (atheon)"; Strabo 3,4,16 nennt einen Stamm, der ,nach ei- I7 Saler 1993 gebraucht den Begriff der "Familienähnlichkeiten", d. h. ,mehr
nigen' atheon sei; dies trifft nicht zu, siehe J. M. Blasquez, Imagen y Mito, Ma- oder weniger' an Stelle von ja/nein'; er spricht von "a pool of elements that
drid 1977, 451 f. more or less tend to occur together in the best exemplars of the category",
3 Vgl. Otte 1993 und als knappe Übersicht Otte 1995; siehe auch Burkert 225 vgl. 213.
1979, 33 f.; 88-94· 18 Diels-Kranz 80 B 6. Auch für den Astronomen Ptolemaios, im Vorwort sei-
4 V gl. Mettinger 1995. ner Syntaxis (1,1), ist Theologie - im Kontrast zu seiner Wissenschaft -
5 "realized signifying system", Williams 198 I, 207, vgl. 13: "culture as the sig- durch "die absolute Unsichtbarkeit und Unbegreiflichkeit ihres Gegenstan-
nifyil1g system through which necessarily ... a social order is communicated, des" charakterisiert.
reproduced, experiencend, and explored." Als erster hat Platon die beiden 19 Röm. 1,19f.; die traditionelle, lutherische Übersetzung "damit daß Gottes
Prozesse, durch die ,Sterbliches am Unsterblichen teilhat', prinzipiell unter- unsichtbares Wesen, das ist sein ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so
schieden, biologische Fortpflanzung und bewußtes ,Lehren', Symp. 206 c -
218 Anmerkungen Anmerkungen 21 9

man des wahrnimmt" verwischt das ,geistige Erfassen' (nooumena kathoratat). 3I Wilson I97'5, vgl. Wilson I978; Lumsden-Wilson I981.
Vgl. Cic. Nat. Deor. 2,4f.; Min. Felix I7; Sapientia Salomonis I3,I-'7 (ein ]2 Vgl. z.B. F.M. A. Montagu, Man and Aggression, New York I968; J. Ratt-
Text, den Paulus vielleicht kannte). In 1. Kor. I,2I stellt Paulus fest, daß der ner, Aggression und menschliche Natur, Freiburg I970, I97I'; A. Plack, Hg., Der
Mensch normalerweise Gott nicht erkennt. PhiIon Leg. all. I,3 8 meint, der Mythos vom Aggressionstrieb, München I973; Sevilla Statement on Violetlce,
Mensch wäre nie von sich aus auf Gott gekommen, wenn Gott menschliches Middletown I986 (vgl. de Waal I989, 9).
Denken nicht zu sich emporgezogen hätte. 33 Vgl. Sahlins I976; Caplan I978; Gregory-Silvers-Sutch I978; Montagu I980;
20 Vgl. Burkert I995. Baldwin-Baldwin I98I; Lumsden-Wilson I983, 23-50: "The Sociobiology
2I Diese Formulierung im 1. Brief des }ohannes 4,I; Paulus 1. Kor. I2,ro; I4,I3; Controversy." Vgl. auch Reynolds I98I; Fischer I988; Fleming I988; Slo-
I4,27f.: Zungenreden bedarf der ,Auslegung'. - ,Spiritismus' war eine Mode- bodkin I992, 36-39; Vowinckel I995, I9-22.
strömung besonders der ZwanzigeJjahre dieses Jahrhunderts; viele ,Medien' 34 Ditfurth I976, I65-I67·
traten auf, vgl. z. B. E. R. Dodds, Missing Persons, Oxford I977, 98-III; sie 35 T. Struhsaker, "Auditory communication among vervet monkeys (Cercopi-
verschwanden wieder mit der Mode; sie brachten keine Religion hervor. thecus aethiops)" , in: S. A. Altmann, ed., Soda I commutlication among primates,
22 Palladius, Historia Lausiaca 25,5. Chicago I967; Cheney-Seyfarth I994, I4I-I5I, 20I-2I1. Zur Reaktion von
23 "Kein Opfer wirkt ohne Gebet", Plin. Nat. Hist. 28,IO. Vgl. bei Anm. 83 Schimpansen auf Leoparden Wilson I978, 83; Lumsden-Wilson I983, 96.
zum Ritual. Es gibt aber Grenzen der Sprache und Wirkung des Außer- Zum trans kulturellen ,Wissen' über ,Leben' und ,Körper' Atran I987;
sprachlichen in der Religion: Der Qoran darf nicht übersetzt werden, bleibt Johnson I987.
also fur türkische, persische, indische, indonesische Muslims unverständlich 36 V gl. Kapitel VII bei Anm. 1.
und ist doch absolute Autorität. Vor der Reformation fand die römische Kir- 37 Gruppe I9 2I , 243·
che kaum Anlaß, die Bibel oder wenigstens die Evangelien in die Volksspra- 38 Lorenz I963; sein Hauptbeispiel fur Solidarität war das gemeinsame aggressi-
chen zu übersetzen. ve Schnattern eines Graugänse-Paars. V gl. auch Eibl-Eibesfeldt I984.
24 "culturally patterned interaction with culturally postulated superhuman 39 Burkert I97 21r 997·
beings", so Spiro, zitiert bei C. Renfrew, The Archaeology cif Cult, London 40 Dawkins I976. Zur Evolution der Kooperation siehe Kapitel VI.
I985, I2. - Der Buddhismus ist im Prinzip atheistisch und gehört doch, zu- 4I W. Irons in Chagnon I979, 258; vgl. Fleming I988, IID-II3. II2 mit Bezug
mal in der rituellen Praxis, zur ,Familie' der Religionen. aufE. O. Wilson: "culture is shaped by biology." Der Begriff "inclusive fit-
25 Zum ,sozialen Werkzeug' Sommer I992, 85-88; I II f.; vgl. bei Anm. 91. ness" (,Gesamtfitness') stammt von Hamilton I964.
26 H. Popp, Die Einwirkung von Vorzeichen, Opfern und Festen auf die Kriegfiihrung 42 Vgl. Eigen I987, 59f.
der Criechen im 5. und 4.}h. v. Chr., Diss. Erlangen I957. - I Makkabäer 43 "Fulguration" als Durchbruch in eine neue Dimension ist ein von Lorenz
2,29-4I; die Makkabäer selbst freilich entschieden sich, auch am Sabbath zu geprägter Begriff, vgl. Lorenz I973, 48-50.
kämpfen; so setzten sie sich durch. 44 Vgl. Reynolds I98I, 7I f.
27 Senatus comultum de Bacchanalibus, CIL r 58I, Zeile 4. 45 Chagnon I9 88 .
28 Vgl. einerseits Psalm I,I mit der Warnung "zu sitzen, wo die Spötter sitzen" 46 Jahrhunderte lang hat man in Europa Diebe gehängt, ohne die Tendenz der
(in cathedra derisorum, so die Vulgata; das Problem des hebräischen Textes und Menschen zum Diebstahl zu verringern. Im übrigen pflegt man heutzutage
der Septuaginta-Übersetzung ist hier nicht zu diskutieren), andererseits Apol- auch in ,primitiven' Gesellschaften die Diskontinuitäten zu betonen.
lonius von Tyana oder Petrus, die einen lachenden Jungen als ,besessen' be- 47 Wilson I978, I75, cf. I69-93; Wilson ist religiösen Phänomenen allerdings
zeichnen und dem Exorzismus unterwerfen, Philostr. Vit.Apoll. 4,20; Actus nicht im Detail nachgegangen.
Petri (Um Simone II (Acta Apostolorum Apocrypha ed. Lipsius I p. 58 f.). Dies 48 Insofern behält Platon Recht: "Der Mensch allein unter den Lebewesen hat
schließt nicht aus, daß Lachen und Unfug ihren umgrenzten Platz innnerhalb den Glauben an Götter zum Brauch gemacht" (Prot. ]22 a).
religiöser Systeme haben können. 49 Vgl. bei Anm. 7·
29 Die Zeugnisse rur Menschenopfer werden neuerdings kritischer als früher 50 Vgl. Harnilton I964, I: "no possibility of the evolution of any characters
überprüft; zu den Phöniziern siehe Kap. 11 bei Anm. 76; zu den Azteken which are on average to the disadvantage of the individuals possessing them. "
P. Hassler, Menschenopfer bei den Azteken?, Bern I992; zum Altertum D. SI Ditfurth I97 6 , 45·
D. Hughes, Human Sacrijice in Andent Creece, London I99I; P. Bon- 52 Lumsden-Wilson I983, 20: "Memoirs most easily recalled, emotions they are
nechere, Le sacrijice humain en Crece andentle, Liege I994. Andererseits most likely to evoke".
besteht kein Zweifel, daß es ,Voodoo-Tod' und ähnliche Aktionen 53 Lorenz I963, 259-264.
schwarzer Magie im Rahmen religiöser Symbolik gibt, mit durchaus rea- 54 Siehe unten bei Anm. II6-I22.
lem Effekt: Das ,Opfer' stirbt ... 55 Rappaport I984, 233, zeigt in seiner Studie über die ,Schweinefeste in
30 Vgl. Ehalt I985. Neuguinea' einen möglichen ökologischen Vorteil religiösen Rituals auf:
220 Anmerkungen Anmerkungen 221

man läßt den Schweine-Bestand zunehmen, bis ihre Zahl zu einer Gefahr 68 C. Levi-Str'auss, Les structures elementaires de la parente, Paris 1949.
ftir die Umwelt würde; dann werden sie im großen Fest ,geoptert' und 69 Vgl. Bischof 1985.
verspeist. Der religöse Brauch wird zum ,homöostatischen' Faktor. Leider 70 Bischof 1985.
kann ökologische Vorsicht keineswegs als allgemeines Charakteristikum 71 Zu den Spekulationen um spontane Sprachentstehung, meist beeinflußt
der Religion erwiesen werden. In der frühbronzezeitlichen Kultur Maltas durch das ,Psammetich-Experiment' Hdt. 2,2, siehe. A. Borst, Der Turmbau
scheinen die großen Tempelbauten mit dem ökologischen Kollaps zu- von Babel, Stuttgart 1957/63, bes. I (1957) 99-101.
sammenzugehen: C. Malone, A. Bonamo, T. Gonder, "The Death Cults 72 Die erfolgreichste Rekonstruktion einer verlorenen Sprache, ,Indogerma-
of Prehistoric Malta", Scientific American 269,6 (December 1993) 76-83, nisch', ruhrt vielleicht 2000 Jahre über die ältesten Zeugnisse zurück, d. h. bis
esp. 83; allgemein J. Diamond, "Ecological Collapses of Past Civiliza- ca. 5000/4000 v. Chr. Vgl. immerhin P. E. Ross, Spektrum der Wissenschaft
tions", Proceedings cif the American Philosophical Society 138 (1994) 363-37°. 1991, 6, 92-101.
56 K. Marx, "Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" , I 73 Inwieweit dies ,echte' Sprache ist, wird kontrovers bleiben; ihre Leistung ging
Deutschjranzösische Jahrbücher 1844, Marx-Engels- Werke I 378; vgl. Historisches und geht jedenfalls viel weiter als erwartet. V gl. Kapitel 111 bei Anm. 32.
Wörterbuch der Philosophie VIII 687. 74 Bar-Yosef - Vandermeersch 1993; R. White, "Bildhaftes Denken in der Eis-
57 Enge Beziehungen zwischen Religion und Drogen wurden und werden zeit", Spektrum der Wissenschaft 1994,3, 62-69; "great leap forward" Diamond
immer wieder angenommen. Man beachte aber, als sehr altes Beispiel, den 1991, 27-48, der eben das Aufkommen der Sprache ftir entscheidend hält.
Vedischen Soma-Kult: Die Texte lassen kaum einen Zweifel, daß Soma eine 75 Vgl. Dissanayake 1988.
Droge gewesen sein muß (Fliegenpilz?); aber seit der Einwanderung der In- 76 V gl. P. Mellars, "Archaeology and Modern Human Origins, " Proc. Brit.
doarier in Indien vor mehr als 3000 Jahren ist die ,ursprüngliche' Droge Acad. 82 (1992) 1-35; Bar-Yosef - Vandermeersch 1993.
durch absolut harmlose Pflanzen ersetzt - und doch wird das Ritual noch 77 Sprachunfähigkeit des ,Neandertalers' suchte P. Lieberman zu erweisen, "On
immer durchgeftihrt; eine Filmdokumentation entstand 1964, vgl. F. Staal, the Evolution of Human Language", Proceedings cif the 7th International Congress
Agni, Berkeley 1983. Das Ritual sichert den Akteuren, in deren Familien es of Phonetic Sciences, Leiden 1972, 258-272; vgl. J. N. Spuhler, "Biology, speed
weitergegeben wird, den Brahmanen, einen ,Vorteil' an Prestige und Ein- and language", Annual Review cif Anthropology 6 (1977) 509-561; G. S. Kruntz,
fluß. Insofern hat innerhalb der Organisation eine besondere ,Fitness' den "Sapienization and Speech", Current Anthropology 21 (1980) 772--'792; weitere
,Opium-Effekt' ersetzt. Diskussionen in Nature 338 (1989) 758--'760; Spektrum der Wissenschcift 1989,7,
58 Bei Ziusudra, Atrahasis, Gilgamesh, Noah, Deukalion, Manu. Vgl. J. 34; Bickerton 1990, 176(; Spektrum der Wissenschaft 1991,6, 100. Die Mehrheit
Rudhardt, "Le mythe grec relatif a l'instauration du sacrifice", in: J. R., Du der Anthropologen meint, daß Liebermans These nicht bewiesen ist.
mythe de la religion grecque et de la comprehension d'autrui, Genf 1981, 209-226; 78 Bar-Yosef - Vandermeersch 1993, 64: "biology cannot explain the cultural
G. Caduff, Antike Siniflutsagen, Göttingen 1986; W. Burkert, "Katastrophe als revolution that then ensued."
Mythos", Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 52 (1995) 79 Zu Begriff und Funktion des Rituals Burkert 1972 und 1979; eine epikriti-
75-80. sche Studie zum Ritual-Begriff: Bell 1992.
59 Der genaue Text lautet: plures efficimur quotiens metimur a vobis; semen est 80 Vgl. Slobodkin 1992,35; Otte 1993.
sanguis Christianorum, Tert. Apol. 50,13. Iustinus Dial. IIO,4 verwendet die 81 Vgl. auch Anm. II7.
Metapher vom Weinstock, der umso üppiger austreibt, wenn er beschnitten 82 Die Landschafts-Metapher bei Burkert 1979, 58, mit Bezug auf die Tradition
wird. von Mythos und Ritual: " ... dug those deep vales of human tradition in
60 Johannes 12,24. which even today the streams of our experience will tend to flow;" zuvor
61 ,inclusive fitness', Hamilton 1964. Kap. 11 bei Anm. 55-57. schon bei Friedman 1974, 34: "Evolution has dug the major channels
62 Vgl. Kap. IV bei Anm. 93/94. through which the river of experience runs"; vgl. auch Frazer CB I :XXVI
63 ,Der grüne Heinrich' I Kap. 5. Vgl. Burkert 1972, 36. die traditionelle Religion sei erbaut "on the sands of superstition rather than
64 R. W. Brednich, Mennonite Folklife and Folklore, Ottawa 1977. on the rock of nature".
65 bzw. weniger, sofern man an Gesundheitsrisiken glaubt, die mit dem Ver- 83 Hier werden keine Thesen über Gene oder Gehirnstruktur vorgetragen.
zehr von Schweinefleisch zusammenhängen. Im Nahen Osten leben seit bald Versuche in dieser Richtung: V. Turner, "Body, Brain, and Culture", in:
1400 Jahren Muslims und schweinefleischessende Christen nebeneinander, id., On the Edge cif the Bush, Tucson 1988, 249-273. J. Jaynes, The Origin cif
ohne daß sich ein Ausleseeffekt eingestellt hat. Consciousness and the Breakdown cif the Bicameral Mind, Boston 1976, hat sich
66 V gl. Kapitel VII bei Anm. 5 I . gegenüber naturwissenschaftlichen Spezialisten nicht halten können.
67 Grundlegend war M. Foucault, Histoire de la sexualite, Paris 1976-1984; vgl. 84 Die lateinische Wiedergabe, animal rationale, faßt nur einen Teil des Begriffs
D. M. Halperin, J. J. Winkler, F. E. Zeitlin, BeJore Sexuality. The Construction logos.
cif Erotic Experience in the Ancient Creek World, Princeton 1989. 85 Zur ,evolutionären Erkenntnistheorie' Lorenz 1973; Vollmer 1994.
II

222 Anmerkungen Anmerkungen 223

86 Vgl. Sommer 1992; Cheney-Seyfarth 1994, 245-27I. 107 Plat. Leg. 887de.
87 Sommer 1992, 80; Dawkins 1994, 178. Sommer stellt fest, daß der Ein- 108 Vgl. auch Kap. IV.
dringling in der Regel die Alarmsignale übernimmt und die Aggression auf- 109 Zu ,myth and ritual' Burkert 1979, 56-58.
gibt. I IO Diese Begriff wird entfaltet bei J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, Mün-
88 Es gibt eine mögliche Vorform im Ritual, das, was Harrison als "action pre- chen 1992.
done or re-done" bezeichnet hat, Epilegomena to the Study of Greek Religion, I I I Durkheim 1912.
Cambridge 192 I, XLIII. 112 J. E. LeDoux, "Das Gedächtnis für Angst", Spektrum der Wissenschaft 8/1994,
89 Was dem Phönix zur sprichwörtlichen Dauer verhalf, ist ein sehr spezieller 76- 83.
Komplex, das Paradox von Vernichtung und Neuentstehung, der Kreis von II3 Vgl. Lorenz 1963, I04-I07: Die Graugans Martina hatte sich in angsterre-
Tod und Wiedergeburt, verstärkt im Rahmen christlicher Theologie. gender Situation angewöhnt, immer erst auf ein Fenster zuzulaufen und
90 Vgl. Burkert, "Elysion", Glotta 39 (1961) 208-213; eine mythische Per- dann eine Treppe hochzusteigen; einmal, in Eile, wich sie "vom gewohnten
son Linos entstand aus dem rituellen Ruf ailinon; populär ist die Hexe Bifana Wege ab und wählte den kürzesten"; doch auf der ftinften Stufe machte sie
in Italien - dem Nikolaus vergleichbar -, deren Name vom Fest Epipha- mit allen Zeichen des Schreckens Halt, "kehrte um, stieg eilig die fünf Stu-
nias kommt; weitere Beispiele bei Burkert, Museum Helveticum 38 (1981) fen wieder hinab und durchlief eifrigen Schrittes, wie jemand, der eine sehr
203f nötige Pflicht erftillt, den urspünglichen ... Umweg, bestieg die Treppe aufs
91 VgI. Burkert 1972, 89f.; oben bei Anm. 79-81. neue, diesmal vorschriftsmäßig ... " Aus Angst ist ein Ritual als fixiertes Ver-
92 Vgl. z. B. G. R. Levy, T71e Gate ofHorn, London 1948, 22f; pI. 11 b. haltensschema entstanden; wird es verletzt, bricht Angst durch; man muß
93 Vgl. W. Helck, Betrachtungen zur Großen Göttin, München I97I. zum Ausgangspunkt zurück und das Ritual wiederholen: Jeder römische
Pontifex hätte Martina zugestimmt.
94 Luhmann 1977·
95 Für Lord Gifford bedeutete "natural theology" (vgl. Vorwort bei Anm. I) II4 Zur Beschneidung Kap. 11 bei Anm. 50/51; VII bei Anm. 51; Bloch 1986;
"the knowledge of God, the Infinite, the All, the First and Only Cause, the vgl. Bischof 1985, 133 f; vgl. auch Dowden 1989, 36.
One and the Sole Substance, the Sole Being, the Sole Reality, and the Sole II5 HDA 111 1141; E. v. Künßberg, "Rechtsbrauch und Kinderspiel. Untersu-
Existence ... " . chungen zur deutschen Rechtskunde und Volkskunde", Sitzungsber. Heidel-
96 "Gut zu denken" ist ein von Levi-Strauss geschaffener Begriff. Zur ganzen berg 1920,7.
Problematik des religiösen Denkens Boyer 1994, vom Standpunkt der kog- II6 Zur Initiation in Samothrake Burkert in: N. Marinatos, R. Hägg, Greek
nitiven Psychologie. Sanctuaries. New Approaches, London 1993, I84f; Im Altertum gab es wie-
97 Wenn man formalisieren will: a:b wird zur Gleichung, x:a = a:b, vgl. Kapitel derholt den Verdacht, daß geheime Kulte Menschenopfer, ja Kannibalismus
IV bei Anm. 107. praktizierten, vgl. A. Henrichs, "Pagan Ritual and the Alleged Crimes of the
98 a > b wird zur Gleichung: a-x = b-y. Vgl. Kapitel V. Early Christians" , in: Kyriakon. Festschrift Johannes Quasten, Münster 1970,
99 V gl. Lorenz 1973; V ollmer 1994. 18-35; Kapitel VII Anm. 87.
IOO Richard Gordon, "Reality, evocation and boundary in the Mysteries of
II7 Stat. Yheb. 3,66I.
Mithras", Journal of Mithraic Studies 3 (1980) 19-99, hier 22, mit Bezug auf II8 R. Borger, Die Inschriften Assarhaddons Königs von Assyrien, Osnabrück 1967,
die Mithras-Mysterien. 9 § 7, cf § 2 I, § II u. a. m.; Sargon 11. in: E. Ebeling, Die akkadische Gebets-
101 Vgl. Cic. Nat. deor. 2,5. serie ,Handerhebung,' Berlin 1952, 98 f (Rs.3): "Diener, fürchtend Deine (sc.
102 In diesem Sinn wurde ,Gott ist tot' als Voraussetzung der modernen Semio- des Gottes Adad) Gottheit." Vgl. Lambert 1960,104: "He who fears the gods
logie bezeichnet: M. Casalis, Semiotica 17 (1976) 35 f is not slighted by anyone."
103 Ein solcher Versuch bei Gordon, Anm. 100. II9 S. Parpola, Lettersfrom Assyrian and Babylonian Scholars, Helsinki 1993, 155 nr.
104 Dawkins 1976 sprach von sich selbst generierenden ,Memen' analog zu den 188 (672 B. C.), vgl. Lambert 1960, 104, Zeile 143 f Isokrates Bus. 25 stimmt
,Genen,' einer Art Computer-Viren im Gehirn (?). Soll dies mehr als eine zu, obgleich eine Anspielung auf den ,atheistischen' Text des Kritias YrGF
Metapher sein, müßte eine besondere Durchsetzungs-Energie bestimmter 43 F 19 mitzuschwingen scheint: "Denn von Anfang an sind diejenigen, die
,Meme" unter Verdrängung von anderen, aufgezeigt werden. In poetischer diese Furcht (vor dem Göttlichen) in uns bewirkt haben, Ursache geworden,
Sprache garantieren Resonanzen innerhalb des signifiant, wie Rhythmus, daß wir uns nicht ganz wie Tiere gegeneinander verhalten."
120 Provo 1,7; dazu Psalm III,IO; Eccles. 12,13.
Assonanz und Reim die Stabilität des Textes, und musikalische Sequenzen
,gehen im Kopf herum' - doch ein ,Ohrwurm' ist nicht religiös. 121 C. Austin, Nova Fragmenta Euripidea, Berlin 1968, nr. 81,48 = YrGF Adesp.
I05 1. 1. Cavalli-Sforza et al., "Theory and Observation in Cultural Transmis- 356; cf Theognis II79: "Ehre die Götter und fUrchte sie." - Koran Sure
sion", Sdence 218 (1982) 19-27. 2,40. Zum ,haaresträubenden' Schauer siehe bei Anm. 57. Man hat den
106 Lorenz 1963, 23, vgl. Lorenz 1978, 95 ff. Griechen die religiöse ,Furcht' abgesprochen, so Ruskin bei Harrison 1922,
224 Anmerkungen Anmerkungen 225

I; allgemeiner B. Snell, Die Entdeckung des Geistes, Göttingen 1975\ 30: 3 Vgl. E. R. Dodds, Pagan and Christian in an Age cif Anxiety, Cambridge 19 6 5,
"Überwindung des Grauens." Vgl. dagegen auch R. Padel, In and Out cif the 39-45; zur Chronologie A. Humbel, Ailios Aristeides, Klage über Eleusis, Wien
Mind, Princeton 1992, 138-14I. 1994, 45-52·
122 R. R. Marett, The Threshold cif Religion, London 1909, 1929\ 13: "Of all 4 Aristid. Or. 4 8 , 26-28; Burkert 1981, 123 f; H. S. Versnel, "Polycrates and
English words awe is, I think, the one that expresses the fundamental reli- his Ring: Two Neglected Aspects", Studi Storico-Religiosi I (1977) 17-46;
gious feeling most neatly"; vgl. HrwG I 455-471 S. v. Angst. Diskussion über "Self-Sacrifice, Compensation and the Anonymous Gods", in: Le sacrifice dans
Angst und Ritual auch bei Homans 1941; H. v. Stietencron, ed., Angst und I' antiquite. Entretiens sur I' antiquite classique 27, Vandoeuvres-Geneve 1981,
Gewalt. Ihre Präsenz und ihre Bewältigung in den Religionen, Düsseldorf 1979. 135-185, bes. 163 ff.
123 R. Otto, Das Heilige, München 1917, Kapitel IV. 5 Vgl. zur ,Votivreligion' Burkert 1994a, I 9-2 I.
124 Vgl. Ditfurth 1976, 269: der sexuelle Partner ,verschwindet' in der Hunger- 6 Paus. 8,34,1-3. In Selinus gibt es ein Opfer erst für die ,schmutzigen'
situation. Freilich gibt es auch Arten und Situationen, wo die Fortpflanzung (miaroI), dann für die ,reinen' (katharot) Tritopatreis, Jameson 1993, 29f;
die Selbsterhaltung außer Kraft setzt: zeuge und stirb. 61-6 4. Nach Ptolemaios Chennos (eine problematische Quelle) hat der Ne-
125 Alexander Marshack findet die Symbole des Tötens unter den ersten meische Löwe dem Herakles einen Finger abgebissen, ,und es gibt ein Grab
,Notationen' des paläolithischen Menschen; er verbindet "time-factored des abgebisssenen Fingers', Phot. BibI. 147 a37- b2 .
death" mit den "cognitive beginnings" der Menschheit: Marshack 1972, bes. 7 Ed. A. Hilka, Historia septem sapientium 11, Heidelberg 1913. Vgl. J. G. Frazer,
235 ff. Im babylonischen Mythos muß das ,Meer' (Tiamat), die Ur-Mutter, Apollodoms, The Library 11, Loeb Classical Library 1921, 409-422; D. Page,
getötet werden, damit eine stabile Welt aus ihrem Körper geschaffen wird, The Homeric Odyssey, Oxford 1955, 8 f
Enuma elish IV-VI, ANET 67-69. Vgl. Kap. 11 bei Anm. 73; 85. 8 Frazer 1898, IV 355-357; vgl. GB IV 219; 111 161; Levy 1948, 49; E. M.
126 V gl. Burkert, "Eracle egli altri eroi culturali del Vicino Oriente", in: C. Loeb, "The Blood Sacrifice Complex", Memoirs cif the Anthropological Associ-
Bonnet, C. Jourdain-Annequin, ed., Heracles d'une rive cl l'autre de la Mediter- ation 30, 1923; KHM nr. 25; EdM IV II43 s. v. Finger.
ranl?e, Bruxelles 1992, 1II-I27. 9 Frazer 1898, IV 356.
127 Aisch. Hik. 479. Vgl. Matth. IO,28; Lukas 12, 4f IO Levy 1948, 93.
128 Hiernoymus Chron., praefatio: timor enim dei hominum timorem expellit. 11 GB IV 219.
129 Hierzu Burkert 1972/97; vgl. Bloch 1992. 12 Pindar war anderer Meinung: "Wenn Eigentum geraubt wird, ist es besser
130 Vgl. auch die allgemeinere Formulierung von E. Becker, The Denial of tot zu sein als ein Feigling", Fr. 169 a 16 f. - die rationale Wahl wird vom
Death, New York 1973, 3: "society everywhere is a living myth of the signi- heroischen Codex ausgeschaltet.
ficance of human life, a defiant creation of meaning ... " 13 Vgl. Aesch. Ag. 1008-1016, als Gleichnis des klug~n Opfers, das die Kata-
131 H. Huber in: H. J. Braun, K. Henking, ed., Homo religiosus, Zürich 1990, 158. strophe vermeidet.
132 Paulus Rom. 9,26; II Kor. 3,3; 6,16 etc.; Matth. 16,16; 26,63 etc.; vgl. Bult- 14 Dedet tempestatebus aide mereto[d, Inschrift auf dem Sarkophag des L. Cornelius
mann und von Rad in ThWbNTII (1935) 833-877. Scipio, CIL I 9; R. Wachter, Altlateinische Inschriften, Bern 1987, 301 -342 .
133 Joh. 14,19. 15 Man könnte sich an Markus 14,51 f erinnert fühlen: "Er aber ließ die Lein-
134 Dies kann philosophisch sublimiert werden zum Postulat der ,Zeitlosigkeit'; wand fahren und floh nackt von ihnen."
dies wird zum ,werttheoretischen Fundamentalsatz' bei O. Weininger, Ge- 16 Kap. I Anm. 56.
schlecht und Charakter (Wien 1903; Nachdruck München 1980) 168f.: "Der 17 Vgl. K. Lorenz bei H. v. Ditfurth, ed., Aspekte der Angst, Stuttgart 1965, 40;
Wert ist also das Zeitlose." Baudy 1980, IOI-II 8; zu psyche und daimon auch R. Padel, In and Out cif the
Mind, Princeton 1992, 138-147; zu Geistererscheinungen Ditfurth 1976, 168;
zum ,Kennen' von Habicht oder Leoparden Kap. I bei Anm. 38/39.
II. Das Opfer der Verfolgten 18 F. T. Elworthy, The Evil Eye, London 1895; S. Seligmann, Der böse Blick und
Verwandtes, Berlin 1910; C. Maloney, ed., The Evil Eye, New York 1976,
I Bericht von R. Francillon, Zaire 1962. darin 279-285 B. Spooner, "Anthropology and the Evil Eye;" O. Koenig,
2 Sen. Nat. Quaest. 4,6f.; Maulwurfsblut oder Menstrualblut wird gegen Hagel Kultur und Verhalteniforschung, München 1970, 183-260, esp. 194-200: "Die
eingesetzt nach Plut. Quaest. Conv. 700 e; vgl. das Opfer eines schwarzen Ritualisierung des Auges in der Ornamentik"; Burkert 1979, 73; Baudy 1980,
Lamms gegen einen Wirbelsturm bei Aristophanes, Ran. 847f. mit Schol.; 133 f; A. Dundes, "Wet and Dry, the Evil Eye", in: V. J. Newall, ed., Folklore
Opfer weißer Lämmer im Sturm, um die Dioskuren zu rufen, Hom. Hymn. Studies in the XXth Century, 1989, 37-63; Rakoczy 1996. Zum Alten Orient E.
33,8-II. Agamemnon opfert Iphigeneia, um den Gegenwind zu stillen. Eine Ebeling, "Beschwörungen gegen den Feind und den bösen Blick aus dem
,Priesterin der Winde' erscheint bereits im mykenischen Knossos, Burkert Zweistrornlande", Archiv orientalni 17 (1949) 172-2II; M. L. Thomsen, "The
1977,86. Vgl. Kap. V bei Anm. 20. EvilEye in Mesopotamia",JNES 51 (1992) 19-32; zum Islam vgl. ER V 383 f;

I
226 Anmerkungen Anmerkungen 227

zur klassischen Antike O. Jahn, "Über den Aberglauben des bösen Blicks bei Siegesparade in Moskau 1945 wurden deutsche Gefangene mitgeführt, die
den Alten", Berichte der Sächsischen Gesellschaft der WIssenschaften, Phil.-hist. Cl. 7 man auf Durchfall präpariert hatte.
(18 55) 28-IIO, vgl. R. Schlesier, Kulte, Mythen und Gelehrte (Frankfurt 1994) 36 Lumsden-Wilson 1983, 96; De Waal 1982, 57(; Goodall 1990, 63 (
33-6 4; Plut. Q. Conv. 5,7, 680c-683 b; ein römisches Mosaik: CCCA III T. 37 HDA III II78-II80 s. v. grumus merdae. Siehe auch A. Lorenz, Wenn der
CVII ur. 210 (vgl. Harrison 1922, 196(), dazu T. CVI ur. 207; Phallos und Vater mit dem Sohne ... , München 1978, 150-153.
böser Blick: Diod. 4,6,4; probaskania der Töpfer Aristophanes Fr. 60 7 Kassel- 38 PGM IV 1402. Vgl. Hippokr. Morb. Sacr. 1, VI 360( Littn!: Exkremente zei-
Austin; Herter RE XIX 1734[, vgl. auch Fehling 1974, 7-14; Burkert 1979, gen Hekate Enodia an.
39-4 1; zur Assoziation Auge/weiblich G. Devereux, "The Self-blinding of 39 Ael. Nat. An. 6,34, aus Sostratos, vgl. Schol. Nik. Ther. 565; Aesopica II8 Perry.
Oidipous in Sophokles: Oidipous Tyrannos", JHS 93 (1973) 36-49; zu den 40 Terminologie nach Dawkins 1976, 49ff.
attischen Augenschalen N. Kunisch, "Die Augen der Augenschalen", AK 33 41 Vgl. Burkert 1979, 104(; Kap. VII bei Anm. 51. Moderne Erklärungsversu-
(199 0) 20-2 7; siehe auch Faraone 1992, 45-48; 58 f. - Jäger haben besondere che: Angleichung an die ,Mutter', Farnell 18961r909III 300(; sexuelle
Bräuche, mit den Augen des erlegten Wilds zu verfahren, Meuli 1975, 97 0 (; Askese, A. D. Nock, ARW 23 (1925) 25-33 = Nock 1972, 7-15; Befruch-
wir schließen die Augen der Verstorbenen. tung der Mutter Erde, Cook 1914/40 r 394-396; R. Pettazzoni, I Misteri,
19 Platon Resp. 336d, Rakoczy 1996, 13-17; (Arist.) Probl. 9 26b 21-3 1, Ra- Bologna 1924, 105 ff.; H. Herter, Gnomo/1 17 (1941) 322( Arrian spricht von
koczy 141-146. einer ,gottgesandten Krankheit', FGrHist 156 F 80; das Irrationale d~~ Aktes
20 Aristoph. Pax 279· bringt Catull 63 genial zum Ausdruck.
21 Shatapatha Brahmana, W. Doniger O'Flaherty, Hindu Myths, Harmonds- 42 Erra-Epos 4,56, Dalley 1989, 305.
worth 1975, 32 ( 43 Hellanikos FGrHist 4 F 178 (Atossa); Anm. Marc. 14,6,17 (Semiramis);
22 Lambert 1960, 104 Z. 144· Claudian. In Eutrop. 1,339-345.
23 Harrison 1922, esp. 8-10; vgl. R. Schlesier in HrwG II 4 1-45. '44 Luc. Dea Syr. 19-26, vgl. M. Hörig, Dea Syria, Neukirchen-Vluyn 1979;
24 Diese Regel gibt es im akkadischen, hethitischen, griechischen und römi- ead., "Dea Syria-Atargatis", ANRWII 17,3 (1984) 1536-1581.
schen Ritual, z.B. Castellino 1977, 625; 674; 679; ANET 34 8 IV 3; Aesch. 45 Dargestellt im Film Der letzte Kaiser von Bertolucci; vgl. T. Mitamura, Chi-
Cho. 96-99; Soph. OK 490; Ov. Fast. 6,164 (unten Anm. 72). nese Eunuchs, Tokio 1970.
25 Liv. 8,6,II: plawit averruncandae deum irae victimas caedi. 46 Die Göttin hieß in Bambyke, soweit wir sehen, Atargatis. Kybebos erscheint
26 Plut. Q. Rom. 284c; vgl. Wissowa 1912, 60; 420f. Im mykenischen Pylos als Name der Meter-Priester bei Semonides Fr. 36 West. Kombabos hat aller-
werden, offenbar in einer Krisensituation, Personen und wertvolle Gaben ins dings auch an Humbaba erinnert, den Herrn des Zedernwaldes, den Gilga-
Heiligtum ,gesandt' (hieto) - ist an ein Menschenopfer zu denken? PY Tn 3 16 ; mesh bezwingt, vgl. Kap. III Anm. 22.
A. Heubeck, Aus der Welt der jrühgriechischen LineartaJeln, Göttingen 19 66 , 47 Spezies ca llith rix jacclms, Bischof 1985, 316-319.
100-103; S. Hiller, O. Panagl, Die jrühgriechischen Texte aus mykenischer Zeit, 48 Luc. Dea Syr. 51.
Darmstadt 1976, 309; Hughes 199 1, 199-202 . 49 Ex. 4,24-26, übers. Kautzsch, vgl. seine Erklärung.
27 A. Aarne, Die magische Flucht, Helsinki 1930; vgl. Campbell 1949, 196- 20 7; 50 Vgl. u.a. Noth 1962,49(; Childs 1974, 95-101; Bloch 1992, 93: "to submit
KHM 79. Der älteste Text mit dem Verfolgungs-Motiv scheint der sumeri- to the conquest of God . " to cooperate with His apparently murderous
sche Text ,Inanna und Enki' zu sein: Inanna bringt auf ihrem Schiff die gött- intentions." Die Septuaginta-Übersetzung hat die Worte der Mutter in einen
lichen Beschlüsse (Me) von Eridu nach Uruk, verfolgt von den Boten Enkis, Blutstill-Zauber umgewandelt: "Stehen geblieben ist das Blut der Beschnei-
die ihr siebenmal entgegentreten; siehe Bottero-Kramer 19 89, 230-2 56 ; das dung meines Kindes."
,magische' Hinter-sich-Werfen kommt hier nicht vor. 51 Vergleichbar ist der Bericht und die Interpretation der Beschneidung von
28 Meuli 1975, 847; 868; 873; 878. Vgl. Kap. III bei Anm. 41. den Fidschi-Inseln bei A. M. Hocart, Kingship, London 1927, 136: "The
29 Pomponius Mela 3,43; RE VI A 951. operation is said to be performed as a sacrifice to the recently dead"; das ein-
30 Vergleichbar ist die Geschichte, wie man den goldgrabenden Ameisen in In- heimische Wort ftir die Beschneidung werde auch "used of a human victim
dien ihr Gold raubt, Hdt. 3,102-105; Megasthenes FGrHist 7 1 5 F 23· buried with a chief, of a little finger cut off at his death, of funeral gifts, and
31 Vgl. Burkert 1979, 41-43; Kap. VII bei Anm. 37-40 . finally of the people who stay in the house for a time after death" (als ob sie
32 Apollod. BibI. 1,133· den Toten gehörten). Zu modernen Beobachtungen im Bereich der
33 Aristoph. Ach. 350(, Eq. 1057, Av. 66, Ran. 479-493; vgl. auch Iuvenal 14, Beschneidung, Bloch 1986.
52 Ch. Belger, BphW 12 (1896) 640; Hitzig-Blümner 18951r91O, III 236 zu
199·
34 Aratos von Sikyon, Plut. Arat. 29,7( Paus. 8,34,1-3; oben Anm. 6.
35 "Sie ließen ihren Kot in die Wagen fallen", Sanherib über die fliehenden 53 RML V 3I7( c( 324; H. Herter, De Priapo, Giessen 1932, 193; die Benen-
Gegner in der Schlacht von Halule, Luckenbill 1927 § 254, II 128. Bei der nung dieser Statuetten als Telesphoros ist allerdings nicht gesichert.
228 Anmerkungen Anmerkungen 229

54 Arnob. 5,14· Dares, einen Stier, mit den Worten: hanc tibi, Eryx, meliorem animam pro morte
55 Johannes 11,50; vgl. Markus 10,45: Jesus gibt "sein Leben zur Bezahlung rur Daretis persolvo. - An das Ersatzopfer eines Bocks für Isaak den Sohn, Gen.
viele"; J. N. Bremrner, "The Atonement in the Interaction of Greeks, Jews, 22, ist zu erinnern.
and Christians", in: J. N. Bremrner, F. Garcia Martinez, ed., Sacred History 74 M. Leglay, Saturne africain, Paris 1966.
and Sacred Texts in Early Judaism, Kampen 199 2 , 75-93· 75 Lev. 18,21; II Reg. 23,10; cf HAL 560.
56 In sekundärer Verwendung, doch in rituellem Kontext erscheint der Satz bei 76 Diod. 20,14,4-'7. Zu den phönikisch-karthagischen Menschenopfern Plat.
Sophokles, OK 498 f: "Es genügt, meine ich, wenn eine Seele für unge- Minos 3 15 bc; Demon FGrHist 327 F 18 (Sardinien); Theophrast bei Porph.
zählte diese Sühne zahlt, wenn sie mit gutem Sinn zugegen ist" - es geht um abst. 2,27,2; Diod. 13,86 und 5,66,5; Dion. Hal. ant. 1,38,2-3; Porph. abst.
ein Libationsopfer für die Eumeniden am Kolonos. 2,56; Philon Bybl. FGrHist 790 F 3 b = Euseb. P.E. 4,16,1 I. Es gab gesetzli-
57 Enuma eUsh 6,14; ANET 68; Dalley 1989, 261. che Gegenmaßnahmen durch Dareios (lustin 19,1,10), Gelon (Theophrast
58 Vgl. Anm. 13· Fr. 586 Fortenbaugh = Schol. Pind. Pyth. 2,2; Plut. Reg. et imp. apophth.
59 Vgl. L. Röhrich, "Die Volksballade von ,Herrn Peters Seefahrt' und die 175 a, De Sera 552 a), schließlich durch Tiberius (Tert. Apol. 9,2). Vgl. Hughes
Menschenopfer-Sagen in Märchen, Mythos, Dichtung", in: Festschrift F. VOll 1991, 115-130. Rituelle Kinderbeisetzungen, ,Tophets' fanden sich in Kar-
der Leyen, München 1963, 177-212. thago, in Motye-Mozia, in Sardinien: L. E. Stager, Oriental Institute, Ammal
60 Verg. Aen. 5,815; 835-871. . Report 1978/9,56-59; A. Ciasca," Sul ,tofet' di Mozia", Sicilia Archeologica 14,
61 Procilius bei Varro Ling. LAt. 5,148 = HRR I 313 (dehisse terram); Liv. 7,6,1-6 1971, 11-16; R. Pauli, Sardinien, Köln 1978, 134-139. Demgegenüber ver-
(vorago; donaque ac fruges super eum a multitudine virorum ac mulierum congestas); tritt S. Moscati die These, die in den ,Tophets' bestatteten Kinder seien eines
Hülsen RE IV 1892f; römische Ritter werfen stipes in diesen ,See' am natürlichen Todes gestorben, das Menschenopfer sei griechische Verleum-
Geburtstag des Augustus, Suet. Aug. 57. Auch an anderen Orten wirft man dung: S. Moscati, ,,11 sacrifico punico dei fanciulli: Realta 0 invenzione?",
stipes ins Wasser, z. B. Plin. ep. 8,8,2. Quaderni deli' Accademia Nazionale dei Lincei 261, Rome 1987; S. Moscati,
62 Oben Anm. 2. S. Ribichini, ,,11 sacrificio dei bambini: Un aggiornamento", Quaderni deli'
63 LSS 115,5-'7 (§ I). Accademia Nazionale dei Lincei 388, Rome 1991; S. Moscati, Gli adoratori di
64 ·G. Graber, Sagen und Märchen aus Kärnten, Graz 1944, 85; W. Kohlhaas, Das Moloch. Indagine su un celebre rito Cartaginese, Milano 1991.
war Württemberg, Stuttgart 1978, 21; D. Sabean, "Das Bullenopfer", Journalfür 77 FGrHist 790 F 3 b. Vgl. Plutarch über ein Menschenopfer in Rom, Anm. 26.
Geschichte 1985,1, 20-25. 78 AT Lev. 17,11, übers. Kautzsch - anti tes psyches in der Septuaginta.
65 Theodor Storm, Der Schimmelreiter; vgl. HDA I 963. 79 Aristid. or. 48,44; 51,19-25; Burkert 1981, 122f
2
66 Verwiesen sei auf Burkert 1979, 59-'77; J. Bremrner, "Scapegoat Rituals in 80 Hdt. 7,114; J. de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, Berlin 1957 , 421;
Ancient Greece", Harvard Studies in Classical Philology 87 (19 8 3) 299-32 0 . Elisabeth Bathory, Prozeß 1611, Burkert 1981, 122.
67 Grundtext ist Jesaja 53, auf die Passion Jesu gedeutet seit Apg. 8,3 0 ff. 81 Caesar, b.Gall. 6,16.
68 In origineller Weise hat Rene Girard hieraus eine Theorie des Opfers und 82 Cass. Dio 59,8,3; Suet. Calig. 14,2; 27,2.
des kollektiven Denkens überhaupt entwickelt (Girard 1972 und 1982; vgl. 83 Aur. Victor Caes. 14,8; vgl. Cass. Dio 69,11,3. Nach Lehre der ,Ägypter'
Burkert 1987a). Gegenüber der Konkurrenz-Situation und dem ,mime- kann Aussatz durch Bad in Menschenblut geheilt werden, Plin. n. h. 26,8,
tischen Verlangen', das Girard als eigentliches Agens einfuhrt, scheinen mir ein Motiv, das dann in die Konstantins-Legende und in die Geschichte vom
die Angstsituation und das passive ,Hingeben' die deutlicheren und wohl ,Armen Heinrich' eingegangen ist; W. Schwenn, Die Menschenopfer bei den
ursprünglicheren Gegebenheiten zu sein. Griechen und Römern, Gießen 1915,19°; EdMI 456; 1037; VI 531f
69 Lev. 16; Burkert 1979, 64; vgl. Janowski-Wilhelm 1993· 84 Inannas Weg in die Unterwelt 277; 284-288, Bottero-Kramer 1989, 286f
70 O. Eissfeldt, Kleine Schriften IH, Tübingen 1966, 85-93; Janowski-Wilhelm 85 Vgl. Bloch 1992. Siehe auch Faraone 1992, 47 über die Rolle von Tier-
1993, 119f Der Name Azazel ist unerklärt. Trophäen als Amulette; sie scheinen zu besagen: "Seht, was wir diesen
71 Meissner 1920, 222; Furlani 1941, 285-3°5. Zum Begriff des ,Ersatzes' (puhu) mächtigen, ungeheuren Tieren angetan haben ... "
AHw 877 f
72 Ov. Fast. 6,131-168, bes. 158-167, vgl. Burkert 1992a, 58f; eine griechische
Fassung des Abwehrzaubers: PMG 859 Page; eine hethitische Parallele bei IH. Handlungsprogramm und Erzählstruktur
H. Kronasser, Die Sprache 7 (1961) 14°-167; V. Haas, Orientalia 40 (197 1)
410-430; H. S. Versnel, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 58 (19 8 5) I Schapp (1884-1965) 1953; zwei weitere Bände folgten: Philosophie der Ge-
266-268. schichten, Leer 1959; Frankfurt 1981'; Wissen in Geschichten, Wiesbaden 1965,
73 Ovids Formulierung hat ein merkwürdiges Vorbild bei Verg. Aen. 5,483 f 19762 .
Der Faustkämpfer Entellus tötet mit einem Boxschlag, statt seinen Gegner . 2 Tractatus logico-philosophicus I. I.
Anmerkungen Anmerkungen 23 1
23°

3 Vor allem durch F. G. Heyne; siehe Burkert 1980 and 1993; F. Graf, Grie- für die Spezialisten noch viele ungelöste Text- und Interpretationspro-
chische Mythologie, München 1991\ 15-38. bleme ...
4J. und W. Grimm, KHM 18121I5; Deutsche Sagen, Berlin 18161I8; 24 V gl. W. Burkert, "Eracle e gli altri eroi culturali del Vicino Oriente", in: C.
J. Grimm, Deutsche Mythologie 1-111, Berlin I8764. Bonnet, C. Jourdain-Annequin, ed., Heracles d'une rive cl l'autre de la Mediter-
5 J. A. MacCullock, I. H. Gray, Mythology cfAll Races I-XIII, New York I9 22 . ranee, Brüssel I992, III-I27.
6 Vgl. Kirk 1970. 25 Bottero-Kramer I989, 276-300 (sumerische Versionen); der weit kürzere
7 Ein Definitionsversuch als ,angewandte Erzählung': Burkert 1979 und Bur- akkadische Text: ANET I06-I09; Dalley I989, I 54-I62; Bottero-Kramer
kert 1993. I989, 3 I 8-330. Vgl. W. Burkert, "Literarische Texte und funktionaler
8 Aarne-Thompson I964; Erstausgabe: A. Aarne, Verzeichnis der Märchentypen, Mythos. Btar und Atrahasis", in: J. Assmann, W. Burkert, F. Stolz, Funktio-
Helsinki 19I1. nen und Leistungen des Mythos, Freiburg I982, 63-82.
9 Vgl. Burkert I979, bes. IO-I4, auch zur Diskussion des Strukturalismus. 26 Die akkadische Version nennt den asinnu, eine besondere Priesterklasse.
IO V. Propp, Moifologija skaski [Morphologie der Erzählung], Leningrad 1928 , 27 Siehe Kap. II bei Anm. 84.
englisch: Morphology cf the Folktale, Bloomington 1958; deutsch I97 2 , 1975'; 28 Gilgamesh IX-XI; ANET 88--97; Dalley I989, 95-I2o. - Der schließliche
vgl. Dundes 1964; Jason I984; Milne I988. Fehlschlag der abenteuerlichen Suche ist eine effektvolle Option, die oft
II Insbesondere hat A. J. Greimas, "Elements d'une grammaire narrative", in: genutzt wird, nicht zuletzt in Filmen. Eine andere originelle Umkehrung erfand
Du Sens, Paris 1970, 157-183, Propps Schema als Modell von ,Ie recit' über- L. R. R. Tolkien, The Lord cf the Rings, London 1954/5: Statt ein magisches
haupt verwendet. Objekt zu gewinnen, gilt es ein Mittel der Macht definitiv loszuwerden.
I2 Dundes I964; vgl. Anm. II zu Greimas. 29 Arist. Poet. I450a 38.
I3 Isidor Levin EdM I 135. A. N. Afanas'ev (I826-I871), Narodnye nlsskie skaski, 30 Burkert I979, I5.
Moskau 1855/63, 1873'. 31 Burkert 1979, I6. Vgl. Gans I98I, 98-I07; 99: "the imperative is not a
I4 Propps ,Funktionen' 23-28 - der unbekannte Held im eigenen Haus, die ,defective' form of the declarative but its ancestor ... "
Probe, Erkennung und Bestrafung - orientieren sich ganz offenbar an der 32 Sullivan et al. I982, 410. Originalaufzeichnung: "George: What you want?
Homerischen Odyssee. Volkskundliche Parallelen zur Odyssee hat man seit Washoe: Orange, orange. George: No more orange, what you want?
W. Grimm gesammelt: "Die Sage von Polyphem", Abh. Berlin I857, vgl. Washoe: Orange. George (getting angry) No more orange, what you want?
Burkert I979, 33; Kap. II bei Anm. 7. Washoe: You go car gimme orange. Hurry." Ich danke Professor Fouts, daß
15 Ausführliche Behandlung durch E. S. Hartland, The Legend cfPerseus. A Study er mir diese Publikation zugänglich machte. Zur ,Sprache' der Schimpansen
in the Tradition in Story, Custom, and Beliefl-III, London 1894/96. Vgl. auch siehe Fouts-Budd I979; Bickerton I990, 106-IIO; Wrangharn 1994,319-334;
unten bei Anm. 86. Kap. I bei Anm. 77.
I6 Siehe J. Boardman et al., LIMC s. v. Herakles (I990/92); vgl. Burkert I979, 33 Bickerton 1990, I22-126; hier II6: "applesauce buy store."
83-85; I99I; C. Jourdain-Annequin, Heracles aux portes du soir, Besanc;:on 34 Man kann einwenden, daß diese Zeichensprache nicht von den Schimpan-
1989; C. Bonnet, D. Jourdain-Annequin, ed., Heracles d'une rive cl I'autre de sen selbst erfunden ist. Doch geht es nicht um die Ursprungsfrage, sondern
la Medite"anee, Brüssel I992; D. Jourdain-Annequin, C. Bonnet, ed., um die Anwendung des verfügbar gewordenen Werkzeugs.
Heracles. Lesfemmes et lefe,ninin, Brüssel 1996. 35 Vgl. hierzu M. Lüthi, Die Gabe im Märchen und in der Sage, Diss. Bern 1943.
I7 Burkert I979, 83-85; wichtig eine neugefundene Geryoneus-Darstellung des 36 Horn. Od. 10, 277-307, im Rahmen einer Mustererzählung Propp'scher Art:
7. Jh.: Ph. Brize, MDAI(Athen) IOO (I985) 53-90; Schefold 1993, I07-I09· Am Anfang der ,Verlust' der Kameraden (8), der Entschluß des Odysseus
I8 Atgo pasi melousa, Od.12,70; vgl. P. Dräger, Atgo Pasimelousa, Stuttgart I993. zum Auszug (9IIO); Verlassen der Basis (II), Begegnung mit Hermes (12),
I9 Meuli I975, 594-6IO (urspr.: Odyssee und Argonautika, Diss. Basel I9 2I , das pharmakon (14); Odysseus gelangt zum gewünschten Ort (15), besteht die
2-24); er erkannte den Typ ,Helfermärchen', Aarne-Thompson I964, I80- Probe (16/i8), der Verlust wird behoben (19), und Odysseus besteigt das
I82 nr. 5I3. Bett der Kirke (3 I) .
20 Kap. 11 bei Anm. 32. 37 Horn. Od. 13,221; 352.
2I Vgl. G. Crane, Calpyso: Backgrounds and conventions cf the Odyssey, Frankfurt 38 Morris 1967, 202-206 spricht vom ,grooming talk', indem er Sprechen als
1988. soziale Geste mit der sozialen Fellpflege der Primaten vergleicht.
22. D. O. Edzard, "Gilgamd und Huwawa," Zeitschrift für Assyriologie 80 (1990) 39 Zur Bedeutung der Jagd für die Entwicklung von Körper, Verhalten, Famili-
165-203; 81 (199I) I65-233; der sumerische Text ist vollständiger erhalten enstruktur, Waffengebrauch und religiösem Opfer genüge hier der Verweis
als die Bearbeitung im Gilgamesh-Epos, Tafel V. aufMorris I967; Lee-DeVore I968; Burkert I972; I987a.
23 Traditionell Lugal-e betitelt; siehe J. van Dijk, LUGAL UD ME-LAM-bi 40 K. Hoffmann, Der Injunktiv im Veda, Heidelberg I967; er spricht von
NIR-GAL I, Leiden 1983; Bottero-Kramer I989, 339-377. Hier bestehen "erwähnendem", "memorativem" Gebrauch, von "erwähnender Beschrei-
23 2 Anmerkungen Anmerkungen 233

bung". Vgl. auch M. L. West, "Injunctive Usage in Greek", Glotta 67 (I9 89) 56 Euripides Melanippe und Antiope; Burkert I979, 6.
I35- I 38 . ZU den Anfängen von Sprache überhaupt vgl. Kap. I mit Anm. 76 . 57 Popol Vuh. The Maya Book of the Dawn cif Life, transl. D. Tedlock, New York
4 I So H. M. Chadwick, N. K. Chadwick, The Growth cif Literature III, Cam- I985, II4-I20; vgl. Burkert I979, I47n. I9.
bridge I940, I92-226. Vgl. K. Meuli, "Scythica", in: Meuli I975, 8I7-879 58 ANET II9; zu enetu = Hohe Priesterin AHw 220 S. V. entu; zur geforderten
(urspr. I935); Burkert I979, 88-94· Kinderlosigkeit der entu Atrahasis III vii 6f., p.I02f. Lambert-Millard; Dalley
4 2 Pind. Pyth. 4,I59; Iason tritt als ,Heiler' des Phineus auf, siehe das Vasenbild I989, 35. Der erhaltene Text, offenbar ein kurzer Schultext, ist viele Jahr-
bei Schefold I993, 267 Abb. 287. hunderte jünger als der historische Sargon 1.
43 Siehe bei Anm. 25. 59 Binder I964.
44 Zu Mythos und Ritual Burkert 1972, 39-45; Burkert I993. Doch gehorchen 60 Moses: Ex. 2; Rhea Silvia: Llv. I,4 vgl. Ennius, Ann. 35-5I Vahlen = Fr. I
Mythos und Ritual verschiedenen Gesetzen: Der Sinn der Erzählung hängt :XXIX Skutsch.
an ihrer einheitlichen Struktur, vom Anfang bis zum Ende; man kann eine 61 KHM I2, nach Mlle. de la Force, Persinette, 1698, siehe M. Lüthi, Volksmär-
Erzählung nicht unvollendet lassen, ,ohne Kopf', wie die Alten sagten (Plato chen und Volkssage, Bern (I96I') I975\ 62-96, I87-I90.
Leg. 752 a). In der Ritualhandlung können Einzelteile isoliert und darum 62 KHM53.
auch vielfach wiederholt werden. 63 S. Hirsch, Das Lied "Een ridder ende een meysken ionck", Zeitschrift für
45 ,Deceit-deception' setzt Dundes I964 als besonderen Erzähltyp an, schon in deutsche Philologie 79 (I 96o) I 5 5 ff.
urtümlichen Gesellschaften. Solche Geschichten appellieren an die Intelli- 64 V gl. L. Koenen, "Eine Hypothesis zur Auge des Euripides", Zeitschrift für
genz. Auch ,Lüge' ist allerdings kein Reservat des Menschen, vgl. Sommer Papyrologie und Epigraphik 4 (I969) 7-I8, bes. 14-I8 zum Zusammenhang mit
I99 2 . dem Fest Plynteria. Nausikaa, die zum Waschen fährt, ist erfüllt vom Gedan-
46 Aarne-Thompson I964 nr. 425; Apul. Met. 4,28-6,24; ]. Oe. Swahn, Ihe ken an die bevorstehende Hochzeit.
Tale cif Cupid and Psyche, Lund I955 (mit Sammlung der Varianten); dagegen, 65 Hierzu BischofI985 pass.
rur eine rein literarische Ausbreitung, D. Fehling, "Amor und Psyche", Abh. 66 Eine immer noch brauchbare Materialsammlung: GB X 22-IOO.
Mainz I977,9; vgl. auch R. Merkelbach, Roman und Mysterium, München 67]. Harrison, Mythology and Monuments cif Ancient Athens, London I890,
I9 62 , I-53; Binder-Merkelbach I968; D. Fehling, "Die alten Literaturen als :XXVI-XXXVI, vgl. unten bei Anm.72; A. Brelich, Paides e Parthenoi,
Quelle der neuzeitlichen Märchen", in Siegmund I984, 79-9 2 ; ]. Oe. Rome I969; Burkert I979, 6f.; Brule I987; Dowden I989.
Swahn, "Psychemythos und Psychemärchen" , ibo 9 2- I02 . 68 Villa dei misteri: H. Jeanmaire in Binder-Merkelbach I968, 3I3-333; 0.].
47 Zu Fehling siehe Anm. 46; zu KHM H. Rölleke, Die älteste Märchensammlung Brendel, "Der große Fries in der Villa dei Misteri" ,Jahrbuch des Deutschen
der Brüder Grimm, GenfI975; Rölleke in Siegmund I984, 125- I 37· Archäologischen Instituts 8I (I966) 206-260; Merkelbach I962 (0. Anm. 46)
4 8 Das Material bei R. Förster, Der Raub und die Rückkehr der Persephone in ihrer und: Isis Regina - Zeus Sarapis, Leipzig I995, 45I-484 behandelt Amor and
Bedeutungfür die Mythologie, Litteratur- und Kunstgeschichte, Stuttgart I874; da- Psyche als Schlüsseltext rur die Isismysterien; vgl. Burkert I994 a, 8of.
zu Richardson I974, 74-86; Burkert I979, 138-I40. Dowden I989 hat den 69 A. van Gennep, Les rites de passage, Paris I909.
Persephone-Mythos nicht aufgenommen. Den Initiationsaspekt betont Lin- 70 S. L. La Fontaine, "Ritualization ofWomen's Life Crises in Bugisu", in]. S.
coln 198I, 7I-90. La Fontaine, ed., The Interpretation cif Ritual, London I972, I59-I86; vgl.
49 Burkert I979, 6(; Dowden I989. Vgl.]. Bremmer, Roman Myth and Mytho- auch den kurzen Bericht über Yaos (in Mrika) in: Anthropos 30 (1935) 875;
graphy, London I987, 27-3 0 . vgl. Burkert I979, I6.
50 Dan I977= "An attempt at the surface level of the narrative structure of the 7I Das Extrem ist die Mädchen-Beschneidung, die mit Grund heutzutage heftig
female fairy tale." bekämpft wird.
5 I SO, aus psychoanalytischer Sicht, O. Rank, Der Mythos von der Geburt des 72 Hierzu W. Burkert, "Kekropidensage und Arrhephoria", Hermes 94 (I966)
Helden, Wien I909. I-25 = Burkert 1990, 40-59; K. Jeppesen, AJA 83 (1979) 38I-394; L. van
52 Hier werden nur die maßgebenden Quellen und neuere Studien genannt; Sichelen, "Nouvelles orientations dans l' etude de l' arrephorie antique",
auf die LIMC-Artikel sei generell verwiesen. Danae: Hes. Fr. I3 5; vgl. L'Antiquite Classique 56 (I987) 88-I02 (kritisch zur Initiations-Perspektive);
Anm.15· Brule 1987, II-175 (Interpretation als Initiation); ganz anders N. Robertson,
53 Hes. Fr. 165, wo ,Telephos Arkasides' einen kleinasiatischen Vatersnamen "The Riddle of the Arrhephoria at Athens", Harvard Studies in Classical Phi-
Arkasos voraussetzt, der sekundär mit ,Arkadien' assoziiert wurde; die lology 87 (I983) 24I-288.
,Mädchentragödie' stellt dann die Verbindung Arkadien-Kleinasien her: Eu- 73 L. Kahil, "L' Artemis de Brauron: Rites et mystere", Antike Kunst 20 (I977)
ripides Auge. 86-98, und in: W. G. Moon, ed., Ancimt Greek Art and Iconography, Madison
54 Burkert I983, I6I-I68; Dowden I9 89, I17- I 46 . I983, 23I-244; Brule I987, I77-283; R. Harnilton, "Alkman and the Athe-
55 Dowden I989, I82- I 91. nian Arkteia", Hesperia 58 (I989) 449-472; Chr. Sourvinou-Inwood, Studies
234 Anmerkungen Anmerkungen 235

in Girls' Transitions, Athen 1988; Dowden 1989, 25-33. Das Material aus
Brauron ist noch immer nicht vollständig publiziert. IV. Hierarchie
74 Man kann den arkadischen Mythos von Kallisto der Bärin (0. Anm. 55) in
Parallele zu Brauron setzen, ohne Stütze in der Überlieferung. Eine Erzäh- 1 F. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen
lung läßt Mädchen bei Brauron durch Pelasgische Seeräuber entfUhrt und Kirche, Berlin 1821/2 (Neuausgabe Berlin 1984) § 3/4.
dann durch Hymenaios, die personifizierte ,Hochzeit', gerettet werden, 2 F. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Ver-
Schol. A 11. 18,493; Eustath. 1157,20; Proklos, Chrestom. in Phot. Bibi. 321 a ächtern, Berlin 1799.
22. Der geläufige Kultmythos spricht von einem Bären der Artemis, der von 3 H. Steible, Rims{n, mein König. Drei kultische Texte aus Ur mit der Schlußdoxo-
attischen Jünglingen getötet wurde, was durch Mädchenopfer zu sühnen logie dri-im-dsfn lugal-mu, Wiesbaden 1975; M.-J. Seux, Epithetes royales akka-
blieb: W. Sale, "The Temple Legends of the Arkteia", Rheinisches Museum diennes ef sumeriennes, Paris 1967; id., "Le roi et les dieux", RlAss VI 166-172;
II8 (1975) 265-284. Gewänder-Opfer in Brauron, wenn Frauen im Kind- zum ,König der Könige' J. G. Griffiths, Aflantis and Egypt, Cardiff 1991,
bett starben: Eur. Iph. Taur. 1464-1467. 252-26 5.
75 Eur. a. 0.; C. Wolff, "Euripides' Iphigenia among the Taurians: Aetiology, 4 Vgl. Psalm 95,3.
Ritual, and Myth", Classical Antiquity II (1992) 307-334. Mykenisch I-pe- 5 Johannes 20,28.
me-de-ja (statt des zu erwartenden w-Anlauts) stellt ein etymologisches Pro- 6 Der zweite Bestandteil des Namens ist dunkel; vgl. F. Gschnitzer, Serta phi-
blem, das hier nicht zu diskutieren ist. lologica Aenipontana 1962, 13-18; Burkert 1977, 214f.
76 Vgl. Seaford 1994, 281-293. Das Mädchenopfer der Lokrer fUr Athena von 7 Burkert 1977, 84f.
Ilion galt im Altertum als Ersatzopfer fUr das, was Aiax der Lokrer Kassandra 8 Zu anax B. Hemberg, "Anax, anassa und anakes als Götternamen", Acta
angetan hatte; moderne Interpreten finden Initiationsmotive: Hughes 1991, Univ. Uppsal. 1955,10; J. T. Hooker, "The wanax in Linear B Tablets",
166-184; kritisch Bonnechere 1994, 15°-163. Kadmos 18 (1979) 100-III. ZU Paphos O. Masson, Inscriptions chypriotes sylla-
77 Richter II, 30-40. biques, Paris 1961, 1983\ nr. 4; 6; 7; 10; 16; 17; 90; 91; vgl. Elements 1960,
78 Eur. Hippol. 1425-143°; U. v. Wilamowitz-Moellendorff, Griechische Tragö- 135. Zu Perge SEG 3°,1517; Head 19II, 702.
dien 1'0, Berlin 1926, 100-104 sah in diesem Kult den ,Ursprung' des Hippo- 9 Geläufig ist despoina fUr Persephone und Kybele, siehe A. Henrichs, Harvard
lytos-Mythos. Studies in Classical Philology 80 (1976) 253-286; das Heiligtum der Despoina in
79 Vgl. C. Koch RE VIllA 1732-1753; siehe auch Kap. 11 bei Anm. 26. Lykosura, Paus. 8,37; despotes fUr Zeus und Poseidon: Pindar, Nem. 1,13, 01.
80 Es gibt den Mythos von der Jungfrau Ocresia, Mutter des Königs Servius 6,103 etc.; vgl. 1. Robert, CRAI 1968, 583,5; RPh 33 (1959) 222. Eur. Hip-
Tullius, die vom Herdfeuer schwanger wurde; Rhea Silvia, die Mutter von pol. 88 differenziert den Sprachgebrauch: anax als eigentlich göttlicher Titel
Romulus und Remus, gilt als Vestalin, o. Anm. 60. Zu mesopotamischen gegenüber dem üblichen menschlichen despotes. Zeus basileus Hom. hy. Dem.
Priesterinnen o. Anm. 58. 358, Theogn. 285, Solon 31 etc., vgl. Schol. Aristoph. Nub. 2. ,König Zeus'
81 Plat. Gorg. 574b; Resp. 350e; Iht. 176b. kann mythologisch verstanden werden, Zeus ist König der Götter, Hes.
82 Zur griechischen ,phallocracy' E. Keuls, Ihe Reign ofthe Phallus, Berkeley 19 85. Theog. 886, Erga 668, Kypria F 7,3 Davies. - Der kleinasiatische Mondgott
83 Hierzu R. D. Griffith,Journal of Hellenic Studies 189 (1989) 171-173; Krum- Men heißt allgemein Menotyrannos, siehe E. Lane, Corpus Monumentorum Re-
men 1990, 168-204. ligionis Dei Menis, Leiden 1971-1978; Mett basileus SEG 29,1288. Vgl. allge-
84 Der Referenztext ist Ephoros FGrHist 70 F 149; dazu K. Dover, Greek Ho- mein Pleket 1981; Versnel 1990 Kap. I.
mosexuality, New York 1978, 189f.; H. Patzer, Die griechische Knabenliebe, 10 Zeus "dessen kratos am größten ist" ist eine Formel in flias und Odyssee.
Wiesbaden 1982. II Aisch. Sept. 255, Hik. 815, Eum. 918; W. Kiefner, Der religiöse Allbegrijf des
85 Hes. Fr. 87, Akusilaos FGrHist 2 F 22; Bronzerelief von Olympia, 7· Jh., Aischylos, Hildesheim 1965.
Schefold 1993, 122; E. Laufer, Kaineus, Rom 1985; LIMC V S.v. 12 Eur. Hippol. 8, zitiert Hippokr. De aer. Il 80 Littre.
86 Der Perseusmythos war in Mykene direkt mit einem Initiationsritual ver- 13 Immerhin rex Gradive fUr Mars, Verg. Aen. 10,542.
bunden: M. H. Jameson, "Perseus, the hero of Mykenai", in: R. Hägg, 14 Cic. Verr. 11 4,128; Liv. 6,29,8; CIL VI 30935.
G. C. Nordquist, ed., Celebrations of Death and Divinity in the Bronze Age 15 CIMRM 1017; rex Iuppiter 1419.
Argolid, Stockholm 1990, 213-222. 16 Die iranische Herkunft und Etymologie des Gottes Shadrapa/Satrapes ist
87 V. Propp, Istoriceskije komi volsebnoj skaski, Leningrad 1946; übersetzt: Le radici durch die Trilingue von Xanthos endgültig bewiesen. Dort wird der ara-
storiche dei racconti di fate, Torino 1949, 1972'; Die historischen Wurzeln des mäische Name hstrpty griechisch mit Apollon wiedergegeben: Fouilles de
Zaubermärchens, München 1987. Xanthos VI: La stele trilingue du Utoon, Paris 1979. Zuvor waren wiederholt
semitische Etymologien vorgeschlagen worden. Vgl. KAI 77; ANRW Il 17,
698. Ein Gott Satrapes in Elis: Paus. 6,25,5 f.
Anmerkungen Anmerkungen 237

17 Siehe ThWbNTV 981-1016. Es geht dabei nicht nur um eine Liebes-, son- 30 A. LivingStone, Mystical and Mythological Explanatory Works of Assyrian and
dern auch um eine Ranggbeziehung, siehe Hebr. 12,4-II über ,Erziehung' Babylonian Scholars, Oxford 1986, 78-91. - Der griechische ,Olympos' ist zu-
(paideia) mit der Peitsche durch einen Vater und durch Gott. nächst ein Berg, nimmt dann aber die Bedeutung ,Himmel' an, vgl. E.
18 Dyaus pitar ,Vater Himmel' ist indogermanisch. EI (,Gott') ist ab adam ,Vater Oberhummer,]. Schmidt RE XVIII 258-310.
der Menschen' in Ugarit. In der Königsideologie von Ägypten und Meso- 31 Zeus der ,höchste' schon Horn. 11. 8,31; Od. 1,45 etc. Auch im Akkadischen
potamien wird der herrschende Gott zum Vater des Königs. wird elu and saqu ,hoch' rur Götter verwendet, AHw 2°5 f; II 79 f.; entspre-
19 Vgl. ER VII 303; die Wortwurzel bedeutet ,Ganzheit', ,Integration'. Salman chend hebräisch 'I und 'ljn, HAL 780; 787 f; ibo zu den äquivalenten Ausdrük-
Rushdie, in den Satanischen Versen, drückt seine Kritik am Islam aus, indem ken im Ugaritischen und Aramäischen. Summe Juppiter Plaut. Amph. 780;
er das Wort mit ,Unterwerfung' (submission) wiedergibt. summe deum ... Apollo Verg. Aen. II,785. Ein Sonderkult gilt Zeus Hypsistos
20 Zum Akkadischen (re'um, AHw 977f.) siehe RIAss VI 162f; Prolog zu seit der hellenistischen Epoche, der sich besonders mit jüdischem Kult verbin-
Hammurapis Gesetzen, ANET 164f Altes Testament: Psalm 23; Neues det, Cook 1913/40, II 876-890; A. D. Nock, C. Roberts, T. C. Skeat, "The
Testament: Joh. 10,2; ro,1 I. Bei Homer ist König Agamemnon ,Hirte der Gild of Zeus Hypsistos", HT71R 29 (1936) 39-88 (teilweise abgedruckt in
Mannen' (,Völkerhirte' nach]. H. Voss); Götter als ,Hirten' bei Platon, Polit. Nock 1972, 414-443); A. T. Kraebel GRBS ro (1969) 81-93. Der Begriff des
271de, 274 e. ,Höchsten' wird in philosophischer Religion aufgenommen, [Arist.] De mundo
21 G. Simmel, Die Religion, Frankfurt 1918" 57f 397b24-28; 400aI5-18: "hierfür zeugt auch das ganze Alltagsleben, indem
22 Vgl. hierzu Frankfort 1948; siehe auch Gladigow 1981, 13 f man den Platz in der Höhe dem Gott zuweist; und wir alle, alle Menschen,
23 Freud 1912 (Totem und Tabu) hat den Ursprung der Religion in der nach- strecken unsere Hände zum Himmel auf, wenn wir beten." V gl. Anm. 62; 87.
träglichen Verehrung des ermordeten Vaters der U rhorde gesucht; zum 32 Menander Fr. 223,2 Koerte, dort als Parole der ,Unverschämtheit' charakte-
Einfluß der Opfertheorie von Robertson Smith auf FreuQ Burkert 1972, risiert.
86-88. 33 Siehe oben bei Anm. 25.
24 Allgemeiner Überblick: Dunbar 1988; vgl. Freedman 1979, 27-43; Popp- 34 In etwas burschikoser Weise leitet Morris 1967, 178-182 die Religion aus
DeVore 1979; Cheney-Seyfarth 35-135. der hierarchischen Affengesellschaft ab: a "fundamental biological tenden-
25 Freedman 1979, 36-39: 36: "The attention of subordinates is always on those cy . .. to submit ourselves to an all-powerful, dominant member of the
above them in the hierarchy", nach M.R.A. Chance, C. Jolly, Sodal Groups group" (180).
of Monkeys, Apes, and Men, New York 1970. 35 Vgl. Kap. I bei Anm. 98.
26 de Waal 1982, vgl. de Waal 1989. 36 Zeremonialvase von Uruk, Ende des 4. Jt. V. Chr., Strommenger 1962
27 Baudy 1980, 78 und HrwG II (1990) 109-II6; daß ganz universal eine Abb. 19-22; vgl. F. Lämmli, Vom Chaos zum Kosmos, Basel 1962, 142-144.
Savannenlandschaft als die sympathischste Landschaft empfunden wird, ließ 37 DavidProl. 38,14Busse. Vgl. auchP. Leveque, Dieux hommes betes, Paris 1985.
sich experimentell erweisen, Barrow 1995, 91-101. 38 NT Koloss. 1,16 thronoi, kyriotetes, archai, exousiai; 1. Petr. 3,22 angeloi, exousiai,
28 Der Weltenbaum erscheint schon im Sumerischen: König Gudea hat einen dynameis.
,Baum des Lebens' in seinem Tempel, der ,den Himmel berührt', RlAss I 39 Dazu P. Leveque, Aurea catena Homen', Paris 1959.
435; das akkadische Erra-Epos nennt den mesu-Baum, ,dessen Wurzeln bis 40 Seneca Quaest. Nat. 7,30,1: in omne argumentum modestiaefingimur.
zur Unterwelt reichen, dessen Gipfel im Himmel steht' (1,150; Dalley 1989, 41 Morris 1967,179 betrachtet als Wesen der Religion "to perform repeated and
291). In der nordischen Mythologie gibt es die Weltesche Yggdrasil, vgl. O. prolonged submissive displays"; vgl. 156-158 über "characteristic subrnissive
Huth, "Weltberg und Weltbaum", Germanien 12 (1940) 441-446. In grie- displays"; Anm. 34.
chischer Spekulation erscheint der Weltenbaum bei Pherecydes, A I I Diels- 42 Siehe Kap. I bei Anm. 57.
Kranz, vgl. West 1971, 55-60; H. S. Schibli, Pherekydes of Syros, Oxford 43 Vgl. Eibl-Eibesfeldt 1970, 199f
1990, 69-'7 6 . 44 Siehe Kap. II bei Anm. 19.
29 Kult auf ,Höhen' und Bergen ist allgemein verbreitet; siehe W. F. Albright, 45 Zur hiketeia]. Gould, "Hiketeia,"JHS 93 (1973) 74-103; Burkert 1979, 43-47;
"The High Place in Ancient Palestine", Vetus Testamentum Suppl. 4 (1957) G. Freyburger, "Supplication grecque et supplication romaine", Latomus 47
242-258; zum minoischen Kreta Marinatos 1993, II5-122; zu Hethitern V. (1988) 501-525; Bremmer-Roombridge 1991, 26. Wichtige Hinweise ver-
Haas, Hethitische Berggötter und hurritische Steindämonen, Mainz 1982; im ho- danke ich einer unpublizierten Arbeit von Thomas Kappeler, Hiketeumata.
merischen Hymnos erhält Aphrodite - die hier mit der phrygischen Göttin 4 6 ]. Reade, Assyrian Sculpture, London 1983, Abb. 94, aus dem Palast Assurba-
verschmilzt - ihr Heiligtum "an einem Aussichtspunkt, im ringsum sichtba- nipals; der ,Schwarze Obelisk', British Museum: Strommenger 1962
ren Raum", Horn. hym. Aphr. 100; vgl. Fehling 1974, 39-58. Zum Abb. 208; zu labanu appa AHw 522.
,Weltberg' R.]. Clifford, The cosmic mountain in Canaan and in the Old Testa- 47 Die Griechen sprachen von proskynesis, doch ist dieses Wort mehrdeutig,
malt, Cambridge, Mass. 1972. insofern es an sich ,einen Kuß zuwerfen' heißt; jedenfalls ist proskynesis· ein
23 8 Anmerkungen Anmerkungen 239

sehr geläufiges Wort der religiösen Verehrung; vgI. J. Horst, Proskynein, 62 Im Sumerischen ist dies ,Handerhebung' , su i1a = akkadisch nasu qata, AHw
Gütersloh 1932; A. Delatte, "Le baiser, l' agenouillement et le prosternement 762 , ns 'jd im Hebräischen, Psalm 28,2; die homerische Formel ist cheiras
de l'adoration (proskynesis) chez les Grecs", Academie royale de Belgique, anaschon; lateinisch manus tendens. VgI. [Arist.] De mundo 400aI5-18, oben
Bull. de la Classe des Lettres 5,37 (1951) 423-45°; Th WbNT VI 759-761; E. Anm·3 1 .
Bickerman, "A propos d'un passage de Chares de Mytilene", Parola del Pas- 63 Lukas 18,13.
sato 18 (1963) 241-255. 64 Bottero-Kramer 1989, 276-295; vgl. Kap. 11 bei Anm. 84; 111 bei
48 Z. B. Caes. b.g. 1,27,2 (Helvetii: se ad pedes proicere, suppliciter, jlentes); Liv. Anm.25·
7,31,5 (Campani: manus ad cons/4les tendentes, pleni lacrimarum procubuertmt); 65 Vgl. auch Platon Leg. 715 e = OF 23; A. Dihle RAC 111 (1957) 735--'778 s. v.
44,31.13 (Illyrii: lacrimae, genibus ... accidens). Demut.
49 Streck 1916, 11 74f.; Horn. Od. 14,273-279; in beiden Fällen gibt ein Gott 66 Siehe Kap. I bei Anm. II6-122.
die Entscheidung ein. Assurbanipal läßt seine Gefangenen in Fesseln legen; 67 Kap. 11 bei Anm. 72.
Odysseus startet eine Karriere in Ägypten. 68 Menander Sam. 503, Theocr. 6,39 mit Gow ad loc.; Lukian Apol. 6; Rakoczy
50 V gl. Anm. 41 und bei Anm. 52. 1996, 147-152.
51 Zwei Verhaltensweisen begegnen sich hier, was den Interpreten Probleme 69 Menander Fr. 754 = Porph. abst. 4,15; danach Plut. superstit. 168c. Zum
bereitet; vgI. W. Pötscher, "Die Hikesie des letzten l1ias-Gesanges" (Horn., Schuldbekenntnis vgl. Kap. V bei Anm. 85.
11. 24,477ff.), Würzburger Jahrbücher 18 (1992) 5-16. 70 H. Zimmern, Babylonische Hymnen und Gebete in Auswahl, Leipzig 19°5, 27
52 Burkert 1979, 45-47 mit Anm. 42, nach Time Magazine 1971; der gleiche nr.8.
Gestus auch in altägyptischen Darstellungen: E. Swan Hall, The Pharaoh 7 1 Kult der Ishtar in Uruk, Erra IV 57[, Dalley 1989, 305; die Priester des Baal,
Smites his Enemies, Berlin 1986, Abb. 9, vgl. Abb. 8 (die ,Narmer Palette'); 1. Könige 18,28; Kult der Mater und der Bellona, unten Anm. 73.
ich verdanke diesen Hinweis Thomas Kappeler. 7 2 A. Lebessi, BCH II5 (1991) 99-123, die einen Zusammenhang mit Initiation
53 Siehe ThWbNT VI 759--'767 S.v. proskyneo, vgI. Anm.47. Hebräisch annimmt. Doch initiatorisches ,Leiden' ist etwas anderes als Selbstaggression.
histavawa, HAL 284, verwendet beim Gebet, doch auch als Verhalten 73 Zu galloi Burkert 1994a, 40f.; das oft abgebildete Relief eines archigallus mit
gegenüber einer mächtigen Person; Akkadisch sukenu, vor König wie vor Peitsche: Cumont 193 I Taf. I 3; zu Bellona R. Turcan, Les cultes orientaux
Gott, AHw 1263; laba/t appi oben Anm. 46; auch nagruru/naqarrurn 'sich wäl- dans le monde romain, Paris 1989, 48 f.
zen' AHw 902; vgI. Schrank 1908, 58 f.; M. I. Gruber in: Aspects of Nonverbal 74 Parodiert in Luk. Asin. 37f./ApuI. Met. 8,27-29.
Communication in the Ancient Near East, Rom 1980, 169-171; P. Kingsley 75 Plut. qu. Gr. 304c; C. Bonnet, "Heracles transvesti", in: D. Jourdain-
JRAS 111 54 (1995) 2°5, 104. Annequin, C. Bonnet, ed., Herades. Les femmes et le jeminin, Brüssel 1996,
54 Gen. 17,2; 17· 121- 1 31.
55 F. T. van Straten, "Did the Greeks kneel before their gods?" BABesch 49 76 Burkert 1972, 313 mit Anm. 46.
(1974) 159-189; M. I. Davies, "Ajax at the bourne of life", in: EIDOLO- 77 J. Boese, Mesopotamische Weihplatten, Berlin 1971, 290f. pI. XXXI,1 vgI.
POllA. Actes du Colloque sur les problemes de I'image dans le monde mediterraneen ANEP 597; M. Müller, Frühgeschichtlicher Fürst aus Iraq, Zürich 1976.
dassique, Rome 1985, 83-II7, bes. 90-96; Aubriot-Sevin 1992, 126f., 7 8 Die bei Affen vorkommende Unterwerfungsgeste, die Präsentation des
132-138. Hinterteils, ist bei uns zu einem Zeichen der Verachtung gegenüber dem
56 prospiptein, Aiseh. Sept. 95; Soph. Trach. 904; OK II57. Schwächling geworden, dem die aggressive Potenz fehlt: ,Du kannst
57 Assurbanipal: Streck 1916, 346f.; vgI. AHw 431 s. v. kamasu; Schrank 1908, mich .. .', vgI. Fehling 1974, 27-38; HDA IV 62f.; H. P. Duerr, Obszönität
59-6 5. und Gewalt, Frankfurt 1993, 148-152.
58 Euseb. Hist. ecd. 5,5,1. 79 D. Arnaud, Emar. Recherehes au Pays d' Astata VI 4: Textes sumeriens et acca-
59 Im Kontrast zu den Juden, die zum Beten das Haupt bedecken, nehmen diens, Paris 1987, 326-337, nr. 369.
Christen beim Betreten der Kirche den Hut ab. 80 Vgl. K. Koch in P. Frei, K. Koch, Reichsidee und Reichsorganisation im Perser-
60 Josiah wird von Gott gesegnet, weil er ,vor ihm geweint' hat, II Könige reich, Freiburg/Göttingen 1984, 1996" 168-178, 187-193. Komplizierter
22,19. Demonstratives Weinen ist bei griechischen Männern nicht üblich, es wird die gleiche Struktur in der Maya-Kultur ausgestaltet: Einerseits durfte
gilt als ,weiblich'. Doch die Septuaginta setzt zumindest zweimal ,er weinte' der Maya-König die Erde nicht berühren, er wurde hochgehoben und von
an Stelle des hebräischen ,er rief (Gott) an', Richter 15,18; 16,28; vgl. seinen Untergebenen getragen; andererseits zeigt ihn die Ikonographie, wie
Aubriot-Sevin 143-145; Proklos, Hymnos an Helios 52f. er selbst ,die Menschheit' auf seinen Schultern trägt.
61 Der Sonnengott "nahm von ihm (sc. Gilgamesh) seine Tränen an als gezie- 81 Jesaja 6; vgI. Hesekiel 1,26. - Zur Inthronisation mesopotamischer Könige
mende Gabe", Gilgamesh und Huwawa ed. Edzard 1990 (Kap. 111 Anm. 22) RIAss VI 148; AHW 515 s. v. kussu.
184, Zeile 34; zu Assurbanipal Streck 1916, 40f.; II6f. ·82 Marinatos 1993, 206.
Anmerkungen Anmerkungen
2
83 V. K. Müller, Der Polos. Die griechische Götterkrone, Berlin 1915; Hepat in Geschichte l' 2 (Straßburg 1913) 288, wonach der Sieg des Peisistratos bei
Yazilikaya, E. Akurgal, Die Kunst der Hethiter, München 1961, Taf. 76177; Pallene als Intervention der Göttin interpretiert und dann in die Erzählung
das stark verwitterte hethitische Felsbild am Siyplos, das als weinende Niobe umgesetzt worden wäre.
galt, ibo Taf. XXIII. 102 Vgl. Christian Habicht, Gottmenschentum und griechische Städte, München
84 Kallim. Hy. ApolI. 102 f. 1970'.
85 Hosianna: Markus II, 9f. mit den Paralleltexten, nach Psalm II8,25; 10 3 Vgl. J. R. Fears, Princeps a Diis Bleetus. The Divine Eleetion cf the Emperor as a
Th WbNT VIII 604 f. Political Concept at Rome, Rom 1977; idem, RAC XI (1981) II03-II59 S. v.
86 Musterhaft das Magnificat, Lukas 2,14. Gottesgnadentum; Bibliographie zum Herrscherkult: P. Herz in ANR W 11
87 Aischylos Fr. 70 TrGF; vgL Anm. 31. 16,2 (1978) 833-910.
88 Siehe SAHG 1953; J. Assmann, Ägyptische Hymnen und Gebete, Zürich 1975; 104 Palermo, Kirche Martorana.
Lebrun 1980; M. Lattke, Hymnus. Materialien zu einer Geschichte der antiken 105 Ambros. epist. 17,1; J. Wytzes, Der letzte Kampf des Heidentums in Rom, Lei-
Hymnologie, Fribourg 1991; L'inno tra rituale e letteratura nel mondo antico. Atti den 1977, 214. Vgl. Liban. or. 22,41, über einen hohen Beamten am Kaiser-
di un colloquio Napoli 21-14 ottobre 1991, Rome 1991 (A. I. O.N. 13); W. hof, "der, wie der Kaiser den Göttern folgt, so seinerseits dem Kaiser folgt".
Burkert, F. Stolz, ed., Hymnen der Alten Welt im Kulturvergleich, Frei- 106 Eine Formulierung des Assurbanipal, Streck 1916, 300f.
burg/Göttingen 1994. 107 Zu dieser Struktur, x:a = a:b, vgl. Kap. I Anm. 101. Siehe auch M.-]. Seux,
89 Siehe den hethitischen Hymnus an Ishtanu, Lebrun 1980, 93-1 II; akkadi- RIAss VI 168: "Le roi d'Assyrie a donc, par rapport au dieu national, la posi-
scher Hymnus an Shamash, SAHG 240-247; Psalm 19, 6f.; Echnatons gro- a
tion qu' avait un gouverneur par rapport son roi. " Weniger erbaulich ist,
ßer Aton-Hymnus, Assmann (Anm. 88) 215-221. daß schon in Affengesellschaften ein Individuum, das von einem Höheren
90 Siehe S. Sahin, Epigraphica Anatolica 9 (1987) 61-'72; SEG 37, 957-980; vgl. bedroht wird, seinerseits gern einem Niederen droht, der ,Radfahrereffekt' ,
SEG 33,1056. Vgl. auch Psalm 50,15: "Rufe mich an in der Not, so will ich a:b = b:c, Sommer 1992, 85.
dich erretten, so sollst du mich preisen." 108 ANET 268.
91 Horn, n. 1.474; siehe Kap. V bei Anm. 1. 109 II. Samuel7; Davids Ausdruck ist 'äbäd = dMt/OS, servus dei.
92 Hymnus an Ishtanu, Lebrun 1980, 102, Z. 32-38. - Psalm 19. Vgl. auch den IIO Psalm IIO, vgl. Matth. 22,44; 1. Kor. 15,24; Hebr. 1O,12f.
Analogieschluß des Hauptmanns von Kapernaum, der ]esus als Kommandeur I II Thureau-Dangin 1921, 127-148; ANET 334.
der Dämonen sieht, wie er selbst, höheren Chargen unterstellt, seine Solda- 112 Daniel 4.
ten zu kommandieren pflegt, Lukas 7,8; Matth. 8,9. II3 Hor. carm. 3,6,5.
93 Zylinderinschrift Sargons 11. § 74, Luckenbill 1927, II 66; zur Gottesfurcht II4 archein/archesthai, Solon bei Diog. Laert. 1,60; Arist. Pol. 1277b14. Aus a:b
vgl. Kap. I bei Anm. 116-122. = b:a folgt a = b.
94 Polyb. 6,56,6-12. Vgl. Burkert 1977, 372f. II 5 Ps.-Phokylides Sent. 8. Im Avesta steht der Gehorsam des Sohns gegen sei-
95 Arist. Met. I074b3. nen Vater gleich hinter der Ordnung der Welt, Avesta, Gatha 9,7 = Yasna
96 Besonders explizit ist die Rosetta-Inschrift von Ptolemaios V., OGI90,26f.: 44,7. Vgl. auch Kap. I bei Anm. lII1I12.
Der König "eroberte mit Gewalt die Stadt und vernichtete alle die gottlosen II6 Hebr. 13,17.
Menschen in ihr, so wie Hermes und Horos, der Sohn der Isis und des Osi- II7 Siehe zum Imperativ Kap. 111 bei Anm. 31.
ris, die Abtrünnigen in eben dieser Gegend früher überwältigt hatten"; vgl. II8 Vgl. Sommer 1992, 83-88.
E. Hornung, Geschichte als Fest, Darmstadt 1966. II9 [Arist.] De mundo 398 a.
97 1,1-41, ANET 164f.; ANEP 246. 120 Vgl. Burkert in F. Stolz, ed., Religion zu Krieg und Frieden, Zürich 1986, 67 ff.
98 Weissbach 19II, 1Of. § 5; 90f. § 6; vgL G. Ahn, Religiöse Herrscherlegitimation 121 Ein Text aus dem Ishtarheiligtum von Arbela: ANET 449f.
im achämenidischen Iran, Leiden 1992. Zum Problem, ob Darius emen 122 Hingewiesen sei auf RE Supp/. 111 101-114 S. v. Angelos; Th WbNT I 72-86;
,falschen' oder doch den legitimen Bardia beseitigt hat, vgl. Frye 1984, J. Michl RAC V (1962) 53-258 s. V. ,Engel'.
96-102; J. M. Balcer, Herodotus and Bisitun, Wiesbaden 1987. 12 3 loh. 5,23; 6,44; 12,44; 14,24 etc.
99 R. Ghirshman, Iran, Parther und Sassaniden, München 1962, 132 Abb. 168; 124 loh. 1,33.
vgl. 131 Abb. 167; 167/8 Abb.2II; 176 Abb.218; Frye 1984, 371-373; 125 loh. 20,21; vgl. 17,18.
J. Wiesehöfer, Ancient Persia, London 1996, Taf. XXI. 126 A. Adam, Texte zum Manichäismus, Berlin 1969" nr. 3 (nach Al-Biruni); A.
100 Horn. n. 1,279. Böhlig, Die Gnosis 111, Zürich 1980, 155 (nach Shahrastani), vgl. Böhlig 83.
101 Hdt. 1,60, ernst genommen z.B. von F. Kiechle, "Götterdarstellung durch 127 Koran, Sure 33,40 etc.
Menschen in der altmediterranen Religion", Historia 19 (1970) 259-271; vgl. 128 Od. 1,38; vgl. auch die 30000 unsichtbaren ,Wächter' des Zeus, die auf
auch W. Connor JHS 107 (1987) 40-50; kritisch J. Beloch, Griechische Erden über die Taten der Menschen wachen, Hes. Erga 253-255.
24 2 Anmerkungen Anmerkungen 243

129 Der zentrale Text ist Platon, Symp. 202 d-203 a; nach seiner Formulierung 13 Apollod. Bibi. 2,13°[; der Dreifußkampf ist eines der frühesten ,Sagenbil-
geht es um ,Zusammensein und Sprechen' von Göttern und Menschen, der' der griechischen Kunst, siehe Schefold 1993, 47 fig. 20. - Auch die
homilia kai dialektos. Verfolgung des Orestes durch die Erinyen kann als Krankheit erscheinen, die
130 Aisch. Eum. 19 "Loxias ist prophetes des Zeus, seines Vaters." Rettung erfolgt mit Hilfe von Apollons Orakel; vgL Burkert 1992 a,
131 Jona I,!. 56[
132 II. Sam. 12. 14 Verg. Ceorg. 317-558, möglicherweise nach Eumelos, T 2 Davies; morbi call-
133 Aristoph. Pax I070[ sam4,J97; 532; vgL Varro r.r. 2,5,5; das Ritual der bugonia is wird in Ceopo-
134 Diod. 36,13; Plut. Marius 17,8-II; vgL Kap. V Anm. 4!. nica 15,2,22-29 beschrieben; vgL RE III 431-450 s. v. Biene.
135 Vgl. Kap. I bei Anm. 91 über das ,Monster im Eck'. 15 Siehe F. Graf, ZPE 92 (1992) 267-279, bes. 275-277.
136 Siehe Kap. I bei Anm. 104. 16 Lanternari 1994, 262 [
137 Vgl. dazu Kap. VII. . 17 Livius 8,18.
13 8 Maximilla bei Epiphan. Panar. 48,13,1; Epiphanios kritisiert diesen angeblI- 18 VgL Sullivan 1988; ER s. v. ,Diseases and Cures', ,Healing'; siehe auch J. D.
chen ,Zwang'. Doch auch was Paulus erlebte, war durchaus vergleichbar: Frank, Die Heiler, Stuttgart 1981 (Persuasion and Healing, Baltimore 1973)
"Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!" I Kor. 9,16. 19 VgL auch Livius 2,36, (390 v. Chr.; dazu Arnob. 7,39-43): Titus Latinius
139 Aisch. Ag. 1562, parodiert Aristoph. Ran. 25-30 wird durch einen Traum aufgefordert zu melden, daß die ludi Romani durch
die spektakuläre Bestrafung eines Sklaven unmittelbar vor den Spielen be-
fleckt worden seien: Sie seien zu wiederholen. Als Titus Latinius dem
Traumbefehl nicht Folge leistet, stirbt sein Sohn, er selbst wird krank; nun
V. Schuld und Kausalität
überbringt er die Botschaft an den Senat und wird alsbald gesund. Dazu eine
Notiz im Tages-Anzeiger Zürich 27. 2. 1990: Bei einem Straßenbau in Indo-
1 n.
1,62-64: man tin, hierea, oneiropolon; vgL zum Verfahren Parker 19 8 3, 207- nesien erhielt ein Arbeiter im Traum die Anweisung, daß den Totengeistern
234; zu ara Aubriot-Sevin 199 2 , 35 0-374. der Gegend ein Büffel zu opfern sei; er tat nichts, wurde schwer krank und
2 VgL zur Fonnulierung der Frage Hdt. 9,93,4: Die Leute von Apollonia genas erst, als das Opfer vollzogen wurde - zusammen mit einer katholischen
"fragten die Propheten (der Orakel) nach der Ursache des gegenwärtigen Messe.
Übels"; 6,139,1: Man fragt Delphi "nach Erlösung (lysis) von den gegenwär- 20 Aisch. Ag. 188-217. Aischylos gibt nicht an, was genau die Verfehlung Aga-
tigen Übeln". memnons war; in den Parallel quellen finden sich verschiedene Erklärungen.
3 Die Perser behaupten, wer an Aussatz erkrankt, müsse eine Sünde gegen den 21 Od. 4, 351-586; zum Motiv der unterlassenen Opfer vgL auch n. 5,177f
Sonnengott begangen haben; darum wird er aus der Stadt vertrieben, und 22Jona 1,7; vgl. Kap. II bei Anm. 58/59.
niemand tritt mit ihm in Kontakt, Hdt. 1,138,1. Die ebenso rationale wie 23 H. W. Parke, The Orades cif Zells, Cambridge 1967, 261 [ nr. 7; SEC
brutale Isolierung der Kranken wird durch die Zuweisung transzendenter 19,427·
Schuld akzeptabel gemacht. 24 Nikolaos von Damaskos FCrHist 90 F 45 c[ 15, wohl nach Xanthos dem
4 1. Samuel 5· Lyder.
5 kohanim und qosemim; zu diesem Begriff und zu Pfeil-Orakeln vgL HAL 25 A. Livingstone, State Archives cif Assyria IV: Court Poetry, Helsinki 1989, nr.
1°41 [ 33, P.77 (Lücken und Ergänzungen sind in der hier gegebenenen deutschen
6 'opel, HAL 814; die Septuaginta übersetzt hedrai ,Gesäße'. Ein entsprechendes Übersetzung nicht bezeichnet). Man kann den Test vergleichen, den Kroisos
Votiv (glouthron): SEC 29 (1979) nr. II74· mit den griechischen Orakeln anstellt, Hdt. 1,46; auch den Vorschlag, ein
7 T. Dothan, The Philistines and their Material Culture, New Haven 1982; J. F. Traumorakel des Amphiaraos durch eine Anfrage in Delphi zu verifizieren,
Brug, A literary and archaeological study of the Philistines, Oxford 19 8 5; L. E. Hypereides 4,14f Auch ein griechischer Heerführer ,versammelt' eine

I
Stager, Ashkelon Discovered, Washington 1991. Mehrzahl von Sehern beim Opfer und akzeptiert ihr gemeinsames Verdikt,
8 ANET 394ff.; Lebrun 1980, 192-239, bes. die ,zweite Version' 203-216 ; die Eurip. Herad. 340; 401-407.
folgenden Zitate: 212,29 f.; 32'; 38'. 26 Diod. 20,14 (,zetesis' § 4). Zu den ,Moloch'-Opfem Kap. 11 bei Anm. 76.
9 Lebrun 1980, 2II,12'; 21 3,8';13';19'. 27 Thuk. 1,128,1; vgL 2,17, unten Anm. 46.

iI
IO Tages-Anzeiger Zürich 2!. 1. 1986. 28 Herakleides Fr.46a Wehrli = Strab. 8 P.384, vgL Diod. 15,48; Paus.
11 Schon bei Homer heißt es, daß "die Götter alsbald bekannt machten", was 7,24, 5-12; R. Baladie, Le Petoponnese de Strabon, Paris 1980, 145-157.
Oedipus getan hatte, Od. II,274· 29 Paus. 7,17,13 [; vgl. 7,17, 6f; M. Osanna, Santuari e culti dell'Acaia antica,
12 VgL Burkert, Oedipus, Orades, and Meaning. From Sophodes to Umberto Eco, Neapel 1996, 35-37.
Toronto 1991. 30 Ap. Rh. 2,463-489.
244 Anmerkungen Anmerkungen 245

3 I Apollod. Bibi. lOO-lO2; Pherekydes FGrHist 3 F 33 = Schol. Od. rr ,28 7; 49 Lukian. Syr. D. I9, oben Kap. II bei Anm. 44.
Eustath. p. I685,33; Schol. Theokr. 3,43; vgI. schon Od. II,29 I - 297; 50 Oben bei Anm. I4.
I5, 23I-238; Hes. Fr. 37. 5I SEG 33,736; Inscriptiones Creticae II xxviii 2, Hermes Tallaios.
]2 Eine scharfe Kritik des Freudschen Verfahrens liefert Grünbaum I988. Ein 52 Siehe unten bei Anm. 85.
Unterschied zur alten religiösen Therapie liegt auch darin, daß die Moder- 53 Hdt. I,I67. Nach römischer Etymologie verweist das Wort caerimonia auf
nen nicht auf ,Schuld' bestehen, sondern von ,Verletzung' (Trauma) reden. Caere.
33 Hdt. 9,93,4, vgI. Anm. 2. 54 Hdt. I,I05; vgI. Hippocr. aer. 22; in moderner Sicht ergibt sich am ehesten
34 Eur. Fr. 9I2,9-I3 mit dem Terminus ekthysasthai. Hdt. 6,9I erzählt, daß es eine Art skythischer Schamanismus, siehe D. Margreth, Skythische Schama-
den Aigineten nicht gelang, eine ,Befleckung' (agos), die sie auf sich geladen nen? Die Nachrichten über Enarees-Anarieis bei Herodot und Hippokrates, Diss.
hatten, "durch Opfer endgültig zu sühnen (ekthysasthm), obwohl sie es ins Zürich I993.
Werk setzten". 55 Lanternari I994, 256f. - C. Ouwehand, Hateruma. Soeio-Religious Aspects cif a
35 Platon Phdr. 244 de, vgI. Burkert I994, 25· South-Ryukyan IsTand CuTture, Leiden I985, I90f beschreibt, wie dort anläß-
36 Dundes I964 fUhrt einen eigenen Erzähltyp ein: interdiction-infraction- lich von persönlichem Unglück nach Weisung eines örtlichen ,Schamanen
consequence-attempted escape. Allgemein kennt man im Englischen den oder Priesters' das Familiengrab geöffuet und die Gebeine der Verstorbenen
Begriff des ,cautionary tale'; dem Deutschen fehlt ein entsprechender Begriff. gewaschen werden - ein eigentümlicher Ahnenkult im Rahmen der glei-
37 Dies ist, griechisch gesprochen, die Frage nach der prophasis, nach der einer chen Struktur der Unheils bewältigung.
Aktion vorausgehenden Erklärung - ein Wort, das im Zusammenhang mit 56 Plato Resp. 364bc erwähnt die Bettelpriester und Seher, die angeblich die
Thuk. I,23,6 viel diskutiert wird, dessen Sinn aber z.B. Thuk. I,I33 deutli- Macht (dynamis) haben, ,gut zu machen', ,zu heilen' (akefsthm).
cher ist; siehe H. R. Rawlings III, A Semantic Study of Prophasis to 400 B. c., 57 VgI. im hethitischen Hymnus auf den Sonnengott: "qu'ilme dise mon
Wiesbaden I975; A. A. Nikitas, "Zur Bedeutung von PROPHASIS in der peche", Lebrun I980, I04f; siehe auch van der Toorn I985, 94--97: "In
altgriechischen Literatur", Abh. Mainz I976,4. search for the secret sin."
38 Livius 5,5I,8. 58 Daniel2, I2 f; 24; ,Zeichendeuter, Wahrsager, Beschwörer und Chaldäer' 2,2.
39 Meyer I962; F. Garcia Martinez, The Dead Sea Scrolls Translated, Leiden 59 Hdt. 4,68.
I994, 28 9· 60 Vgl. bei Anm. 25.
40 V gl. bei Anm. 2 I. 6I Hdt. 6,66; 6.75,3; 5,66,I; vgI. 5,90,I.
4I Ein Katalog von Tabus, die ein Hirte unversehens verletzen kann, bei Ov·fast. 62 Soph. OT 380-389.
4,747--'762: unter einem heiligen Baum sitzen, einen heiligen Hain betreten 63 Eur. Phrixos A, Apollod. BibI. I,80-82, Hyg. fab. 2, vgl. C. Austin, Nova
etc.; fallig ist dann ein Beichtgebet: da veniam culpae 755. VgI. Kap. IV bei Fragmenta Euripidea, Berlin I968, p. IOI f.
Anm. 69 zum syrischen Fischtabu; IV bei Anm. I 34 zum Mater Magna- 64 VgI. Burkert I979, 88f
Priester in Rom. Das griechische Wort fUr den religiösen Fehltritt ist alitefn 65 Divinatio obTativa and impetrativa, siehe Kap. VII Anm. 7.
(dazu H. Vos, Glotta 34 [I955] 287-292; E. Tichy, Glotta 55 [I977] I60-I77)· 66 Psalm I 24,7.
V gI. auch G. Delbos, P. Jorion, Le deUt religieux dans la eite antique, Paris I 98 I. 67 Hdt. 6,I39,I, oben Anm. 2; vgI. Platon Phdr. 244de, oben Anm. 35.
42 Burkert I977, 354-358; Krummen I990, I08-rr6; M. Petterson, Cults cif 68 Soph. EI. 447.
Apollo at Sparta, Stockholm I992, 57-72. 69 Soph. OT lOof. (lyein). Lateinisch Zuere, verwandt mit griechisch Zyein, hat
43 Burkert I972, I53- I6 I. sich ganz zur Bedeutung ,sühnen' entwickelt.
44 Plut. mus. 42, rr45 BC, mit Verweis auf Pratinas TrGF 4 F 9; vgI. L. Käppel, 70 K. Tsantsanoglou, G. M. Parassoglou, "Two Gold Lamellae from Thessaly",
Paian. Geschichte einer Gattung, Berlin I992, 349-35I. Hellenika 38 (I987) 3-I6; SEG 37,497; cf Burkert I994, 25; 28; F. Graf,
45 Ceres: Dion. HaI. ant. 6,I7; 6,94,3; Apollo: Liv. 4,25,3; 4,29,7· "Dionysian and Orphic Eschatology: New Texts and Old Questions" , in
46 Thuk. 2,IT Er betrachtet den Tabubruch nicht als Ursache, sondern als Zei- T. H. Carpenter, C. A. Faraone, ed., Masks cifDionysus, Ithaca I993, 239-258.
chen einer besonderen Notlage, die das Orakel vorausgesehen habe. Vgl. im 7I Vgl. bei Anm. 35.
übrigen S. B. Aleshire, The Athenian Asklepieion, Amsterdam I9 89· 72 Vgl. M. Wehrli, Geschichte der deutschen Literatur I, Stuttgart I980, 22-24.
47 Hdt. I,I9-22. Zum Prinzip ,zwei fUr eines' vgI. Thuk. I,I34,4; Inschrift auf 73 Bes. die Serie Shurpu (Reiner I958), Tafel 11/111; der Terminus ist pasaru
einer Vase, offenbar aus einem Heiligtum: ,eine zerbrochen - zwei fUr ,lösen, frei machen', AHw 842, kontrastierend mit rakasu und kama ,binden',
Aphrodite', G. A. Koshelenko et al., ed., Anticnye gosudarstva Severnogo Pricer- AHw 946; 433.
nomotja, Moskau I984, I42 nr. 4. 74 Akkadischer Beschwörungstext bei Ebeling I93I nr. 30 A III 63, S. I]2f
48 Od. I2,345-347. - Errichtung eines Tempels während einer Pest rur den 75 A. Audollent, Diftxionum Tabellae, Paris I904; R. Wünsch, Diftxionum
Pestgott Namtar: Atrahasis I 40I, Dalley I989, I9. Tabellae Atticae, IG III 3, Berlin I897; D. R. Jordan, "A Survey of Greek
Anmerkungen Anmerkungen 247

Defixiones Not Included in the Special Corpora", GRBS 26 (1985) 151-197; 92 Oben Anni. 23.
vgl. auch C. A. Faraone, "The Agonistic Context of Early Greek Binding 93 Epimenides FGrHist 457 TI; 4; Burkert 1992a, 60; 62f.
Speils", in: c.-A. Faraone, D. Obbink, ed., Magika Hiera. Ancient Greek Magic 94 Plut. De Sera 560 ef (statt Italias lies Phigalias, Mittelhaus RE XIX 2084); Fr.
and Religion, New York/Oxford 1991,3-32; F. Graf, Gottesnähe und Schaden- 126 Sandbach; Thuk. 1,134,4; zum Prinzip ,zwei fUr eins' vgl. Anm. 47. Mit
zauber. Die Magie in der griechisch-römischen Antike, München 1996, 108-157. ,Geistern' käme man zurück zum dritten Modell, dem Zorn der Höheren.
76 Sophronius, Narratio miracuforum SS Cyri et Ioannis sapientium Anargyrorum, Die Interpretationen laufen auch in dem rhetorischen Text von Antiphon
PG 87,3,3541-3548 (Audollent - vgl. Anm. 75 - p. CXXII). 4,1,3 ineinander: Ein Mordopfer "hinterläßt die Feindseligkeit der Rache-
77 Liban. Or. 1,243-250; C. Bonner, "Witchcraft in the Lecture Room of geister (aliteriol) , als Strafe Gottes", und wer dann nicht der Gerechtigkeit
Libanius", TAPA 63 (193 2) 34-44. zum Sieg verhilft, "zieht sich unangebrachte Befleckung (miasma) auf das
78 Oben bei Anm. I; 4; 8. eigene Haus". Vgl. J. D. Mikalson, Atheniart Popular Religion, Chapel Hill
79 Hdt. 6,12,3· 19 8 3, 50-52·
80 Vgl. Kap. IV. 95 Nadig 1986, 223, vgl. 220f., 225-229, 381 f.
81 Arnob. 7,5 (als Heidenglaube kritisiert). Vgl. Kap. 11 bei Anm. 26; 78. 96 Latte 1920121.
82 AHw 716. 97 Dodds 195 I, 28-63, mit Berufung auf R. Benedict, The Chrysanthemum and
83 Vgl. den pythagoreischen Spruch bei lambl. v.P. 85: "Plagen sind gut. Denn the Sword. Patterns cfJapanese Culture, Boston 1946, 222ff. Für Latte war die
diejenigen, die zur Strafe (in dieses Leben) gekommen sind, müssen bestraft Idee der ,Unreinheit' samt der Praxis der ,Reinigung' primitiv und alt,
werden." während Dodds die Entdeckung der ,Schuld' mit dem besonderen Interesse
84 ANET 395; Lebrun 1980, 214,24-28; vgl. Anm. 8. In der christlichen Tradi- an ,Reinigung' in der archaischen, nachhomerischen Epoche verbindet. Daß
tion hat die Eltern-Kind-Beziehung das Bild von Herrn und Knecht in den bei Homer wenig von Reinigung und gar nicht von der Reinigung des
Hintergrund gedrängt - was die Geißel zur ,Zornesrute' werden ließ. Mörders die Rede ist, fiel schon in der Antike auf; Mörder-Reinigung
85 F. Steinleitner, Die Beicht im Zusammenhang mit der sakralen Rechtspflege in der erscheint in der Aithiopis, p. 47 Z. 11-13 Davies.
Antike, Diss. München, Leipzig 1913; R. Pettazzoni, La confessione dei peccati 98 Vgl. neuerdings Cairns 1993, 27-47.
1-111, Bologna 1929/36; H. Hommel, "Antike Bußformulare", in: Sebasmata 99 Vgl. Kap. 11; Rene Girard hat aus dem Sündenbock-Komplex eine besondere
I (Tübingen 1983) 35 1-370; das wachsende Corpus der kleinasiatischen Theorie der menschlichen Kultur entwickelt, siehe Girard 1972 und 1982.
Beichtinschriften jetzt bei Petzl 1994; vgl. G. Petzl, "Lukians ,Podagra' und 100 Vgl. Parker 1983, 378.
die Beichtinschriften Kleinasiens", Mhis 6 (1991) 131-145. Beispiele aus 101 Vgl. Eur. Ion 367, Ion zu Kreusa, die Apollon vergewaltigt hatte: "Er schämt
Mesopotamien: Schrank 1908, 46f.; M. Jastrow, Die Religion Babyloniens und sich der Sache - überführe ihn nicht", d. h. beschäme ihn nicht durch Insi-
Assyriens 11, Giessen 1912, 71 ff.; S. Langdon, Babylonian Penitential Psalms, stieren. Apollon zieht es vor, sich nicht mehr blicken zu lassen (1557f.).
Paris 1927; SAHG 18119; aus Ägypten: Roeder 1915, 58; H. I. Bell, Cults 102 Aristoph. Fr. dubium 940 Kassel-Austin; Menander Dysc. 114; Theokrit
and Creeds in Greco-Roman Egypt, Liverpool 1953, 13. Altes Testament: Psalm 5,119; Hsch. s. v. katharthenai: mastigothenai. Vgl. AT Provo 20,30: "Blutige
103,3 ,der dir alle Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen'. Striemen säubern den Bösewicht und Schläge die Kammern des Leibes"
86 Z. B. A. I. Hallowell, Culture and Experience, New York 1967, 266-276 (Text und Übersetzung zweifelhaft). - Im Englischen gibt es, aus der Ideolo-
(Saulteaux- Indianer). gie des Exorzismus heraus, die Redensart ,to beat the hell out ofhim'.
87 Aristoph. Pax 668, vgl. Nub. 1478; Vesp. 1001. 103 Vgl. Boyer 1994, 125-154 über "CausalJudgments".
88 Pind. Pyth. 3,82 f. 104 Th. Lessing, Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen oder die Geburt der Ge-
89 Siehe Guilt or Pollution and Rites cf Pu rification. Proceedings of the Xlth Inter- schichte aus dem Mythos, München 1916, Leipzig 19274.
national Congress of the International Association for the History of Religi- 105 M. P. Nilsson, "Religion as Man's Protest against the Meaninglessness of
ons 11, Leiden 1968; ER XII 91-100 s. v. purification; ein wichtiges Standard- Events," Opuscula Selecta 111, Lund 1960, 391-464.
werk ist M. Douglas, Purity and Danger, New York 1966.
90 Dann kann Süßes Brechreiz auslösen. Zur biologischen Basis starker GefUhle
vgl. Kap. I Anm. 55. Siehe im übrigen die ausfUhrliche Diskussion bei VI. Der Kreislauf des Gebens
P. Rozin, J. Haidt, C. R. McCauley, "Disgust", in M. Lewis, J. M. Havi-
land, ed., Handbook ofEmotions, New York 1993,575-594. I CEG 326; Jeffery 1990, 90f.; 94 nr. I; LIMC s. v. Apollon nr. 40.
91 Parker 1983, dazu M. L. West CR 35 (1985) 92-94: "To predicate pollution 2 Od. 1,187f.; 311-318; doron 311, 316; axion ... amoibes 318. Vgl. auch
is formally to declare astate of abnormality so that it can be tackled by the Scheid-Tissinier 1994, 165 f.
appropriate ritual measures." - Ältere Übersicht: Pfister RE Suppl. VI (1935) 3 Mauss 1923/4; siehe K. Polanyi, Primitive, Archaic, and Modern Economy, Gar-
146-162 s. v. Katharsis. den City 1968; Scheid-Tissinier 1994; Seaford 1994; Vowinckel 1995,
Anmerkungen Anmerkungen 249
101-149; Cheal 1988, 19 fonnuliert, Geben sei "a system of redundant trans- 126-128; zum Griechischen]. P. Vernant, Mythe et societe en Grece ancienne,
actions within a moral economy, which makes possible the extended repro- Paris 1974 (repr. 1981) 57-81.
duction of social relations". 16 Das Wort gehört zur Wurzel pera-, ,Überführung', ,Handel'.
4 Prinzipiell schon Hesiod, Erga 354-356 ,Dem geben, der gibt; nicht geben 17 Vgl. Burkert 1994b. Siehe auch Seaford 1994 zu den zwei Formen der
dem, der nicht gibt. Einem Geber gibt man, einem Nicht-Geber gibt Reziprozität, Geschenk und Rache.
keiner.' Zu charis A:ristoteles, EN 5, lI33 a3: "dies ist das Besondere an der 18 Dies ist das ,Recht des Rhadamanthys,' wie es sich selbst in der Seelenwan-
charis: Man muß dem, der einen Gefallen (charis) erwiesen hat, einen Gegen- derung vollzieht, Arist. EN lIJ2 b25. Vgl. auch P. Marongiu, G. Newman,
dienst leisten, und wieder selbst damit anfangen, einen Gefallen zu erwei- Vengeance. The Fight against Injustice, Totowa, N. J. 1987.
sen." - Sarkastisch Martial 5,59,3: "Wer große Gechenke gibt, will, daß ihm 19 Vgl. AT Ex. 21,23-27.
daftir große Geschenke zugesandt werden", quisquis magna dedit, voluit sibi 20 NT Lukas 23,41. Die entsprechenden akkadischen Wörter sind gamalu,
magna remiUi. gimillu und riabu ,vergelten', die sowohl im freundlichen wie im rächenden
5 Z. B. Gregory 1980; vgl. Schieffelin 1980; Gouldner 1960; Sahlins 1970. Sinn verwendet werden, AHw 275 f.; 978 f.
6 Vgl. Mauss 1967, 72f. 21 Deut. 25,2f; Ioseph. Aut. lud. 4,8,21,238; NT II. Kor. lI,24; Plat. Leg. 845 a.
7 M. Finley, The World cif Odysseus, New York 1954 (19782) 61-65 (dazu kri- 22 epieike' amoiben, Od. 12,382.
tisch J. T. Hooker, "Gifts in Homer", BICS 36 [1989] 79-90); J. N. Cold- 23 Aristoph. Nub. 245, vgl. lI8.
stream in: R. Hägg, ed., The Greek Renaissance cif the Eighth Century B. c., 24 Vgl. bei Anm. 125.
Stockholm 1983, 201-206; ferner Morris 1986; Scheid-Tissinier 1994; B. 25 De Waal 1989, 38 f.; Burkert 1994 b, 12.
Wagner-Hasel, Die Macht der Kleider. Eine Studie über den Gabentausch in den 26 Vgl. S.A.]. White, "Gift Giving", ER V 552-557; Linders/Nordquist 1987;
Epen Homers, Dannstadt 1994. Vgl. auch L. Gernet, "Droit et pre-droit en F. T. van Straten, "Gifts for the Gods", in Versnel 1981, 65-151. Im Grie-
Grece ancienne", in Gernet 1968, 175-260; S. Humphreys, Anthropology and chischen spielt anatithenai ,hinaufstellen, weihen' eine besondere Rolle (vgl.
the Greeks, London 1978; Hennan 1987; UIf 199°,211 f. Anm 119), aber auch das schlichte didonai findet sich immer wieder; die
8 M. Weinfeld, "Initiation of Political Friendship in Ebla and its Later Deve- lateinische Weihefonnel ist, abgekürzt, DDD, dedit donavit dedicavit. Zum
lopments", in H. Hauptmann, H. Waetzoldt, ed., Wirtschaft und Gesellschaft ,Geben' von Opfern im Akkadischen siehe AHw 1525 S. V. zibu.
von Ebla, Heidelberg 1988, 345-348. 27 Korinth: CEG 359160; mit der Variante aphormau statt amoiban, ,einen
9 C.F.A. Schaeffer, Lepalais royal d' UgaritVI, Paris 1970, 9-lI, A 12-14, RS erfreulichen Neustart', in CEG 358; Smyrna: CEG426. Vgl. Lazzarini 1976
17148. Vgl. Liverani 1990, bes. 2lI-217. und 198919°.
10 Horn. n. 6,230-236: epameipsomen 230; Gold ftir Bronze, 235-237. - Eine 28 Horn. Od. 3,58f.; Horn. Hymn. Dem. 494.
groteske Novelle über Gabentausch zwischen Freunden, einschließlich der 29 Plat. Euthyphro 14 ce. Leg. 716 e heißt es, daß Götter von befleckten ,Gebern'
eigenen Frau, bei Hdt. 6,62. keine Gaben annehmen.
I I Provo 18,16. Im späteren Griechisch heißt ,Geschenke geben', dorodokia, de 30 Plat. Symp. 202 e.
facto Bestechung, vgl. bei Anm. 88. 3I Hippocr. Aer. 22, 11 80' Littre, mit Zitat von Eur. Hippol. 8.
12 Bourdieu 1972, 227-243: "Le capital symbolique." 32 R. Schmitt, Dichtung und Dichtersprache in indogermanischer Zeit, Wiesbaden
13 Natürlich gibt es andere Fonnen der Interaktion, die Freundschaft, Solidari- 19 67, 142- 149.
tät, Rang ausdrücken und begründen, Formen der Ehrung und der 33 MY V 659,4; A. Morpurgo, Mycenaeae Graecitatis Lexicon, Rom 1963, J24.
Tröstung, vom Augenspiel übers Grüßen bis zu Zärtlichkeiten, dazu die 34 Persepolis-Inschrift g, Weissbach 19 lI , 85.
sprachlichen Möglichkeiten, besonders das Lob (vgl. Kap. IV bei Anm. 35 Demokrit B 175. Vgl. auch theon eis anthropous dosis Plat. Phi!. 16cd.
86-91). Selbst hier kann man von ,Gabe' und ,Austausch' sprechen, selbst bei 36 NT Jakob. 1,17.
,Streicheleinheiten' . 37 Vgl. die stoische Allegorie SVF II nr. 1081: Die Charites als Göttinnen seien
14 Zur wechselnden Verwendung des Terminus eedna siehe S. West, A nichts anderes als "unsere Anfangsopfer und Gegengaben ftir die Wohltaten"
Commentary on Homer's Odyssey I, Oxford 1988, lIOf.; B. Wagner- der Götter.
Hasel, "Geschlecht und Gabe. Zum Brautgütersystem bei Homer" , Zeit- 38 Sallustios 16,1; vgl. unten Anm. 122.
schrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte Rom. Abt. 105 (1988) 39 AT Ex. 23.25; Psalm 9·6,7f. Der hebräische Terminus ftir die Gabe, die das
80-lI3· Opfer begleitet, ist minhah; im Akkadischen spricht man von kurbanu und
15 ,Gib mit teil an deiner Jungfrauschaft,' Ps.-Plato Anth.Pal. 5,79,2. Vgl. M. I. muhhuru, vgl. AHw S.V.
Finley, "Marriage, Sale and Gift in the Homeric World", Revue Internationale 40 Stele von Fekherye, A. Abou-Assaf, P. Bodreuil, A. R. Millard, La statue de
des Droits de l'antiquite III 2 (1955) 167-194, repr. in: M. Finley, Economyand Tell Fekherye et san inscription bilingue assyro-arameenne, Paris 1982, 17
Society in Ancient Greece, London 1981, 232-245; Allgemein Vowinckel 1995, (assyrische Version 2f.) und 24 (aramäische Version 2-4).
Anmerkungen Anmerkungen 251

41 Vgl. oben Anm. 29/30. genüber tun, die uns (Geld) schulden." Die traditionelle Auffassung läßt sich
42 Horn. 11. 22,169-172f; Od. 1,66f mit rabbinischem Material stützen, siehe ThWbNT V 565. - Auch Kaiser
43 Atrahasis II ii 14; 20, Lambert-Millard 1969: libasma ina katre/ibis katre, vgl. Mark Aurel lehnt die ,Erstattung' (amoibe) der Wohltaten ab: "Wenn ihr
Dalley 1989, 21. Vergleichbar ist der Tadel, den Kroisos gegen Apollon bei Gutes getan habt, und ein anderer Gutes empfangen hat - was wünscht ihr
Herodot ausspricht, unten Anm. 72. dann noch?" (7,73).
44 G. van der Leeuw, "Die Do-ut-des-Formel in der Opfertheorie," ARW 20 60 Koran, Sure 9, I I I.
(19201I) 241-253; Widengren 1969, 280-8; ER VI 197-214; Grottanelli 61 Vgl. Kap. I bei Anm. 36. Die folgende Diskussion läuft der Kontroverse um
1989/90; vgl. Festugiere 1976, der vor Simplifizierung warnt, 418: "beaucoup die Soziobiologie weithin parallel (vgl. Kap. I Anm. 34), nur daß als ,Erfolg'
plus complexe que la notion du contrat." Vgl. auch Vowinckel 1995, 132-138 hier primär der Besitz von Gütern, nicht die Vervielfaltigung der Nach-
über, Geister und Götter' im Rahmen von Reziprozität und Ungleichheit. kommen genommen wird.
45 Tittiriya-Samhita, Widengren 1969, 284; ER V 554. 62 Dawkins 1976.
46 Vgl. Kap. I Anm. 130. 63 Rapoport-Chamnah 1965; vgl. R. Axelrod, W. D. Harnilton, "The Evoluti-
47 Lambert 1960, 104, vgl. 147f zum Begriff qiptu ,Anleihe, Kredit'; AT Provo on of Cooperation", Sdence 2II,4489 (1981) 1390-1396; D. R. Hofstadter,
19,17· Sdentific American (May 1983) 14-20; Axelrod 1984II988; Vowinckel 1995,
48 Matth. 6,4; 6. 102-106.
49 Aisch. Cho. 792 f 64 Vgl. Dawkins 1976, 199f Einwände gegen die ,Stabilität' dieser Strategie bei
50 P. Thieme, "Studien zur indogermanischen Wortkunde und Religionsge- Boyd-Lorberbaum 1987.
schichte", Berichte der Sächsischen Akademie der Wissenschqften zu Leipzig, Phil.- 65 P.]. Halnilton Grierson, "The Silent Trade", in D. Dalton, ed., Research in
Hist. Klasse 98,5 (1952) 62-76. economic Anthropology III (Greenwich, Conn. 1980) 1-74 (zuerst 1903);
SI Anth.Pal. 6,152,3 f; 6,238,5 f A. Price, "On Silent Trade", ibo 75-96; R. Hennig, "Der stumme Handel als
52 CEG 227; 275. Urform des Außenhandels", Weltwirtschaftliches Archiv II (1917) 265-278; D.
53 CIL 1'2, 1531 = CLE 4, donu danunt . .. orant se voti crebro condemnes. Veerkamp, Stummer Handel. Seine Verbreitung, sein Wesen, Diss. (masch.)
54 Vgl. K. Ehlich in: S. Döpp, Hg., Kamevaleske Phänomene in antiken und nach- Göttingen 1956; A. Giardino, "Le merci, il tempo, il silenzio. Ricerche su
antiken Kulturen und Literaturen, Trier 1993, 293 f miti e valori sociali nel mondo greco e romano", Studi Storid 27 (1986)
55 Das griechische Wort ploutos ,Reichtum' bezeichnet ursprünglich eben das 277-302; RIAss s. v. ,Markt.'
Getreide, das im unterirdischen ,Schatzhaus' (thesauros) gespeichert ist; im 66 Hdt. 4,196.
Mythos ist Ploutos dann der Sohn der Getreidegöttin Demeter; doch auch 67 Pomp. Mela 3,60; Plin. n.h. 6,88; Anm. Marc. 23,6,68; am genauesten
der Gott der Unterwelt heißt Plouton. Eustathios, In Dionys. Perieg. 752, der Herodot zitiert.
56 AT Joel 2,14: daß Jahwe "zurückläßt einen Segen (rur) Speis- und Trank- 68 Vgl. aber bei Anm. 135 zu einer ganz anderen Art des ,Gebens', do ut abeas.
opfer ... " Vgl. auch Widengren 1969, 288. 69 Diagoras (5. Jh. v. Chr.) bei Diog. Laert. 6,59, Cic. nat.deor. 3,89 = Diagoras
57 Kanopos-Dekret Ptolemaios' III, 239/8 v. Chr., OGI 56, 8 f, 19 f Melius, Theodorus Cyrenaeus ed. M. Winiarczyk, Leipzig 1981, T 36137.
58 Act. Apost. 20,35. Die entgegengesetzte Asymmetrie findet Thukydides 70 Vgl. bes. Lambert 1960, 75.
2,97,4 im Brauch der Thraker: "lieber nehmen als geben." 71 Aisch. Ag. II68 f
59 Didache 1,5 (wobei Lukas 6,30 und Act. Apost. 20,36 im Hintergrund stehen). 72 Hdt. 1,9°,2 vgl. 4; zur Entwicklung der Kroisos-Tradition Burkert, "Das
In den Evangelien spricht Jesus von Einladungen ohne antapodosis, Lukas Ende des Kroisos. Vorstufen einer Herodoteischen Geschichtserzählung", in:
14,12, von gleichem Lohn rur verschieden lange Arbeit, Matth. 20,1-16; Catalepton, Festschr. B. Wyss, Basel 1985, 4-15.
dazu der verlorene Sohn und der ungerechte Haushalter, Lukas 15, II ff.; 73 Fonnulierung aus Atrahasis, oben Anm. 43.
16,1-9; Jesu fordert, allen Reichtum den Armen zu geben, Markus 10,21. 74 Lysias 30,18.
"Wenn ihr Geld habt, leiht nicht auf Zins aus, sondern gebt ... dem, von 75 fl. 24,4 2 5 f .
dem ihr sie nicht (zurück)bekommen werdet", so das gnostische Thomas- 76 Epikt. 2,23,5.
Evangelium (95), woraus bei Matthäus wird: "Gib dem, der dich bittet, und 77 Oben bei Anm. 54/55.
wende dich nicht von dem, der dir abborgen will" (5,42), während Lukas 78 Vgl. etwa I. Paulson in I. Paulson, A. Hultzkrantz, K. Jettmar, Die Religionen
schreibt: "Wer dich bittet, dem gib, und wer dir das Deine nimmt, da for- Nordeurasiens und der amerikanischen Arktis, Stuttgart 1962, 67-IQO.
dere es nicht wieder" (6,30). Die fünfte Bitte des Vaterunsers, Matth. 6,12, 79 Lys. Or. 30, vgl. Burkert 1977, 344.
wird gewöhnlich übersetzt: ,Vergib uns unsere Schuld', doch das verwendete 80 Aristoph. Eccl. 779-783.
Wort opheilemata bezeichnet eigentlich die ,Schulden'; dies müßte auf die 81 Tert. Apol. 13,6.
Übersetzung führen: "Erlasse uns unsere Schulden, wie wir dies denen ge- ·82 Aisch. Fr. 161 TrGF.
252 Anmerkungen Anmerkungen 253

83 Vgl. die sarkastische Argumentation bei Hippocr. Aer. 22, II 80 Littn~: Es 105 Zur Gemeinsamkeit von Griechischem und Westsemitischem R. K. Yerkes,
sei klar, daß die Reichen reiche Gegengaben von den Göttern ftir ihre Opfer Saerijiee in Greek and Roman Religions and Early judaism, London 1953; allge-
zu erwarten haben; bei den Armen werden beide Seiten unbefriedigt blei- mein Burkert 1972.
ben. 106 Zum Brandopfer ('olah) in Israel A. Hultgard in Linders-Nordquist 1987,
84 Hes. Erga 336f.: kadi dynamin; vgl. Xen. Mem. 1,3,3; 4,3,16. 83-91. Zum ,Moloch'-Opfer Kap. 11 bei Anm. 75-77.
85 Porph. abst. 2,15 = Theophrast Fr. 584 A, Zeile 145-153 Fortenbaugh; 2,16 107 Vgl. Burkert 1992a, 20.
= Theopomp FGrHist 115 F 344. 108 Vgl. Burkert 1979, 41-43; zu Mesopotamien RIAss VII 1-12 s. v. Libation;
86 Servius Aen. 2,116, anläßlich von Iphigenies Opferung: et sciendum in saeris Ch. Watanabe, "A Problem in the Libation Scene of Ashurb anip al " , in
simulata pro veris aedpi. - E. Lane, ed., Corpus Monumentorum Religonis Dei H. I. H. Prince, Takahito Mikasa, ed., Cult and Ritual in the Andent Near East,
Menis I, Leiden 1971, nr. 50. - Herakles Melon: Pollux 1,30f Zum Ersatz- Wiesbaden 1992, 91-104. Der ugaritische und hebräische Terminus ist nsk,
opfer überhaupt vgl. Kap. II. HAL 664, vgl. auch 171 WbNT VII 529-537.
87 Vgl. Latte 1920121, 285 f = 1968,25 f; 1. Sam. 15,22; Jesaia 1,11-17; vgl. 109 Markus 14,3-10 mit Parallelen.
auch Provo 21,27; 22,11. 110 Hierzu Meissner 1920125, II 81-90; Oppenheim 1964, 106f, 191 f.; Ring-
88 Vgl. W. Schuller, ed., Komtption im Altertum, München 1982. gren 1973, 81-89; H. Altenmüller, s. v. Opfer, Opferurnlauf, Lexikon der
89 Hes. Fr. 361, zitiert von Platon, Resp. 390 e; parodiert von Ovid, Ars am. Aegyptologie IV (1982) 579-584; 596f; W. Helck s. v. Tempelwirtschaft, ibo
3,653 f; siehe auch Plat. Resp. 364 deo VI (1986) 414-420.
90 fl. 9,497. 111 Akkadisch e!ru, AHw 257; Hebräisch faser, z.B. im Heiligtum von Bethel,
91 Horn. Hymn. Dem. 367-369, vgl. Richardson 1974, 270-275. Gen. 28,22; Griechisch dekate, vor allem im Kult des ApolIon, vgl. bei
92 Bes. Plat. Leg. 905 d-907 b. Anm. I; ferner H. W. Parke, "A Consecration to Apollo", Hermathena 72
93 Plat. Tht. 176 b. Im späteren Platonismus konnte das Opfern durch eine ma- (1948) 82-11 4.
gische Interpretation wieder gerechtfertigt werden: Es bewirkt, daß der 112 Genaue Agenda ftir den Kult am Anu-Tempel in Uruk: Thureau-Dangin
Mensch mit den Göttern in Kontakt kommt (synaphthenai theois) , Sallustios 1921, 61-118.
16 vgl. 14, 2f 113 AT Dt. 14,22f, das sog. Zehnten-Gesetz.
94 Lebrun 1980, 92 ff., 121 ff.; H. G. Güterbock in W. Röllig, ed., Altorientali- 114 Vgl. Latte 1960, 215f
sehe Literaturen, Wiesbaden 1978, 227. - Aisch. Cho. 255-257; Sept. 304f., 115 Vgl. ER V 554[, auch zu China.
vgl. 174-181. 116 Aristoph. Plut. 594-597 mit Schol.
95 Ich verdanke Wyatt MacGaffey, Haverford, folgenden Text: "Lord, give us 117 NT Matth. 10,5-15 vgl. Markus 6,8-11, Lukas 9,2-5.
grace; for if thou givest us not grace, we will not give thee glory - and who 118 111. Brief des johannes 7. Didaehe 11,12 verbietet ausdrücklich, ,im Geiste',
will win by that, Lord?" d. h. in frommer Ekstase zu betteln.
96 Atrahasis III iv 35, Lambert-Millard 1969, 58 f, Dalley 1989, 33; Gilgamesh 119 Siehe Morris 1986; Grottanelli 1991. Der gleiche Begriff des ,Hinaufstellens'
XI 156ff., Dalley 114. wird auch im Semitischen ausgedrückt, Akkadisch eh/, AHw 2°9, Hebräisch
97 H. G. Güterbock, Kumarbi, Istanbul 1946, 21. '111, HAL 785 s. v. Doch vordringliche Aufgabe orientalischer Tempel war die
98 Lambert 1960, 148 f Ernährung der Götter, d. h. des Tempelpersonals.
99 D. G. Brornley, A. D. ShupeJr., "Financing the New Religions",journalJor 120 Vgl. die Beschreibung 1. Könige 7,13-5°.
the Scientifie Study cf Religion 19 (1980) 227-239. 121 Vgl. Anm. 31.
100 Es gibt insbesondere auch die völlige Zerstörung von Kriegsbeute, so im 122 Sallustios 16,1 (oben bei Anm. 38) erklärt das Tieropfer als ,Erstlingsgabe von
hebräischen hrm - von Luther mit ,Bann' wiedergegeben -, aber auch z. B. Leben', wie auch ein Haaropfer ,Erstlingsgabe vom Körper' sein soll. Im
bei Kelten, Caesar b. g. 6,17,3-5, vgl. U. E. Hagberg in Linders-Nordquist Lateinischen gibt es den Begriff der hostia animalis, Trebatius bei Macrob.
19 8 7, 77-8 1. Sat. 3,5,1-4: in quo sola anima deo saeratu r. Doch läßt sich Leben nicht über-
101 Hdt. 7,54,3 diskutiert das Problem, als Xerxes eine goldene Schale im Hel- tragen und darum nicht weitergeben, man kann es nur vernichten. Die
lespont versenkt: Soll dies wirklich eine Weihegabe an den Sonnengott sein, Israeliten nannten das Blut ,Leben', ,Seele' (nephesh) , Lev. 17,11; Dt. 12,23;
obschon sie in die falsche Richtung geht, oder ein Geschenk ftir den Helles- Blut läßt sich zum Altar des Gottes transferieren - die ,Lebensgabe' bleibt
pont - den Xerxes hatte peitschen lassen? Metapher.
102 Hdt. 3,41 f 123 Hes. Theog. 535; 556f Vgl. Gladigow 1984. Zum Element des ,Betrugs' im
103 Siehe Burkert in: Herodote et les peuples non grecs. Entretiens sur l' antiquite classi- Opfer M. Horkheimer, Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt
queXXXV, Vandoeuvres-Geneve 1990, 18, im Vergleich mit Hdt. 4,61,2. 1981,67--'76. Siehe auch oben bei Anm. 86.
104 Gen. 15,11. 124 Verwiesen sei aufMeuli 1946 und Burkert 1972/97.
254 Anmerkungen Anmerkungen 255
12 5 Vgl. Fouts-Budd 1979, 370; Bygott 1979, 454; De Waal 1989, 209; Wrang-
harn 1994, 77-92. Vielfältigere Essensteilung wird neuerdings von Bonobos VII. Die Zeichen: Aufschluß und Bearbeitung von Wirklichkeit
berichtet; siehe auch Cheney-Seyfarth 1994.
126 Vgl. Baudy 1983; Gladigow 1984; auch Lanternari 1976, 196. I Die moderne Wissenschaft der Semiologie kann hier nicht zulänglich vor-
127 Schieffelin 1980. gestellt und diskutiert werden. Zu einer Definition von ,Zeichen' vgl. Eco
128 Vgl. bei Anm. 13. 1976, 16; demnach steht beim ,Zeichen' etwas für etwas anderes ,auf
129 Äthiopen: 11. 1,423 f.; Od. 1,22-26; Phäaken: Od.7,201-206. Grund vorher festgelegter sozialer Konvention'; dies würde das biologische
130 Daß die Götter üblicherweise den Rauch ,verspeisen', ist in einer Neben- Funktionieren von ,Zeichen' ausschließen, die ja nicht sozialer Konvention
version von 11. 8,550-552 formuliert, zitiert bei Plat. Alk. II 149de; im Stan- entstammen, sondern einem evolutionären Optimierungsprozeß. Im Post-
dardtext Homers fehlen diese Verse - sind sie als grotesk empfunden und Strukturalismus verliert der Begriff des ,Zeichens' wieder an Bedeutung,
darum gestrichen worden? - Berühmt ist die Parodie bei Lukian, 1karomen. vgl. Eco 1984.
26f. 2 Unten bei Anm. 57/58.
13 I AT Lev. 17,2f.; vgl. Meuli 1975, 938; Burkert 1992 b, 173 f. 3 Matth. 16,3; dieser Abschnitt fehlt in den wichtigsten Handschriften, gilt also
1]2 Burkert 1992 b, 174. als Interpolation. Die Evangelien verweisen außerdem auf den Feigenbaum
133 Hdt. I,I05,1 doroisi te kai litesi; man könnte formulieren: do ut abeas (vgl. bei als ,Zeichen' für den anbrechenden Sommer, Markus 13,28, Matth. 24,]2,
Anm. 135). Lukas 21.29.
134 Siehe Kap. 11 bei Anm. 21. 4 Burkert 1977, 181f.
135 Harrison 19 22, 7; 1927, 134-138. 5 Der Terminus für ,Zeichen' ist akkadisch ittu, hebräisch 'ot. Im Griechischen
13 6 Namtar, der Pestgott, erhält Tempel und Kult im Epos Atrahasis, Dalley existiert, neben dem allgemeinen Wort sema/semeion, das Wort teirea, das
19 89, 24. Febris ,Fieber' hat einen Tempel in Rom, Val. Max. 2,5,6; Cic. offenbar besonders für Himmelszeichen verwendet wurde; danach auch der
N.d. 3,63; Wissowa RE VI 2095 f. Name des mythischen Sehers ,T eiresias' .
137 Aisch. Theb. 699-701. 6 Die umfassendste Studie zum ganzen Komplex ist noch immer A. Bouch€:-
13 8 Jameson et al. 1993,45, Inschrift B Z. 12f., vgl. S. 63-67. Lederq, Histoire de la divination dans I' antiquite I-IV, Paris 1879/82; ferner
139 Vgl. etwa Aisch. Pers. 219; 523: "Gaben rur die Erde und die Toten." Siehe W. R. Halliday, Greek Divination, London 1913; A. Caquot, M. Leibovici,
auch A. Henrichs, "Namenlosigkeit und Euphemismus: Zur Ambivalenz der La divination, Paris 1968; J. P. Vernant, ed., Divination et rationalite, Paris
chthonischen Mächte im attischen Drama", in: H. Hofinann, A. Harder, ed., 1974; "Actes du lIe Colloque international du C. E. R.G. A. sur ,Orades et
Fragmenta dramatica, Göttingen 1991, 161-201. mantique en Gn!ce ancienne"', Kernos 3 (1990); R. Bloch, La divination, Pa-
140 Vgl. B. Janowski, "Erwägungen zur Vorgeschichte des israelitischen ris 1991; M. Sordi, ed., La prcifezia nel mondo antico, Milano 1993. Akkadische
SELAMIM-Opfers, Ugarit-Forschungen 12 (1980) 231-259; Burkert 1972, Texte sind bei Borger 1967175 III 95-99 verzeichnet; zu den Hethitern A.
16,41. Die Modifikationen, die D. Schwemer, Studies on the Civilization and Kammenhuber, Orakelpraxis, Träume und Vorzeichenschau bei den Hethitern,
Culture cif Nuzi and the Hurrians 7, (1995), 81-116, auf Grund hurritischer Heidelberg 1977; Etrusker: C. 0. Thulin, Die etruskische Disziplin, Göt~borg
Termini vorbringt, scheinen mir auf einer immer noch wenig deutlichen 1905/9; vgl. allgemein auch U. Ritz, Das Bedeutsame in den Erscheinungen.
Basis zu beruhen. Divinationspraktiken in traditionalen Gesellscluiften, Frankfurt 1988; J. Bremmer,
141 Vgl. Kap. II. "Prophets, Seers, and Politics in Greece, Israel, and Early Modern Europe, "
142 Siehe Anm. 98. Numen 40 (1993) 15°-183.
143 H.-J. Klimkeit, Gnosis on the Silk Road. Gnostic Texts from Central Asia, New 7 Cicero, De divinatione 2,26 (genus art!ficiosum - genus naturale) , vgl. I,II f.;
York 1993, ]26. 1,34, dazu der Konunentar von A. S. Pease, M. Tulli Ciceronis De Divinatione
144 Petzl 1994, VII nr. 2. Libri Duo (1920123), repr. Darmstadt 1963. Servius Aen. 6,190 unterscheidet
145 Heraklit B 90, vgl. Seaford 1994, 220-232. auguria oblativa (Zeichen, die sich anbieten) von auguria impetrativa (Zeichen,
146 Anaximandros B I, vgl. Kirk-Raven-Schofield 1983, II7-122 . die man durch eigenes Handeln ,erreicht').
147 Plat. Phd. 72bc. Auch die Bestandteile des menschlichen Körpers sind "Teile, 8 Dieser Ausdruck ist eine Besonderheit des Johannes-Evangeliums, siehe
die vom All geborgt sind, um zurückgegeben zu werden", Tim. 42e. ThWbNTVII 241-257.
14 8 Vgl. Lorenz 1973; Vollmer 1994; zum Gesamtproblem auch Boyer 1994. 9 Hdt. 8,137-139. Das Zeichen ist bekanntlich auf der goldenen Aschenkiste
im Königsgrab von Vergina (Philipp II.?) aufgetaucht und dann zum Zank-
apfel zwischen dem griechischen und dem slavischen ,Makedonien' gewor-
den.
IO Hdt. 9,91.
Anmerkungen Anmerkungen 257

11 Blätter der Eiche von Dodona: Od. 14,328; 19,297; Wasserspiegel: Paus. Pisa 111 II (1981) 1005-1068. Bei den Hethitern ist Ishara, ,Wassersucht,' die
7,21,13; zu akkadischen Fluß-Omina F. Nötscher in Orientalia 51/4 (1930) Eid-Göttin. Vgl. auch Meissner 1920125, 11 290. Avesta, Videvdat 4,54-55,
121-146. dazu M. Boyce in Monumentum H. S. Nyberg I, Teheran/Liege 1975,69-76.
12 Romulus: Ennius Ann. I 78 ff. = Fr. XLVII Skutsch, vgl. RE I A 109 I; Kal- 32 E. Peterson, Frühkirche,Judentum und Gnosis, Freiburg 1959, 334(
chas: Horn. 11. 1,71 f.; Akkadisches: J. Hunger, "Babylonische Tieromina 33 ER XV 302: "May this grass prove poisonous to me if I have lied before
nebst griechisch-römischen Parallelen", Mitteilungen der Vorderasiatischen Ge- God!" Vgl. auch G. Lorenz, in F. HampI, I. Weiler, Kritische und vergleichende
sellschtift 1909,3; Ausgabe und Übersetzung einer Serie: F. Nötscher, Orienta- Studien zur alten Geschichte und Universalgeschichte (Innsbrucker Beiträge zur
lia SI/54 (193 0) 176- 179. Kulturwissenschaft 18), Innsbruck 1974, 235·
13 Od. 2,181 ( 34 Gottfried von Strassburg, Tristan, ed. K. Marold, rev. W. Schröder, Bedin
14 Die Geschichte von Mosollamos bei PS.-Hekataios FGrHist 264 F 21 = Iose- 1977, Zeile 15518-15764, hier 15739(
phus C.Ap. 1,201-204. 35 Fulcher von Chartres, PL ISS, 843 (; das Gottesurteil wird zum Triumph,
15 Burkert 1992 a, 46-53. trotz des bösen Ausgangs, bei Raymond d' Aguilers, PL 155, 641-643; 646 =
J6 Herzfeld 1985, 247-258. Le <Liber> de Raymond d ( Aguilers ed. J. H. und L. L. Hili (1969) 120-124;
17 H. Diels, Beiträge zur Zuckungsliteratur des Okzidents und Orients 1111; Abh. 128 (; vgl. Chr. Auffarth, Saeculum 40 (1989) 39-55, bes. SI.
Bedin 1907/8 (repr. Leipzig 1970). 36 Vgl. Kap. I bei Anm. 98.
18 Diesen Ausdruck gebrauchte Paracelsus, De signatura rerum: Theophrast von 37 Vgl. hierzu auch M. Douglas, Natural Symbols, New York 1973, 19783; sie
Hohenheim, gen. Paracelsus, Sämtliche Werke 12, Berlin 1928, 397-400. betont, daß die angenommene oder postulierte kosmische Symbolik ge-
19 Kap. I bei Anm. 92. wöhnlich soziale Konfigurationen spiegelt.
20 Zu Seher-Familien Burkert 1992 a, 43-46. 38 Burkert 1979, 41 f.
21 Vgl. Lorenz 1973; Ditfurth 1976. 39 Das Wort baitylos erscheint bei Philon von Byblos FGrHist 790 F 2 = Euseb.
22 Ptol. Tetr. 1,2. Praep. Ev. 1,10,23 und bei Damaskios, Vita Isidori§ 34; 203 ed. Zintzen
23 G. Glotz, L ( ordalie dans la Grece primitive, Paris 1904; HDA 111 1016-1021; (diese Belege fehlen in LSj), von östlicher Seite im Vertrag von Assarhaddon
H. Nottarp, Gottesurteilsstudien, München 1956. mit Baal von Tyros (ANET 534) und im Sfire-Text 11 (ANET 660); Beth-
24 Zu "Krieg als Gottesurteils-Verfahren" im Nahen Osten Liverani 1990, EI AT Gen. 28,10-22; siehe Mettinger 1995, 35; 130-132.
150-159; unter den historischen Legenden der Römer ist der Kampf der 40 U. Seidl, Die babylonischen Kudurru-Reliifs, Fribourg 1989.
Horatier und Curiatier besonders bezeichnend, Liv. 1,24, vgl. RE VIII 41 Vgl. Piccaluga 1974; Gladigow 1992, bes. 177-183.
232 2- 2 327. 42 Zu den böotischen hipparchoi und dem geheimen ,Grab der Dirke' Plut. Gen.
25 Codex Hammurapi § 2; 132, ANET 166; 171; Mittelassyrisches Gesetzbuch A Socr. 578 b, vgl. Burkert 1972, 210.
§ 25, ANET 182. 43 Paus. 1,28,2.
26 Über glühende Kohlen zu gehen (so bei Artemis Perasia in Kastabala: Strab. 44 Zur anthropologischen Funktion der Kunst siehe Dissanayake 1988, bes.
12p. 537) ist ein Ritual, das bei den Anastenaria Nordgriechenlands mit 9 2 - IO I.
christlicher Interpretation noch geübt wird; modeme Selbsterfahrungsgruppen 45 Vgl. Kap. I bei Anm. 96/97.
haben dies nachgeahmt. In der Regel gibt es keine Brandwunden; doch der 46 Vgl. hierzu RAC s. v. Götterbild; Mettinger 1995.
seelische Aufwand ist bedeutend. Vgl. W. D. Fudey, Studies in the Use cif Fire 47 Vgl. Kap. I bei Anm. 78.
in Ancient Greek Religion, N ew Y ork 198 I; A. Bürge, "Realität und Rationalität 48 Vgl. C. P. Jones, "Stigma: Tattooing and Branding in Graeco-Roman Anti-
der Feuerprobe", Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 100 (1983) quity",JRS 77 (1987) 139-155. Zu Markierungen im Rahmen der Initiation
257-259; L. M. Danforth, Firewalking and Religious Healing, Princeton 1989. siehe z. B. C. Calame, Le processus symbolique (Centro Internazionale di
27 Yasna 43,4; G. Widengren, Die Religionen Irans, Stuttgart 1965, 87(; vgl. Semiotica e di Linguistica: Documents de Travail et pre-publications 128/9),
Lactanz Inst. 7,21,3-7. Urbino 1983, 4f., über Knaben in Neuguinea; über Mädchen in Afrika Lin-
28 Soph. Ant. 264(; Aristoph. Lys. 133-135. H. S. Versnel, "JtEJtQ'YlIlEVO~". coln 1981, 34-49.
The Cnidian Curse Tablets and Ordeal by Fire", in R. Hägg, ed., Ancient 49 Hierzu Kap. I bei Anm. 116-119.
Greek Cult Practicefrom the Epigraphical Evidence, Stockholm 1994, 145-154. 50 Hdt. 1,74,5; 3,8.
29 Siehe bei Anm. 3 5. 51 So AT Gen. 17,II (die ältere Version hat an Stelle dessen das
30 AT Num. 5,II; 21 ff., vgl. W. McKane Vetus Testamentum 30 (1980) 474-492; ,Halbierungsopfer', vgl. Anm. 89); vgl. allgemein ER 111 5II-514; siehe auch
Hes. Theog. 782-806. Kap. I bei Anm. II8; Kap. 11 bei Anm. SO/SI.
31 Siehe P. Hoskisson, "The Nishum ,Oath' in Mari", in G. D. Young, ed., 52 Erra 4,56, Dalley 1989, 305; vgl. Kap. 11 bei Anm. 41-44; Burkert 1979, I05;
Mari in Retrospect, Winona Lake 1992, 203-10, bes. 206(; J. Bottero ASNS- 120.
258 Anmerkungen Anmerkungen 259

53 Das Dogma von den Sakramenten als character indelebilis ist von Thomas ent- 76 D. Wiseman, "Abban and Alalakh",JCS 12 (1958) 129.
wickelt in Summa theologiae III quaest. 63, nach Augustin, vgl. L. J. Pongratz, 77 11. 3,299-301, vgl. Anm. 67; Karavites 1992.
Historisches Wörterbuch der Philosophie I (1971) 984-6. 78 Vertrag von Ashurnirari V und Mati'ilu, ANET 532.
54 In Rußland gab es eine christliche Sekte, die Skopzii, die die Kastration als 79 N. Öttinger, Die militärischen Eide der Hethiter, Wiesbaden 1976, 21.
das eigentliche ,Siegel' der Auserwählten praktizierten, siehe K. K. Grass, Die 80 Liv. 1,24,8.
russischen Sekten II, Leipzig 1914, 687ff. 81 Paroemiographi Craeci I 225f.; Burkert 1977, 379.
55 Auf Lateinisch ist der Eid schlechtweg ,Recht, das zum Recht zu machen 82 Verträge von Sfire und Gründungseid von Kyrene, vgl. Faraone 1993; F.
ist', ius iurandum. Altes Standardwerk: Hirzel 1902; siehe auch E. Ziebarth Letoublon, "Le serment fondateur" , Metis 4 (1989) 10 I - l I 5; Burkert 1992 a,
REV 2975-2083; ThWbNT V 458-467; RIAss 11 305-315; ER XV 301-305; 67 f .
E. Benveniste, "L'expression du serment dans la Gn!ce ancienne", RHR 134 83 Shurpu 3,35, p. 20 Reiner: "Eid, beschworen durch Schlachten eines Schafes
(1947/8) 81-94; J. Plescia, The Oath and Perjury in Ancient Creece, Tallahassee und Berühren des abgeschnittenen Fleisches"; vgl. Weinfeld 1990, 187. -
1970; Burkert 1977, 377-382; N. Rollant, "Horkos et sa familie", LAMA 5 Hdt. 6,68: Demaratos opfert einen Ochsen und gibt seiner Mutter "Teile der
(1979) 21 4-3°4; Faraone 1993. Eingeweide in die Hand", um sie zu veranlassen die Wahrheit zu sprechen.
56 ER XV 301: "Oaths are encountered among all peoples and in all cultures. 84 Perser und Griechen nach Xen. Anab. 2,2,4.
They are a primal symbol of religion. " 85 Ein Ritual der Germanen, ER XV 304.
57 Vgl. bes. Sommer 1992; Cheney-Seyfarth 1994, 245-271. 86 Diese Konsequenz kann, laut Hdt. 6,86, selbst ein versuchter Meineid haben.
58 Sommer 1992, 66--91, esp. 85. 87 Demosth. 23,67f. vgl. Deinarchos 47; R. W. Wallace, The Areopagos Council
59 Zum Typ ,deceit and deception' Dundes 1954. to 307 B. c., Baltimore 1985, 123. In gewissem Sinn vergleichbar ist es,
60 Herodot 1,153 läßt Kyros den Ausspruch tun, die Geschäfte auf dem Markt wenn ein Opfer in zwei Hälften geteilt wird und die vertragschließenden
seien "Betrug durch Eide". "Man muß Kinder mit Würfeln und Erwachsene Partner dazwischen durchgehen; so im Alten Testament, Cen. 15,9; Jeremia
mit Eiden betrügen", soll Lysander gesagt haben (Diod. 10,9), oder auch 34.18; auch bei den Hethitern, vgl. E. Bickerman,,,Couper une alliance",
König Philipp von Makedonien (Ael. Var. Hist. 7,12). Studies in Jewish arid Christian History I, Leiden 1976, 1-32.; Burkert 1972, 46
61 Od. 19.395 f. Anm. 3; H. Versnel, "Sacrificium lustrale", Meded. Nederl. Inst. Rome 37
62 quos me sentio dicere, in der Devotionsformel, Macrob. Sat. 3,9,10. (1975) 1-19. Rationaler und drastischer ist die Bindung durch ein gemein-
63 Vgl. Kap. I bei Anm. 92/98. sames Verbrechen: Athenische Oligarchen "töteten Hyperbolos, womit sie
64 Dies ist eine normale Formel in Ägypten, Bonnet 1952, 164, und in Meso- einander die Garantie der Treue gaben" (Thuk. 8,73,3); den Catilinariern
potamien, RIAss II 307-3 15; Meissner 192012 5, 11 290 f. traute man zu, daß sie durch ein Kannibalenmahl ihre Revolution vorberei-
65 Od. 14,158f.; 17,155f.; 20,230f.; vgl. 19,3°4. teten, Sallust. Catilina 22.; vgl. Kap. I Anm. 120.
66 ANET 205; D. Yoshida, Untersuchungen zu den Sonnengottheiten bei den 88 11. 1,245.
Hethitern, Heidelberg 1996; Burkert 1992 a, 93 f. 89 Polyb. 3,25,7-9.
67 n. 3,104; 277-279, vgl. Burkert, "Homer's Anthropomorphism: Narrative 90 RIAss II 306 (der Terminus rur ,Ausreißen' ist nasahu).
and Ritual", in: D. Buitron-Oliver, ed., New Perspectives in Early Creek Art, 91 Hdt. 1,165,3; vgl. Diod. 9,10,3 (Epidarnnos); Kallim. Fr. 388,9.
Washington 1991, 81-91. 9 2 Jer. 51,59-64.
68 Eine überraschende, doch logische Konsequenz ist, daß ein Gott ,bei sich 93 Diog. Laert. 8,22, vgl. Iambl. V. Pyth. 47; 144; 150; anders Diod. 10,9,1.
selbst' Eide schwört; Jahwe tut es in vollem Ernst, Deut. 29,9f.; Kallimachos 94 Matth. 5,34-37 (Bergpredigt).
Fr. 114,5 macht daraus einen Scherz. 95 Tuppu mamiti - ilu mamiti, vgl. AHw 599.
69 Siehe Anm. 67; 65. 96 John Locke, Epistula de tolerantia/A Lett(!r on Toleration, ed. R. Klibansky,
70 R. Merkelbach, ZPE 9 (1972) 277-285. English Translation ed. J. W. Gough, Oxford 1968, 135: "Those who deny
71 Bonnet 1952, 164; Stein des Nofer-Abu, Roeder 1915, 58; vgl. Kap.V the existence of the Deity are not to be tolerated at all. Promises, covenants
Anm.85· and oaths, which are the bonds ofhuman society, can have no hold upon or
72 Aristoph. Nub. 397. sanctity for an atheist. For the taking away of God, even only in thought,
73 AHw 600; RIAss II 314; Meissner 1920125, 11 290f.; vgl. J. Pedersen, Der Eid dissolves all".
bei den Semiten, Straßburg 1914.
74 Hes. Erga 803 f.
75 Vgl. Bell 1992, 98 (im Anschluß an Bourdieu): "Ritualization produces this
ritualized body through the interaction of the body with a structured and
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Abkürzungen

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Namen- und Sachregister

Abenteuerliche Suche 76-85, 87-89 Apollon 114, 116, 124, 126, 130, 139,
Aberglaube 45, 68, 117, 155, 196 147, 155, 172 ; siehe Delphi
Abraham 178, 185 Apollonios Rhodios 136
Achilleus 110, 126, 210 Apostel 124, 18o
Adrasteia 112 apotropäisch 59 Anm. 18, 60, I84f.
Aelius Aristeides 51-53, 72 Apsyrtos 62 f.
Affen siehe Primaten, Schimpansen Apuleius 89
Mrika, Heilkulte 13 I, 141 Ara Maxima 167, 179
Aggression 22, 24, 25 f., 27, 108, 120, Araber, Bündnisritual 203
145, 152 Archetypen 44
Agni 60, 184 Areopag 210
Ägyptische Religion 30, 49, 115, 179, Argonauten 62, 78, 87, 100
184; siehe Amun, Isis, Ptolemaios III Aristaios 13 I
Ahuramazda 48, 11 8, 165 Aristophanes 125, 142, 149, 163, 173,
Aischylos 48, 103, 125 Anm. 139, 133, 175
16 7, 172 , 174, 18 5 Aristoteles 38, I 17
Akkadische Begriffe 46, 103, 148, 228 Arpachiya 55
Anm. 71, 249 Anm. 20; Rituale arrhephoroi 96
110f., 120f., 134, 146, 148, 193, Artemis 96, 103
2°4, 208f., 212; Weisheitstexte 30, Asklepios 51-53, 139, 155
46, 167, 175; vgl. Atrahasis, Gilga- Assurbanipal I09f., 119 Anm. 106
mesh, Ishtar, Sargon, Sanherib Assyrisch siehe Akkadisch
Alalach 209 Atheismus 17, 30, 172, 212, 218 Anm.
Alexander der Große I 19 24
Alkestis 72 Athena 85, 119, 139, 15 1, 159, 165,
Alttestamentliche Texte 165 f.; siehe 166, 167, 181
Jahwe, Judentum Atrahasis 166, 172 Anm. 73, 244 Anm.
Ambrosius 119 48
Amor und Psyche 89--91 Attis 63, 67
Amphiaraos 243 Anm. 25 Auge, Mutter des Telephos 92
Amun 113 auspicia 193
anathemata 180 Autolykos 206
Anaximandros 188 awe 46; siehe Angst
Angeborene Ausläsungsmechanismen
44 Baal 103
Angst als anthropologisches Programm Babylon 120, I34f.
45-48, 58, 112, 145, 186, 196; Angst Bacchanalia 20
als Grundlage der Religion 46, 52 baitylos 200
Angstlernen 45 Bali 179
Antinoos 72 Bambyke-Hierapolis 65, 140
. Antiope 92 Baum 105; Baum des Lebens 236
Aphrodite 103, 141 Anm.28
274 Namen- und Sachregister Namen-' und Sachregister 275

Beichtinschriften 140; siehe Schuldbe- Demokrit 165 Finley, M. 16o' Heraklit 188
kenntnis Demütigung IIof., 148 Fitness 24f., 27f., 34 Hercules 167, 179
Berge als Göttersitz 105 Diagoras 172 Flehe-Ritual II2. 147f. Hermes 85, 124, 140
Beschneidung 3 I f, 66 f., 2°3, 204, 227 Dionysius Areopagita 107 Flutmythos 28, 81, 175 Herodot 140f., 170, 172, 184, 192,
Anm·5I Dionysos 137, 144f. ~~ Fortpflanzung 25 f., 3° f. 203, 252 Anm. 101
Beth-E1200 do ut des 166-168 Freud, S. I04f., 136 Heroen 185
Betrug 39, 4 2 , 89, I4 2 f., 169, 176, Dodds, E. R. 152 Fulguration 25 Herr der Tiere 173; siehe Potnia
205 f. Dodona 133, 151,256 Anm. II Hesiod 174, 175, 182,209
Betteln 180 Dolopathus 53 Gabe 41, 52,69, 15 8- 18 7 Hethitische Texte 116, 129, 148, 175,
Bieber 63 f. Dreifuß-Kessel 180 galli 65, II2f.; siehe Eunuchen-Priester 207; siehe Mursilis
Bischof, N. 33, 47 Dualismus 41 Gebet I64f., 167 Hierarchie 41, 48, 102, 107
Blut 46, 50, 66, 2°3, 2°9, als ,Leben' Dumuzi 72, I II Geertz, C. 15, 17 hiketeia 109f., 237 Anm. 45
71,253 Anm. 122 Durkheim, E. 15,45,169 Gefangenen-Dilemma 169, 171 Himmel als Ort der Götter 1°5 f.
Böser Blick 59f., 108 Gefühle 19, 27, 102 Hiob 172
Boten der Macht I22-I25; siehe Apo- Eid 203 f., 205-212 Gelübde 167 Hippokratische Texte 165, 252 Anm.
stel Ekstase 19, 196; siehe Schamanismus Gemeinsame geistige Welt 37-42, 106, 83
Bourdieu, P. 161 Eleusis 113 183, 194f., 207 Hippolytos 97
Brandmarkung 202 Eltern 44f., 122; siehe Vater Gemeinsames Verbrechen 46 Hirte 104
Brandopfer 178, 185 f. Emar 113 Geryoneus 77f., 87 Hochzeit 162
Brauron 96 Endorphine 28 Gesicht wahren 154 Hölle als Raubtier 59
Buddhismus 28, 180,218 Anm. 24 Engel 123 Gespenster 15 I; siehe Dämonen holokauston 178
bugonia 13 I, 142 Enuma elish 68 ,Gespenst in der Ecke' 39, 42 Homer 46, 162, 165, 175, 193, 2°7,
Buphonia 139 Epheben 208 Gift beim Gottesurteil 198 208, 209; siehe Was, Odyssee
Buße II2f., 129, 148; siehe Beichtin- Epiktet 173 Gilgamesh 79, 8of., 87,238 Anm. 61 Homosexualität 99, I 13
schriften, Schuldbekenntnis Epimenides 151 Goldblättchen 144 f. Horaz 121
Erinyen 185, 209 Gott 18, 40, 4If., 44, 48f., 201, 20 7 f .; Hutterer 30f.
Caere 140f. Erlösung 144-146 Götter und Opfer 183 Hymnen II4-II6
Caesar 72, 109 Ernstcharakter der Religion 20, 42, 46, Gottesurteil 197-199
Caligula 72 16 3, 197, 209 Grenzen 45, 61 f., 200, 208 lason 87; siehe Argonauten
character indelebilis 204 Ersatz 56, 70-72, 174, 185, 208 Anm. Große Göttin 1°5, II2, II4, 120; siehe Was I26f., 139, 147, 166, 173, 193,
charis 129, 164, 186 71 Mater Magna 207,208, 209
Christentum 28 f., 3 I, II 9; siehe Jesus, Erstlingsopfer 167, 171 Gruppe, O. 23 Inanna 72, 80, 87, III
Neues Testament Erzählung 74-76, 83-85, 100, I37f., Gruppenselektion 24 inclusivejitness 25,29
Christliches Ritual I II, 198 f., 204 f. 139f. Gudea 120, 236 Anm. 28 _ Indisches Opfer 60, 167, 184; siehe
Coldstream, N. 16o Eskimos 87, 143 Agni, Soma-Kult
Essen-Teilung 164, 182, 187 Haar 97, 166, 202, 253 Anm. 122; Indogermanisches 86, 1°3, 165, 221
Dämonen 59 f., 70-72, 208 f. Etrusker 140f., 191 Haarsträubendes 27, 108 Anm. 72, 236 Anm. 18
daimones als Boten 124 Eunuchen-Priester 65 f., 112, 204; sie- Hadad 166 Initiation 45 f., 93-99, 202 f.
Danae 92 he Kastration Hagel-Abwehr 50 f. Inzest-Tabu pf.
Daniel I21, 142 Euripides 1°3, 137, I4 2 f. Hammurapi I I 8 1092
Darius II8, 165 Evolutionäre Erkenntnistheorie 42, Harrison, J. 60, 95, 184 Iphigenie 97, 133
Darwin, G. 23 188 Heilige Schauer 27 Iranische Religion 48 f., 177 f., 23 5
David 120, 125 Hekate 180 Anm. 16; siehe Ahuramazda
Dawkins, R. 24 Anm. 40, 169 Anm. 62 Fehling, D. 90 Hekatombe 167 Isaak 185
Defakation 63 Fesseln 144-147 Hektor IIO, 166, 173 Ishtar 65, 87, 123,2°4; siehe Inanna
difixio 146 fetiales 210 Helike 135 Isis 95, 14 8
Delphi 130, 139, 140f., 142 , 144, 151, Feuer 198; siehe Agni, Brandopfer - Helios 14°,163,208 Islam 28, 30, 33, 1°4, IIof, 168,201
172, 181; siehe Apollo Fingeropfer 50, 53-56, 67 Herakles 77,87, II3, 130f., 174 Isokrates 223 Anm. 119
Namen- und Sachregister Namen- _und Sachregister 277

Jagd 173, 182 Landwirtschaftliches Jahr 167, 173 Mithras 104 Palinurus 69
Jahwe, in Erzählungen 66f., 103, IIO, Leben 48 f., 71, 80; Übertragung von Mohammed 124; siehe Islam Panionion 135
12 5, 128, 148; in Psalmen II6, 120, Leben 184. 253 Anm. 122 Moloch 71; siehe Kinderopfer Paphos I03
144, 166; Gebote, 165 f, 179 Leberschau 193 Molosser 210 pars pro toto 52,57, 62f., 67f.
Jephtha 97 Lernen 39f., 43-46 Montanisten 125 Parthenon 181
J erernia 2 II U:vi-Strauss, C. 32, 222 Anm. 96 Moses 66,92 Paulus 18, 19
Jerusalen 178, 179 lex talionis 163 Mursilis 129, 148 Pausanias von Sparta 151
Jesus, Worte 49, 124, 167, 168, I78f., Libanon 31 Mykenisches 1°3, 165, 179, 226 Anm. Peisistratos I 19
191,2II Libation 172, 200, 209f. 26 Pelops 99
Johannes der Täufer 124 Livius 132, 138 mysterium tremendum 46 Perge 103
Jona 68 f., 124 f., 133 Lobpreis II4-II6 Mythos 74f.; Mythos und Ritual 88, Persephone 90f., 97. 175
Judentum 20, 31, 138, 193, siehe Alt- Locke, J. 212 95 Persepolis II4
testamentliche Texte, Jahwe Lorenz, K. 22, 24, 188 Perser 109, 165, 235 Anm. 16, 242
Jung, C. G. 44 Losen 133 Nabonid 138 Anm. 3; siehe Darius, Iranische Re-
Juppiter 1°4, 210f. Luhmann, N. 41; siehe Reduktion Naturbegriff 9-1 I ligion
von Komplexität Neandertaler 14, 34f. Perseus 77, 92, 100
Kaineus 99 Lukian 65 Neuplatonismus I07 Pessinus 125
Kalchas 127, 133, 142, 193 Lyder 134, 139 Neurose 45, I3 6 f. Pest 126, 128, 13 I, 139
Kalevala 61 Lykaon IIO Neutestamentliche Texte III, 122, Phallos 60, 67, 200
Kallisto 92 166, 178; siehe Jesus, Paulus Philister I27f.
Karneia 139 Mädchen-Tragödie 90-99 Nikomachos 173 Phineus 136
Karthago 135, 170, 178 Märtyrer 28 f. Nilsson, M. P. 157 Phönix 40
Kastration 64, II3, 136, 210; siehe Eu- Magie 56, 62, 68, 85, 2II; magische Niniveh 125, 134 Phrixos 142 f.
nuchen-Priest,er, galli Aggression 145 f. Ninurta 79 Platon 45, 137, 145, 165, 174, 187
Katholische Kirche 31, 110 Magische Flucht 61 f., 78 Anm. 5, 188, 196
Kato Syrni I 12 Makedonien 192 Odyssee 78,85, IOO, 133, 158f., 164f. polos als Götterkrone II4
Kausalität 4 I, 153 f, 156; siehe Schuld Malta 219 Anm. 55 Odysseus 54, 85, 88, IIO, 140, 207; Polybios II7, 121
Kinderopfer 71, 135, 178 Mani 124 siehe Kyklop Polykrates 177
Kindliches Verhalten 108 Mantik 125, 141-144, 191-195; siehe Oedipus 130, 142 Poseidon 99, 103, 135
Klaros II6 Seher Ökologie 219 Anm. 55 Potnia 103
Knieendes Gebet IIOf. Mantiklos 158 f., 164 Olympia 136, 181 Prägung 43 f.
König 103 f., II8-I2I Marduk 106, 134 Opfer, allgemein 176-187; Primaten 21, 25, 38, 66, 105, 108, 182;
Kombabos 65 Mater Magna II2, 125 Angstüberwindung 50-52, 60, 68, siehe Schimpansen
Körper 20 1-203 Mauss, M. 159 70f.; Eid 209f.; Ersatzopfer 71 f.,II2, Prometheus 181
Koran 124; siehe Islam Medea 62, 78 174; Initiation 97; Gabe 164-169; Propheten 124 f.
Krankheit 126-132, 138-141, 147 Melampus I36f., 151 Götter begütigen 129, 138-141, Propp, V. 76-81, 85,91, 100
Kreta 99, 140 Melanippe 92 148; Mantik 193 f.; Opferkritik 173- proskynesis I09f., 237 Anm. 47, 238
Kreuzzug 199 Menschenopfer 60, 68f., 7If., 218 175; Opfermahlzeit 181-184 Anm·53
Kroisos 172, 243 Anm. 25 Anm. 26, 226 Anm. 26; siehe Iphige- Orakel 123, 243 Anm. 25; siehe Del- Prostitu tion 162 f.
Kronos 135 neia, Karthago, Kinderopfer, Jephtha phi, Dodona, Mantik, Seher Protagoras 18
Kubaba 65 Menstruation 94 Orestes 53, 210 Proteus 133
Kudurrus 200 Metall beim Gottesgericht 198 Orphische Goldblättchen I44f. Proto-Sprache 84
Kulturbegriff 14-16 metragyrtai 18o Orphischer Persephone-Mythos 90 f. Ptolemaios 111., ägyptischer König 168
Kunst 16, 34 Meuli, K. 61, 78, 139 Otto, R. 46 Ptolemaios, Astronom I96f., 217
Kyklop 53 f., 60, 61, 78 Mexiko, volkstümliche Auffassung von Ovid 70f. Anm.I8
Krankheit 152 Pythagoras 2 I 1
Lacus Curtius 69 Minoische Kultur, Göttin II4, Gaben- -Paian 114, 127, 139
Lächeln 148 Tische 179 Palaeolithisches Ritual 14, 55 Rang 102, 1°5-1°7
Namen- und Sachregister Namen- und Sachregister 279

Rapunzel 93 Schweinefest 2 I 9 Anm. 55 Thera 114 Vergil69, 13 1,228 Anm. 73


Raubtiere 58 (, 68, 72 f. Sedna 143 Thukydides 135, 139 Vernant, J.-P. 15
Reduktion von Komplexität 41, 107, Seher 124, 127, 136, 141-144, 180, Tiger 61 f Versenkungsopfer 177, 2 I I
206 191; siehe Kalchas, Orakel Tillich, P. 20 Vestalinnen 60, 98
Reduktionismus 2 I Selbstbestrafung 112, 147( Tod 47f. Villa dei misteri 95
Reinigung 127, 149-155; siehe Un- Selbstopfer 28 (, 49 Töten 48,71 (, 144, 148, 181-18 4 Vögel 193
reinheit Selbstverwundung 112, 147( Totenopfer 48, 185
Reinigungs-Priester 151, 180 Selinus, Lex Sacra 185, 225 Anm. 6 Tradition 13(, 33(, 35, 38f , 43-4 6 Wachs 210
Religion, Charakteristika 17-21; An- Semiologie 255 Anm. I Traum 89 Wasser beim Gottesurteil 198
fänge 13 f, 26(, 35; Autorität 20, Seneca 50(, 108 Tristan 199 Weihrauch 178
43-45, 80-85; Lernen 39f., 43-46; Sexualität 32, 63-67, 113, 162 Typhon 118 Weinen 108, 111, 120
Macht 29(, 106, 117-122; ,Opium' shame culture 153 Weltenbaum 1°5
28,48 Skythen 141, 142, 184 Ugarit 160 Weltenberg 1°5
Rezyklieren von Gaben 178-180 Soma-Kult 220 Anm. 57 Universalien der Anthropologie 16, Wilson, E. O. 22, 26
Rhadamanthys 249 Anm. 18 Sonnengott 2°7, 238 Anm. 61; siehe 57(,15 6 ,159 Wolf 59,68
rites de passage siehe Initiation Helios Unreinheit 149-155; siehe Reinigung
Ritual, Form und Funktion 35 f., 40, Sophokles 130 Unsterblichkeit 42, 48, 49 Xerxes 252 Anm. 101
45, 56-58; paläolithisch 19, 55; Sozial darwinismus 23, 3 I, 169 Unterwelt 87(, 91; siehe Hölle
Heilung und Rettung 127, 138, 141, Soziales Werkzeug 20, 122 Unterwerfung 107-113 Zarathustra siehe Iranische Religion
144f; Unterwerfung 1°7-113; Soziobiologie 21-26, 33-35, 37, 169 Zehnten 179
siehe Eide, Gabe, Initiation, Opfer, Sparta 20, 135, 139, 15 1 van Gennep, A. 95 Zeichen 40, 143 (, 189-20 5
Reinigung Spiel 20 Vater-Rolle 44(, 103 ( Zeus 49, 1°3, 119, 12 4, 166, 173, 181,
Römische Religion 103 f, 117, 139; Sprache 33-35, 38, 39(, 74-76, 81-88, Vergeltung 1°5 208
siehe Livius, Vestalinnen 114-116, 122(, 205 f
Römisches Ritual 60(, 210( Spucken 112
Romulus 92, 193 Statuetten 40, 201
Steine 200, 203, 210(
Sallustios 166, 253 Anm. 122 Sternbilder 189 f
Salomon 46; Weisheitssprüche 167 Stoiker 196
Anm·47 Strafe 147(, 163, 209(
Samothrake 172, 223 Anm. 116 Strukturalismus 43
Samsuiluna 123 Stummer Handel 170
Sanherib 134 f., 142 Sumerische Texte 79(, 103, 105 Anm.
Sargon von Akkad 92 28, 111, 113, 120; siehe Inanna,
Sargon H. 117, 134( Ninurta
Sassanidische Reliefs I 19 Sündenbock 70, 134, 143, 153
Satrapes 1°4 Syrer, Fisch-Tabu 112
Saturn 71 Syrische Göttin 65 (, 112, 140
Sa~ssure, F. de 190
Schamanismus 40, 61, 87-89, 143, 245 Tätowierung 202 (
Anm·54 Taufe 204f.
Schimpansen 22, 26, 33, 1°5, 165, 182, Telemachos 158
205; Schimpansensprache 83 ( Telesphoros 52, 67
Schlange 81 Tempelbau 139(
Schleiern1.acher, F. 102 Tempelsystem, orientalisches 179, 183
Schneewittchen 93 Terminus 200
Schuld 126-138, 152-155 Territorium 200; siehe Grenzen
Schuldbekenntnis 143, 148, 155 Tertullian 29 Anm. 50; 173 f
Die Kulturwissenschaften mißtrauen Dollarnoten in die aufgewühlten Wel-
der Biologie und können doch Religi- len zu werfen." So beginnt er den
on, als überempirisches Symbolsystem Abschnitt, der einer der Grundformen
mit höchstem Autoritätsanspruch und religiösen Verhaltens gilt, dem Opfer
lebensbestimmender Wirkung, kaum des Verfolgten. Burkert erzählt, breitet
zulänglich erklären, insofern Religion vor dem Leser aus überwältigender
die Grenzen der Einzelkulturen offen- Kenntnis der antiken Religionen ein
sichtlich übersteigt und überdauert. vielfältiges, faszinierendes Material aus
Neuerdings hat zwar die >Soziobiolo- - ob er über religiös begründete Hier-
gie< die gemeinsame Entwicklung von archien spricht oder über Katastro-
Genen und Kultur in den Blick gefaßt, phenbewältigung, über Sinnstiftung
sie muß aber im Fall der Religion in durch Zeichensysteme oder durch
unüberprüfbare Bereiche der Vorge- Erzählstrukturen.
schichte fuhren. Demgegenüber wird Walter Burkert legt hier ein Buch vor,
hier an Zeugnissen der alten, vorchrist- das den Leser fesselt, ihn unaufdring-
lichen, vorislamischen Religionen ge- lich belehrt, gewiß auch provoziert, in
zeigt, wie Grundformen religiösen jedem Falle nachdenklich macht.
Verhaltens sich beim Menschen aus
biologisch vorgegebenen Programmen -walter Burkert geb. 1931, war bis zu
J

entfaltet haben könnten. Das heißt nun seiner Emeritierung im Jahre 1996
keinesfalls, daß Kultur und damit Reli- Professor der Klassischen Philologie
gion genetisch programmiert sind, aber an der Universität Zürich. Er war
alle religiösen Handlungsprogramme Gastprofessor an mehreren Universi-
stehen gleichwohl unauslösbar in einer täten des Auslands, ist Mitglied bedeu-
>biologischen Landschaft<. tender wissenschaftlicher Akademien
Wie der Autor das demonstriert, das und Ehrendoktor der Universitäten
macht den besonderen Reiz seines Toronto, Fribourg (Schweiz), Neuen-
Buches aus. "Ein Reisender erzählt, wie dettelsau, Oxford.
er vor Jahren in Afrika während einer 1990 erhielt er den Balzan-Preis, 1992
Bootsfahrt in einen Sturm geriet: Da den Ingersoll-Preis. Zahlreiche Veröf-
begann einer der Passagiere, ein hoch- fentlichungen insbesondere zur grie-
gestellter Mann in seinem Heimatland, chischen Religion und Philosophie. Im
Verlag C. H. Beck liegt vor: "Antike
Fortsetzung hintere Klappe
Mysterien" C1994).
Umschlagentwurf: Uwe Gäbel, München
Umschlagbild: Mykenische Maske, 16.Jh. v. ehr.
Athen, Nationalmuseum (Foto: Emile Seraf,
Athen)

Verlag C. H. Beck München Verlag C. H. Beck München


C.HBeck Kulturwissenschaft
In kritischer Auseinandersetzung
mit der Biologie, insbesondere der
Soziobiologie, zeigt Walter Burkert
an Zeugnissen der alten, vorchristli-
chen, vorislamischen Religionen,
wie Grundformen religiösen Verhal-
tens sich aus biologisch vorgegebenen
Programmen entfaltet haben könnten.
Sein Buch, das zuerst in den Vereinig-
ten Staaten erschien, hat zu kontro-
versen Urteilen geführt, aber alle
Besprechungen bewundern die Sach-
kenntnis, den Ideenreichtum des
Autors und seine Darstellungskunst.

ISBN 3 406 43355 3